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L.A. Galerie - Frankfurt - Case Studies / Peter Bialobrzeski und Oliver Boberg

L.A. Galerie - Frankfurt - Case Studies / Peter Bialobrzeski und Oliver Boberg

Case Studies: Peter Bialobrzeski und Oliver Boberg

vom 27.03.2009 bis 23.05.2009

L.A. Galerie

Domstrasse 6

DE-60311 Frankfurt am Main

Telefon: +49 (0)69 288 687-0

Telefax: +49 (0)69 280 912-0

E-Mail: L.A.Galerie-Frankfurt@t-online.de

URL: www.lagalerie.de

„ . . . die Städte der Zukunft (werden) nicht aus Glas- und Stahlkonstruktionen bestehen, wie es sich frühere Generationen von Urbanisten ausgemalt haben, sondern eher aus grobem Backstein, Stroh, recyceltem Plastik, Zementblöcken und Abfallholz.“
Mike Davis, Planet der Slums, 2006

Unabhängig voneinander setzen sich Oliver Boberg und Peter Bialobrzeski, beide seit vielen Jahren Künstler der L. A. Galerie, in ihren neuesten Arbeiten mit dem Thema des Bauens in von Armen und Arbeitsmigranten errichteten Stadtvierteln der Großstädte der südlichen Hemisphäre auseinander. So liegt es nahe, beide Werkgruppen in einer Doppelausstellung gegenüberzustellen.
Diese Gegenüberstellung ist insofern aufschlussreich, als es neben motivischen auch formale Parallelen zwischen den Bildern der beiden Künstler gibt, obwohl die Prozesse ihrer Entstehung völlig verschieden sind.

PETER BIALOBRZESKI, CASE STUDY HOMES
Die Serie „Case Study Homes“ von Peter Bialobrzeski entstand im Februar 2008 in Baseco (The Bataan Shipyard Corporation Compound), einem an der Mündung des Flusses Pasig nahe dem Hafen Manilas gelegenen Squatter Camp. In diesem Stadtviertel, auf unsicherem, instabilem Baugrund einer früheren Müllhalde erbaut, wohnen auf 300 ha derzeit ca. 70.000 Menschen.
Etwa 45% der über 11 Mio. Menschen umfassenden Bevölkerung der Region Metro Manila leben in Squatter Camps und Slums.
Die bei dieser fotografischen Recherche entstandenen Bilder folgen einer strengen Komposition. Aus alten Latten und Pfählen, Planen, Dachpappe, Wellblech und unterschiedlichsten Stoffstücken von den Bewohnern selbst gebaute Hütten füllen die Bilder jeweils so aus, dass das einzelne Haus möglichst ganz erfasst, gewissermaßen porträtiert wird. In vielen Fällen wählte der Fotograf einen Blickwinkel von schräg vorne; auf diese Weise sieht man die Front und eine Seitenwand des Hauses. Eher selten sind strenge, frontale Ansichten und Aufnahmen von zwei oder mehreren Häusern. Das weiche natürliche Licht des bewölkten Himmels erzeugt eine gleichmäßige Ausleuchtung ohne starke Licht- und Schattenkontraste. Menschen sind eher selten am Rand der Bilder zu sehen. (Es gibt eine Ausnahme, wo ein lächelnder Bewohner in der Tür zu seiner Hütte sitzt, so dass man die Größe, oder vielmehr Kleinheit, des Gebäudes ermessen kann. Auch ihn entdeckt man aber erst auf den zweiten Blick.) Bialobrzeskis Ansatz bei den „Case Study Homes“ erinnert an die fotografischen Serien von Bernd und Hilla Becher, die die paradigmatischen Arbeiten zur Typologie „nomadischer Architektur,“ insbesondere von Industriegebäuden, geschaffen haben. Peter Bialobrzeski konterkariert allerdings die betont sachliche Position der Bechers in mehrfacher Hinsicht.

