Die Kunst, online zu lesen.

Home



News

Zwei Katalogmeter

Emil Nolde, Mohnblüten, Iris und violette Astern, 1925/30

Von der Druckgraphik zur Photographie sind es zwei Meter. Legt man die sechs regulären und vier Sonder- Kataloge der bevorstehenden Frühjahrsauktion bei Bassenge aneinander, so misst man mehr als ein traditionelles Klafter, also das, was man mit ausgebreiteten Armen gerade noch berühren könnte. Kataloge der Länge nach – zugegeben, das ist eine Seite der Betrachtung. Die andere gibt es nur im Plural: Über 1.800 Seiten Text und Bild, ein in der Geschichte des Hauses bislang noch nie dagewesenes Angebot, in fünf Tagen offeriert im wechselnden Takt der aufgerufenen Lose. Unbekanntes und Bekanntes, ja Berühmtes, Vergessenes und Überraschendes – wie so oft wird auch diese Auktion ihre eigene unvorhersehbare, zuverlässig launische Geschichte schreiben. Mit größter Wahrscheinlichkeit allerdings wird darin das Folgende eine herausragende Rolle spielen.

Zum Auftakt: die Druckgraphik mit der gewohnt soliden Basis Dürer, Schongauer, Rembrandt, Goltzius. Im Dürer-Portfolio der Kupferstich „Eustachius“ (5102, 24.000 €) in einem tadellosen Exemplar und das Wappen mit dem Totenkopf (5109, 15.000 €). Schongauers „Taufe Christi“ (5245) wurde in den letzten 20 Jahren nur ein einziges Mal auf einer Auktion angeboten. Aus der mittleren Schaffensperiode oder Spätwerk? Die Forschung ist sich nicht einig. Das sehr gut erhaltene Blatt ist auf 18.000 € taxiert. Die um 1649 entstandene Radierung „Christus heilt die Kranken“, das sogenannte „Hundertguldenblatt“, ist ein Hauptwerk im druckgraphischen Oeuvre Rembrandts und soll 24.000 € einspielen. Genauso geschätzt ist die „Windmühle“ Rembrandts (5223), „an Duft und Feinheit vielleicht die schönste Landschaft des Meisters“, so Seidlitz in seiner Werkbiographie von 1922. Von Goltzius: ein ausgezeichneter Frühdruck, der Clair-obscur-Holzschnitt „Herkules und Cacus“ (5128, 6.000 €). Zudem erwähnenswert: Saenredams äußerst seltenes „Vanitasstilleben mit Totenschädel“ (5238, 9.000 €), Ostades „Tanz unter der Laube“ (5188, 7.500 €) und Mullers „Minerva und Merkur“ in einem prachtvollen Druck aus der Sammlung Emmanuel Levy, New York (5172, 7.500 €).

Eines der Hauptlose im Gemälde-Katalog: die „Madonna mit Christuskind und Engeln“ von Benvenuto di Giovanni, ein um 1470 datiertes Werk aus der frühen Schaffensperiode des seinerzeit hochberühmten und erfolgreichen Sieneser Malers (6020, 60.000 €). In der Abteilung 19. Jahrhundert erblicken wir ein bezauberndes Bildnis aus der Hand von Joseph Karl Stieler. Als fast Siebzigjähriger malt der für seine Portraits von Beethoven und Goethe weltberühmte bayerische Hofmaler und Schöpfer der Nymphenburger Schönheitengalerie die „Tochter Ottilie mit dem Strohhut“ im Garten seines Hauses am Tegernsee. Nach Vollendung 1848 in München ausgestellt, wird Ottilie zum Ereignis in der Kunstkritik. Es ist eines der frühesten in der freien Natur geschaffenen Werke der Portraitkunst (6073, 35.000 €). Unter den Landschaften erwähnenswert: Wouwermans um 1645 entstandene italianisierte „Flusslandschaft mit Reisenden“ (6030, 30.000 €) und eine „Felsige Flusslandschaft mit Holzbrücke“ des Flamen van Stalbemt (6022, 12.000 €). Mehr als zwei Jahrhunderte später schickt der auf Capri lebende Diefenbach einen Jüngling in einer symbolistisch aufgeladenen düsteren Umgebung in den Kampf mit den Tieren der Finsternis. Die immergrüne Insel sorgt nicht nur für Ferienstimmung, sie gebiert auch Ungeheuer (6216, 9.000 €).

