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Blanche und Paul Mahlberg, Dandanah. The Fairy Palace. Building Blocks of Solid Glass, 1920

Blanche und Paul Mahlberg, Dandanah. The Fairy Palace. Building Blocks of Solid Glass, 1920

Bauhaus. - Dandanah. The Fairy Palace. Building Blocks of Solid Glass. Invented by Blanche Mahlberg. Models and Designs by Bruno Taut. Glasbaukasten mit massiven Bausteinen aus farbigem Glas. Mit 61 originalen Glasbausteinen und 6 originalen oktogonalen Vorlagenblättern in mehrfarbigem Original-Siebdruck. 20,7 x 20,7 cm. Zusammen in schwarzem oktogonalen OHolzkasten (26 x 26 x 4,2 cm) mit schwarzem Holzschiebedeckel und aufmontiertem oktogonalen OTitelschild in Siebdruck. Berlin 1920.

Losnummer: 3589


Nahezu vollständiges Exemplar eines der wohl nur in acht Exemplaren angefertigten Prototypen des Glasbaukastens "Dandanah - The Fairy Palace" von dem Architekten-, Künstler- und Designerpaar Blanche (1890-1980) und Paul Mahlberg (1889-1970) zusammen mit dem Architekten Bruno Taut (1880-1938), der von 1921 bis 1924 als Stadtbaurat in Magdeburg arbeitete.
Ganz den neuen Idealen der schnörkellosen Einfachheit, der klaren Form und der Materialtreue verpflichtet, waren die neuen gestalterischen Ideen vor allem von dem 1919 in Weimar gegründeten Staatlichen Bauhaus promulgiert worden. Neben den Architekten Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Adolf Meyer gehörte auch Bruno Taut zu den wichtigsten Vertretern des „Neuen Bauens“.

Schon früh hatte Taut mit Glas experimentiert und 1914 seinen berühmten Pavillon aus farbigem Glas für die Kölner Werkbundausstellung entworfen. Ganz ähnlich wie die Bauhäusler fühlte auch er sich der Erziehung und Didaktik verpflichtet. "Es galt das neue Kulturbild zu schaffen (reine Utopie), und als Notwendiges, das Bedürfnis zum Bauen zu wecken", äußert Taut in einem Rundbrief der von ihm gegründeten Künstlergemeinschaft 'Die Gläserne Kette', "Und das sollte - Taut spricht es in dem Brief nicht aus - das Bedürfnis zum Bauen mit farbigem Glas sein".

Mit seinem Glasbaukasten bezweckte er also vor allem das Formempfinden und die Kreativität der jungen Generation zu schulen, einer der Gründe, warum er das transluzente Material Glas favorisierte, auch wenn das Bauen aufgrund der glatten Oberflächen des Glases tatsächlich nur schwer möglich war: "Unter den vielen Bauspielkästen, die im 19. und 20. Jahrhundert entworfen und hergestellt wurden, steht der von Bruno Taut aus farbigen Glasstücken einzig da. Nicht der einfachen Grundformen wegen: Würfel, Kugel, Dreiecksprisma, länglicher Quader und Sechseckprisma, die in der Größe aufeinander abgestimmt kombinierbar sind, auch nicht der Farbigkeit wegen - beide Merkmale kann man auch bei anderen Baukästen seit Fröbel finden -, sondern weil die Farben: rot, blau, gelb, grün und farblos durch das Glas im farbigen Leuchten eine eigene Wirklichkeit entstehen lassen. Setzt man die Bausteine so, daß sie von Licht durchdrungen werden, besser, auch noch von unten beleuchtet sind, so üben sie in der Tat eine eigenartige Faszination aus, der man sich kaum entziehen kann. In der Fülle der Baukästen gibt es meines Wissens nur diesen einen aus Glas" (Manfred Speidel, Stadtkrone und Märchenpalast. Zum Glasbauspiel Dandanah von Bruno Taut, Berlin 2016, S. 1-3, siehe auch Derselbe, Karl Kegler, Peter Ritterbach, Wege zu einer neuen Baukunst. Bruno Taut, Frühlicht. Konzeptkritik Hefte I-IV, 1921-1922, und Rekonstruktion Heft V, 1922. Berlin 2009. S. 45-47 und S. 86-87 sowie Derselbe, Bruno Taut. Natur und Fantasie. Berlin 1995, S. 150).

Schon 1920 gab es erste Überlegungen, die Idee eines Glasbaukastens zu verwirklichen, wie aus einem Brief vom 13. Oktober hervorgeht: „Ja, Bauen! Ich treibe jetzt jüngstes Bauen: auf meinem Tisch die Zeichnungen für einen Steinbaukasten aus Glas", am 27. Oktober 1920 wurde ein Patent angemeldet (von Mahlbergs auf dem Amt Berlin-Lichterfelde), und Silvester desselben Jahres schreibt Taut "ich spiele mit den ersten nicht ganz gelungenen Bausteinen aus Glas" (Bruno Taut, zit. nach ebenda).