Bereits das Thema – die aus Fundmaterialien selbst gebaute Hütte – widersetzt sich dem Gesetz der Reihe oder des Typus.
Die Häuser haben eine anarchische, piratenhafte, improvisierte Erscheinung. Die Regel, daß bestimmte Merkmale jenseits von Dach und Wänden bei einem typischen Baseco-Haus jedenfalls vorhanden sein müssen, existiert nicht. Die Erbauer-Bewohner finden je individuelle Lösungen für den Bau ihrer Behausungen aus scheinbar wertlosem Abfall. Eine gewisse Rolle spielt dabei
offenbar die Rahmen- und Pfahlbauweise, die bei traditionellen Hütten in Asien üblich ist.
Hinzu kommt, daß Peter Bialobrzeski hier wie in allen seinen bisher entstanden Serien in Farbe fotografiert. In ihrer Buntheit und Vielfalt, oft unter Verwendung farbiger Planen oder alter Werbetransparente entstanden, verwandeln sich die notdürftigen Behausungen im Auge des westlichen Betrachters in Kunstwerke nach dem Prinzip der Collage. Trotz dieser kunstvollen Anmutung, die sich auch der Inszenierung der Bilder verdankt, läßt es sich in keinem Moment vergessen, daß diese die Lebensumstände vieler Menschen dokumentieren. Eine ähnliche Erfahrung macht der Betrachter der früheren Serien Bialobrzeskis.

Die kunstvollen Kompositionen und die Farbigkeit machen etwa die Bilder der asiatischen Megacities aus der Serie „Neontigers“ für das Auge höchst anziehend; die Lebenswirklichkeit, die sie dokumentieren, erscheint vielen als abschreckend. In dem seit 1997 entstandenen Oeuvre Bialobrzeskis verhält sich „Case Study Homes“ komplementär zu den Serien „Neontigers“ (2000-2002) und „Lost in Transition“ (2004-2005), aber auch zu den nostalgischen Bildern aus der Serie „Heimat“ (2002-2005).

Der Titel „Case Study Homes“ spielt auf das „Case Study House Program“ an, das 1945 von dem Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift Arts and Architecture, John Entenza, initiiert wurde und heute als einer der bedeutendsten Beiträge Amerikas zur modernen Architektur des 20. Jahrhunderts gilt. Ziel des Programms war es, moderne Einfamilienhäuser zu entwickeln, die aus preisgünstigen Materialien gebaut werden konnten.
Beteilig waren Architekten wie Richard Neutra, Charles und Ray Eames, und Raphael Soriano; auch Julius Shulmans Fotografien dieser Wohnikonen trugen dazu bei, sie im kollektiven Gedächtnis der Moderne zu verankern. Das Wohnen nach dem Modell der Häuser in Baseco/Manila ist aber zweifellos für viel mehr Menschen verbindlich, als jenes der modernen Wohnhäuser um Los Angeles.

