Die Kunst, online zu lesen.

Home



News

Mutzli, die Melancholie und der Rambaramp aus Malakula

Rosemarie Trockel: einer von 66 individuell gestalteten Schecks bedeutender Künstler*innen aus der Sammlung Benjamin Katz, 1980-1992

Frühjahrsauktion der Galerie Bassenge: In sieben Katalogen präsentiert das Haus fast 3000 Objekte – Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphiken, Skulpturen, Artefakte und Photographien. Von Dürer bis zu Baselitz, von Tiepolo bis Fidus, von Anschütz bis Moholy-Nagy.

Den Auftakt für die Kunstauktionen der Galerie Bassenge gibt auch in diesem Frühjahr die Druckgraphik des 15. bis 19. Jahrhunderts. Mit 120.000 € Schätzwert ist einer der drei Meisterstiche Albrecht Dürers, „Die Melancholie“ (ein Exemplar im zweiten Druckzustand), das Spitzenlos des Kataloges (Los 5077). Zwei weitere Kupferstiche flankieren dieses berühmte Blatt: „Das Meerwunder“ in einem vollendet schönen und daher höchst seltenen Exemplar (5076, 60.000 €) und „Der Gewalttätige“ (5078, 25.000 €). Letzterer gilt als der früheste Kupferstich Dürers und variiert ein beliebtes Bildmotiv des 15. Jahrhunderts auf eine bis dahin nicht gekannte drastische Art und Weise. Ein ungewöhnlich großes, spektakuläres Blatt von Jean Mignon aus der Schule von Fontainebleau, die kolorierte Radierung „Frauen im Bade“, bietet eine elegante Schau der Entblößung. Der ausgezeichnete, sehr schön erhaltene Druck ist ein Rarissimum ersten Ranges (5141, 15.000 €). Im Kapitel 19. Jahrhundert auf demselben Niveau taxiert: Die Folge nach den Goetheschen Faust-Illustrationen von Peter von Cornelius, hier in der ersten Auflage aus dem Jahr 1816, ein Höhepunkt im zeichnerischen Oeuvre des Künstlers (5323). Max Klingers erster Radierversuch, „Die Sphinx“ von 1878, dürfte am Schluss des ersten Auktionstages auf großes Interesse stoßen. Dieses einzige noch im Handel befindliche, bereits im Jahr 1903 auf einer Berliner Versteigerung bei Sammlern höchst begehrte Blatt, ist mit 12.000 € angesetzt.

Herausragende Gemälde sind in dieser Auktion Hummels „Mühlental bei Amalfi“ (6070, 35.000 €), auf dem sich diese oft von Künstlern festgehaltene Partie in einem ungewöhnlichen, die Erhabenheit der Natur betonenden Blickwinkel vor dem Betrachter auftut. Ebenso eindrücklich: „Die Bucht von Genua“ von Carl Rottmann, eines der ersten Werke, die der Künstler auf seiner von König Ludwig I. finanzierten Italienreise 1826 schuf (6059, 32.000 €). Wenige Jahre später reist Károly Marko d. J. in den Süden und widmet sich einem anderen Sehnsuchtsort mit einem „Blick auf Florenz“ (6079, 28.000 €). Schließlich ein Werk von Ludwig Guttenbrunn: Während seiner Tätigkeit als Hofmaler von Katharina der Großen porträtierte er die „Herzogin von Serracapriola“ im Freien vor abendlicher Kulisse (6028, 35.000 €).

Das wie stets mit über 300 Losen recht umfangreiche Angebot an Zeichnungen präsentiert mit Félicien Rops‘ „À un dîner d’athées“ die früheste Version dieser häufig interpretierten Illustration für die diabolischen Geschichten von Barbey d’Aurevilly (6788, 50.000 €). Ein Schlüsselwerk des europäischen Symbolismus. In seiner Rätselhaftigkeit ebenso faszinierend ist das Bildnis einer Frau von Adolph von Menzel. Das mit dem Zimmermannsbleistift und dem ledernen Wischer virtuos gezauberte Spätwerk trägt den zu Spekulationen einladenden Titel „Entlarvt“ (6775, 16.000 €). Menzels „Blick aus dem Fenster auf Spaziergänger in Bad Kissingen“ (6774), vom „Nicht-Kurgast“ (so Menzel über sich selbst) mit 1889 datiert, ist auf 30.000 € taxiert. Carl Blechens bislang unbekannte, um 1835 entstandene Bleistiftzeichnung von den „Römischen Bädern im Park Sanssouci“ (6661), die neu ins Werkverzeichnis aufgenommen wird, liegt – wie die Kreidezeichnung „Zwei fliegende Putti“ von Tiepolo – ebenfalls im fünfstelligen Schätzbereich (20- bzw. 18.000 €).

