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Godefridus Schalcken, Der junge Zeichner an einem Tisch

Godefridus Schalcken, Der junge Zeichner an einem Tisch

Öl auf Holz. 40 x 31 cm.

Signiert oben Mitte: G. Schalcken.

Provenienz

Slg. des Künstlers Joseph Henri Gosschalk (1875-1952), Den Haag 1924. - Von dem Kunsthändler Vitale Bloch, Den Haag, im Januar 1941 verkauft an die Kunsthandlung Hoogendijk. - September 1942 verkauft an Schuuring, Den Haag. - 1942 verkauft an Hupp für Museum Düsseldorf. - Stichting Nederlands Kunstbezit, Den Haag 1946 (Inv.-Nr. NK 2935), aufgegangen im Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed, Amersfoort (verso Klebeetikett). - Als Dauerleihgabe des Instituut Collectie Nederland, Amsterdam, im Noordbrabants Museum, s´Hertogenbosch. - 2018 an die Erben nach Joseph Henri Gosschalk restituiert.

Ausstellungen

"Tentoonstelling van Kinderafbeeldingen", Gemeente Museum, Den Haag, 1924, Nr. 91. - "Schalcken. Gemalte Verführung", Köln/Dordrecht 2015/2016, Nr. 10.

Literatur

B. M. J. Brenninkmeyer-de Rooy: The Prince William V Gallery of Paintings, The Hague 1982, Nr. 29, m. Abb. - Thierry Beherman: Godfried Schalcken, Paris 1988, Nr. 62. - R. de Haas et altri (Hg.): Rijksdienst Beeldende Kunst/The Netherlandish Office for the Fine Arts. Old Master Paintings. An Illustrated Summary Catalogue, Zwolle/Den Haag 1992, Nr. 2331. - Ausst.-Kat. Köln/Dordrecht 2015/2016: Schalcken. Gemalte Verführung. Hrsg. v. Anja K. Sevcik, Stuttgart 2015, S.112-114, Nr. 10.

Ein Knabe, vielleicht zehn, elf Jahre alt, mit langen blond gelockten Haaren, sitzt an einem Tisch, vor sich einige Zeichnungen ausgebreitet. Die Blätter liegen auf einer Mappe, die wiederum gegen eine Gipsbüste lehnt. Der Kreidestift auf dem Tisch und die Staffelei im Hintergrund weisen den Jungen als Künstler aus. Er hält eine Zeichnung in seiner Rechten, während er mit der Linken seinen Kopf aufstützt. Kritisch mustert er das Blatt in seiner Hand und ist dabei ganz und gar in dessen Betrachtung versunken.



Mit feinem Gespür erfasst Schalcken den kindlichen Ernst, mit dem der junge Künstler sein Werk betrachtet. Der intime Charakter der Darstellung hat Beherman veranlasst, in dem Gemälde ein Bildnis zu sehen, und zwar das von Schalckens Neffen Jakob (Beherman 1988, op. cit., Nr. 62). Dagegen ist angemerkt worden, dass die Datierung des Gemäldes in die 1670er Jahre nicht mit den Lebensdaten Jakobs übereinstimmt. Guido Jansen (Ausst.-Kat. Köln 2015, Nr. 10) hat das Gemälde entsprechend Schalckens Werkgruppe der Künstler- und Atelierdarstellungen zugeordnet, wie etwa „Der alte Künstler“ (Frankfurt, Städel Museum) oder „Ein Mann und eine Frau betrachten beim Schein einer Lampe eine Venus-Statue“ (New York, The Leiden Collection).

Wie bei diesen Darstellungen geht es auch in unserem Gemälde um theoretische Aspekte des künstlerischen Schaffens. Der Knabe ist augenscheinlich ein Lehrling, er ist noch zu jung, um an der Staffelei zu malen, die hinten in der Werkstatt zu sehen ist. Er soll zunächst die Zeichenkunst beherrschen, die nach klassischer Auffassung die Grundlage einer ordentlichen Künstlerausbildung bildet. Durch die Nachahmung kanonischer Werke der Antike und der Neuzeit soll er eine Vorstellung von der wahren Kunst erhalten. Augenscheinlich stellen die Rötel- und Kreidezeichnungen auf dem Tisch Kopien nach solchen vorbildlichen Werken dar; da ist eine Madonna mit Kind zu sehen, ein Kopf im Profil und eine Figurenstudie.



