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Welke Pflanze, möglichst präzise

Julius Schnorr von Carolsfeld, Zweig mit welken Blättern

Wer in diesen Tagen den düsteren Wolken am Horizont entkommen möchte, dem sei der Gemäldekatalog der Galerie Bassenge empfohlen. Ein Blick auf die Innenseiten des Umschlags und man glaubt sich an einen Ort heiterer Lebenslust versetzt. Tübbeckes lichte Sommerwolken sind wahrlich ein Geschenk des Himmels, eine Ablenkung, die mit bescheidenen 900 € geschätzt ist (Los 6152). Sollte man nicht das gesamte Angebot der Kunst-und Fotografieauktion der Galerie Bassenge – stattliche 2700 Lose Druckgraphik, Zeichnungen, Gemälde und Fotografie – als Aufforderung deuten, mit Auge und Verstand über den Horizont hinaus zu blicken und selbst bei schlechtem Wetter gelassen zu bleiben?

Diesem Vorhaben entspräche im Katalog Druckgraphik zum Beispiel der Kupferstich nach Pieter Bruegel d.Ä.: Im Vordergrund das Getümmel anlässlich der Seeschlacht von Messina, dazu ein rauchender Ätna. In der Ferne, wo die Schiffe schon etwas friedlicher kreuzen, leuchtet hell der Horizont (5052, Schätzpreis 15.000 €). Oder nehmen wir die zechende und tanzende Gesellschaft auf der Dorfkirmes unter dem großen Baum des Spezialisten für Humoristisches Adriaen van Ostade (5187, 12.000 €). Schließlich eine Begegnung mit der Serenissima: die vollständige Suite der Vedute di Venezia aus dem Jahr 1703 von Luca Carlevarijs, 103 vorzüglich erhaltene Ansichten von Venedig, ist mit 12.000 € angesetzt (5287). Drei Beispiele aus einem überbordenden Angebot, das neben der deutschen (Altdorfer, Baldung, Dürer), italienischen (Piranesi, Bellotto, Rossini, Bonasone) und niederländischen Druckgraphik (Bosch, Rembrandt, Jegher), auch ein sehr gut erhaltenes Exemplar der Proverbios von Goya in der dritten Auflage (5312, 9.000 €) vorlegt. Im 19. Jahrhundert zudem gut repräsentiert sind dänische Künstler wie Eckersberg, Ilsted und Købke.

Der zweite Auktionstag wird mit dem Ausruf von 250 Gemälden beginnen, darunter als Spitzenlos eine der erfolgreichsten Schöpfungen von Rubens: Der Christusknabe mit dem kindlichen Johannes dem Täufer. Im Auftrag des Genueser Aristokraten Spinola entstanden, avancierte das Bild in den 1950er Jahren zu einem der bekanntesten Rubens-Gemälde in den USA, da es dort in zahlreichen Städten gezeigt wurde (6010, 120.000 €). Ein weiterer Höhepunkt: Das Bildnis einer Velletrinerin von Wach (6083, 40.000 €). Hier erblickt man eine extravagante weibliche Schönheit als Idealgestalt, im Hintergrund die Campagna und die blauen, hauchzart umwölkten Albaner Berge. Eine symbolische Landschaft im Abendlicht mit Baum und Wanderer des kaum bekannten Dahl-Schülers Eduard von Buchan zählt zu den Überraschungen des Katalogs (6099, 40.000 €). Die minutiöse Darstellung des bildbeherrschenden Baumes vor phantastisch anmutender Kulisse kann sich an Caspar David Friedrich messen und ist auch als Allegorie der Lebenskraft, des Alters und der Vergänglichkeit zu verstehen. Ebenfalls bislang unbekannt: der Ausblick aus einem gotischen Portal auf eine abendliche Landschaft des von Schadow hoch geschätzten und bewunderten Karl Friedrich Hampe. Sein Entwurf einer idealen Kulturlandschaft soll 24.000 € einbringen (6092). Der Auftritt von Pompon in diesem Katalog ist so skurril, dass er eine Erwähnung verdient. Delamarres Porträt des Schoßhundes der Marie Antoinette zeigt den Pudel so groß wie die Feder im Tintenfass neben ihm und so putzig frisiert, dass man es sofort für möglich hält, dass er vom eigens dafür abgestellten Diener mit Hühnchen gefüttert wurde (6065, 14.000 €). Der schlafende Hund aus Österreich wird sich indes von einem Pompon kaum aufschrecken lassen (6224, 900 €).

