Die Kunst, online zu lesen.

Home



News

Die Melancholie gefühlter Bilder: Dürers Meisterstich, Zötls Tukan und die Schätze vom Wiesenstein bei Bassenge

Bauhaus-Drucke Neue Europäische Graphik. Die kompletten vier Mappen

Als Weckruf – auch so könnte man eine Auktion bezeichnen. Wie immer ertönt er im Herbst auch bei Bassenge und gilt den insgesamt neun Katalogen, die voller Entdeckungen sind. Die Highlights, oder die lautstärksten Lose, sind im Katalog der Druckgraphik diesmal: ein vorzügliches Exemplar des Kupferstiches „Melencolia I“ von Albrecht Dürer. Heilige Schauer erzeugt er bis heute, dieser rätselhafte, die Interpreten zu mehrbändigen Monographien animierende Meisterstich, der in einem zweiten Zustand mit der Richtigstellung der Ziffer 9 auf der magischen Tafel zum Aufruf kommt (Los 5086, 80.000 €). Dann Martin Schongauers „Schlacht von St. Jakobus dem Älteren“. Die detail- und temporeiche Darstellung eines grausamen Geschehens ist ungemein selten und mit 30.000 € geschätzt (5210). Rembrandts „Kreuzabnahme bei Fackelschein“ schließlich (5183), in einem „prachtvollen, vollkommen prägnanten und wirkungsreichen Abzug“ im frühen Druckzustand, „noch mit den Spuren der Kaltnadel im Bart Christi“, ist das Spitzenstück in der beeindruckenden Reihe an Rembrandt-Grafiken.

Rund 200 Lose umfasst der Katalog Gemälde Alter und Neuerer Meister. Die um 1640 entstandene Szene „Der Besuch der Wahrsagerin“ des Utrechters Jacob Duck ist die ausdrucksstärkere Version des Themas, das der Maler wenige Jahre zuvor bereits in einem heute im Metropolitan Museum befindlichen Werk behandelte (6017, 25.000 €). Eine in der Bildkomposition typische Arbeit von Ernst Fries ist die „Ansicht eines Klosters bei Salerno“. Der badische Landschaftsmaler bereiste Italien in den Jahren 1823 bis 1827. Seine Ölstudie aus dieser Zeit erwartet für geschätzte 18.000 € die Sammlerwelt. Eine der großen Künstlerpersönlichkeiten des Kaiserreiches schuf 1909 das „Porträt eines den Talmud studierenden Juden“, das unter Losnummer 6192 mit der Schätzung von 15.000 € angeboten wird. Der als Graphiker arrivierte Hermann Struck verstand sich stets als Maler, auch wenn sein Oeuvre in diesem Genre schmal geblieben ist. 1922 verließ er Berlin, um sich in Eretz Israel niederzulassen und als künstlerische Seele Palästinas fortzuwirken. So wurde er 1932 zum Gründungsvater des Tel Aviv Museums.


Im Katalog Zeichnungen des 16. bis 19. Jahrhunderts beschert uns eine fulminante Zeichnung von Hubert Robert eine ideale „Italienische Landschaft“: Bizarre Felsenformationen, Wasserfall, Turm und Terrasse, im Vordergrund anmutige Frauen (6665, 12.000 €). Den stolzen „Pfefferfrass“ hat kein Geringerer als Aloys Zötl in seinem berühmten Bestiarium verewigt, der Tukan stand 1872 Modell und erfreut sich einer Taxierung von 5.000 € (6783). Die in mehreren Versionen bekannte Kom-position „Mutter mit Kind“ von Alphonse Mucha kommt aus einer Privatsammlung in die Auktion, hier in der Variante in Kohle und Bleistift im Format 63 x 35 cm (6817, 24.000 €). Eine Federzeichnung, „deutsch, spätes 19. Jh.“, ist vielleicht das seltsamste Los der Auktion. Zwei auf den ersten Blick kaum zu identifizierende Objekte sind zum Greifen nahe dargestellt. Wer kann erahnen, dass es sich bei der von Riemen zusammengehaltenen, mit Geröll durchsetzten Lederagglomeration um die „Schuhe des Ewigen Juden“ handelt? (6812, 1.200 €).

