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Willi Ruge, Selbstfoto im Moment des Abspringens, 1931

Willi Ruge, Selbstfoto im Moment des Abspringens, 1931

(aus der Serie: Ich fotografiere mich beim Absprung mit dem Fallschirm)

Vintage, Gelatinesilberabzug hochglänzend. 14,2 x 20,4 cm (17,8 × 24,3 cm). Rückseitig Papieretikett mit maschinenschriftlichen Angaben zum Motiv und Copyrightvermerk der 'Fotoaktuell GmbH, Berlin', Stempel des 'Archivo Caras y Caretas', dem Stempel 'Col. Fotografica', mit Tinte von fremder Hand bezeichnet 'AVIACION EXTR...', mit Bleistift von fremder Hand bezeichnet 'ojo' und 'Invertir' sowie mit Blei- und Buntstift von fremden Händen verschieden beziffert. - Mit den für Presseabzüge üblichen Gebrauchsspuren.

Losnummer: 529


„Ein zerschundenes Gesicht und zerschundenes Schienbein, aber… ein paar gute Aufnahmen. Im Ganzen gesehen: Mehr Glück als Verstand…“ (Anm. 1), so kommentierte Willi Ruge (1892 – 1961) die Bilder seiner spektakulären Photoreportage 'Ich fotografiere mich beim Absturz mit dem Fallschirm'. Im Mai 1931 in der 'Berliner Illustrierten Zeitung' erstmals mit einem von ihm selbst verfassten Text abgedruckt, sollte sie diejenige Reportage werden, mit der der Photograph auch international seinen größten Erfolg feierte: Der Veröffentlichung in 'The Illustrated London News' (Juni 1931) folgte wenige Wochen später die Publikation im New Yorker Magazin 'Time' sowie zwei weiteren US amerikanischen Zeitschriften, noch Mitte der 1930er Jahre wurde sie in der 'Weekly Illustrated London' gebracht (vgl. Abbn. 1-3). Der hier zum Aufruf kommende Vintage-Abzug stammt ursprünglich aus dem Archiv der argentinischen Wochenzeitschrift 'Caras y Caretas' (1898 – 1941), die die Serie im September 1931 unter dem Titel 'Por primera vez, en el mundo, un fotógrafo se lanza con su cámera en un paracaídas' publizierte. (Anm. 2) Rückseitig trägt der Abzug ein Papier-Etikett der 'Fotoaktuell', deren Inhaber Willi Ruge war und über die er seine Photographien international vertrieb.
Für Ruge muss der Gegenstand dieses Bildberichts das ideale Thema gewesen sein. Zum einen fanden hier seine zwei großen Leidenschaften zusammen: Jene für die Fliegerei – bereits als Schüler hatte er zwei Segelflieger selbst konstruiert, 1916 den Flugzeugführerschein erworben – und jene für seinen Beruf des Photoreporters. Darüber hinaus konnte der auf Luftphotographie spezialisierte Ruge, 1930 in einem Artikel als „tollkühnster Pressephotograph“ (Anm. 3) jener Zeit gewürdigt, hier neben seiner Abenteuerlust auch seinen unverhohlenen Hang zur Selbstdarstellung voll ausleben. Selbst Protagonist seiner Reportage, ist er nicht mehr der außerhalb des Geschehens agierende und objektiv dokumentierende Photograph, sondern macht sich und sein subjektives Empfinden zum Motiv.
Das Layout der 'Berliner Illustrierten Zeitung' folgt einer sorgsamen, ganz auf Spannung und Emotionalität setzenden Bildregie: Das Photo der sorgenvoll in den Himmel hinaufblickenden Gattin mit dem wenige Monate zuvor geborenen Sohn im Arm steht hier einem Bild gegenüber, das von einem Kollegen Ruges aus einem zweiten Flugzeug heraus im Moment seines Absprungs aufgenommen wurde; den krönenden Abschluss bildet eine Aufnahme, die den tollkühnen Helden nach der Landung in inniger Umarmung mit seiner erleichterten Liebsten zeigt.
Zu den eindrücklichsten Bildern der Serie jedoch gehören zweifelsohne die „Selbstfotos“, die, aufgenommen mit einem eigens zu diesem Zweck „besonders konstruierten Schmalfilmapparat mit automatischer Auslösung“ (Anm. 4), das Gesicht des Photographen in der Nahaufnahme zeigen. Durch die starken Schwarz-Weiß-Kontraste in seiner dramatischen Wirkung noch gesteigert, hebt es sich in unserer Aufnahme vor der im Hintergrund erkennbaren Berliner Vorstadtbebauung ab. Ruges angespannter Gesichtsausdruck mit dem wie zum Schrei geöffneten Mund steht hier in einem seltsamen Kontrast zur Unterschrift, mit der er das Bild später versah: „Während des Sturzes: ‚Die Empfindung des Fallens, der Geschwindigkeit und des Gefahrvollen hatte ich fast nicht.‘“ (Anm. 5) Die Photographie spricht hier aufgrund ihrer starken innerbildlichen Dynamik durchaus eine andere Sprache. Heute kann sie als Sinnbild für eine Epoche gedeutet werden, die von der Faszination an technischem Fortschritt, Tempo und optischen Sensationen geprägt war.
Ein identischer Vintage-Abzug unseres Motivs wird aktuell in der vielbeachteten Ausstellung 'Masterworks of Modern Photography 1900 – 1940. The Thomas Walther Collection at The Museum of Modern Art, New York' mit Stationen in Lugano, Paris und Turin gezeigt. Auf einer Auktion kommt diese Aufnahme, von der nach heutigem Kenntnisstand neben dem hier angebotenen Abzug nur noch das erwähnte Exemplar im Museum of Modern Art nachgewiesen ist, erstmals zum Aufruf.

Wir danken Ute Eskildsen, Essen, und Sophie Hackett, Toronto, für hilfreiche Auskünfte.


Anmerkungen:
1. Willi Ruge, Ich fotografiere mich beim Absturz mit dem Fallschirm, in:
Berliner Illustrierte Zeitung, Nr. 21, 24. Mai 1931, hier zitiert nach:
Ute Eskildsen/Felix Hoffmann (Hg.), Willi Ruge. Fotografien 1919 – 1953,
Ausst.kat. C/O Berlin, Göttingen 2017, S. 245f.
2. Caras y Caretas, Buenos Aires, Nr. 1721, 26.09.1931.
3. Zit. nach Ute Eskildsen, Fotoaktuell – Willi Ruge. Abenteuer für die Presse,
in: Eskildsen/Hoffmann 2017, S. 196.
4. Eskildsen/Hoffmann 2017, S. 199.
5. Eskildsen/Hoffmann 2017, S. 214.

Provenienz

Privatsammlung, Frankreich

Literaturhinweise

Ute Eskildsen/Felix Hoffmann (Hg.), Willi Ruge. Fotografien 1919 - 1953, Ausst.kat. C/O Berlin, Göttingen 2017, S. 70 mit Abb.; Sarah Hermanson Meister (Hg.), Masterworks of Modern Photography 1900 - 1940. The Thomas Walther Collection of Photography at the Museum of Modern Art, New York, Ausst.kat. Museo d'arte della Svizzera italiana, Lugano u.a., Mailand u.a. 2021, S. 200 mit Abb.


Veranstaltungshinweise:

Am 01.06.2022 Auktion 1199: Photographie


Schätzpreis: 30.000 - 40.000  EURO

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