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Bedeutender Bernsteinaltar ehemals aus dem Besitz des Klosters Einsiedeln

Bedeutender Bernsteinaltar ehemals aus dem Besitz des Klosters Einsiedeln

Heller, dunkler und transluzider Bernstein, teilweise mit Goldfolie unterlegt, auf Holzkern, marmorierte Tapete, Elfenbein. Aus zwei Teilen bestehend: Postament in Gebäudeform, oben aufgesteckt die freiplastische Figur der Madonna mit Kind. Alle vier Wandungsseiten mit optischem Mauerwerk (oblonge, flache, an den Kanten facettierte Bernsteinfurnierstücke), auf der Front und den beiden Seiten jeweils vier Rundbogenfenster um ein größeres zentrales, hinten vier kreuzförmig angeordnete Fenster. Die Fenster mit deutlich vorstehenden Profilen und transluziden Bernsteinscheiben, dahinter feinste Elfenbeinreliefs: Auf der Front Christus als Salvator Mundi, umgeben vom Hl. Bartholomäus, Hl. Jakobus d.Ä., Hl. Petrus und Johannes. Auf der linken Seite die Hl. Muttergottes, umgeben vom Hl. Matthias, Hl. Simon, Hl. Andreas und Hl. Judas. Auf der rechten Seite die Hl. Katharina, umgeben vm Hl. Philippus, Hl. Paulus, Hl. Thomas und Hl. Jakobus d. J. Auf der Rückseite vier miniaturhaft geschnitzte Szenen aus dem Neuen Testament, oben die Verkündigung, unten Mariae Heimsuchung, links die Anbetung der Könige, rechts die An Bedrucktes und tintengeschriebenes Papieretikett auf dem Boden "Sammlungen des Stiftes Einsiedeln V2". H 41, B 18,7, T 16,9 cm.
Danzig, Mitte bis zweite Hälfte 17. Jh., traditionell Christoph Maucher zugeschrieben.

Losnummer: 51


Der hier vorgestellte Altar ist ein prachtvolles und bedeutendes Beispiel für die Bildschnitzerei in Bernstein und Elfenbein. Auf einem quadratischen Grundriss und mit der Optik eines Gebäudes ist er außen vollständig mit Bernsteinmarketerie belegt. Nur das Gesicht und die Hände der Jungfrau, das Jesuskind mit der Taube in den Händen und die Figuren in den Fensternischen sind in Elfenbein geschnitzt. Das Zusammenwirken des weißen Elfenbeins mit dem in vielen Nuancen honigfarben schimmernden Bernstein, der zur Erhöhung seiner Wirkung stellenweise mit Goldfolie unterlegt wurde, wirkt unvergleichlich preziös.

Der Altar wird historisch dem Bildschnitzer Christoph Maucher zugeschrieben. Der gebürtige Schwabe Maucher siedelte um 1670 nach Danzig über und begann ab 1685 in Bernstein zu schnitzen. Stolz hat er sein wichtigstes Werk, das Wiener Siegesdenkmal „Apotheose Kaiser Leopolds I.“ signiert: „CHRISTOPH MAUCHER SCULPTOR“. Es ist seine einzige bekannte Signatur und das Objekt, auf das sich alle Zuschreibungen beziehen. Sabine Haag beschreibt seine Figuren folgendermaßen: „Der Figurentypus bei Maucher - stämmige, leicht untersetzte Gestalten mit runden Gesichtern, langen Nasen und kleinen Mündern - trägt unverkennbar niederländische Züge“ (Kat. Wien 2005, Nr. 65). Die Madonna auf dem hier vorgestellten Altar sieht anders aus, was dadurch bedingt sein mag, dass der Künstler das Einsiedler Gnadenbild, die Schwarze Madonna, vor Augen hatte.

Seit 1690 gehörte das Objekt zum Bestand der Schatzkammer des Benediktinerklosters Einsiedeln, worauf auch das Etikett auf dem Boden verweist. Kloster Einsiedeln ist der bedeutendste Schweizer Wallfahrtsort und eine Station auf dem Weg nach Santiago de Compostela. 835 von dem Einsiedler Meinrad gegründet, blühte die Ordensgemeinschaft im Verlauf des Mittelalters auf und expandierte mit zahlreichen territorialen Besitzungen. Die mittelalterlichen Klostergebäude, verwüstet durch zahlreiche Brände, wurden durch Bauten im Stil des Spätbarocks ersetzt. Das berühmte spätgotische Gnadenbild ist die Schwarze Madonna, deren Jesuskind wie bei dem hier vorgestellten Altar einen Vogel in der Hand hält.