Der reizvolle Sonderkatalog mit 150 Portraitminiaturen enthält mehrere Arbeiten des persönlichen Miniaturmalers König Ludwigs XVIII. Jacques Augustin, darunter das „Portrait eines jungen Mannes mit grau gepudertem Haar“ (6519, 6.000 €). Isabeys Bildnis eines Mannes gleichen Alters mit lockigem Haar und Koteletten ist mit 4.000 € angesetzt.

1946 starb Gerhart Hauptmann in seiner prächtigen Villa Wiesenstein im niederschlesischen Agnetendorf. Der Literaturnobelpreisträger, eine Jahrhundertgestalt, die zeitlebens das deutsche Geistesleben prägte, hinterließ neben dem kaum zu ermessenden literarischen Schriftgut ein reiches Erbe: Sammlungen aus den verschiedensten Gebieten, Kunstwerke aller Art, darunter Skulpturen, sowie Möbel und kunsthandwerkliche Objekte. Teile aus diesem Nachlass werden am 30. November aufgerufen. Herausragend in dem 370 Objekte umfassenden Katalog ist das großformatige Porträt des Dichters von dessen Freund Leo von König (6324, 80.000 €) sowie Ludwig von Hofmanns Gemälde „Frühlingserwachen“ (6339, 40.000 €), einst im Turmzimmer des Wiesenstein. Das Bild entstand 1892, in der Zeit als Hauptmann den Maler kennenlernte, dessen von ihm hoch geschätztes Werk für ihn „durch und durch vom Kultus der Schönheit“ durchdrungen war. Hauptmanns ältester Sohn Ivo war Meisterschüler bei von Hofmann. Sein pointillistisches „Selbstbildnis“ von 1910, früher an der Wand der Bibliothek in Wiesenstein, ist ein Meisterwerk des feinen Gespürs für Kontur und Farbe (6349, 20.000 €). Der zehnjährige Benvenuto hingegen, Hauptmanns Jüngster, erfreute sich damit, den Gästen seines Vaters einen mittelalterlich anmutenden Lederband vorzulegen und sie um einen Eintrag zu bitten. Dieser geriet manchmal lange wie bei Joseph Conrad oder künstlerisch wertvoll wie bei Liebermann, von König, Orlik und Jaeckel. Dieses „Stammbuch“ enthält über 160 Eintragungen von Berühmtheiten aus Literatur, Kunst, Wissenschaft und Politik (6335, 30.000 €).

Drei Kataloge (davon zwei als Onlineversion) widmen sich diesmal der Moderne und Zeitgenössischen Kunst. Unter den 600 Losen als Spitzenreiter ein komplettes Set aller vier Bauhausmappen mit 52 Graphiken, die einen Überblick über die zeitgenössische europäische Grafik abgeben sollten. In geringer Auflage erschienen, war der Erlös der Sammel-mappen ursprünglich für das Bauhaus bestimmt, doch der Verkauf war schleppend. Das Werk geriet Jahre später in den Malstrom der Nazi-Zeit, sodass vollständige Exemplare sehr selten sind (8081, 240.000 €). Ein Gemälde „ohne Titel“ (8044, 60.000 €) des lange vergessenen, 1953 in den USA gestorbenen Sturm-Künstlers Rudolf Bauer entspringt ganz der Empfindung, die der Künstler einmal in dem Satz „Man fühlt ein Bild, wie man Musik fühlt“ zum Ausdruck brachte. In Schmidt-Rottluffs Aquarell-Jahr 1909 ist der „Hof des Landhauses“ zu datieren: dabei setzte der Brücke-Maler kurze breite Pinselstriche nass in nass nebeneinander, so dass die Farben (und mit ihnen die traditionellen Sehgewohnheiten) verschwimmen. Ein markant-dynamisches Werk in derselben Technik von Pechstein, „Gewitter an der See“, soll 25.000 € einspielen. Ebenso erwähnenswert: Kokoschkas Kreidezeichnung eines „Weiblichen Aktes“ (8018, 20.000 €) sowie Otto Dix’ expressives, kubofuturistisches „Gehöft“ in Trümmern von 1917 (8049, 35.000 €). Aus den 1940er Jahren stammen Otto Modersohns Naturerinnerung an „Birken“ (8125, 12.000 €) und Arthur Segals präzis naturalistische, meisterhafte Darstellung von „Kornblumen in einer Keramikvase“ (8126, 18.000 €). In der Nachkriegssektion dominieren ein Gemälde von Fritz Winter („Schwarz-Weiß-Blau“, 8190, 35.000 €), ein in der Natur der Sache völlig befangener feuriger Icarus von Otto Piene (8198, 20.000 €) und Hannah Höchs Papiercollage „Die Braunellen“ (8145, 17.000 €). Die Spezialität des 1956 in Nantes geborenen Jean-Charles Blais ist es, abgerissene Plakate als Bildträger zu verwenden. Mehrere Werke von ihm aus der Sammlung des ehemaligen FAZ-Feuilletonchefs Wilfried Wiegand sind in der Auktion (8120 ff., 15-20.000 €).

