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Albrecht Dürer, Melencolia I, 1514

Albrecht Dürer, Melencolia I, 1514

Die Melancholie (Melencolia I). Kupferstich. 23,9 x 18,8 cm. 1514. B. 74, Meder 75 II, vor dem Ritz auf der Kugel b (von f). Wz. Kleines Krüglein (Meder 158, um 1525).

Losnummer: 5078


Albrecht Dürers Kupferstich „Melencolia I“, dessen inhaltliche Deutung seit jeher Rätsel aufgibt, gilt als das am meisten besprochene und kommentierte Werk der Kunstgeschichte. Peter-Klaus Schuster nannte es das „Bild der Bilder“.
Rechts auf einer Steinbank sitzt die weibliche, bildbestimmende Figur. Sie trägt einen Blätterkranz auf dem Haupt und hat Engelsflügel. Den Ellenbogen auf ihr Bein gestützt, legt sie den Kopf nachdenklich in die linke Hand - ein seit dem Altertum geprägter Topos für Schwermut und Trauer. Umgeben wird das geflügelte Wesen von symbolträchtigen Gerätschaften und Utensilien: Hobel und Stichsäge, Lineal und Richtscheit, Nägel und Hammer, Tintenfass und Schmelztiegel, Waage und eine magische Tafel sowie der Stein-Polyeder. Der am Boden kauernde Jagdhund und der Putto auf dem Mühlstein teilen offenkundig die schwermütige Stimmung. Rechts, hinter dem Putto und der weiblichen Gestalt, ragt ein turmartiges, fensterloses Gebäude empor, das die Sicht auf die phantastische Meereslandschaft versperrt, die links zu sehen ist. Am Nachthimmel ein heller Komet und ein Regenbogen. Ein fledermausähnliches Wesen mit aufgerissenem Maul im oberen linken Rand verweist mit dem Titulus „Melencolia I“ auf den Sinngehalt des Kupferstichs. Einhellig geht man davon aus, dass es sich um eine allegorische Darstellung einer der vier menschlichen Temperamente handelt, dem Schema folgend, das in der Antike entwickelt wurde (vgl. Schoch/Mende/Scherbaum: Albrecht Dürer, Das druckgraphische Werk, München 2002, Bd. I, S. 180). Aus der antiken Vier-Säftelehre, nach deren Verständnis das Mischverhältnis der vier Körpersäfte Blut (sanguis), Schleim (phlegma), gelbe Galle (chole) und schwarze Galle (melaina) die Befindlichkeit eines jeden Menschen bestimmt, entwickelte sich die Idee der vier menschlichen Grundtypen mit stereotypen Charaktereigenschaften: Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker und Melancholiker. Auch zu Dürers Zeit war die Vorstellung dieser vier Grundtypen verbreitet; wurde der Sanguiniker gemeinhin als heiter erachtet, so wurde der Melancholiker als dessen negatives Gegenbild definiert.
Angestoßen durch eine Passage in Aristoteles „Problemata“, die durch neoplatonische Philosophen zunächst in Italien Verbreitung fand, besteht Dürers epochale Leistung vor allem darin, für die europäische Bildtradition dieses mittelalterliche Schema der Komplexionen durch eine neue Sicht auf das melancholische Temperament abgelöst zu haben. Das melancholische Temperament wurde in der Folge mit intellektueller Kreativität in Verbindung gebracht, Melancholie und Genialität bedingten sich nun wechselseitig. Dürers geflügelte Gestalt wird somit zu einer Allegorie der künstlerischen Melancholie. Nicht zu Unrecht sehen einige Forscher deshalb in dem Kupferstich ein „verstecktes Selbstbildnis“ des Künstlers, denn Dürer waren die Leiden des Melancholikers wohl nicht fremd: grundlose Traurigkeit und Weltfurcht - um nur eine der vielen Deutungen aufzugreifen (vgl. op. cit. S. 183). Der Kupferstich ist der letzte der drei sogenannten "Meisterstiche", die Dürer in den Jahren 1513 und 1514 entwarf und die innerhalb des druckgraphischen Œuvres als unübertroffene Höhepunkte gelten. -
Das bedeutende Blatt Dürers in einem zweiten Zustand mit der Richtigstellung der Ziffer 9 auf der magischen Tafel, vor den Kratzern über den Nägeln. Mit dem für den frühen b-Zustand bei Meder beschriebenen Wasserzeichen "Krüglein", das in der Regel, wie auch bei unserem Exemplar, am äußersten Rand situiert ist und hier nur unwesentlich angeschnitten ist. Prachtvoller, äußerst harmonischer und samtener, wohl noch zu Lebzeiten Albrecht Dürer genommener Abzug, der in den dunklen Hintergrund- und Schattenpartien herrlich prägnant und kräftig mit feinem Grat druckt. Mit den Spuren eines Rändchens um die Einfassung, links in zwei Stellen partiell an die Darstellung geschnitten. Unmerkliche Randläsuren, etwa in der unteren rechten Ecke, links im Rand sowie ein kurzer hinterlegter Randeinriss oben, winzige Ausbesserung mit feiner Federretusche in der unteren linken Eckenspitze, winzige Montierungsrückstände oben verso, sonst in unübertrefflich schöner und vollkommener Erhaltung.
Der Kupferstich war 2008 in der Ausstellung "William Kentridge: Seeing Double" in der Marian Goodman Gallery in New York zu sehen.


Veranstaltungshinweise:

Am 30.05.2018 111. Auktion: Druckgraphik des 15. - 19. Jahrhunderts


Schätzpreis: 120.000,-  EURO

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