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Giovanni Giacometti, Theodora, 1914

Giovanni Giacometti, Theodora, 1914

Öl auf Leinwand.

Unten links monogrammiert und datiert: GG 1914. Verso signiert, bezeichnet und datiert: GIOVANNI GIACOMETTI Stampa 1914.

125 x 200 cm.

Losnummer: 3051


Onlinedatenbank SIKART, Lexikon zur Kunst in der Schweiz, Giovanni Giacometti, Nr. 76188.

Provenienz:
- Galerie Moos, Genf.
- Sammlung Wolff, Maloja, erworben 1925.
- Schweizer Privatsammlung, 1954.
- Leihgabe Kunstmuseum Solothurn, 2012-2017.

Ausstellungen:
- Bern, 15.5.-15.10.1914, XII. Nationale Kunstausstellung der Schweiz (im Rahmen der Schweizer Landesausstellung), Nr. 176.
- Basel, 5.-25.4.1915, April-Ausstellung. Ernst Geiger, Giovanni Giacometti, Ferdinand Hodler (u.a.), Kunsthalle Basel, Nr. 83.
- Zürich, 3.-31.10.1915, Sechste Ausstellung der Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten, Kunsthaus Zürich, Nr. 94.
- Zürich, 6.5.-3.6.1917, Cuno Amiet, Giovanni Giacometti, Hermann Haller, Felicitas Trillhaase, Kunsthaus Zürich, Nr. 116.
- Genf, 9.4.-8.5.1918, Giovanni Giacometti, Otto Vautier, Maurice Sarkissoff, Galerie Moos, Nr. 12 (bzw. 26, bzw. 62).
- Bern, 25.9.-24.10.1920, Giovanni Giacometti. Artistes fribourgeois, Kunsthalle Bern, Nr. 2.
- Basel, 9.11.-5.12.1920, Giovanni Giacometti, Niklaus Stoecklin, Albert Müller, Kunsthalle Basel, Nr. 37.
- Davos, 25.12.1920-3.1.1921, Giovanni Giacometti, Eduard Bick, Kunstgesellschaft Davos, Schulhaus Davos.

Literatur:
- Registro dei quadri no. 2, S. 1, Nr. 240.
- Schäfer, Wilhelm: Von der Schweizerischen Landesausstellung, In: Die Rheinlande, Monatsschrift für deutsche Kunst und Dichtung, Düsseldorf 1914, Bd. 24, Heft 10, S.329.
- Baud-Bovy, Daniel: Giovanni Giacometti, In: Pages d'Art, Genf 1918, S. 141.
- Christoffel, Ulrich: Zur Novemberausstellung in der Basler Kunsthalle, Giovanni Giacometti, In: Basler Nachrichten, Nr. 498.
- Köhler, Elisabeth Esther: Giovanni Giacometti 1868-1933 Leben und Werk, Zürich 1969, S. 26, 47, Nr. 223.
- Müller, Paul und Radlach, Viola: Giovanni Giacometti - Werkkatalog der Gemälde, Zürich 1997, Bd. 2, S. 374, Nr. 1914.04 (mit Abb.).

Giovanni Giacomettis liegender Frauenakt „Theodora“ steht in einer langen Tradition der Aktmalerei der Neuzeit. Bekannte Vorbilder sind Giorgiones „Schlummernde Venus“ von 1510, Tizians „Venus von Urbino“ aus dem Jahr 1538 aber auch Goyas „Die nackte Maya“, 1799.

Als eine besonders wichtige Inspiration gilt Edouard Manets Bild der „Olympia“, mit der er 1863 die Gemüter der Pariser Gesellschaft erregte und im Salon von 1865 einen regelrechten Skandal auslöste, indem er die Venus des Tizian parodierte. An Stelle der Venus-Gestalt malte Manet eine Pariser Kokotte, begleitet von einer dunkelhäutigen Zofe.

Das Motiv des liegenden weiblichen Aktes entwickelte sich zu einem akademischen Sujet mit intellektuellem Hintergrund, das auch den Kreis der Schweizer Kunstschaffenden nach der Jahrhundertwende intensiv beschäftigte (so z.B. Ferdinand Hodler, Félix Valloton, Cuno Amiet u.a.).