Von klassisch modern bis zur kontemporären Kapriole – das Spektrum des Moderne-Kataloges ist so bunt und vielgestaltig wie eh und je. Hierfür steht zum Beispiel Edvard Munchs Farbholzschnitt „Mondschein II“ aus dem Jahr 1902 (8429, 80.000 €): das grandiose Porträt einer großen Liebe belegt die Experimentierfreude des Künstlers und zeigt die geniale Beherrschung des Mediums. Auch Kirchner porträtierte in seiner Berliner Zeit die Geliebte Erna Schilling. Der wunderbar dynamisch komponierte Holzschnitt „Frau, Schuh zuknöpfend“ (8351, 28.000 €) hat eine bedeutende Jenenser Provenienz und ist neben dem Aquarell Liegende von Otto Dix, in dem dieser sich ebenfalls seiner engsten Vertrauten, genannt Mutzli, widmet, das dritte bedeutende Frauenporträt in dieser Sektion. Weitere Spitzenlose sind die Tuschfederzeichnung „Vaudeville“ (1917) von George Grosz (8292, 25.000 €), ein Stilleben von Max Kaus (8338, 15.000 €) und ein bislang im Privatbesitz schlummerndes Pastell von Lesser Ury, der Grunewaldsee (8535, 15.000 €) in dem für Ury typischen, unverwechselbaren magischen Licht. Aus der Offerte an Skulpturen bemerkenswert: Käthe Kollwitz’ bekannteste Plastik „Die Klage Zum Gedenken Ernst Barlachs/Selbstbildnis“ (8353, 12.000 €) und die Bronze Pferdejunge von Renée Sintenis (8509, 15.000 €), von der nur zwei Exemplare bekannt sind.

Eine Sammlung mit individuell gestalteten „Bankschecks“ aus dem Besitz des Fotografen Benjamin Katz (8204, 60.000 €) ist wohl das außergewöhnlichste Los im Segment der Nachkriegskunst. In den Jahren 1980 bis 1992 verfremdeten Künstler*innen 66 Exemplare des inzwischen zur Antiquität gewordenen Vordruckes und kommentierten damit – wie von Georg Baselitz, Joseph Beuys, Günther Förg, Peter Fischli & David Weiss, Martin Kippenberger, Per Kirkeby, Jonathan Lasker, Rosemarie Trockel, Günther Uecker und Andy Warhol nicht anders zu erwarten – recht spöttisch die Symbiose von Kunst und Geld. Georg Baselitz’ „Büsche“ (8203, 20.000 €) stehen gleich am Beginn des Moderne-Auktionstages, und auch diese Bleistiftzeichnung signalisiert die grundstürzenden Qualitäten künstlerischen Tuns: sie entstand 1969/1970, genau in der Zeit, als Baselitz damit begann, seine Bilder (und unsere Sehgewohnheiten) auf den Kopf zu stellen. Ungesehenes sichtbar zu machen, war vermutlich auch für Pierre Huyghe bei seiner Arbeit „Timekeeper“ (8328, 8.000 €) das Motiv. Für eine Retrospektive in Köln legte er Farbschicht um Farbschicht frei an einer Ausstellungswand des seit 1986 existierenden Museums Ludwig und übertrug sie auf Papier, um so die, je nach Ausstellung variierenden, Wandfarben aufzuzeigen. Der Künstler als Archäologe oder als Dendrologe, der Jahresringe zählt. Zum Schluss noch erwähnenswert: Herbert Strässers Bronze „Kopf im Gitter“ (8522, 24.000 €). Die ausdrucksstarke, surrealistisch anmutende Skulptur ist eine beeindruckende Studie über die Dialektik von Geborgenheit, Schutzbedürfnis und Eingeschlossensein.