Schalcken folgt in seiner Darstellung des jungen Künstlers, der auf kindliche Art in seine Tätigkeit versunkenen ist, einer niederländischen ikonographischen Tradition. Schalcken selbst hat in einem anderen Gemälde einen Künstlerlehrling dargestellt, der bei Kerzenschein, mit großen Augen und offenem Mund, eine weibliche Büste nachzeichnet (Abb. 1; Verbleib unbekannt). Diese Darstellung stellt gewissermaßen eine Ergänzung zu unserem Gemälde dar; sie lenkt zudem die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass auch im vorliegenden Gemälde eine Büste zu sehen ist, die etwas achtlos auf dem Tisch liegt und als Pult zweckentfremdet wird.

Es handelt sich bei ihr nicht um irgendeine Büste, sondern um den vielgerühmten Kopf des römischen Kaisers Vitellius (so zumindest die damalige Auffassung) aus der Antikensammlung des Domenico Grimani in Venedig. Sie wurde von venezianischen Künstlern des 16. Jahrhunderts hochgeschätzt, und auch niederländische Künstler rezipierten sie: Hendrick Goltzius und Peter Paul Rubens etwa diente sie als Inspirationsquelle, Rembrandt besaß von ihr zwei Gipskopien.

Wohl nicht zufällig taucht die gleiche Büste auch in einem Gemälde Michiel Sweerts auf, die etwa zehn Jahre vor unserem Gemälde entstanden ist. Es stellt ebenfalls einen Künstlerlehrling dar, der gänzlich in seine Zeichentätigkeit absorbiert ist (Abb. 2; Minneapolis Institute of Art). So stellt die Gipsbüste geradezu ein festes Attribut des jungen Künstlerlehrlings dar, dessen Ausbildung gerade begonnen hat. Schalcken wie auch Sweerts dürften dabei den Vitellius Grimani bewusst gewählt haben; nicht nur wegen der Wertschätzung durch Generationen von Künstlern, sondern auch aufgrund des reizvollen Gegensatzes zwischen dem ausdrucksstarken Antlitz der Büste und der kindlichen Erscheinung der jungen Zeichner. Ob Schalcken die Darstellung Sweerts´ kannte, wissen wir nicht; seine einfühlsame Darstellung seht in jedem Fall in der gleichen niederländischen Bildtradition des Künstlerlehrlings, der durch Zeichnungen und Gipsbüsten in die faszinierende Welt der Kunst eingeführt wird.

Weitere Details:


Provenienz

Slg. des Künstlers Joseph Henri Gosschalk (1875-1952), Den Haag 1924. - Von dem Kunsthändler Vitale Bloch, Den Haag, im Januar 1941 verkauft an die Kunsthandlung Hoogendijk. - September 1942 verkauft an Schuuring, Den Haag. - 1942 verkauft an Hupp für Museum Düsseldorf. - Stichting Nederlands Kunstbezit, Den Haag 1946 (Inv.-Nr. NK 2935), aufgegangen im Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed, Amersfoort (verso Klebeetikett). - Als Dauerleihgabe des Instituut Collectie Nederland, Amsterdam, im Noordbrabants Museum, s´Hertogenbosch. - 2018 an die Erben nach Joseph Henri Gosschalk restituiert.

Ausstellungen

"Tentoonstelling van Kinderafbeeldingen", Gemeente Museum, Den Haag, 1924, Nr. 91. - "Schalcken. Gemalte Verführung", Köln/Dordrecht 2015/2016, Nr. 10.

Literatur

B. M. J. Brenninkmeyer-de Rooy: The Prince William V Gallery of Paintings, The Hague 1982, Nr. 29, m. Abb. - Thierry Beherman: Godfried Schalcken, Paris 1988, Nr. 62. - R. de Haas et altri (Hg.): Rijksdienst Beeldende Kunst/The Netherlandish Office for the Fine Arts. Old Master Paintings. An Illustrated Summary Catalogue, Zwolle/Den Haag 1992, Nr. 2331. - Ausst.-Kat. Köln/Dordrecht 2015/2016: Schalcken. Gemalte Verführung. Hrsg. v. Anja K. Sevcik, Stuttgart 2015, S.112-114, Nr. 10.

Ein Knabe, vielleicht zehn, elf Jahre alt, mit langen blond gelockten Haaren, sitzt an einem Tisch, vor sich einige Zeichnungen ausgebreitet. Die Blätter liegen auf einer Mappe, die wiederum gegen eine Gipsbüste lehnt. Der Kreidestift auf dem Tisch und die Staffelei im Hintergrund weisen den Jungen als Künstler aus. Er hält eine Zeichnung in seiner Rechten, während er mit der Linken seinen Kopf aufstützt. Kritisch mustert er das Blatt in seiner Hand und ist dabei ganz und gar in dessen Betrachtung versunken.



Mit feinem Gespür erfasst Schalcken den kindlichen Ernst, mit dem der junge Künstler sein Werk betrachtet. Der intime Charakter der Darstellung hat Beherman veranlasst, in dem Gemälde ein Bildnis zu sehen, und zwar das von Schalckens Neffen Jakob (Beherman 1988, op. cit., Nr. 62). Dagegen ist angemerkt worden, dass die Datierung des Gemäldes in die 1670er Jahre nicht mit den Lebensdaten Jakobs übereinstimmt. Guido Jansen (Ausst.-Kat. Köln 2015, Nr. 10) hat das Gemälde entsprechend Schalckens Werkgruppe der Künstler- und Atelierdarstellungen zugeordnet, wie etwa „Der alte Künstler“ (Frankfurt, Städel Museum) oder „Ein Mann und eine Frau betrachten beim Schein einer Lampe eine Venus-Statue“ (New York, The Leiden Collection).

Wie bei diesen Darstellungen geht es auch in unserem Gemälde um theoretische Aspekte des künstlerischen Schaffens. Der Knabe ist augenscheinlich ein Lehrling, er ist noch zu jung, um an der Staffelei zu malen, die hinten in der Werkstatt zu sehen ist. Er soll zunächst die Zeichenkunst beherrschen, die nach klassischer Auffassung die Grundlage einer ordentlichen Künstlerausbildung bildet. Durch die Nachahmung kanonischer Werke der Antike und der Neuzeit soll er eine Vorstellung von der wahren Kunst erhalten. Augenscheinlich stellen die Rötel- und Kreidezeichnungen auf dem Tisch Kopien nach solchen vorbildlichen Werken dar; da ist eine Madonna mit Kind zu sehen, ein Kopf im Profil und eine Figurenstudie.



Schalcken folgt in seiner Darstellung des jungen Künstlers, der auf kindliche Art in seine Tätigkeit versunkenen ist, einer niederländischen ikonographischen Tradition. Schalcken selbst hat in einem anderen Gemälde einen Künstlerlehrling dargestellt, der bei Kerzenschein, mit großen Augen und offenem Mund, eine weibliche Büste nachzeichnet (Abb. 1; Verbleib unbekannt). Diese Darstellung stellt gewissermaßen eine Ergänzung zu unserem Gemälde dar; sie lenkt zudem die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass auch im vorliegenden Gemälde eine Büste zu sehen ist, die etwas achtlos auf dem Tisch liegt und als Pult zweckentfremdet wird.

Es handelt sich bei ihr nicht um irgendeine Büste, sondern um den vielgerühmten Kopf des römischen Kaisers Vitellius (so zumindest die damalige Auffassung) aus der Antikensammlung des Domenico Grimani in Venedig. Sie wurde von venezianischen Künstlern des 16. Jahrhunderts hochgeschätzt, und auch niederländische Künstler rezipierten sie: Hendrick Goltzius und Peter Paul Rubens etwa diente sie als Inspirationsquelle, Rembrandt besaß von ihr zwei Gipskopien.

Wohl nicht zufällig taucht die gleiche Büste auch in einem Gemälde Michiel Sweerts auf, die etwa zehn Jahre vor unserem Gemälde entstanden ist. Es stellt ebenfalls einen Künstlerlehrling dar, der gänzlich in seine Zeichentätigkeit absorbiert ist (Abb. 2; Minneapolis Institute of Art). So stellt die Gipsbüste geradezu ein festes Attribut des jungen Künstlerlehrlings dar, dessen Ausbildung gerade begonnen hat. Schalcken wie auch Sweerts dürften dabei den Vitellius Grimani bewusst gewählt haben; nicht nur wegen der Wertschätzung durch Generationen von Künstlern, sondern auch aufgrund des reizvollen Gegensatzes zwischen dem ausdrucksstarken Antlitz der Büste und der kindlichen Erscheinung der jungen Zeichner. Ob Schalcken die Darstellung Sweerts´ kannte, wissen wir nicht; seine einfühlsame Darstellung seht in jedem Fall in der gleichen niederländischen Bildtradition des Künstlerlehrlings, der durch Zeichnungen und Gipsbüsten in die faszinierende Welt der Kunst eingeführt wird.

Preis: 50000-60000 

© Kunsthaus Lempertz KG, Köln 


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