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Gerhard Richter, Teyde-Landschaft (Skizze), 1971

Gerhard Richter, Teyde-Landschaft (Skizze), 1971

Dresden 1932

Öl auf Leinwand. 60 x 80 cm. Gerahmt. Rückseitig auf der Leinwand signiert, datiert und betitelt 'Richter 1971 (TEYDE)' sowie mit der Werknummer 'Nr. 284/1'. Auf dem Keilrahmen zusätzlich betitelt 'TEYDE LANDSCHAFT'. - Mit geringfügigen Altersspuren.

Elger 284-1

Losnummer: 633


Provenienz

Privatsammlung, Baden-Württemberg; Privatsammlung, Nordrhein-Westfalen

Ausstellungen

Düsseldorf 1986 (Städtische Kunsthalle), Berlin (Nationalgalerie), Bern (Kunsthalle) und Wien (Museum moderner Kunst), Gerhard Richter, Bilder Paintings 1962-1985, Ausst.Kat., S.128 mit Abb.

Düsseldorf 1971 (Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen), Gerhard Richter, Arbeiten 1962-1971, Ausst.Kat.Nr.284/1

Literatur

Dietmar Elger (Hg.), Gerhard Richter, Streifen und Glas, Ausst.Kat. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister, Albertinum, Köln 2013, S.29/30

Dietmar Elger (Hg.), Gerhard Richter, Landscapes, Ostfildern 2011, S.19

Dietmar Elger, Gerhard Richter, Maler, Köln 2008, S.195

Venedig 1972 (36. Biennale di Venezia), Gerhard Richter, Essen 1972, Kat.Nr.284/1, S.71 mit Abb.

Gerhard Richters spezifisch bildnerischer Diskurs, eine fotografisch vermittelte Wirklichkeit für seine Malerei einzusetzen, verführt den Betrachter. Wirkt die Fotografie oftmals banal, mitunter auch uninteressant und für uns unmotiviert, so verwandelt Richter die Vorlage in ein stimmungsgeladenes, geheimnisvolles Motiv. Er gewinnt unsere Aufmerksamkeit, in dem er einen belanglosen Ausschnitt durch sein künstlerisches Eingreifen zu einem malereiwürdigen Gegenstand erhebt und die fotografische Vorlage als medialer Ausgang dennoch deutlich, zumindest aber erahnen lässt.

Fotos aus Büchern, aus Magazinen, Ausschnitte aus Zeitungen, persönliche Erinnerungsfotos, Familienfotos, Fotoexperimente oder Skizzen sammelt und bündelt Richter seit 1962 zu einer Enzyklopädie der Muster, aufgezogen und collagiert auf Kartons. An Hand des sogenannten Atlas lassen sich Beschäftigung und Auswahlverfahren nachvollziehen und nicht zuletzt erlaubt der Blick in das Tafelwerk Richters Umsetzung der Vorlage in Malerei zu überprüfen. Und man wird feststellen, dass uns die gemalten Bilder Details der Vorlage verschweigen können aber gleichzeitig auch Richters radikale Eingriffe und bildimmanente Veränderung nachvollziehen lassen.

Gegenständliche Fotomalereien, überwiegend in grauweißer Grisaille-Technik, nach Landschaften, Stadtbildern, Bergmassiven, Seestücken, Porträts, Figurenbilder, Stillleben, Bilder nach Schatten wechseln mit monochromen Farbfeldern, sie alle bilden Richters Bilderkosmos der ersten Jahre im Westen. In einem Interview äußerte sich der Künstler 1993 zur Bedeutung der Fotografie in seinen Arbeiten. „Weil ich überrascht war vom Photo“, so Gerhard Richter, „das wir alle täglich so massenhaft benutzen. Ich konnte es plötzlich anders sehen, als Bild, das ohne all die konventionellen Kriterien, die ich vor dem mit Kunst verband, mir eine andere Sicht vermittelte. Es hatte keinen Stil, keine Komposition, kein Urteil, es befreite mich vom persönlichen Erleben, es hatte erstmal gar nichts, war reines Bild. Deshalb wollte ich es haben - nicht als Mittel für eine reine Malerei benutzen, sondern die Malerei als Mittel für das Photo verwenden.“ (David Britt (Hg.), Gerhard Richter Texte 1962 - 1993, Frankfurt/Leipzig 1993, S.67)

Und so hat Richter auch seine Reisen etwa nach Korsika, an den Vierwaldstätter See oder in die Eifel südlich von Köln dokumentiert und auch mit seiner Kamera im Jahr 1969 auf Teneriffa Motive der kargen Teyde-Landschaft um den Vulkanberg Pico del Teide festgehalten und in den Jahren 1971/72 für eine Serie von Landschaftsbildern verwendet.