Zwei Sonderkataloge ergänzen das diesjährige Frühjahrsprogramm: Unter dem Titel „Über das Leben hinaus“ werden Stücke der legendären Kölner Sammlung Louis Peters präsentiert, ein bildgewaltiger Tanz um Leben und Tod. Sakrale Kunst, Reliquien, ein bizarres Ölgemälde nach Arcimboldo (6332, 40.000 €), in Rambaramp aus Malakula (6404, 12.000 €), Idole von Daniel Spoerri (6374-6381, je 2.400 €), verzierte Schädel und Rosenkränze – ein Fest der Vergänglichkeit, üppig barock und knöchern frivol. Der zweite Sonderkatalog offeriert eine Berliner Privatsammlung, die mit Werken des 20. Jahrhunderts von Künstler*innen der sogenannten verschollenen Generation brilliert. Vor allem die Einzelschicksale beschäftigten den Sammler und bewogen ihn, diese Künstler*innen ins Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit zu rücken. Sie wird zugunsten von neuhland Hilfen in Krisen gGmbH versteigert, einer Einrichtung für traumatisierte Kinder und Jugendliche.

Am 16. Juni steht wie immer die Fotografie-Auktion am Schluss der Saison bei Bassenge. Im Kapitel 19. Jahrhundert fällt ein Panorama von Istanbul auf (4082, 7.000 €). Die fünf aneinander gereihten Albuminabzüge von J. Robertson und F. Beato erreichen eine Länge von fast eineinhalb Metern und haben über 150 Jahre „well-preserved“ überstanden. Ein über zwei Meter langes Panorama aus dem Studio Kung Tai mit einer Ansicht von Shanghai aus den 1880er Jahren (4036) soll 5.000 € einspielen. Gleiches gilt für eine Daguerrotypie des seit 1843 in Berlin tätigen Carl Gustav Oehme (4043). Die biedermeierliche Szene zeigt acht reizvoll um einen Tisch in Szene gesetzte Frauen und Mädchen. Im folgenden Jahrhundert versammeln sich wie immer große Namen von Blossfeldt und Brassaï über Eggleston, Florschuetz, Marquardt, Höfer, Jacobi und Lebeck bis zu Weegee und Wendtlandt. Zwei Porträts führen uns schließlich erneut vor Augen, was die Fotografie vermag: vielleicht eben doch eine Wesensschau. Man Rays Porträt von Jean Cocteau (4251, 6.000 €): beseelter Blick ins Ungefähr und Joseph Beuys (4317, 1.800 €): der Jubilar, streng und kantig, das Ziel nie aus den Augen verlierend.

Termine

9. Juni
Druckgraphik des 15. bis 18. Jahrhunderts

Druckgraphik des 19, Jahrhunderts und des Fin de Siècle.

10. Juni
Gemälde Alter und Neuerer Meister, Portraitminiaturen

Über das Leben hinaus - Die Sammlung Louis Peters Köln

11. Juni
Zeichnungen 15. bis 19. Jahrhundert

Moderne Kunst Teil II

12. Juni
Eine Berliner Privatsammlung

Moderne Kunst Teil I

16. Juni
Photographie

Veranstaltungen zum Bericht:
117. Auktion: Druckgraphik des 15. bis 19. Jahrhunderts und des Fin de Siècle
117. Auktion: Gemälde Alter und Neuerer Meister mit Portraitminiaturen
117. Auktion: Über das Leben hinaus – Die Sammlung Louis Peters, Köln
117. Auktion: Zeichnungen des 15. bis 19. Jahrhunderts
117. Auktion: Moderne Kunst Teil II
117. Auktion: Eine Berliner Privatsammlung – Auktion zugunsten der neuhland – Hilfe in Krisen gGmbH
117. Auktion: Moderne Kunst Teil I
117. Auktion: Fotografie des 19. – 21. Jahrhunderts

Quelle: © Galerie Bassenge Berlin

Drucken

zurück zur Übersicht


Empfehlen Sie den Artikel weiter:
an





Galerie Bassenge Berlin

English Site Galerie Bassenge Berlin

Über uns

News

English Site News

Termine

English Site Termine

Highlights








Copyright © '99-'2021
Kunstmarkt Media
Alle Rechte vorbehalten


Impressum



Zum Seitenanfang Auktionen

 Amazon export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce  Amazon ebay rakuten yatego meinpaket export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce