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Noe Sendas

Geboren: 1972 in Brüssel

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Zum Künstler


Christoph Tannert
Ausstellung „Noé Sendas: Neither“, Galerie Blickensdorff, Berlin, 08.04. bis 20.5. 2005

Der portugiesische Künstler Noé Sendas (Jahrgang 1972) gehört mittlerweile zu den tonangebenden Künstlern seiner Generation.
Daß es ihn immer wieder nach Berlin zieht, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass er mehrfach in unserer Stadt gelebt und hier auch seine Werke präsentiert hat, z.B. 1998 in der von einem ausgesprochen poetischen Ton untermalten Gruppen-Ausstellung „Ein Leuchtturm ist ein trauriger und glücklicher Ort“ in der Akademie der Künste und im Jahr 2000, in dem er Gast des Atelierprogramms des Künstlerhauses Bethanien war, wo ich das Glück hatte, Noé Sendas auch in ausführlichen Gesprächen näher kennenzulernen.
Neben Künstlern wie James Coleman, Douglas Gordon, Stan Douglas oder Janet Cardiff hat sich Sendas in Video-Projektionen und Installationen auf anti-illusionistische Weise mit dem Kino sowie den Modi seiner Rezeption auseinandergesetzt. Das betrifft eine Inbezugsetzung zum kinematografischen Apparat ebenso wie zum klassischen Erzählkino.
Die Zeit der Filmerfahrung (also sowohl die dargestellte Zeit als auch die Zeit der Darstellung) spielten eine wesentliche Rolle in Werken wie „Impulses and Hesitations“ (1997/1998), „I am the dog that chases me“ (1999), „Beyond Transparency“ (1999) und „Claudia“ (2000).
Die Idee der „Fake Bodys“, jener mit Alltagskleidung ausgestatteten Kunst-Figuren in Wartestellung, wie wir auch hier in der Ausstellung eine finden, entwickelte Sendas im Jahr 2000 mit Bezug auf die permanente Fragestellungen gebierende Dualität von Körper und Geist, die der Künstler bis heute immer und immer wieder umkreist.
Die hiesige Ausstellung, in der vier Bild-Komplexe unterschiedlicher Materialität zu finden sind, steht unter dem englischen Titel „Neither“.
Dieses „Weder Noch“, das sich auf ein Gedicht von Samuel Beckett aus dem Jahr 1976 bezieht, wölbt sich wie ein intellektueller Schirm über das wohl am deutlichsten in der Ausstellung ins Auge fallende Objekt mit dem Unter-Titel „Only silence remains“ (2004/2005), außerdem über 12 Polaroids (von 2005, gleichfalls mit „Neither“ betitelt), den Video-Loop „Macbeth“ (2004) mit Zitaten aus Orson-Welles- und Roman-Polanski-Filmen, sowie acht Holographien mit dem Untertitel „Sleep no more“ (2005).
Das Beckett-Gedicht „Neither“ von 1976 steht in unmittelbarer Verbindung mit einer Begegnung zwischen Samuel Beckett und Morton Feldman in Berlin, im Schiller-Theater, wo sich die beiden Ausnahme-Künstler im Rahmen von Proben zweier Beckett-Stücke geschäftlich trafen. Feldman hatte vor, Beckett für ein Opern-Libretto zu gewinnen. Die Begegnung schien in totalem Einverständnis der beiden Oper-Hasser verlaufen zu sein, so daß Beckett Feldman etwas zur Verfügung stellte, ohne je einen Ton einer Feldman-Koposition gehört zu haben: hierbei handelte es sich um „Neither“.
Die Verbindungen, die sich zwischen Becketts Gedicht und Sendas’ Intentionen und darüber hinaus zu James Joyce und Shakespeare ergeben, liegen wie ein geheimnisvolles Netz im Raum.
„James Joyce was a synthesizer, trying to bring in as much as he could. I am an analyzer, trying to leave out as much as I can.“, hat Samuel Beckett festgestellt.
Becketts Texte evozieren verstörende visuelle Bildräume. Was Sendas inszeniert hat, ist aber nicht etwa ein Minispektakel zu Beckett, sondern es ist die Hörbarmachung und Visualisierung von von Stimmen durchzogenen Räumen, die beengend sind wie die Zimmer, in denen Becketts Figuren sich wiederfinden, oder auch verlieren. Sie sind weit und undefiniert - "too vast for search to be in vain" - wie die abgedunkelten Theaterräume, wo nur noch sprechende, artikulierende Münder zu sehen sind.
"Becketts Stücke haben die Eigenart von Panzerwagen und Idioten", schrieb der Regisseur Peter Brook einmal, "man kann sie beschießen, man kann sie mit Crèmetorten bewerfen: sie setzen ihren Weg gelassen fort. Von anderen erstaunlichen Vorzügen abgesehen, sind sie immun gegen Kritiker. Beckett verärgert die Leute stets durch seine Ehrlichkeit. Er fabriziert Objekte. Er führt sie uns vor. Was er vorführt, ist furchtbar. Weil es furchtbar ist, ist es auch komisch."
Sendas’ bittere Komik sucht sich ihren Ort im Körper der in Raum, Fläche und Zeit Schweigenden – und weil er mehrfach mit dem eigenen Körper arbeitet, ist er selbst Schweigender und Antwortgebender in einer Person.
Was bei Beckett bleibt und worauf Sendas hinweist, sind Rituale der Sprache und des Sprechens, Exorzismus des Sinns und zugleich dessen Beschwörung.
Bei Beckett spüren wir, daß der Mensch vom Nichts berührt worden ist. Der allmähliche Verfall des Körpers beginnt, wenn der Mensch zunehmend unfähig wird, sich durch den Raum zu bewegen. An der Gehbehinderung erkennen wir bei Beckett seine Gezeichneten, seine Helden.
Auch bei Sendas beschreibt Raum ein Gefühl von Selbstisolation. Jenseits von Zeit, außerhalb einer empirisch abgesicherten Wirklichkeit. Dort im Dunkeln, dieser Chiffre für das Gestaltlose, für den Ursprung und Fluchtpunkt des Körpers, erstehen die imaginären Bilder und Landschaften aus dem anhaltenden Sprachfluß der Figuren.
Wie Warten auf Godot von Beckett ist Sendas’ Zwei-Figuren-Gruppe „Only silence remains“ ein Musterbeispiel für ein modernes, „offenes Kunstwerk" (Eco), das dem Zuschauer nichts aufzwingt, sondern ihn selbst als Interpreten mit einbezieht und dabei eine Vielzahl von Zugängen eröffnet.
Es ist ihnen freigestellt, theologische, existentialistisch, marxistische oder psychoanalytische Deutungsversuche zu wagen.
Rücken an Rücken und die jeweilige Position gespiegelt, befinden sich die Figuren im „ hin und her vom innern zum äußern Schatten / vom unergründlichen Selbst zum unergründlichen Nichtselbst / weder so noch so“ (1)
Sendas beschreibt einen Zustand des Dazwischen-Seins, eine Art Gegensatzpaar im Niemandsland. Das Selbst im Nichtselbst, etwas von Sprache und Stummsein, von Leben und Tod.
In Sendas’ Polaroid-Serie und in seinen Holographien ist es die Totalität des Unsicherheitsfaktors, der unsere Existenz umgibt im Kommen und Gehen, der sich mit Worten nicht direkt ausdrücken lässt, sodaß wir weder ein Etwas noch einfach sein Gegenteil zu fassen in der Lage sind, das sich mit Worten nicht direkt ausdrücken läßt.
Auf der schwankenden Leiter sucht eine Figur (ist es der Künstler?) nach Halt, nach Form, nach Worten, verwirft Ausdruck, einen Weg, eine Methode - und beginnt (seriell) wieder von vorn.
Dieses Suchen nach Sprache, nach Formulierungen für die große Unsicherheit führt kurz oder lang ins Absurde.
Und um noch einmal auf die Dualität zwischen dem Ich und dem Anderen zu sprechen zu kommen:
Dualität ist der entscheidende Aspekt des Daseins. Zugrunde liegt die Vorstellung der Abgetrenntheit, woraus unmittelbar die Scheinexistenz des Ichs folgt. Dieses Ich haftet sich immer an Formen, also Oberflächen.
Man könnte zuerst denken, der Körper sei die grundlegendste Form, aber es fällt immer wieder auf, daß die eigentliche Anhaftung etwas ganz anderes ist: das, wo Liebe als Bestätigung gesucht wird.
Das ist ein emotionaler Komplex, der erst in weiterer Konsequenz Gedanken und gedankliche Strukturen (Auffassungen, Meinungen, Interpretationen) erschafft. Die Suche nach Bestätigung bringt Kommunikation hervor und den Wunsch nach Einheit und Verstandenwerden.
Damit sind wir schon mittendrin in der Untersuchung von Verstrickung, auf die Sendas verweist.
Unter diesem Aspekt sollte beherzigt werden, daß jede Form ein selbstgeschaffener Spiegel ist. Die Dualität ist ein Spiegel. Insbesonders sind die Anderen, die dort auftauchen, ein Spiegel.
Urteile über andere sind Urteile über sich selbst. Im Spiegel sieht man nicht sich, sondern die anderen — und sie sind ich. Was ich über sie sage, sage ich über mich selbst, bzw. ich sage es über das, was ich für mich selbst halte.
Wobei: es muß nicht kommuniziert werden. Wer schweigt, löst die Dualität auf.
Was im Spiegel oder im Kunstwerk als Spiegel des künstlerischen Selbstbildes zurückblickt, das ist eigentlich das Ich. Jeder, der hineinblickt, sieht sein tiefstes Begehren.
Fehlt dieses Selbstbild, so sieht man gar nichts. Dann ist der Spiegel leer.

Zitate aus Samuel Beckett: Neither (weder noch), 1976, Zit. nach Friedhelm Rathjen: Beckett zur Einführung, Hamburg 1995 (Zur Einführung 116), S. 37f.


Biographie


Lebt und arbeitet in Lissabon



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Ausstellungen


Neither“, Galerie Blickensdorff, Berlin, 08.04. bis 20.5. 2005

Seine Arbeiten sind in zahlreichen Einzelausstellungen gezeigt worden, darunter im Künstlerhaus Bethanien (2000), im Culturgest–Porto in Portugal (2002), im Colegio das Artes in Coimbra, Portugal ( 2003) und im Projekt Raum der Galerie Christina Guerra auf der ARCO in Madrid (2004), in der Galerie Blickensdorff, Berlin (2005). Noé Sendas ist Preisträger der Fundação Calouste Gulbenkian und erhielt 2003 den Preis für Skulptur der Stadt Lissabon. Seine Arbeiten sind in verschiedenen Europäischen privaten und öffentlichen Sammlungen vertreten.



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© Galerie Blickensdorff - Berlin    




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