Auch Giovanni Giacometti war die Motivgeschichte der Olympia von Manet bekannt. Vermutlich entstand sein Gemälde Theodora in Anlehnung an Manets liegenden Akt nachdem er das Original bei einem seiner Paris-Aufenthalte im Musée d'Orsay besichtigt hatte.

Während Manets liegender Akt als skandalös aufgenommen wurde, begeistert Giovanni Giacomettis Theodora mit einer ruhigen Intimität, die keine Spur von Anrüchigkeit besitzt.

Die Unbekannte wird in ihrer ganzen Natürlichkeit dargestellt, versunken in die Lektüre eines Briefes mit aufgestütztem Arm, der einen Schatten auf Gesicht und Dekolleté wirft. Ihr volles kupferrotes Haar fällt sanft und wellig und bildet einen besonderen Kontrast zum goldgrünen, samtigen Bettüberwurf. Das gelbe Kolorit entsteht womöglich durch eine ausserhalb des Bildraumes befindliche Lichtquelle, die den liegenden Körper aber auch die Umgebung in einen sanften Gelbton hüllt und dadurch die in sich geschlossene Szenerie betont.

Der grüne Überwurf aus Damast verhüllt das Bettgestell und bildet mit einem grossen halbrunden, sanft geschwungenen Faltenwurf eine Bühne für den Körper der jungen Frau. Das Interieur entspricht dem zeitgenössischen Pariser Jugendstil und besticht mit einer floral gemusterten Tapete. Das Motiv der Blumen wird auch durch ein angedeutetes Gesteck im rechten Vordergrund schemenhaft angedeutet und verweist damit erneut auf die bekannten Vorlagen der Aktmalerei.

Giacometti reduziert in dem Gemälde seine Palette auf drei Grundfarben: Gelb, Grün und Rot und erzeugt damit eine besondere, intime Stimmung sowie ein magisches Changieren zwischen den materiellen Flächen und der nackten Haut des Modells. Die moderne Haltung der Theodora, die den Blick des Betrachters eindeutig nicht sucht, sondern ohne Scham und mit offener Blösse ruht und vertieft liest, verdeutlicht eine klare Weiterentwicklung des Aktmotivs hin zur Moderne. Daher war die Darstellung des liegenden weiblichen Aktes in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg im freiheitsliebenden Berlin besonders beliebt und aktuell und entsprach dem dortigen Zeitgeist, der sich gegen die preussisch-wilhelminische Prüderie stellte. Der deutsche Markt war daher für Giacometti wie auch für seinen langjährigen Freund Cuno Amiet von Bedeutung. Beide pflegten einen engen Kontakt zum Münchner Kunsthändler Thannhauser sowie zur Galerie Neue Kunst von Hans Goltz, die ihm und Amiet zahlreiche Ausstellungen im deutschen Kaiserreich ermöglichten. So entstand auch ein Kontakt zu Wolfgang Gurlitt und zu dessen Hofkunstgalerie in Berlin, die eine grosse Giacometti-Ausstellung vorbereitete, bei der auch die Theodora gezeigt werden sollte. Aufgrund des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges fand jedoch weder die Ausstellung, noch ein weiterer Austausch von Kunstwerken mit ausländischen Kunsthändlern statt (vgl. Müller, Paul und Radlach, Viola: Giovanni Giacometti - Werkkatalog der Gemälde, Zürich 1997, Bd. 1, S. 163.

Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt das Gemälde einen monografischen Beitrag in den Pages d’Art (4/1918) unter dem neuen Titel La Liseuse. Die Galerie Moos, die das Bild 1918 erstmals ausstellte, kaufte das Gemälde 1925, nachdem es in zahlreichen Ausstellungen in Bern, Basel, Zürich, Genf und Davos gezeigt wurde. Seit 1954 befand sich das bemerkenswerte Bild Giacomettis im heutigen Schweizer Privatbesitz.


Veranstaltungshinweise:

Am 27.06.2017 Auktion A181: Design, Schweizer Kunst, Klassische Moderne, PostWar & Contemporary, Grafik, Fotografie, Schmuck & Uhren


Schätzpreis: 600.000 - 900.000  SFR

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