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Ein Tagungsband des „Netzwerks Braunschweiger Schule“ diskutiert auf hohem Niveau Probleme der Nachkriegsarchitektur in Deutschland

Mammutaufgaben



Nachkriegsmoderne kontrovers – Positionen der Gegenwart

Nachkriegsmoderne kontrovers – Positionen der Gegenwart

Die Bonner Beethovenhalle, 1959 nach Plänen Siegfried Wolskes fertiggestellt, das aus den 1930er bis 1950er Jahren stammende Degussa-Areal in Frankfurt oder das Schimmelpfeng-Haus von 1957/60 in Berlin-Charlottenburg: die Liste der Bauten aus der Wiederaufbauzeit in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ist lang, die in den vergangenen Jahren teils heftig betriebene Bestrebungen zu ihrem Abriss abwehren mussten oder wie die Degussa und das Schimmelpfeng-Haus bereits verloren haben. Die Architektur der 1950er Jahre, jene „Nachkriegsmoderne“, die bisweilen unter bewusster Missachtung historisch gewachsener Architektur ihre Schneisen und Solitäre in die westdeutschen Stadtbilder hineingepflügt hat, ist wohl heute umstrittener denn je, und die Schar ihrer Gegner kann nach wie vor auf eine breite Unterstützung aus der Bevölkerung bauen. „Dieser Schrott soll schön sein“, geiferte noch vor nicht zwei Jahren der Schriftsteller Martin Mosebach in einem Zeitungsartikel in einer gewissen Sicherheit, damit bei vielen ins Schwarze zu treffen.


Das Rezept zur öffentlichkeitsgestützten Beseitigung dieser Bauten ist ebenso einfach wie altbewährt: Lasse ein Bauwerk verfallen, und du wirst sehen, wie hässlich es ist. Wie etwa beim Abbruch des 1954/55 von dem Bahnbaubeamten Hans Kern errichteten Hauptbahnhofs in Aschaffenburg nach einem Bürgerentscheid im Jahr 2008, der ein ebenso funktionales wie elegantes Einfahrtstor war, funktioniert diese Methode oft genug für die Initiatoren erfreulich reibungslos. Was die Alternativen sind, zeigt sich in Berlin-Mitte: der „Palast der Republik“ wird der Rekonstruktion eines imperialistischen Königsschlosses geopfert. Gern erhebt man dabei auch den Zeigefinger gegen die Generation der Älteren. Wie eine späte Rache mutet es an, als man vor kurzem die klassizistischen Fassaden des Braunschweiger Schlosses disneygerecht als billige Camouflage eines schnöden Einkaufszentrums wieder herzauberte, dessen umfangreichen Kriegsruinen doch erst 1960 der Spitzhacke zum Opfer gefallen waren.

Die Architektur der 1950er Jahre ist also zu einem Gutteil Opfer einer Ideologie. Ästhetische, künstlerische und kulturhistorische Aspekte treten häufig in den Hintergrund. Mehr und mehr spielen aber auch ökologische Überlegungen eine Rolle bei der Frage, ob ein Bau der 1950er Jahre als erhaltenswert eingestuft wird oder nicht. Die Frage von Sanierung oder Abriss dieser Bauten wird zunehmend virulenter, je mehr sie in die Jahre kommen. An der Technischen Universität Braunschweig hat sich angesichts dieses Bergs von Fragen im September 2009 ein Kreis von Mitarbeitern verschiedener Institute der Fakultät Architektur, Bauingenieurwesen und Umweltwissenschaften zusammengefunden, der dem Problem der Nachkriegsarchitektur nun etwas kundiger zu Leibe rückt als Mosebach & Co. Mit dem Buch „Nachkriegsmoderne kontrovers“, erschienen im Berliner Jovis Verlag, ist diesem „Netzwerk Braunschweiger Schule“ Anfang dieses Jahres eine publizistische Ernte gelungen, die ebenso kritisch wie argumentativ überzeugend eine Lanze für die Architektur der Nachkriegszeit bricht und zugleich Wege aufzeigt, mit ihr in die Zukunft zu gehen.