OLIVER BOBERG
Auch Oliver Boberg hat für seine neue Serie Slum-Häuser fotografiert. Allerdings hat er sie zuvor selbst gebaut. Oliver Boberg erarbeitet in einem langen und aufwendigen Werkprozess Bilder von Bildern. Grundlage seiner neuen Arbeiten ist ein großes Archiv von Aufnahmen von Slum-Häusern aus Elendsvierteln vieler Städte. In einer analytischen Auseinandersetzung mit
diesen Bildern ermittelt Boberg die typischen Merkmale solcher Häuser. Es entstehen Zeichnungen und Entwürfe, die ihrerseits die Grundlage von Modellbauten sind. Diese werden fotografiert und zuweilen auch in kurzen Filmsequenzen inszeniert.
Bislang konzentrierte sich Boberg meist auf die Un-Orte seiner westeuropäischen Umgebung. Das vom täglichen nicht-Hinsehen Vertraute war Thema seiner Bilder. Hinzu kamen die Kurzfilme, die typische, unheimliche Filmsituationen reinszenierten.
Nicht nur die Perspektive auf Lebenssituationen jenseits unserer unmittelbaren Erfahrung ist neu an den seit 2008 entstehenden Arbeiten der Slum-Serie; zum ersten Mal integriert Boberg ein Element, das in der Entwurfsphase seiner Arbeiten immer stärker an Bedeutung gewann und schließlich einen autonomen Status erlangte, in die Ausstellung: die Photoshop-Zeichnung.
Im Zentrum von Bobergs Arbeiten stehen schon immer Gebäude bzw. durch menschliche Bautätigkeit entstandene Situationen. Sein Hauptinteresse richtete sich dabei weniger auf den individuellen Gestaltungswillen von Architekten oder Bauherren, sondern vielmehr auf durch Zufall und Umstände zustande gekommene Konstellationen. Ausgangspunkt früherer Arbeiten waren gesammelte, aber auch selbst aufgenommene Fotografien. Für die Slum-Serie bediente sich Boberg des unerschöpflichen Archivs Internet, wo sich sehr viele Abbildungen von Slums finden lassen. Thema ist also genaugenommen nicht das Slum-Haus, sondern das vielfach transportierte Bild des Slum-Hauses, mit dem Boberg sich auseinandersetzt. Bobergs Zugang zu dem Thema ist ein intuitiver, prozesshafter. Sein Blick ist noch stärker auf das Detail gerichtet als der Bialobrzeskis. Er spielt mit den Bildern im Kopf der Betrachter, baut auf verschiedenen Ebenen Collagen.
Die an japanische Anime-Filme erinnernden riesigen Photoshop-Zeichnungen erscheinen auf den ersten Blick schlüssig, fast zu idyllisch. Wir ertappen uns dabei, wie wir sie unwillkürlich um zerlumpte (aber fröhliche) Kinder oder Hunde ergänzen. Bei näherer Betrachtung wird die synthetische Machart der Bilder deutlich, die aus verschiedenen Elementen und unterschiedlich
bearbeiteten – mal zeichnerisch ausgeführten, mal nur farbig angelegten
– Teilen zusammengesetzt sind.
Unser Bildgedächtnis, Speicher und Auslöser unserer Vorstellungen und Ideen ist es, das Boberg mit seinen Arbeiten anspricht und dessen Funktionieren beim Betrachten seiner Bilder bewusst wird. Auch bei seinen Filmen, in denen nur minimale Veränderungen passieren, spinnen wir die Handlung unwillkürlich fort, überträgt sich eine Stimmung sofort auf die Betrachter. Während vor Bialobrzeskis Arbeiten die Irritation wächst, weil die Betrachtungsweise unseren Erwartungen zuwiderläuft, lassen wir uns zunächst willig auf Bobergs Vorgaben ein, ergänzen die Bilder unwillkürlich und unbewusst um die fehlenden Details und denken sie weiter.
In dem zum Klassiker avancierten Katalog der Ausstellung „Architecture Without Architects“, die 1964 im Museum of Modern Art in New York gezeigt wurde, schrieb Bernard Rudofsky: „the philosophy and know-how of the anonymous builders presents the largest untapped source of architectural inspiration for industrial man. The wisdom to be derived goes beyond
economic and esthetic considerations, for it touches the far tougher and increasingly troublesome problem of how to live and let live“. Rudofsky hatte dabei die seit Urzeiten überkommenen Bauweisen und -formen traditioneller Architektur vor Augen.
Es erscheint aber mindestens überlegenswert, ob die auf unsicherem Grund gebauten Häuser, ungeachtet ihrer Armseligkeit, nicht zugleich als Zeugnisse des Überlebens- und Gestaltungswillens, als Spiegel der Individualität ihrer Bewohner, durchaus als Inspirationsquelle im Sinn Rudofskys dienen können.

© Text von Bettina Schmitt, Frankfurt a.M.

Weitere Informationen: www.lagalerie.de

Weitere Infos:

Wir laden Sie und Ihre Freunde herzlich zur Eröffnung der Ausstellung
am Freitag, den 27. März um 19.00 Uhr ein.
Die Künstler sind anwesend.



Künstlerbiographie(n) und Kunstwerke:
Peter BialobrzeskiOliver Boberg

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 Case Studies / Peter
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 Oliver Boberg

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