Den Scharnierstellen zwischen Naturkunde und Phantasie, zwischen Kunst und Realität widmet sich Creatures, ein virtuos komponierter Katalog mit kaum mehr als 150 Objekten. Tierisches und Kreatürliches mischen sich hier auf wundersame Weise, oft amüsant, manchmal belehrend, mitunter erschreckend, stets jedoch mit irritierender Wucht. Sei es bei Bekanntem, etwa Dürers „Tier mit den Lammhörnern oder seinem Rhinozeros“ (6290, 6365, 18.000/15.000 €), oder Skurrilem, zum Beispiel Löfflers Portrait eines Plüschwesens namens „Patrick“ (6356, 15.000 €), sei es possierlich wie das „geharnischte Tier“ aus Turin (6304, 4.500 €) oder erhaben wie die „Kraken“ von Loreto (6265, 7.500 €), der technisch aberwitzig versierten Kiriken Masayo (6268, 7.500 €) oder des Fotokünstlers Lorin (6257, 2.400 €) – jedes dieser Stücke spricht für sich in einer eigenen Sprache. Und in den besten Momenten erahnt man etwas von der Natur der Schöpfung in Kunst und Wirklichkeit. Druckgraphik, Zeichnungen und Ölbilder, Fotografien, Mixed-Media-Objekte, Versteinerungen, Präparate und Schaukästen – Creatures ist so vielgestaltig wie die Natur selbst und so phantasievoll wie das Erscheinungsbild von „Wandelnden Blättern“ (6369, 300 €) oder „Käfern und Larven“ (6370, 1.800 €). Das von Ferguson festgehaltene hehre Kabinett des Pariser Naturalienhändlers „Deyrolle“ (6375) ist mit 20.000 € das am höchsten bewertete Los dieses Kataloges, der einen so gefangen nimmt wie der Blick von Wenzel Hollars „Katze“ (6383, 3.500 €).

Der schmale Katalog mit Portraitminiaturen vereint diesmal knapp 130 Arbeiten, darunter ein „Junger Würdenträger in blauer Uniform“ von Johns (6510), der „Junge Mann in Harnisch“ von Cooper (6455) und ein „Knabe in grüner Jacke“ von Heusinger (6569, jeweils 1.000 €). Unter den zahlreichen Miniaturen mit Frauenbildnissen von besonderem Reiz: eine aparte Pilzsammlerin mit vollem Korb und weit ausladendem Strohhut von Rosalba Carriera (6463, 400 €).

Eine Ansicht des Potsdamer Bahnhofs und Umgebung in Berlin ist eines der Top-Lose des Kataloges Zeichnungen des 16.-19. Jahrhunderts. Das großformatige Aquarell von Julius Jacob und Wilhelm Herwarth gewährt einen seltenen Blick auf das geschäftige Zentrum Berlins während der Belle Époque (6861, 12.000 €). Menzel ist mit einer Bleistiftzeichnung, „Ein ruhender savoyardischer Hirte“ (6862), vertreten. Die Schätzung: 7.500 €. Eröffnet wird der Katalog von „Perspektivischen Buchstaben“ des Nürnberger Goldschmieds und Spezialisten für die Perspektive Johannes Lencker, eine eindrückliche Talentprobe für geschätzte 4.000 € (6608). Etwa zur Halbzeit am dritten Auktionstag kommen zwei Hackert-Blätter zum Aufruf. Die beiden „Italienischen Landschaften“ sind charakteristische Beispiele für die auf den Erkundungsreisen des Künstlers entstandenen, auch bewusst für den Verkauf angefertigten Veduten (6720, 6721; 7.500€/6.000 €). Zum Abschluss: Werke von Bayros (u.a. „Der Vorleser“, 6869, 5.000 €), Fidus (u.a. „Lichtgebet“; 6878, 1.500 €) und Wöhler (u.a. „Nun ruhen alle Wälder“, 6902, 1.800 €).