Am 6. Dezember schließlich beendet die Fotografie-Auktion die Saison des Hauses. Wie stets, offeriert sie Werke der berühmtesten Vertreter des Mediums, von Talbot, Beato, Nadar bis zu Kertesz, Brandt, List, Feininger und Eggleston. Boerschmanns 87 „Ansichten chinesischer Architektur“ (4108) aus den Jahren 1910–40 sind auf 16.000 € geschätzt, ein frühes Fotogramm des großen Kasseler Experimentellen Neusüss, das Körperbild von 1975, auf 9.000 € und Mapplethorpes jeden Slip sprengender Abzug aus seinem Z-Portfolio auf 9.000 €. 1981 starb die noch nicht 23-jährige Francesca Woodman in New York durch Suizid. Sie hinterließ ein überwältigendes Oeuvre, mit dem sie das klassische weibliche Schönheitsideal in einer unverwechselbaren Bildsprache dekonstruierte. Die meisten ihrer Arbeiten entstanden in Rom, ihr enigmatisches „Selbstportrait“ von 1979 hingegen in New York (4292, 8.000 €). Mit Michael Schmidt gelangen wir am Schluss zurück nach Berlin-West: Die Mauer, ein düsterer, einschüchternder Gebäudekomplex, Geröll. 1982 war das, acht Jahre später begann das große Aufräumen (4262, 8.000 €).

2600 Lose – 2600 Rufe an fünf Tagen. Wo aber die zu entdeckenden Schläfer sind, wissen nur die, die sie wecken.

Termine

29. November

  • Druckgraphik des 15. bis 18. Jahrhunderts
  • C. W. Kolbe d. Ä. – Aus einer deutschen Privatsammlung
  • Druckgraphik des 19. Jahrhunderts und des Fin de Siècle

    30. November
  • Gemälde Alter und Neuerer Meister
  • Erinnerungen an Wiesenstein. Aus dem Nachlass Gerhart Hauptmann
  • Portraitminiaturen

    1. Dezember
  • Zeichnungen des 16. bis 19. Jahrhundert
  • Moderne Kunst II (Katalog nur online)
  • Zeitgenössische Kunst II (Katalog nur online)

    2. Dezember
  • Moderne und Zeitgenössische Kunst I

    6. Dezember
  • Fotografie des 19. bis 21. Jahrhunderts

    23. November
    Lesung mit Hans Pleschinski („Wiesenstein“)
    Galerie Mond, Bleibtreustr. 17, 10623 Berlin

    Bauhaus-Drucke Neue Europäische Graphik. Die kompletten vier Mappen

  • Veranstaltungen zum Bericht:
    122. Auktion: Fotografie des 19. – 21. Jahrhunderts
    122. Auktion: Moderne und Zeitgenössische Kunst I
    122. Auktion: Moderne und Zeitgenössische Kunst II
    122. Auktion: Zeichnungen des 16. bis 19. Jahrhunderts
    122. Auktion: Erinnerungen an Wiesenstein – Aus dem Nachlass Gerhart Hauptmann
    122. Auktion: Gemälde Alter und Neuerer Meister - Portraitminiaturen
    122. Auktion: Druckgraphik des 15. bis 19. Jahrhunderts

    Quelle: © Galerie Bassenge Berlin

    Drucken

    zurück zur Übersicht


    Empfehlen Sie den Artikel weiter:
    an





    Galerie Bassenge Berlin

    English Site Galerie Bassenge Berlin

    Über uns

    News

    English Site News

    Termine

    English Site Termine

    Highlights








    Copyright © '99-'2024
    Kunstmarkt Media
    Alle Rechte vorbehalten


    Impressum



    Zum Seitenanfang Auktionen

     Amazon export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce  Amazon ebay rakuten yatego meinpaket export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce