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Fidus, Im Tempel der Ausgießung, 1911/1947

Fidus, Im Tempel der Ausgießung, 1911/1947

Öl bzw. Tempera auf Hartfaserplatte. 1911/1947.
118,7 x 188,4 cm.
Unten rechts mit Pinsel in Rot signiert "Fidus" und zweifach datiert, unten links betitelt.

Losnummer: 8562


Die Idee eines Tempels geht bei Fidus bis in die Lehrjahre an der Lübecker Gewerbeschule zurück. Seine Pläne, einen Tempel zu erbauen, verdichten sich um 1900. Fidus zeichnet mehrere Tempelentwürfe mit unterschiedlichen Themen, meist sind es Mischungen unterschiedlichster Bauformen. 1903 gilt er als "Tempelkünstler" und widmet sich dem Thema in öffentlichen Lichtbildvorträgen. Fidus war nicht der einzige, der in dieser Zeit von einem Tempel träumte. Bereits sein Lehrer Diefenbach schmiedete während seiner glücklichsten Zeit in Ägypten 1895-96 Pläne zur Realisierung eines gewaltigen Tempels am Rande der Wüste in Form einer Sphinx. Die erst kürzlich wiederentdeckte schwedische Künstlerin Hilma af Klint erhielt 1904 als Medium einen umfassenden Auftrag Tempelbilder zu malen, für einen Tempel, der nie realisiert wurde. Einzig Rudolph Steiners legendäres erstes Goetheanum wurde in den Jahren 1910-13 in Dornach bei Basel erbaut. Fidus sah sich in Konkurrenz mit ihm, war er 1903/1904 ebenfalls in die Schweiz (Walensee) gezogen, um einen Palast zu bauen, was aber an den hierfür nicht aufzutreibenden finanziellen Mitteln sowie unglücklichen Verläufen scheiterte.

Unter den Tempelanlagen verstand man zu der Zeit demokratisierte und säkularisierte Formen, die als Konzert-, Tanz- oder Theatersaal dienten. In einem seiner Aufsätze schrieb Fidus: "Unsere kommenden Tempel werden wundersame Darstellungen einheitlicher Gefühlserlebnisse sein." (zit. nach Frecot/Geist/Kerbs, S. 244). Unser monumentales Gemälde mit dem Titel "Tempel der Ausgießung" stellt ein solches Erlebnis dar. Es wiederholt nahezu vollständig eine bereits 1911 ausgeführte Version. Sie diente, wie der damaligen Bezeichnung zu entnehmen ist, als Entwurf für eine Altarwand. Sie zeigt eine Art zeremoniellen Tanz von mehreren, mit übersinnlichen Kräften ausgestatteten Menschen, die durch Luftschwingungen rhythmisch miteinander verbunden sind. Zentral und fast in ekstatischer Verzückung empfängt eine frontal stehende Figur die "Ausgießung" von Strahlen, die von oben herabfließen und gleichzeitig, einer Schnittstelle gleich, empfängt die Figur die Luft der Erde, die von unten aufwärts strömt. Die dargestellten Menschenfiguren erinnern augenfällig an Fidus' Aquarell "Lufträger" (Los 8567). Auf dem Altarbild sind sie ebenso erfüllt von übersinnlichen Schwingungen, die sie in Verbindung zum kosmischen Ganzen setzen. Fidus macht diesen Vorgang auf dem Altarbild auf monumentale Art sichtbar und feiert den Reigen der spirituellen Priester in aufwendiger, geradezu pompöser ornamentaler Rahmung.

Literatur: vgl. Frecot/Geist/Kerbs: S. 354, 5.1, 1911/11


Veranstaltungshinweise:

Am 27.11.2020 bis 28.11.2020 116. Auktion: Moderne Kunst Teil I + II . Fidus – Auf der Suche nach dem Licht


Schätzpreis: 30.000,-  EURO

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