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Dürers Nemesis, die Dame in Weiß und eine Sensation in Elfenbein

Barbara Rosina de Gasc, Hüftbildnis einer Dame in Weiß, um 1760

Mit herausragenden Werken der Kunst und Fotografie geht Bassenge in die Herbstsaison

Der Herbst – nun ist er da und streut die Blätter aus. Noch bevor die Eichendorffschen „bösen Winterwinde“ übers Land ziehen, wird das Auktionshaus Bassenge wie gewohnt seine Herbstauktionen veranstalten: zehn Kataloge mit Gemälden, Zeichnungen und Druckgraphiken, zwei davon zur Fotografie.

Unter den Spitzenlosen des Kataloges Gemälde alter und neuerer Meister finden wir das um 1760 entstandene, bislang unbekannte „Hüftbildnis einer Dame in Weiß“ der großen Porträtistin Barbara Rosina de Gasc, der älteren Schwester von Anna Dorothea Therbusch (Los 6031, 24.000 € Schätzung). Mit der „Dorfkirche in Tempelhof“ (6075, 18.000 €) hielt Friedrich Wilhelm Klose, Lieblingsmaler des preußischen Hofes im 19. Jahrhundert, eine von Fontane beschriebene Szenerie fest, die man heute nicht im Entferntesten mit dem Berliner Bezirk in Verbindung bringen würde. Die Umfassungsmauer der Kirche steht noch, der Rest ist Geschichte zwischen DAK-Servicecentrum und „homemade bakery“. Ein typisches Werk aus der besten, reifsten Zeit des englischen Miniaturmalers Nicholas Hilliard (1547-1619) ist das „Porträt einer jungen Frau“ mit schwarzer Haube und prächtigem Spitzenkragen. Das auf eine Spielkarte aufgezogene Aquarell ist mit 10.000 € geschätzt (6038). Auch mit einer Sensation wartet der Katalog auf: Die künstlerisch höchst bemerkenswerte, der Forschung bis dato unbekannt gebliebene „Elfenbeinschnitzerei eines gekreuzigten Christus“ im Cristo-vivo-Typus aus den 1680er Jahren. Die florentinische Arbeit könnte, so legt es der akribische, mit detektivischem Impetus verfasste Beschreibungstext nahe, ein Werk Balthasar Permosers sein, des bedeutendsten Elfenbeinbildhauers, der jemals für die Medici tätig war. Höchstwahrscheinlich ist es ein Werk für Papst Innozenz XI., auf den das noch vorhandene Originaletui für das Kruzifix mit mehreren Etiketten hinweist (6020, 60.000 €).

Den Auftakt des Kataloges Zeichnungen des 16.-19. Jahrhunderts bildet eine Sammlung von annähernd vierzig Einzelblättern aus spätmittelalterlichen Stundenbüchern, nahezu alle illuminiert, mit Miniaturen, Bordüren und reichem Rankenwerk (6600-6637, 120-1.200 €). Ein großformatiges Blatt mit einem „Blick auf die Bastion Sonneborgh in Utrecht“ von Herman Saftleven (6661) bezeugt die routinierte, gleichwohl große Meisterschaft des Malers, Zeichners und Radierers, der bis ins hohe Alter seine Wirkungsstätte Utrecht topographisch genau festgehalten hat. Die monogrammierte Zeichnung aus den späten 1640er/50er Jahren ist mit 12.000 € taxiert. Aus Julius Schnorr von Carolsfelds Jahren in Italien, als seine große künstlerische Begabung rasant sich entfaltete, stammt die Zeichnung „Zwei Italienerinnen und ein rastender Pilger an einem Oratorium“ (6735, 6.000 €). Die „anmutige und bewegende Genreszene“ (H. Sieveking) von 1819 gehört in den Kontext seines berühmten Italienischen Landschaftsbuches. Aus dem Besitz der Nachfahren des Künstlers kommt das „Bildnis der Ehefrau Daniel N. Chodowieckis“, Jeanne, zur Auktion. Ein Geschenk an die Mutter, die der inzwischen zu europäischer Berühmtheit gelangte Sohn im Jahr 1773 in Danzig besucht (6683, 3.500 €). Fritz Schwimbeck setzt an dieser Stelle des Vorberichts einen denkbar schmerzhaften Kontrast: „Tod im All“ ist der Titel seiner Federzeichnung aus dem letzten Friedensjahr 1913 (6847, 5.000 €). Der für einen Graphikzyklus bestimmte Entwurf nimmt das Kommende gespenstisch-düster vorweg. Das entflammte Todesinsekt im schwarzen, gestirnten Kosmos befand sich einst in der Sammlung von Carl Laszlo (1923-2013), der die Schrecknisse eines barbarischen Jahrhunderts am eigenen Leib erfahren musste.

Knapp über einhundert Lose enthält der zweite Teil der hervorragenden Sammlung Stephan Seeliger mit Zeichnungen und Druckgraphik der deutschen Romantik, der unter dem schönen Titel „Auf Papier gezeichnet – in Kupfer gestochen“ in einem eigenen Katalog präsentiert wird. Bereits vor einem Jahr sorgte die Versteigerung des ersten Teils der Sammlung international für Aufsehen.

Unter den druckgraphischen Werken des 15.-19. Jahrhunderts ragen diesmal hervor: „Die Nemesis oder: Das große Glück“ als eines der programmatischen Hauptblätter Albrecht Dürers, das an Größe nur noch vom Hl. Eustachius übertroffen wird und hier in einem sehr schönen, wunderbar erhaltenen Exemplar auf die Sammlergunst wartet (5094, 40.000 €). Außerdem eine Rembrandt-Radierung, die zu den rätselhaftesten und am häufigsten interpretierten Darstellungen in seinem druckgraphischen Oeuvre zählt: „Gelehrter in seiner Stube, genannt: Faust“ (5223, 25.000 €) sowie Andrea Mantegnas Kupferstich „Die Madonna mit Kind“ aus den 1460er/70er Jahren. Das Blatt gehört zu den seltensten Graphiken des Mantuaners (5171, 24.000 €).

Karl Hofers „Stilleben mit Kürbis“ (8074, 35.000 €) ist eines der Spitzenlose des Kataloges Moderne und Zeitgenössische Kunst. Die um 1925 geschaffene herbstliche Komposition, der Kürbis thront im Hintergrund, vorne eine Mohrrübe, vertritt einen gänzlich eigenen Bereich im Werk Hofers, der mit seinen Stillleben malerische Fingerübungen für monumentale Figurenkompositionen absolvierte – und dabei die schönsten Werke in seinem Künstlerleben hervorbrachte. Ein unspektakuläres Bildmotiv, „Der Bodensee vom Schweizer Ufer aus“ ohne sentimentalitätsgeschwängertes Alpenpanorama gesehen, ist eines der stimmungsvollsten Gemälde der Auktion (8088, 12.000 €). Franz Lenk, der 1968 in Schwäbisch Hall starb, brachte hier neu-sachlich, prunklos und bar jeglicher romantischen Regung, im Jahr 1932 eine Landschaft auf die Leinwand, in der man den Winter, der bald schon das Land ersticken sollte, zu ahnen vermeint. Die Schönheit, wir wissen das bereits, liegt im Auge des Betrachters. Auch bei Fritz Köthes „Benetton“ ist das so (8231, 10.000 €). Allerdings ist das Auge als Teil einer verwundeten Plakatwand so schutzlos, dass man Angst bekommt. Weitere Toplose des Kataloges sind ein „Stillleben mit Wecker“ von Paul Kleinschmidt (8095, 18.000 €), eine sehr frühe, in dunklen Tönen gehaltene Arbeit des Künstlers, die bereits 1924 in Berlin entstand und mit der er vielleicht bewusst auf die „düsteren“ Zeiten, die ihn damals umgaben, anspielte. Des Weiteren Emil Noldes „Stehende Südseefrau mit Kind“ (8021, 25.000 €), die auf Noldes fast einjähriger Südseereise 1913/14 entstand, „Birken“ von Otto Modersohn (8110, 15.000 €), eine recht unbehagliche „Friedhofsszene“ von Franz Skarbina (8004, 6.000 €), ein stürmisch dahinschreitendes „Paar“ von Willi Sitte (8262, 8.000 €) und eine Keramikvase von Pablo Picasso (8139, 8.000 €). Jeanne Mammen widmete sich Mitte der zwanziger Jahre einem längst ausgestorbenen großstädtischen Motiv: Ihre unvergesslich charakteristischen „Krawattenverkäufer“ (8081) in schwarzer Feder auf Velinkarton bieten sich für 4.000 € feil. Zuletzt die Schwärze als Struktur: Cy Twomblys Lithografie „Untitled“ führt uns an die magische Schwelle von Sichtbarkeit und Unsichtbarem (8187, 8.000 €).

Der letzte Tag der Auktionssaison gehört wie immer der Fotografie. Im Katalog Zeitgenossen, der von der Buchabteilung des Hauses verantwortet wird, kommen fast 200 großformatige Porträts der Hamburger Fotografin Ingrid von Kruse zum Aufruf. Die Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik, Kunst, Musik und Architektur - von Gorbatschow bis Derrida, von Dürrenmatt, Baselitz, Pina Bausch bis zu Chipperfield, Zaha Hadid und Zumthor – bereichern die Porträtgalerie meist mit Briefen von eigener Hand, Statements oder gar Zeichnungen. Auch mehrere Bücher mit Widmungen versammeln sich hier.

Der eigentliche Katalog der Abteilung Fotografie überrascht mit einem besonders eindrucksvollen Porträt tierischer Natur: Albert Renger-Patzschs „Mantelpavian“ (4280, 10.000 €) hat die Würde eines Nobelpreisträgers im Lehnsessel. „Jerry Hall, New York City“ von Annie Leibovitz (4239, 6.000 €) bezähmt den zum Hintergrund mutierten Leopard, und drei Prints aus der Serie „Stories of Desire and Power“ (4093, 6.000 €) von Lewis Baltz und Slavica Percovic lassen den Verdacht aufkommen, dass sechs Geschichten für vier Männer zwei zu viel sein könnten. Und selbstverständlich hat auch er in diesem Katalog seinen Auftritt: der Winter, und zwar in Robert Häussers „Allee“ (4181, 1.200 €). Kahle Bäume, Schnee und Nebel – bereit für den Wind, der böse sein wird.

Veranstaltungen zum Bericht:
120. Auktion: Gemälde des 16. bis 19. Jahrhunderts - Portraitminiaturen
120. Auktion: Fotografien von Ingrid von Kruse - Fotografie des 19. – 21. Jahrhunderts
120. Auktion: Moderne und Zeitgenössische Kunst I
120. Auktion: Druckgraphik des 15. bis 19. Jahrhunderts und des Fin de Siècle
120. Auktion: Buchmalerei des 15. bis 16. Jahrhunderts - Zeichnungen des 16. bis 19. Jahrhunderts
120. Auktion: Auf Papier gezeichnet – in Kupfer gestochen

Quelle: © Galerie Bassenge Berlin

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