Für die Ausstellung in der Alten Geistlichen Schatzkammer in Wien hat Wilfried Seipel zahlreiche Skulpturen und Andachtsbilder aus Bernstein zusammengetragen. Das zentrale und beeindruckendste Exponat war der zur Wiener Schatzkammer gehörende siebengeschossige Bernsteinaltar von nahezu zweit Metern Höhe, den der Große Kurfürst 1645 seiner Schwester Luise Charlotte von Brandenburg zur Hochzeit schenkte und den König Friedrich III. im Jahr 1700 an Kaiser Leopold I. weitergab. Der Wiener Altar stellt das größte, uns heute bekannte Kunstkammer- und Andachtsobjekt des 17. Jahrhunderts aus Bernstein dar.

Ein vollplastisches Standbild des Großen Kurfürsten, zusammen mit seiner Gemahlin Luise Henriette, auf einem schmalen zweischübigen Bernsteinkasten wie auf einem oblongen Postament ziert den Umschlag des Katalogs von Gisela Reineking von Bock. Das Objekt befindet sich heute in den Staatlichen Kunstsammlungen Kassel.

Begeistert von der besonderen Materialästhetik, von Farbe und Transparenz, verlangte auch der Kaiser eigens für ihn hergestellte Objekte aus Bernstein. Einer der schönsten Pokale der Periode, der „Chigi-Pokal“ aus Bernstein mit einem Doppeladler in Elfenbein, gehört heute zu den wertvollsten Objekten der Lemmers-Danforth-Sammlung in Wetzlar (er wurde 1961 bei Lempertz in Köln versteigert und dorthin verkauft). Der Tradition zufolge handelt es sich um eine Gabe Kaiser Ferdinands III. an Fabio Chigi.

All diese großen und bedeutenden Kunstkammerobjekte aus Bernstein wurden für den preußisch-brandenburgischen Hof, den Großen Kurfürsten, oder gar den Kaiser angefertigt oder von ihnen für die eigenen Kunstkammern oder als Staatsgeschenke erworben. Auch dieser prachtvolle Altar entstand zweifelsfrei für einen wichtigen Auftrag, nur wissen wir heute nichts über die Order, Schenker und Beschenkte.

In Tschenstochau, im Kloster Jasna Gora, befindet sich eine ähnliche Mondsichelmadonna, die das Datum 1611 trägt (Inv.Nr. JGC-1/16). Und die Madonna mit Kind aus der Sammlung Georg Laue (München 2006, Nr. 34) scheint aus derselben Hand zu stammen, wenn auch das Gesicht aus opakem gelbem Bernstein statt Elfenbein geschnitzt ist. Der Korpus ist ähnlich flach gearbeitet, die langen Locken fallen über den Rücken hinab, und das Kind sitzt auch wie ein kleiner Erwachsener auf dem rechten Arm der Mutter. Diese und ähnliche Werke werden, wenn sie nicht historisch als „Norddeutsch“ oder „Ostseeraum“ katalogisiert sind, heute unbekannten Danziger oder Königsberger Bildschnitzern der ersten Hälfte bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts zugeschrieben. Dennoch ist es, gerade aufgrund der feinen und sehr charakteristischen Elfenbeinschnitzerei nicht ausgeschlossen, dass Christoph Maucher tatsächlich der Schöpfer dieses wunderbaren Objektes ist.

Provenienz

Seit 1690 bis vor einigen Jahren im Tresor des Klosters Einsiedeln.

Literaturhinweise

Meinz, Ein norddeutscher Hausaltar mit Bernstein-Inkrustationen, in: Jahrbuch des Altonaer Museums, Hamburg 1964, S. 143 ff.
Meinz, Die Bernsteinsammlung, in: Jahrbuch des Altonaer Museums, Hamburg 1970, S. 9 ff.
Reineking v. Bock, Bernstein. Das Gold der Ostsee, München 1981.
Theuerkauff, Nachmittelalterliche Elfenbeine, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz Berlin 1986, S. 214 ff.
Koeppe, Die Lemmmers-Danforth-Sammlung Wetzlar. Europäische Wohnkultur aus Renaissance und Barock, Heidelberg 1992, Kat.Nr. GO33, S. 496 ff.
Seipel (Hg), Bernstein für Thron und Altar. Das Gold des Meeres in fürstlichen Kunst- und Schatzkammern, KHM Wien 2005.
Werner/Laue, Bernstein Sigmar Polke Amber, New York-München 2006.
Laue (Hg), Bernstein-Kostbarkeiten europäischer Kunstkammern, München 2006.


Veranstaltungshinweise:

Am 15.07.2021 Auktion 1182: From Antiquity to Art Nouveau. The Exceptional Bernard De Leye Collection


Schätzpreis: 280.000 - 300.000  EURO

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