Julius Schnorr von Carolsfelds Zeichnung von 1817 Ein Zweig mit welken Blättern wird in der Abteilung Zeichnungen des 16. bis 19. Jahrhunderts größte internationale Aufmerksamkeit erregen. Das von der National Gallery of Art restituierte Blatt, ein unvergleichliches Meisterwerk der Romantik, ist mit 450.000 € notiert. Um dieses zentrale Objekt des über 300 Lose umfassenden Katalogs gruppieren sich Zeichnungen von Jan de Bisschop (Der Tempel des Marius in Rom, 6526, 15.000 €), eine Studie zu der Figur des Hl. Sebastian von Salvator Rosa (6542, 9.000 €), Rørbyes Porträt eines Athener Geschäftsmannes, 6749, 12.000 €) und ein Aquarell von Fidus (Der Tempel ohne Thor, 6774, 12.000 €). Edmund Steppes‘ Distel am Schluss des Katalogs wirkt wie ein Zitat: Auch Steppes versuchte hundert Jahre nach Schnorr von Carolsfeld, eine welke Pflanze möglichst präzise zeichnerisch festzuhalten (6788, 4.500 €).

Und wohin lenkt die Moderne unseren Blick? Der gewichtige, zweiteilige Katalog bringt es auf annähernd 1000 Lose. Eine Reminiszenz an den Sommer eröffnet die Auktion: Lucien Adrions Ölbild Sommerlicher Strandtag von 1920 (8000, 10.000 €). Das teuerste Werk ist Conrad Felixmüllers Porträt seines zufrieden lächelnden Sohnes Luca im Papierhut, den dieser allerdings auf dem Kopf trägt (8060). Das werkgeschichtlich bedeutende Ölbild – es bezeugt Felixmüllers Abkehr von sozialkritischen Sujets hin zum Privaten, seinem Familienleben, ab Mitte der 1920er Jahre – hat eine Schätzung von 80.000 €. Kaltnadelradierungen von Max Beckmann, darunter das grandiose Selbstbildnis mit Griffel (8019) und die Folge Jahrmarkt (8020) liegen mit 40- und 45.000 € im oberen Preissegment des Katalogs, ebenso das Stilleben von Botero (8031, 40.000 €), Georg Tapperts Sitzende im Café (8290, 30.000 €) oder die Federzeichnung Germanentag von George Grosz (8083, 30.000 €), die einige Vertreter dieses Volksstamms beim Grillen im Regen zeigt. Ein seltenes Frühwerk von Hannah Höch, die Gouache Den Haag, Küche, Petroleumkocher von 1927 (8103), dürfte die Schätzung von 25.000 € spielend übertreffen. Ebenso Noldes Kniendes Mädchen, eine seltene Kaltnadelradierung von 1907 (8208, 28.000 €). Yves Kleins Farbserigraphie von 1961 Monochrome und Feuer (8140, 18.000 €) hat eine goldene Mitte und gibt dem Zeitgenössischen (und manchmal nicht mehr ganz so Zeitgenössischen) ein eigenes Gewicht: von Beuys und Doig über Grützke, Hamilton, Hoenerloh bis Lüpertz, Mack, Marwan und Vostell reicht die Palette. Das diesmal eminente Angebot an Skulpturen wird von einem sehr seltenen Lebzeitenguss einer mit 50.000 € taxierten Sitzenden von Georg Kolbe (8143) angeführt.

Fast 350 Lose Fotografie beschließen wie immer die Auktionsperiode der Galerie Bassenge. Ein Viertel davon entfällt auf das 19. Jahrhundert. Trémaux‘ Serie von 14 Abzügen enthält die frühesten, in Afrika entstandenen Fotografien (4079, 4.000 €). Im Abschnitt 20. Jahrhundert herausragend: 3 Vintages eines Kokskohlenturmes der Grube Eschweiler von Bernd und Hilla Becher (4104, 18.000 €), eine Serie mit Porträts des hoch angesehenen amerikanischen Fotografen Peter Hujar (4200ff., 2-8.000 €), Arbeiten von Steinert, O’Neill und Johnstone sowie ein China-Album aus den dreißiger Jahren (4138, 7.000 €). Wunderbar, dass Alberto Giacometti an unterschiedlichen Stellen des Katalogs in Erscheinung tritt, so zum Beispiel auf Cartier-Bressons berühmtem Foto im Pariser Regen (4129, 4.000 €). Giacomettis Rezept für Schlechtwetterlagen, den Mantel über den Kopf stülpen und über die Pfützen springen, hat bis heute Gültigkeit.

Veranstaltungen zum Bericht:
108. Auktion: Druckgraphik des 15. - 19. Jahrhunderts
108. Auktion: Gemälde Alter und Neuerer Meister - Zeichnungen des 15. - 19. Jahrhunderts
108. Auktion: Moderne Kunst Teil I und II
108. Auktion: Fotografie des 19. - 21. Jahrhunderts - Fotobücher

Quelle: © Galerie Bassenge Berlin

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