In seinem einleitenden Essay verweist Olaf Gisbertz, Wortführer des Netzwerkes und Herausgeber der Schrift, auf die durchaus vernehmliche zeitgenössische Kritik an der Architektur nach 1945, aber auch auf die berechtigten Anliegen, die Bevölkerungswachstum, akuter Wohnungsbedarf und Bedürfnisse einer grundlegenden Verkehrssituation bei der Um- und Neugestaltung ganzer Städte oder Stadtteile notwendigerweise mit sich brachten. Dabei trat schon früh zutage, dass sich die Praxis des immensen Bauens mit der Architekturkritik ebenso wie mit den politischen und gesellschaftlichen Bedürfnissen vor allem über städtebauliche Fragen allmählich in einen Widerspruch begab – ein Spannungsverhältnis, das bis heute nicht aufgelöst ist. Nach Wolfgang Pehnt wurde dies besonders eklatant in den Jahren des Umbruchs um und nach 1968: Dem Gewinnstreben kapitalistischer Baugesellschaften mit ihren Hochhaussatellitenstädten und der rasanten Eroberung citynaher Wohnquartiere durch Büronutzungen traten Bestrebungen nach mehr Individualismus und Bürgernähe entgegen. Gestoppt haben sie die Entstehung und das Wachstum dieser betonbrutalistischen Monsterstädte kaum, aber zu den langfristigen Ergebnissen zählte unter anderem die auf den ersten Blick seltsam anmutende Allianz zwischen grünen Bürgerinitiativen und der allmählich aufkommenden Denkmalpflege.

Wie die Beseitigung moderner Architektur auch vor zentralen Baudenkmälern nicht haltmacht, zeigt Ira Mazzoni anhand einzelner Hochschulbauten in München, Frankfurt am Main und Tübingen. Insbesondere in letzterer Stadt ist ein ganzes Denkmalensemble, das von Bauten des frühen 20sten Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre hinein unter anderem von Rolf Gutbrod reicht, von den jüngsten Plänen zu einem „Um-Bau“ im Gefolge modischen Hochschulexzellenzstrebens von der Zerstörung bedroht. Mit dem Holzhammer soll hier unterschiedslos über eine Architektur gerichtet werden, deren Qualitäten offenbar weder gesehen, noch begriffen sind. Wie fein aber, wohlüberlegt und auch auf historische Vorgaben abgestimmt die Baukunst der 1950er Jahre sein konnte, lässt sich eindrucksvoll anhand des Okerhochhauses der Technischen Hochschule Braunschweig beobachten, das Dieter Oesterlen 1954/56 an einen Neorenaissance-Altbau von 1877 anfügte. Man muss sich eben nur die Mühe machen, einmal genau hinzuschauen, wie dies Frederik Siekmann in seiner Beschreibung und Analyse des Oesterlen-Baus tut.

Aus der schwierigen Praxis berichtet Martin Schwacke, seit 2010 Leiter der Abteilung Gebäude- und Dienstemanagement der Technischen Universität Berlin. Den Wunsch nach einer „attraktiven“ Architektur im Zeitalter zunehmender Konkurrenzkämpfe um Fördergelder und Studienstandorte mit den gestiegenen Ansprüchen an technische Funktionalität sowie denkmalpflegerisch-architekturhistorischen Anliegen unter einen Hut zu bringen, ist eine Mammut- und oft genug eine Sisyphos-Aufgabe. Vor dem Hintergrund qualitativ auch unter wohlwollenden Fachleuten umstrittener Bauten wie dem zehngeschossigen Hauptgebäude der TU von Kurt Dübbers aus den Jahren 1961/65 bringt sie schwierige Entscheidungen notgedrungen mit sich. Denn mittelmäßige Architektur unter Denkmalschutz zu stellen, diskreditiert – so gibt Schwacke zu Recht zu bedenken – unter Umständen die gesamte Epoche. Eine differenzierte Bewertung ist daher per se unumgänglich.