Richter bevorzugt einen distanzierten Betrachterstandpunkt mit Blick über eine weite Landschaft bis zu einem tief liegenden Horizont. Der Vordergrund ist hier unbetont; es lassen sich in der bräunlichen, changierenden Erdoberfläche keinerlei Detail ausmachen. Der Betrachter erahnt die hügelige Landschaft mehr, als dass er etwas spezifisches, etwa die Schroffheit der Insellandschaft zu erkennen vermag. Übergänge zwischen den wenigen, inszenierten Farbtönen werden von Richter äußerst subtil vermalt. Dadurch bleiben dem Betrachter die motivischen Details verschlossen. Er stößt bei dem Versuch, diesen fotografischen Illusionismus zu durchdringen, an eine Wahrnehmungsgrenze, mit der sich das Motiv wieder als Malerei präsentiert. Dieser manipulierende Eingriff zielt auf Irritation des Sehens und wird von Richter bisweilen gesteigert, in dem er zudem verschiedene Aufnahmen miteinander kombiniert und collagiert.

Dies Vorgehen ist zutiefst romantisch und wird vor allem von Caspar David Friedrich als Grundlage für die Erfindung seiner Bildmotive eingesetzt. Somit wird Gerhard Richter also zurecht eine Beziehung zur historischen Romantik unterstellt. Im barocken Dresden geboren und sozialisiert beginnt Richter sein Studium, bevor er 1961 in den Westen übersiedelt und an die Düsseldorfer Akademie in der Klasse von K.O. Götz weiterstudiert. Dresden ist auch die Stadt der Romantiker: Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus und der junge Däne Johan Christian Clausen Dahl sind all gegenwärtig. Ihre Gemälde hängen in der Galerie Neue Meister quasi neben der Dresdner Hochschule für bildende Künste an den Brühlschen Terrassen.

Spätestens seit der Jahrhundertausstellung 1906 in der Berliner Nationalgalerie mit der von Hugo von Tschudi und von Julius Meier-Graefe organisierten Epochenausstellung wurde weniger die Kunst des zeitnahen Impressionismus gewürdigt als gezielt der Blick auf das frühe 19. Jahrhundert gelenkt. Künstler wie Casper David Friedrich, Phillip Otto Runge, Carl Blechen und die anderen Romantiker gehören zu den „Wiederentdeckten“. Die Malerei der Romantik wurde hier zu einem nationalen Ereignis erhoben in Berlin und ehedem in Dresden. Gerhard Richter, der 1952 in den kriegsbedingt zerstörten und wieder hergestellten Akademie sein Studium aufnimmt, in der Nachfolge einer romantischen Tradition zu sehen, ist also nicht so abwegig und wird von Beginn an über ihn publiziert. So wie Richter sich mit Fotovorlagen auseinandersetzt, so setzt er sich auch mit Kompositionsvorlagen früherer Malergenerationen auseinander und verbindet deren malerische Errungenschaften mit der eigenen Bildästhetik: Seestücke mögen entstehen in Erinnerung an Gustav Courbets Serie La Vague, Wolkenbilder erinnern an Carus' Wolkenstudien im kleinen Skizzenformat, eine Teyde-Landschafte kann man mit Friedrichs gebauten Landschaften vergleichen, etwa in der Übernahme eines der wichtigsten Topoi des Romantikers, dem singularisierten Individuum in der Natur wie die zwei im Verhältnis winzigen Figuren links in der Großen Teyde-Landschaft mit zwei Figuren von 1971 (siehe Vergleichsabbildung).

Die Landschaften von Gerhard Richter aus diesen Jahren ahmen ein Schema nach, das C. D. Friedrich für seine Landschaften mitunter verwendet: tief angelegten Horizont, einen hohen, nahezu wolkenlosen Himmel, unbetonten Vordergrund. In einem Brief an Jean Christoph Ammann schreibt Richter 1973: „Ein Bild von Caspar David Friedrich ist nicht vorbei, vorbei sind nur einige Umstände, die es entstehen ließen, zum Beispiel bestimmte Ideologien; darüber hinaus, wenn es ‚gut' ist, betrifft es uns, überideologisch, als Kunst, die wir mit einigem Aufwand verteidigen (Wahrnehmen, ausstellen, machen). Man kann also ‚heute' wie Caspar David Friedrich malen.“ (ebenda: Gerhard Richter Texte, S.74.)

Allerdings bedient sich Richter stets einer illusionären Darbietung, nimmt die Materialität in der Überarbeitung der Fotovorlage zurück und relativiert mit der malerischen Geste der Unschärfe deren Präsenz. Sein von ihm entwickelter Stil der Vermalung, Verschiebung, Verzerrung von Konturen hilft ihm dabei, dem Erkennen des Motivs entgegenzuwirken.

Richters Landschaftsmalerei ist auch romantisch, weil er sich mit seinen Landschaften offensichtlich formaler und motivischer Parallelen bedient, und auch, weil er das Motiv Landschaft als Quelle immer wieder in die Mitte seines Tuns stellt. Allerdings malt Gerhard Richter auch dann keine Landschaften, sondern immer nur Fotografien von Landschaften.


Veranstaltungshinweise:

Am 02.12.2017 Auktion 1100: Zeitgenössische Kunst


Schätzpreis: 800.000 - 1.000.000  EURO

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