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Im Heute und Jetzt mit der Vergangenheit leben

Susani, Usbekistan, 19. Jahrhundert

Schon die Fakten und Daten sprechen für Kontinuität, Tradition und fortschrittlichen Wandel: Zum 93. Mal findet die Messe in diesem Frühjahr statt, die seit über zehn Jahren im Paulaner-Festsaal am Nockherberg hoch über der Isar zu Hause ist. Ihr langjähriger Messeleiter Andreas Ramer war vor 47 Jahren bereits als Gründungsmitglied dabei.

Längst kommen die über 60 Aussteller nicht mehr nur aus München und dem Umland. Denn bei aller Kontinuität reagiert die Veranstaltung auf den Geschmackswandel der Kunstfreunde und Käufer. Der österreichische Kunsthandel ist mit fünf Teilnehmern vertreten, je eine Schweizer, niederländische und belgische Firma setzen eigene Akzente. Und neben einem Stamm Münchner und bayerischer Händler kommen Kollegen aus Berlin und Timmendorfer Strand, aus Ochtrup, Dresden, Sindelfingen oder Tübingen.

So zeichnet sich die "Messe am Nockherberg", wie die Kunst & Antiquitäten München kurz genannt wird, durch ihr breites, auf allen Gebieten anspruchsvolles Programm aus, das vielfach musealen Forderungen genügt. Das hohe Niveau der Exponate garantiert letztlich die Jury, der erstmals auch Prof. Dr. Hans Ottomeyer angehört. Zeitlich spannt sich der Bogen bei der europäischen Kunst vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Außereuropäisches ist mit klassischen Sammelgebieten wie Teppichen, tibetischer Kunst oder Ikonen bestens vertreten. Mit den Asiatika durchschreiten wir Jahrtausende: Da sind ein chinesisches Terrakotta-Tang-Pferd um 600 bis 900 nach Christus und eine Sandsteinfigur der Khmer aus dem 12./14. Jahrhundert (Darya Galerie Karlsruhe) ebenso zu bestaunen wie ungemein farbleuchtende fotorealistische Stillleben von Song Yu (geb. 1973), einem Shooting-Star der aktuellen Kunstszene Chinas (Jan Hagemann, Ochtrup).

In Zeiten der Labels und unendlichen Objekt-Reproduzierbarkeit wird der Reiz dieser singulären Einzelstücke besonders deutlich. Kein Stück gleicht dem anderen. Selbst ähnliche Objekte unterscheiden sich im Detail durch den besonderen Stil einer Region, Werkstatt, Schule oder gar eines Künstlers und der handwerklichen Ausführung.

Greifen wir einige Exponate aus der Fülle der Offerten heraus.

Zum Beispiel aus Österreich. Mächtige Zirbenholz-Schränke und Truhen aus dem Pinzgau oder dem Zillertal mit ihrem ornamentalen Schnitzdekor galten im 18. Jahrhundert als Ausweis wohlhabender Großbauern und des gestandenen Bürgertums. Ludwig E. Wimberger bringt aus Linz Paradebeispiele dieser kraftvollen Möbelkunst mit. Als klassischer Allrounder hat er auch ein Pistolenpaar im Originalzustand mit Kassette des berühmten Regensburger Büchsenmachers Johann Adam Kuchenreuter um 1835 im Messegepäck. „Kunstwelt“ nennt der Grazer Rochus Probst seine breit gefächerte Offerte: Da konkurriert um die Gunst des Connaisseurs ein Ölgemälde des Johann Heinrich Tischbein d. Ä. (1722–1789) mit opfernden Vestalinnen mit einer Florentiner Pietra-dura-Arbeit aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Sie stellt den heiligen Petrus als Halbfigur dar, dessen Steinbild mit graviertem Perlmutt und Schwarzlotmalerei veredelt ist. Die alpenländische Volkskunst wird beidseits der deutsch-österreichischen Grenze gepflegt. Markus Kral kombiniert sie mit höfischem und bürgerlichem Interieur, Roderich Pachmann mit Skulpturen und frühem Kunsthandwerk, Zinn, Hafnerkeramik und Fayencekrügen, ebenso wie Herold Neupert mit bunt bemalten süddeutschen Beispielen aus Ansbach oder Bayreuth.

Die berühmten Wiener Bronzen, Kleinskulpturen der Zeit um 1900, stellen ein eigenständiges Sammelgebiet dar. Erstaunlich, dass auf dem Nockherberg nicht die Österreicher, sondern Spezialisten für Vitrinenobjekte des 18./19. Jahrhunderts wie Dr. Birbaumer & Eberhardt aus Timmendorfer Strand und der Münchner Josip Kutnjak einen Schwerpunkt darauf legen. Kleinkunst des Klassizismus ist die Domäne von Peter Fink – ob in Gestalt eines Reliefmedaillons mit dem Profilbildnis des russischen Zaren Paul I. oder dem hinreißenden Scherenschnitt-Silhouettenbild der Familie Pfarr, die sich Ende des 18. Jahrhunderts zur traulichen Hausmusik vereint hat.

Derzeit ist die Euphorie gegenüber Barock- und Rokoko-Möbeln eher abgeflaut, was sich wohl bald wieder ändern wird, schaut man sich am Stand der Münchner Kunsthandlung Select Art von Veronica Czarny.

Favorisiert wird gegenwärtig der Klassizismus beim Interieur – ob gefasste höfische Möbel der 1780er Jahre, üppig dekorierte und vergoldete Empire-Beispiele oder zeitlos-elegantes Biedermeier, samt Lüstern und Leuchtern. Da bieten sich der Generalist und Neuaussteller Gregor von Seckendorff aus Bamberg und Egbert Eibel aus Münster ebenso an wie Matthias Kindler aus Graz.

José Manuel Ladrón de Guevara (Dresden) steuert russisches Interieur der Epoche bei, so einen Mahagoni-Bibliotheksschrank um 1790 oder einen eleganten Sessel um 1800, bei dem – was höchst selten vorkommt – Polsterung und Bezug noch original sind.

Frische Akzente setzen Neu- oder Wiederaussteller.

So ist das klassische Biedermeier auf dem Nockherberg dank der treuen Teilnahme von S. Hawari mit Schwerpunkt Süddeutschland gut vertreten. An vielen weiteren Ständen gehört es zum Möbelrepertoir. Nun gesellt sich Dr. Tilmann Roatzsch (Schnaitsee) mit seiner musealen Möbel-Offerte dazu.

Die auf uns gekommenen antiken Möbel haben dank ihrer kostbaren Hölzer, Materialien und handwerklichen Herstellung den entscheidenden Vorteil, dass sie von guten Restauratoren und Polsterern wieder in einen perfekten Zustand versetzt werden können. Deshalb bieten viele Händler und Spezialisten diesen Service an, der für sie selbstverständlich zur Kundenpflege gehört. Also: Keine Angst vor Antiquitäten! The Lamp Gallery von Petra Wiebe-Sahlender aus Neustadt-Büren setzen sie ins rechte Licht.

Brigitte Martini ist immer für verführerische, überraschende Kombinationen gut: Neben klassischem Mobiliar und ganzen Wandvertäfelungen und antiken Fußböden des 18. und frühen 19. Jahrhunderts wartet sie mit In- und Outdoor-Raritäten wie einem Paar englischer Gartenvasen, einem neapolitanischen Terrakotta-Mohr oder einer Bronzestatuette Friedrichs II. des Berliner Bildhauers Johann Christian Rauch auf. Richard Gilgenmann präsentiert gar einen veritablen Grabstein.

Andernorts warten Spezialisten mit einem klar umrissenen Programm auf. So die beiden Teppichgalerien von Max Lerch (München), bei dem eine zauberhafte Susani-Seidenstickerei aus dem Usbekistan des 19. Jahrhundert betört, oder der Orientteppich-Spezialist Daniel Bagherpur aus Aschaffenburg.

Ikonen stehen bei Viktor Puch (München) und Dr. Michael Ewenstein (Berlin) im Vordergrund, umgeben von ausgefallenen Vitrinenobjekten. Sammler wissen: Heinz Grundner (München) ist die Anlaufstelle für alte Uhren, Zeitmesser und Barometer. Dem Meissener Porzellan des 18. Jahrhunderts hat sich die Contempt Art Gallery von Ewa & Rainer März aus der Schweiz verschrieben.

Christopher Kende (Tübingen) füllt seine Vitrinen mit Tafelsilber aus drei Jahrhunderten. Es erinnert daran, dass nicht nur eine festlich gedeckte Tafel um einiges einladender wirkt, wenn silberne Bestecke, Kannen und Schüsseln sie zieren. Einzelne dekorative Silberobjekte dänischer oder englischer Provenienz gehören zum Programm des Fuldaer Kunsthauses Nüdling und Miriam Schmitz-Amkreutz' „The old Treasury“ aus dem niederländischen Kerkrade.

Objekte, die uns aus der Zwischenkriegszeit heute noch oder wieder begeistern, bringt „Swingtime“ auf den Nockherberg mit. Schmuck funkelt vielerorts in den Vitrinen, mehrfach kombiniert mit Silberobjekten. Art-déco-Geschmeide stehen im Mittelpunkt, ob bei Charlotte und Dr. Elisabeth Nüdling oder Brigitte & Saskia Seewald (Berlin), László Toth (Rottach-Egern) oder Ingeborg Bach. Bei Traute Conrads Vintage-Objekten fällt eines von Chanel ins Auge. Sabine Füchter hat darüber hinaus eine verführerische Auswahl an Sammler-Armbanduhren; Ortrud Müller-Heffter (beide München) kombiniert ihre eigenen Kreationen mit antiken Schmuckteilen.

Was wäre eine Messe ohne Bilder?

Da steht auf dem Nockherberg das 19. Jahrhundert mit dem Schwerpunkt auf der Münchner Schule im Mittelpunkt: Die verwunschene Fraueninsel im Chiemsee ist Heimstatt der nach ihr benannten Inselgalerie Gailer mit Bildern von Edward Harrison Compton über Oskar Mulley bis zu einem üppig blühenden Rittersporn-Garten von Arnold Balwé um 1950.

Mulley begegnet uns auch bei Markus Strassner aus Schärding mit einem seiner typischen Bergdorf-Gemälde. Aus Baden-Baden bringt Stefan Decker Gemälde von Alexander Koester, Rudolf Epp und Friedrich Kallmorgen mit. Nikolaus Fink (München) steuert eine „Apfelernte“ von Josef Wenglein und einen Tondo mit einer „Rast nach der Jagd“ des großen Tiermalers Heinrich von Zügel oder eine Schafherde von Otto Strützel bei.

Kunst auf Papier ist die Leidenschaft von Birgit Strehlers Kunstkabinett (Sindelfingen). Zeitlich sind keine Grenzen gesetzt: Da hat man die Qual der Wahl zwischen wunderschönen Blumen-Kupferstichen der Maria Sibylla Merian aus dem frühen 18. Jahrhundert und originalen Farblithografien von Toulouse-Lautrec oder Marc Chagall.

Ein weiteres Geheimnis für den Erfolg der Nockherberg-Messe: Keine Spur von Überalterung! Nicht nur, dass viele Kunsthändler bereits die zweite Kunsthändler- und Aussteller-Generation vertreten (wie Lerch oder von Seckendorff); mehrfach arbeiten sie auch zusammen (wie Mutter und Tochter Nüdling, Strehler, Seewald oder Miriam Schmitz-Amkreutz mit Tochter Laura).

Mit Kunst des 20. Jahrhunderts tritt Alexander Schmitz aus Bergisch-Gladbach an: Neben Zero-Arbeiten wirbt hier eine hellstrahlende Gouache von Ulrich Erben aus dem Jahr 1998 um die Gunst der Käufer. Und Song Yu, 1973 in Peking geboren, verschmilzt in seinen betörend schönen Stillleben die Sichtweise des holländischen goldenen Zeitalters mit der chinesischen Tradition der Feinmalerei.

Gloria Ehret

Veranstaltungen zum Bericht:
93. Kunst & Antiquitäten München

Quelle: © Kunst & Antiquitäten München

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