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Edvard Munch, Der Tag danach, 1894/95

Edvard Munch, Der Tag danach, 1894/95

Kaltnadel und Aquatinta, mit dem Polierstahl übergangen, auf festem bräunlichen Velin. 1894/95.
19,2 x 27,3 cm (37,8 x 56,4 cm).
Signiert "E. Munch" und datiert.
Woll 10 VI.

Losnummer: 8002


Das nächtliche Gelage hat seine Spuren hinterlassen. Die Flaschen und Gläser vorne im Bild sprechen Bände, ebenso wie die Haltung der jungen Frau: Nachlässig bekleidet, erschöpft von den nächtlichen Ausschweifungen liegt sie auf dem Rücken im Bett, ihr rechter Arm hängt schlaff herunter, der Kopf liegt neben dem Kissen. Die intime Szenerie und der klaustrophobisch enge Bildausschnitt mit dem kühn angeschnittenen Tisch versetzen den Betrachter unwillentlich in die Rolle eines Voyeurs. Und nicht nur mit der Komposition verlässt Munch die Konventionen früherer Interieurs, sondern auch mit der Motivwahl der vom Rausch völlig erschöpften jungen Frau. Diese antibürgerliche Szene, deren Darstellung Munchs Publikum schockiert haben muss, erfüllt perfekt die Kriterien seines künstlerischen Credos. Im 1889 verfassten "Manifest von St. Cloud", mit dem er Impressionismus und Naturalismus endgültig ablehnte, sagt er: "Keine Interieurs sollten mehr gemalt werden, keine Menschen, die lesen, keine Frauen, die stricken. Es müssten lebendige Menschen sein, die atmen und fühlen, leiden und lieben." (Matthias Arnold, Edvard Munch, Reinbek 1986, S. 36).

Nur wenige Jahre zuvor, nämlich 1892, war Munch mit einem Skandal einem breiteren Publikum in Deutschland und darüber hinaus bekannt geworden. Der eher konservative Verein Berliner Künstler hatte ihn zu einer Einzelausstellung eingeladen, in Unkenntnis der Modernität seiner Kunst. Verfrüht schloss schon nach einer Woche die Ausstellung ihre Pforten wegen der Empörung, die die Exponate bei Publikum und Kritik hervorriefen. Munch spaltete damit die Kunstszene in Freunde und Feinde der Moderne, und diese Affäre verhalf ihm zum Durchbruch. Bereits vorher war er Teil der Kristiania-Bohème um den aufrührerischen Dichter Hans Jaeger. Diese Gruppe, ein Kreis von Schriftstellern und Künstlern in Kristiania, war ein wichtiger Faktor in Munchs künstlerischer Entwicklung. Seine Mitglieder propagierten die freie Liebe, die Gleichstellung der Geschlechter, den Atheismus und die Anarchie, und sie wandten sich allgemein gegen die bürgerliche Engstirnigkeit, den Materialismus und den Konservatismus in der Stadt. Nach seinem Durchbruch mit der Berliner Ausstellung gehörte der Künstler bald zum intellektuellen Zirkel der Berliner Bohème in der Destille "Zum schwarzen Ferkel".

Mit der Kaltnadelarbeit greift Munch sein Gemälde aus dem Jahr 1894 seitenverkehrt auf (Nasjonalmuseet for kunst, arkitektur og design, Oslo, NG.M.00808); Woll erwähnt ein weiteres verschollenes Gemälde des gleichen Motivs aus den 1880er Jahren und eine entsprechende frühe Zeichnung. Die Radierung ist also die letzte von verschiedenen Fassungen, von denen sich einige nicht erhalten haben.

Exemplar des letzten, endgültigen Zustandes mit den Punktmustern im Rock und den Schattierungen unten links sowie zwischen Tisch und Bett. Woll notiert für diesen endgültigen sechsten Zustand zehn signierte Drucke auf Japan für die Luxusausgabe der von Julius Meier-Graefe herausgegebenen Mappe "Edvard Munch. Acht Radierungen", daneben 55 unsignierte Drucke von der verstählten Platte auf festem beigefarbenen Velin für die Normalausgabe sowie etwas spätere Drucke in Schwarz oder Braun bei Felsing. Bei unserem Exemplar handelt es sich um einen der Abzüge von der verstählten Platte, wie gelegentlich vorkommend, mit Gefälligkeitssignatur. Prachtvoller, gratiger und in den Schwärzen tiefdunkler Druck mit sehr breitem Rand.


Wir bitten darum, Zustandsberichte zu den Losen zu erfragen, da der Erhaltungszustand nur in Ausnahmefällen im Katalog angegeben ist.


Veranstaltungshinweise:

Am 03.12.2021 bis 04.12.2021 118. Auktion: Moderne und Zeitgenössische Kunst


Schätzpreis: 30.000,-  EURO

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