Mit zwei Sonderkatalogen führt uns die Abteilung Moderne Kunst Klassisches und zu Unrecht Vergessenes vor Augen. Eine Sammlung Meistergraphik deutscher Klassiker präsentiert Rarissima und Besonderheiten des Faches, etwa das als ikonisch zu bezeichnende Blatt „Prophet“ von Nolde, eines der graphischen Hauptwerke des deutschen Expressionismus (8217, 30.000 €), den frühen Holzschnitt „Ziegelei bei Varel“ von Schmidt-Rottluff (8214, 35.000 €), Hubbuchs surrealistisch-verrätselte Kaltnadelradierung „Das dritte Geschlecht“ (8228, 15.000 €) und Beckmanns äußerst seltener Holzschnitt von 1922 „Totenhaus“ (8231, 25.000 €). Hervorragende Blätter von Heckel, Liebermann, Feininger, Marc, Mammen, Muche und Klinger unterstreichen die Bedeutung dieser außerordentlichen Sammlung, die auf exzellente Druckzustände und schöne Erhaltung besonderen Wert legt.

Vergessene Moderne ist der Titel eines weiteren Kataloges, der 120 Lose enthält und vielfach Künstler ins Blickfeld rückt, die der „verschollenen Generation“ angehören. Verfemt und verfolgt, durch die NS-Diktatur um ihre besten Jahre gebracht. Zum Beispiel Albert Birkle, dessen Werke als entartet beschlagnahmt und der mit Malverbot belegt wurde. Nach dem Krieg spezialisierte er sich auf die Glasmalerei. In der Auktion: Sein „Schlächterwagen“ von 1923, ein Werk, das die Bedrückung zwischen Ruhrkampf, Hitler-Putsch und Inflation in den Leidensmienen von Mensch (und Tier) bildmächtig zum Ausdruck bringt (8049, 35.000 €). Der „Traum im bunten Zimmer“ (8036, 20.000 €) des 1918 jung gestorbenen Hanns Bolz entstand in dessen früher Pariser Zeit, als er mit Picasso, Freundlich und Ernst Bekanntschaft schloss und sich eine große, durch den Ersten Weltkrieg abrupt endende Karriere ankündigte. Herwarth Walden wollte ihn 1923 in der Galerie Der Sturm ausstellen, doch Armand Bouten, der sich zeitlebens dem Kunsthandel verweigerte und 1965 verarmt in Amsterdam starb, zog weiter und blieb ein rastloser Künstler. „Akt mit Katze“ von 1921 (8027, 20.000 €) ist eines jener eigenartigen, spannungsgeladenen Bilder von äußerster Expressivität, von denen in einem Berliner Ausstellungskatalog von 1984 die Rede ist.

Weitere Beiträge stammen von Feininger („Das Meer von Island“, 8062, 16.000 €), Eberz („Landschaft bei Assisi“, 8101, 18.000 €), Oppenheimer („Malerei und Musik“, 8030, 6.000 €) und Kohl („Lot und seine Töchter“, 8070, 18.000 €). Im Angebot gleich mehrere in der Vorkriegszeit geschaffene Ölbilder von Hans Spiegel, einem Mitglied der Stuttgarter Üecht-Gruppe, dessen Atelier und Werk im Krieg zerstört wurde („In der Sektbar“, 8083, 15.000 €). Und ein letztes Beispiel aus diesem grandiosen Katalog, der die Saison überdauern wird: Das „Bildnis eines Stinnesen“ (8102, 5.000 €) von Thilo Maatsch, der, von Kandinsky gefördert, Schwitters nahestand und 1927 eine Einzelausstellung in der Galerie Der Sturm hatte. Erst in den sechziger Jahren wurde sein Werk wiederentdeckt und ausgestellt.

Spitzenlos des regulären zweiteiligen Kataloges Moderne Kunst ist ein Aquarell aus Dresdner Privatbesitz: Noldes „Mohnblüten, Iris und violette Astern“ (8482, 100.000 €). Ein weiteres Nolde-Aquarell aus derselben Schaffenszeit Mitte der zwanziger Jahre, „Venedig, Santa Maria della Salute“, ist mit 40.000 € angesetzt (8483), eine Vorarbeit zum Ölgemälde „Das Abendmahl, Christuskopf“ von 1909, mit 12.000 €. Eigenartig entrückte Mädchenbildnisse gehören zu den eindringlichsten Werken Hofers. Aus dieser Werkgruppe stammt „Mädchen en face“ von 1954, ein Bild, das mit seinem feinsinnig abgestimmten, kontrastreichen Kolorit besticht (8387, 30.000 €). Durchweg auf hohem Niveau das übrige Angebot des Kataloges im Schätzpreissegment ab 10.000 €: Werke von Kollwitz, Purrmann, Mueller, Pechstein, Barlach, Felixmüller und Kirchner stehen hier den Bietern zu Gebote. Unter den Skulpturen verdient „Chéri Bibi“ von Max Ernst besondere Erwähnung. In 175 Exemplaren wurde die Bronze 1973 bei Valsuani, Paris, gegossen (8343, 13.000 €). Zum Schluss: Mel Ramos und Yves Klein – Pop Art und Monochromie, hier ein makelloser Rücken vor einem Coca-Cola-Emblem (8510, 12.000 €), dort „Monochrome und Feuer“, 1961 in Krefeld anlässlich einer Ausstellung erschienen, welche die einzige museale öffentliche Schau zu Lebzeiten des Künstlers bleiben sollte (8405, 12.000 €).

Die Fotografieauktion steht wie immer am Ende der Saison bei Bassenge. Eine Veranstaltung, bei der auch die heiteren Aspekte des Genres nicht zu kurz kommen. Das Cover des Kataloges zeigt einen Hund im blechernen Waschzuber, den Chromoprint „La Belle dü Topf“ aus der Studiodog-Serie von Thorsten Brinkmann (4101, 1.500 €). Unter den historischen Fotografien des 19. Jahrhunderts herausragend: ein „China-Souveniralbum“ mit 200 Vintages (4029, 3.000 €) und mehrere Portraits aus Bangkok (4071, 4072, 4.000 €/3.000 €). Im Kapitel 20. Jahrhundert und Contemporary das Großformat „Bibliothèque Nationale Paris“ von Manfred Hamm, der Lesesaal als sakraler Raum (4161, 7.000 €). Das Fluidum eines Hauses, das der Kunst dient, erfährt man hingegen in „Kunsthaus Bregenz I“ von Candida Höfer. Der Print aus einer 6 Abzüge umfassenden Auflage ist mit 28.000 € taxiert, dieses Mal das Spitzenlos der Auktion. Im dokumentarischen Metier: die zahlreiche Vintageabzüge umfassenden Reportagen von „Martin Luther Kings“ Beerdigung (4204, 4.000 €) und „Fidel Castros Staatsbesuch in der Sowjetunion“ (4210, 3.500 €).

In der Architekturfotografie schweifen wir von seltenen Aufnahmen der weißen „Bauhaus“-Stadt Tel Aviv aus den dreißiger Jahren (4084, 600 €) zu Sean Scullys „Fassaden in Lissabon“ (4315, 4.500 €) und kommen zu „Landschaften und Kleinstädten der DDR“. 57 Vintageabzüge von Ulrich Wüst, in den 70er bis 90er Jahren entstanden, sind mit 3.000 € taxiert. Ein veritables Seestück von Elger Esser (4133, 2.500 €), New York durch die Kameras von Arno Fischer (u.a. 4143, 2.500 €) und Clemens Kalischer (4196, 1.500 €), die Berliner Mauer von Will McBride (4253, 1.500 €) – jede Fotografie offenbart, dass es nicht darauf ankommt, was wir sehen, sondern wie wir es sehen. Und schließlich macht uns manches Foto klüger als zuvor. Eine Rückenansicht von … ? Richtig: „Albert Einstein“ (4154, 750 €). Selbst im Abstand von fünfzig nebeneinandergelegten Bassenge-Katalogen hätten wir ihn erkannt.

Veranstaltungen zum Bericht:
113. Auktion: Druckgraphik des 15.-19. Jahrhunderts
113. Auktion: Gemälde Alter und Neuerer Meister - Sonderauktion "Creatures" - Portrait-Miniaturen
113. Auktion: Zeichnungen des 16. - 19. Jahrhunderts - Discoveries - Moderne Kunst Teil II
113. Auktion: Vergessene Moderne - Meistergraphik deutscher Klassiker - Moderne Kunst Teil I
113. Auktion: Fotografie des 19. - 21. Jahrhunderts

Quelle: © Galerie Bassenge Berlin

Drucken

zurück zur Übersicht


Empfehlen Sie den Artikel weiter:
an





Galerie Bassenge Berlin

English Site Galerie Bassenge Berlin

Über uns

News

English Site News

Termine

English Site Termine

Highlights








Copyright © '99-'2019
Kunstmarkt Media
Alle Rechte vorbehalten


Impressum



Zum Seitenanfang Auktionen

 Amazon export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce  Amazon ebay rakuten yatego meinpaket export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce