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Gaspar Adriaensz van Wittel, Blick auf Messina vom Meer aus, Um 1720

Gaspar Adriaensz van Wittel, Blick auf Messina vom Meer aus, Um 1720

Messina vom Meer aus gesehen, mit der Kirche Santa Maria della Grotta.
Öl auf Leinwand, doubliert. 66,5 x 173,3 cm. Um 1720.

Losnummer: 6038


Gaspare Vanvitelli ist der eigentliche Begründer der italienischen Vedutenmalerei, die besonders im 18. Jahrhundert blühte. Durch ihn gelangte eine niederländisch geprägte Formensprache nach Italien, die die Vedutenmaler der nachfolgenden Generation nachhaltig beeinflusst und inspiriert hat, unter diesen vornehmlich Canaletto und Joli. Vanvitelli wurde als Caspar Adriaensz. van Wittel in Amersfoort bei Utrecht geboren. Er lernte bei Matthias Withoos, einem Landschafts- und Stillebenmaler, der auch eine Reihe von Stadtpanoramen anfertigte.i Wie viele holländische Künstler dieser Epoche hat auch Withoos seine Ausbildung mit einer Italienreise abgerundet (1648-1652). An diesem Vorbild orientierte sich van Wittel und erreichte seinerseits Rom am 3. Januar 1675. Drei in den Jahren 1683 und 1685 publizierte Kupferstiche mit Ansichten Roms gehen auf Zeichnungen Vanvitellis zurück, die dieser um 1678 angefertigt hat. Sie sind die ersten Zeugnisse von Vanvitellis Tätigkeit als Vedutist. Hier kommen zum ersten Mal seine herausragenden Fähigkeiten als Zeichner, seine Beherrschung der Perspektive und sein Gespür für effektvolle Kompositionen zum Ausdruck.

Vanvitelli fertigte von erfolgreichen Kompositionen oft zahlreiche Versionen an, wobei er meist nur winzige Details wie etwa die Figuren variierte. Obwohl er bereits um 1682 einzelne Gemälde anfertigte, war die Gouache sein zunächst am meisten geschätztes Medium: nur sechs von insgesamt 28 datierten Ansichten aus der Zeit von 1680 bis 1685 sind in Öl ausgeführt. Erst ab 1686 übersteigen die datierten Ölgemälde die Zahl der Gouachen und anschließend widmet sich Vanvitelli fast ausschließlich nur noch der Malerei. All seine Werke zeichnen sich durch eine helle Farbpalette, eine harmonische Lichtregie und einer äußerst genauen Technik aus. Hierin entsprechen sie den gleichzeitig entstandenen Ansichten nordischer Städte von Künstlern wie etwa Jan van der Heyden und Gerrit Berckheyde.

Im Œuvre Vanvitellis zeigen sich keine großen stilistischen Veränderungen, obwohl die Erkrankung des Malers am grauen Star - seit 1696 trug er seiner dicken Brillengläser wegen den Beinamen "Gaspare dagli Occhiali" - sicherlich einen Einfluss auf die Ausführung der Werke gehabt haben dürfte. Mehr als die Hälfte seines Werkes besteht aus Ansichten Roms und Orten in der römischen Campagna wie Tivoli. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts hatte er das Repertoire an Romansichten geschaffen, das ihn für den Rest seines Lebens in seiner Wahlheimat das Auskommen sichern sollte und die folgende Künstlergeneration bei ihren Ansichten der Stadt prägte. Seine Portraits der Stadt brachten ihm schließlich auch die akademische Anerkennung ein, so dass er 1711 Mitglied bei der Accademia di San Luca wurde. Vanvitelli war erfolgreicher als jeder andere Vedutenmaler der Stadt darin, Auftraggeber aus den Kreisen des italienischen Adels an sich zu binden. Die Förderung durch römische Familien wie die Colonna, die bereits seit den 1680er Jahren Werke des Künstlers kauften und deren gedruckter Sammlungskatalog von 1783 nicht weniger als hundert Gemälde von ihm verzeichnet, bedeutete, dass Vanvitelli nicht auf zufällige Romreisende als Kundschaft angewiesen war.ii Vanvitellis bedeutendster ausländischer Mäzen war der Spanier Don Luis de la Cerda, 9. Duque de Medinaceli, der bei ihm nicht weniger als 37 Ansichten bestellte, obwohl er als Vizekönig von Neapel wohl eher als Einheimischer denn als Besucher betrachtet werden sollte.

Veduten aus anderen Teilen Italiens bereicherten Vanvitellis Repertoire seit 1690. Detaillierte, sorgfältig ausgeführte Studien nach der Natur dienten als Vorzeichnungen für die Gemälde, die oft später an einem anderen Ort ausgeführt wurden. Vanvitellis Aufenthalte in Neapel, von denen einer mehr als zwei Jahre von 1699 bis 1702 währte und während dem auch sein Sohn Luigi, der spätere Architekt, im Jahr 1700 das Licht der Welt erblickte, waren außergewöhnlich fruchtbar. Eine Reise in die Lombardei an den Lago Maggiore und Vaprio d'Adda wohl um 1690/91 und eine weitere um 1694/95 nach Norditalien mit Aufenthalten in Florenz, Bologna, Verona und Venedig brachten weitere neue Motive für den Künstler.

Insgesamt sieben Ansichten von Messina sind von Vanvitelli bisher bekannt. Zwei von ihnen zeigen die Stadt von der Seeseite aus mit der 1622-1639 errichteten Kirche Santa Maria della Grotta des Architekten Simone Gullì am rechten Bildrand sowie unser bislang unpubliziertes Gemälde. Die kleinere dieser beiden Fassungen, die signiert und ins Jahr 1712 datiert ist, befindet sich im Musée des Beaux-Arts, Toulon.iii Die zweite, mit unserem Werk fast formatgleiche Version befindet sich mit ihrem 1720 datierten Gegenstück, das ebenfalls eine Ansicht von Messina darstellt, in einer Prager Privatsammlung.iv Aus stilistischen Gründen dürfte auch unser Werk in die Zeit um 1720 datieren.
Die Mittelmeerstadt Messina stellt eine Ausnahme im Motivrepertoire Vanvitellis dar, da es keinen Nachweis gibt, dass sich der Künstler dort jemals aufgehalten hätte, noch dass er seine Reisen je auf das Gebiet südlich von Neapel ausgedehnt hätte. Es wurde vorgeschlagen, dass Vanvitelli für die Veduten Messinas (aufgenommen aus fünf unterschiedlichen Blickwinkeln) Zeichnungen des Architekten Filippo Juvarra (1678 Messina - 1736 Madrid), mit dem er bekannt war, als Vorlage genommen haben könnte. Eine Zeichnung Juvarras mit der Darstellung Messinas aus dergleichen Perspektive wie unser Gemälde aus der Sammlung Cruchet wurde am 29. November 2008 bei Pillet, Lyons-la-Foret angeboten. Es ist sicherlich Vanvitellis herausragenden Fähigkeiten zu verdanken, dass es ihm gelang, Leben in die nach eigenen Zeichnungen entstandenen Gemälde zu hauchen. Ob es ihm möglich war, Gleiches auch bei Gemälden nach Studien anderer Künstler von Orten, die ihm unbekannt waren, zu bewirken, ist unbeantwortet und angesichts der feinen Details auf unserer Ansicht und auf den Prager Veduten fraglich.v Die jüngere Forschung zweifelt eher daran, dass die relativ flüchtigen Zeichnungen Juvarras die Grundlage für Vanvitellis sensationellen und herrlich lebendigen Panorama-Ansichten sizilianischer Häfen sein sollen.vii

Charles Beddington

i Unter diesen ist besonders sein riesiges Panorama von Amersfoort (1671, im Rathaus Amersfoort) erwähnenswert.
ii Viele von diesen Gemälde befinden sich noch immer in der Sammlung Colonna.
iii G. Briganti, Gaspar van Wittel, ed. L. Laureati und L. Trezzani, Mailand 1996, S. 280-281, Nr. 405 mit Abb. Die Maße sind 49 x 130 cm.
iv Briganti 1996, S. 280, Nr. 405.
v Das Format dieser Pendants entspricht den größten für Medinaceli gemalten Ansichten, wie etwa die beiden Neapel Veduten, die bei Sotheby's, London, am 13. Dezember 2001 (Lose 85 und 86) angeboten wurden.
vi Siehe L. Trezzani in Briganti 1996, S. 278.



Provenienz: Auktion, Jacob Hecht, Berlin, zwischen 1925 und 1929 (gedrucktes Auktionsetikett verso auf dem Keilrahmen; das Auktionshaus Jacob Hecht existierte lediglich für fünf Jahre).
Wohl auf der Auktion von der Familie der jetzigen Besitzer erworben.


Veranstaltungshinweise:

Am 30.05.2014 103. Auktion: Gemälde Alter und Neuerer Meister


Schätzpreis: 240.000,-  EURO

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