Geplant war, den Baukasten von der Nürnberg Spielzeugfabrik Bing produzieren zu lassen, die die Glassteine wiederum von der Firma Luxfer-Prismen in Berlin-Weißensee beziehen sollte. Die einsetzende Inflation und die Pleite des für die Finanzierung verantwortlichen Bankhauses verhinderten jedoch die Herstellung, so dass es sich um alle der ca. acht nachweisbaren Dandanah-Kästen nur um die von Mahlberg und Taut um Prototypen handelt, die alle individuell gefertigt sind und sich daher leicht voneinander unterscheiden.

Auf dem Schiebedeckel unsers Exemplars ist schon das fünffarbig (schwarz, blau, grün, gelb und rot) gedruckten Titelschild aufmontiert, der Kasten ist allerdings handgefertigt, die Hölzer handgesägt und gezimmert sowie schwarz lackiert (Deckel mit dreieckiger Einfügung, Farbverläufen, Astlöchern).

Über den Bausteinen innenliegend sind die sechs farbig gedruckten Vorlagen (weiß, gelb, rot, grün und blau): 1) Orientalischer Palast auf rotem Farbgrund. 2) Palastfassade auf weißem Grund mit buntem Achteck-Rahmen. 3) Altbau versus Neubau. Traditionelle Häuschen mit modernem Turmbau auf blau-gelbem Grund. 4) Vier Architekturmodelle auf schwarzem Grund. 5) Pfeilerhalle auf schwarzem Grund, lichtdurchschienen mit blauen und grünen Reflexen. 6) Die Mustervorlage zum Wiedereinordnen der Steine in den Kasten, die hier die sonst beigegebene Tafel mit der Kirche ersetzt (diese ist nur in einigen Exemplaren vorhanden, sie sollte auf den Kastenboden fest aufmontiert sein). Die Mustervorlage sieht 62 Glassteine vor, wogegen in unseren Kasten nur 61 Steine passen. Die zwei Reihen von jeweils vier blauen Blocksteinen flankieren die Mittelreihe von 10 Blöcken in den Farben Weiß (4), Grün (4) und Gelb (2), an den Längsseiten gerahmt von noch zwei weiteren weißen Steinen, die um ein halbes Modulmaß verschoben sind. In unserem Exemplar des Baukastens befindet sich eine zentrale Bahn von elf Steinen (6 weiße, 3 grüne und 2 orange-gelbfarbene), die flankierenden blauen Steine sind um ein Modulmaß mittels der zwei rubinroten Würfelsteine erweitert.

Die Glassteine setzten sich wie folgt zusammen: 19 Querblöcke (50 x 22 x 22 mm), davon 8 blaue, 5 weiße, 3 grüne und 2 gelbe, 14 Giebelblöcke (x 22 x 22 x 50 bzw. 22 mm mit abgeschrägten Kanten), davon 4 blaue, 4 weiße, 4 gelbe und 2 grüne, 4 Würfel (22 x 22 x 22 cm) in Blau, Grün, Rot und Gelb, 18 Prismensteine (24 x 22 x 22 cm), davon 6 rubinrote, 4 grüne und 3 blaue und 3 gelbe sowie 4 Kugeln mit zweifach abgeschliffenen Kugeln in Blau, Grün, Rot und Gelb: "Die Systematik, die in der Beschränkung auf fünf Formtypen und deren Maßbezogenheit angelegt ist, durchbricht Taut in dem er die fünf Farben ungleich verteilt: Blau ist in der Überzahl, Farblos und Rot treten am wenigsten auf, rot sind nur die kleinen Bausteine, überwiegend die Dreiecksprismen, sozusagen die Dachspitzen" (Speidel, ebenda).

Unser Prototyp lässt darauf schließen, dass Mahlberg und Taut noch mit der Anzahl der Steine und derer Anordnung im Kasten herumexperimentierten. Das vorliegende Exemplar ist mit einem grünen Querstein auf die Mitte konzentriert, während die anderen bekannten Kästen eine aus zwei weißen Steinen zusammengesetzte "quadratische" Mitte haben. Der von dem Schweizer Unternehmen Vitra 2003 nachgeschöpfte "Dandanah"-Kasten folgt in Anzahl und Anordnung der Steine dann auch anderen Exemplaren bzw. der Mustervorlage (Vitra verwendete aber eine vollständige andere Glasqualität, auch der Kasten wurde auch weitgehend frei neugestaltet). Vgl. auch Artemis Yagou, Modernist complexity on a small scale: The Dandanah glass building blocks of 1920 from an object-based research perspective, Deutsches Museum 2013, S. 16 f.

Im beiliegenden ausführlichen Aufsatz von Speidler wird der Orientalismus bei Taut näher ausgeführt: "Der Glasbaukasten Dandanah ist nicht nur eine 'handgreifliche Utopie'. Mit seinem Titelbild ist er ein unerfülltes Versprechen. Er erscheint im Nachhinein als ein letztes Aufleuchten von Tauts geistiger Reise in den Orient, 'nicht ganz gelungen', und einem harmlosen Bauspiel übergestülpt und dieses geistig überfrachtend. Der Glasbaukasten mit 'Building Blocks in Solid Glass' bleibt in Farbe und Leuchtkraft
ein großartiges Einzelstück in der Geschichte der Spielkästen" (a. a. O.). – Zustand: Gegenüber anderen Exemplaren fehlt ein grüner Querblock-Glasstein, ferner auch die sechste Tafel mit der Kirche, sonst komplett mit Glassteinen, Vorlagen, dem originalen Holzkasten und dem Schiebedeckel mit aufmontiertem Originaltitelschild mit den Künstlerangaben in englischer Sprache. Die Steine sind alle zeitgenössisch und die Originale, wobei auffällt, dass sich das Rubinglas im Fluss und in der Dichte leicht von den anderen Gläsern unterscheidet. Das Gelb tendiert teils etwas ins Orangene. Ein gelber Giebelstein ist beidseitig mehrfach gebrochen und etwa ausgesplittert, die anderen drei und die gelbe Kugel ebenfalls mit die Transluzenz unterbrechenden Brüchen, mehrere Steine mit Abplatzungen, Fehlstellen, kleinen Kanten- und Eckverlusten, kleinen Aussplitterungen etc., die Mehrzahl aber ist recht wohlerhalten und noch gut in Form.
Die sechs Vorlagenblätter teils mit Knick- und Knitterspuren, wenige mit Randläsuren, die Mustervorlage mit minimalen Einrissen im Rand, teils unwesentlich fleckig, in leuchtenden, frischen Farben.
Die gezapften Wangen des Holzkasten sind teils minimal auseinander gegangen die Kanten sind leicht beschabt und bestoßen. Der hölzerne Schiebedeckel mit der Griffleiste ähnlich beschabt, jedoch voll funktionsfähig und sehr gut in der Nut laufend. Das aufmontierte Titelschild des Kastens ist etwas wellig und mit kleinen Knitterspuren und winzigen Bruchstellen, jedoch nur wenigen unwesentlichen Löchlein. Oben etwas vom Holz gelöst, wie üblich etwas ungerade beschnitten, angestaubt und fleckig.

Zur Provenienz: Das vorliegende Exemplar stammt aus einem Magdeburger Privatbesitz. Die Herkunft legt nahe, dass der Kasten von einem Verwandten oder Bekannten der Familie Bruno Taut stammt, war dieser doch ebenfalls in der Zeit der Entstehung des Dandanah- Kastens in Magdeburg als Stadtbaumeister tätig.

„Weltweit konnten acht Baukästen mit dem Namen "Dandanah", der als Titel auf dem Deckel des Baukastens steht, identifiziert werden. Sie unterscheiden sich in der Zusammensetzung der Bausteine wesentlich von dem in der Familie Taut erhaltenen.14 Einer ist im Besitz von Frau Isi Fischer, der Tochter von Tauts Partner Franz Hoffmann. Zwei Exemplare besitzt das Spielzeugmuseum in Sonneberg/Thüringen. Einer wurde vom Auktionshaus Jürgen Holstein in Berlin nach Montreal verkauft. Es befindet sich dort im Canadian Center for Architecture. Ein unvollständiger Baukasten liegt in der Sammlung Arlan Coffman in Santa Monica. Das Badische Landesmuseum in Karlsruhe kaufte um 1990 einen aus dem Nachlaß von Hermann Finsterlin von dessen Tochter und in allerjüngster Zeit wurde vom Deutschen Museum in München ein Exemplar aus Privatbesitz erworben. Ein weiteres Exemplar ist vor wenigen Jahren im Handel aufgetaucht. Es war zeitweilig im Museum für Angewandte Kunst in Köln ausgestellt. Es enthält eine von den anderen abweichende Farbzusammenstellung und 4 andere Beispiel-Blätter, sowie ein Einlegeblatt für die Anordnung im Kasten“ (Speidel a. a. O.).


Veranstaltungshinweise:

Am 16.10.2018 bis 18.10.2018 112. Auktion: Wertvolle Bücher, Dekorative Graphik und Autographen


Schätzpreis: 22.000,-  EURO

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