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Johannes Niessen, Portrait des Giacomo Orlandi di Subiaco, 1847

Johannes Niessen, Portrait des Giacomo Orlandi di Subiaco, 1847

Schwarze Kreide auf Papier. 29,2 x 22,5 cm. Unten rechts signiert und datiert "Niessen 1847", darunter betitelt "Giacomo Orlandi di Subiaco".

Losnummer: 6762


Es ist kaum möglich, den eigenen Blick von den magnetischen Augen des jungen Mannes abzuwenden. Sein fester, gerader Ausdruck ist von solch ungeheurer Präsenz, als wäre kaum mehr als ein Blinzeln zwischen dem Ablegen des Zeichenstiftes und unserer Gegenwart verstrichen. Alles an diesem Gesicht ist markant: von der wilden, dunklen Lockenmähne, über die tiefliegenden Brauen und den schmalen Lippen, zwischen denen eine entschiedene Nase das Konterfei dominiert. Vermutlich war es die Intensität des Ausdrucks, die den jungen Kölner Johannes Niessen dazu animierte, ihn festzuhalten. Niessen war nach Lehrjahren in Düsseldorf 1847 die obligatorische Reise nach Italien angetreten. Über Venedig und Florenz gelangte er am 22. Dezember schließlich nach Rom. Bereits während der ersten Tage muss vorliegendes Portrait entstanden sein. Es nimmt eine herausragende Stellung in einer Reihe von Bildnissen verschiedener Künstler nach dem gleichen Modell aus den Jahren 1840 bis 1860 ein. Als erster und einziger notierte Niessen nämlich Namen des Dargestellten: Giacomo Orlandi aus Subiaco.

Angereiste Künstler waren in der Ewigen Stadt fortwährend auf der Suche nach Erscheinungen, die dem geltenden Ideal klassischer Schönheit entsprachen. Orlandi bediente dieses Ideal auf mustergültige Weise und zog beinahe zwei Jahrzehnte lang namenhafte Künstler in seinen Bann. Die frühesten Darstellungen stammen vom Franzosen Jean-Léon Gerôme, der Orlandi mindestens drei Mal verewigte (u.a. Auktion Sotheby's, New York, 1. Februar 2018, Los 717). Auf Niessens Porträt von 1847 folgt rund zehn Jahre später Anselm Feuerbachs gemalte Studie (Auktion Ketterer, 18. Mai 2018, Los 37). Im gleichen Zeitraum stand er auch Edgar Degas für eine Reihe von Zeichnungen Modell (Catalogue des tableaux, pastels et dessins par Edgar Degas et provenant de son atelier, 4e vente, 1919, S. 89, Nr. 94 a-c).

Anders als etwa in Degas‘ späterer Darstellung (op.cit., Nr. 95b) nimmt Orlandi auf unserem Blatt keine Rolle ein, sondern posiert ernst, ohne sich mit falschem Pathos zu inszenieren. Die Zeitlosigkeit der Züge evoziert zunächst das Bild römischer Götter, doch kleine Unregelmäßigkeiten, etwa im Schwung der Lippen, holen das Gesicht zurück in die Sphäre des Realen. Die Konfrontation mit dem Porträtisten bestreitet er auf einer Augenhöhe, tritt ihm als Individuum entgegen, dessen Ausstrahlung es verbietet, ihn auf eine beliebige Blaupause zu reduzieren. Es verwundert kaum, dass Niessen es als angemessen erachtete, ihn namentlich zu benennen. Auch heute, anderthalb Jahrhunderte später übt das anziehende Gesicht Giacomo Orlandis seine Faszination ungebrochen aus.

Provenienz: Prinz Johann Georg von Sachsen (Lugt 1466).

Privatsammlung Sachsen.

Privatsammlung Berlin.


Wir bitten darum, Zustandsberichte zu den Losen zu erfragen, da der Erhaltungszustand nur in Ausnahmefällen im Katalog angegeben ist.


Veranstaltungshinweise:

Am 03.12.2021 118. Auktion: Zeichnungen des 16. bis 19. Jahrhunderts


Schätzpreis: 18.000,-  EURO

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