Schwacke macht auch auf einen anderen Aspekt aufmerksam: die oft mangelhafte energetische und brandschutztechnische Qualität der Nachkriegsbauten, die häufig aus ihrer betont leichten Bauweise mit sparsamem Materialeinsatz resultiert. Anhand zweier Beispiele, unter anderem der Sanierung des Henry-Ford-Baus der Freien Universität 2005/07, demonstriert Schwacke jedoch, dass auch in dieser Hinsicht zufriedenstellende Lösungen möglich sind, wenn sie nur gewollt sind und mit dem notwendigen Sachverstand und Einfühlungsvermögen durchgeführt werden. Vertieft wird dieser Ansatz durch drei Essays von Carl Zillich, Astrid Bornheim und Andreas Overmann sowie Jürgen Engel. Anhand einzelner Beispiele wie der Eternit-Hauptverwaltung in Heidelberg zeigen sie Möglichkeiten auf, Bauten der jüngeren Vergangenheit unter Wahrung ihrer Grundsubstanz so zu überarbeiten, dass sie sowohl den zeitgenössischen bauphysikalischen Ansprüchen gerecht werden als auch – gerade im Bereich des massenhaften Wohnbaus – städtebauliche und soziale Fehlschläge vor allem der 1960er und 1970er Jahre durch eine neue Identitätsstiftung mittels individueller Gestaltungen ausgleichen oder zumindest abmildern.

Die bauphysikalische Modernisierung darf in der Tat als das aus heutiger Sicht größte Problem der Architektur der 1950er Jahre bezeichnet werden. Kompromisse sind hier unvermeidlich, wie ein Autorentrio um Bernhard Weller, Direktor des Instituts für Baukonstruktion an der Technischen Universität Dresden, anhand zweier Beispiele demonstriert. Auf der einen Seite steht die Sanierung des 1955/56 nach Plänen Paul Schwebes’ errichteten, höchst elegant an einer Straßenecke platzierten Hauses Hardenberg in Berlin. Der Bau strahlt nach seiner Wiederherstellung 2004 in einer frischen Leichtigkeit, der man die technischen Eingriffe durch das Berliner Büro Winkens Architekten in keiner Weise ansieht. Der Preis dieser außerordentlich denkmalgerechten Sanierung ist jedoch eine nur geringe Verbesserung der energetischen Effizienzbilanz. Eine andere Möglichkeit repräsentiert das Fakultätsgebäude für Bergbau und Hüttenwesen in Berlin 1955/59 nach Plänen Willy Kreuers. Hier wurde 2008 eine Sanierung durchgeführt, als deren Folge den großen bauphysikalischen Vorteilen der Totalverlust der historischen Fassadensubstanz gegenübersteht. Denn in Wahrheit handelt es sich bei der gläsernen Außenhülle nunmehr um eine vollständige Rekonstruktion.

„Kontrovers“ zu behandeln ist also das Thema Nachkriegsarchitektur in Deutschland ohne Frage. Die jetzt vorliegende Publikation, Ergebnis zweier Tagungen, stellt vor dem Hintergrund der enormen Relevanz des Themas und der Orientierungslosigkeit einer breiten Öffentlichkeit ebenso wie der maßgeblichen Entscheidungsträger in Politik und Architektenschaft den historischen, denkmalpflegerischen, baukünstlerischen und ökologischen Aufgaben gegenüber eine höchst nützliche Handreichung dar, der man bahnbrechenden Charakter zuweisen darf. Sie ist umso bezwingender und wertvoller, als sich hier nicht eine abgehobene Kunst- und Architekturgeschichte im Elfenbeinturm äußert, sondern überwiegend Leute aus der architektonischen Praxis zu Wort kommen, die ein feines Gespür für Werte mit hoher kritischer Intelligenz verbinden. Diesem Band wäre weiteste Verbreitung zu wünschen – jetzt, da es für einige Bauten zu spät, für viele andere aber noch rechtzeitig ist.

Nachkriegsmoderne kontrovers – Positionen der Gegenwart
Herausgeber: Olaf Gisbertz für das Netzwerk Braunschweiger Schule
Jovis Verlag, Berlin, 2012
208 Seiten, 60 schwarzweiße und 61 farbige Abbildungen und Zeichnungen, Preis 32 Euro



18.06.2012

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Johannes Sander

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