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Marinus van Reymerswale, Der Geldverleiher

Marinus van Reymerswale, Der Geldverleiher

Öl auf Holz. 80,5 x 54,5 cm.r

Losnummer: 8


Er ist in mehrfacher Hinsicht ein enigmatischer Künstler. Ebenso spärlich wie die biographischen Informationen über Marinus van Reymerswale sind auch gesicherte Überlieferungen zu seinem malerischen Werk. Geboren wurde er um 1490 in Reimerswaal in der Provinz Zeeland; 1504 ist er als „armer Student“ an der Universität Löwen eingeschrieben; 1509 weilt er in Antwerpen und hat Kontakt zu Quinten Massys. 1531 wird Marinus in seiner Geburtsstadt Reimerswaal als Maler und Kartograph erwähnt; um 1540 zieht er nach Goes, wo er spätestens 1556 stirbt und eine Witwe hinterlässt.
Karel van Mander schreibt 1604 in seinem „schilder-boeck“, dass es in Zeeland viele Werke von Reymerswale zu sehen gäbe und erwähnt dabei eines mit seinem Titel: „Ein Zöllner in seinem Kontor“. Damit beschreibt er den Bildtypus, der bis heute als die eigentliche Domäne dieses Künstlers gilt. Denn abgesehen von seinem berühmten „Hieronymus im Gehäus“, zwei kleineren Madonnentafeln und einer „Berufung des Apostels Matthäus“ sind von Reymerswale ausschließlich Interieurs überliefert, in denen Zöllner, Steuereinnehmer oder Geldwechsler ihr fragwürdiges Gewerbe treiben.
Diese so eifrig verfolgte Bildgattung, das sogenannte „Kontorbild“, hat van Reymerswale bei Quinten Massys gesehen. Doch die Beharrlichkeit und Ausschließlichkeit, mit der er das Sujet bearbeitet, das fratzenhaft Gallige seiner Protagonisten, sprechen eine andere Sprache als die seines Antwerpener Vorbilds. Marinus verspottet „die Geldgier und den Geiz, die bürokratische Verbohrtheit und die harte Unerbittlichkeit des Zählens und Wägens von Geld“ (Friedländer). Dabei entfernt er sich von dem klassischen Genrebild mit seinem Interesse am realen Leben und Treiben zeitgenössischer Personen. Sein Bildpersonal hingegen trägt seltsam altertümliche, aus der Zeit gefallene Kostüme und bizarre Kopfbedeckungen - wohl mit dem Ziel, das Wesen der verhassten Berufe von Wucherern und Steuereinnehmern zu entlarven. Auch die grotesken Kopfbildungen und ihr grimassierender Ausdruck zeichnen sie als bösartig und arglistig aus. Van Reymerswale ist ein zorniger Maler. Oder nur ein Warner?
Obwohl Antwerpen als seine geistige Heimat anzusehen ist, scheint doch die Zurückgezogenheit in der Enge der Provinz der Originalität seiner Werke geradezu zum Vorteil gereicht zu haben. Abgesehen von dem Vorbild Massys´ ist van Reymerswales eigenwilliges Werk in dem allgemeineren Kontext zu sehen, der zwischen Hieronymus Bosch und Pieter Brueghel d. Ä. anzusiedeln ist. Geiz und Habgier spielen auch in den Bildern dieser Maler eine Rolle. Die Aktualität solcher moralisierenden Themen schlägt sich zum Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts auch in literarischen Texten wie Sebastian Brants „Narrenschiff“ oder in der Beliebtheit von Bibelzitaten nieder, die die niederländischen Maler versteckt und verschlüsselt, aber immer mit Absicht in ihre Bilder eingebaut haben. Die Habgier, die sogenannte „Avaritia“ ist eine der Todsünden, die die Künstler, aber auch Philosophen wie Erasmus von Rotterdam und andere Humanisten, oft thematisiert haben. Eng damit verbunden ist in der Malerei das Vanitas-Motiv, das jetzt zu einer eigenen Bildgattung avancierte. Auch in den Bildern von Marinus van Reymerswale taucht der Gedanke an die Vergeblichkeit und Vergänglichkeit der weltlichen Güter in kleinen, beiläufig erscheinenden Gegenständen auf - z. B. in der ausgelöschten Kerze oder der ovalen Holzschachtel mit ihren zerknitterten Papieren.
Das Oeuvre von Marinus van Reymerswale ist durch zahlreiche Wiederholungen gekennzeichnet. Allein von seinem Bild „Hieronymus im Gehäus“ gibt es 19 Versionen, die Adri Mackor als eigenhändig anerkennt. Unser Bild ist hingegen nur in dieser einzigen Version bekannt. Mackor hat das Gemälde im Original studieren können, als es sich in den späten 1980er Jahren in der Kunsthandlung Newhouse in New York befand. Dabei erkannte er den direkten Zusammenhang der Komposition mit dem Geldwechsler aus Dürers Holzschnitt „Tempelgang Mariens“. Dieses druckgraphische Blatt gehört zu dem Zyklus von 19 Stichen Albrecht Dürers mit dem Titel „Marienleben“, der 1511 in Buchform erschien und im Laufe der folgenden Jahre weitere Auflagen erfuhr. Am Tempeleingang von Dürers Komposition sitzt ein Geldwechsler, der Marinus zu diesem Gemälde inspirierte.
Die Inschriften auf dem Gemälde lassen vermuten, dass es sich allerdings um einen "Waerdiere", einen Schätzer handelt. Auch dieser scheint kein beliebter Zeitgenosse gewesen zu sein. Zu Marinus' Zeiten wurden unbewegliche Güter von außen, von bestellten Schätzern bewertet, um die direkten Steuern auf sie zu bestimmen.
Wir danken Dr. Adri Mackor für freundliche Auskünfte.

Das Gemälde wird angefragt als Leihgabe für die Ausstellung "Dürer war hier. Eine Reise wird Legende" vom 18. Juli bis 24. Oktober im Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen.

Provenienz

Adam Williams / Newhouse Galleries, New York.

Literaturhinweise

Peter Van der Coelen u. Friso Lammertse (Hg.): Ausst.-Kat. „De ontdekking van het dagelijks leven van Bosch tot Bruegel“, Rotterdam, Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam 2015, S. 112, Abb. 106. - Zum Künstler vgl. Max J. Friedländer: Die altniederländische Malerei, Bd. XII, Leiden 1935, S. 69-76.


Veranstaltungshinweise:

Am 08.12.2020 Auktion 1168: Meisterwerke der Sammlung Bischoff


Schätzpreis: 200.000 - 300.000  EURO

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