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Zwei Publikationen stellen Architekten und deren Œuvre aus den 1960er und 1970er Jahren vor. Angesichts zunehmenden Veränderungsdrucks besitzen Architekturforschungen zu dieser Zeit große Relevanz

Zwischen Rekonstruktion und „tabula rasa“



Anne Schmedding „Dieter Oesterlen. Tradition und zeitgemäßer Raum“

Anne Schmedding „Dieter Oesterlen. Tradition und zeitgemäßer Raum“

Kalt, rau und abweisend setzt sich heute eine Reihe von Großbauten der 1960er und 1970er Jahre mit ihrer vermeintlich faden Seite in Szene. Vor- oder Rücksprünge sowie schichtende Verkleidungen sollen zumeist die Wucht der kompakten, fensterlosen Massen mildern. Auch in der bildenden Kunst dieser Jahre verkörpern Strukturen aus kantigen, ornamentlosen Blöcken mit offenen Gestaltungen den Duktus der Zeit. Donald Judd, Sol LeWitt oder Dan Flavin gelten als die prominentesten Vertreter der so genannten Minimal Art, die in der Baukunst oft zum „Brutalismus“ ausartet. Doch die Tradition wird in dieser Architektur nicht vollständig ausgeblendet; zu differenziert sind die Tendenzen. Unter dem Gesichtspunkt der permanenten Prozesshaftigkeit des Bauens muss bei Veränderungen stets eine Bewertung vorgenommen werden, orientiert an der baugeschichtlichen Relevanz und eingebettet im Kanon des gesamten Werkschaffens des Architekten. Hier gibt es noch viel zu erforschen, und jeder, der sich mit der Materie befasst hat, wird überrascht sein, wie schnell einst prägende Baumeister jener Jahre in Vergessenheit geraten.


Dieter Oesterlen, einer der überregional wichtigen Architekten der Nachkriegsepoche, verlor nach seinem Tod 1994 in Hannover deutlich an Bekanntheit. Auch wenn seine Entwürfe nicht als revolutionär oder bahnbrechend gewertet werden, gilt er wegen seiner Tätigkeit in und um Hannover als zentraler Repräsentant der Braunschweiger Schule. Geboren 1911 in Heidenheim und aufgewachsen in Hannover, studierte er ab 1930 bei Paul Schmitthenner in Stuttgart, bevor er zu Hans Poelzig nach Berlin wechselte und als einer seiner letzten Diplomanten 1936 das Studium abschloss. Der Ausbildung zum Regierungsbaumeister folgten dann erste berufliche Schritte als selbständiger Architekt bei kriegswichtigen Projekten. 1945 kehrte er in seine Heimatstadt Hannover zurück und trat in das alteingesessene und mit guter Auftragslage bestückte Büro Paul Brandes ein, das er 1949 übernahm.

Als Professor für Entwerfen an der renommierten Technischen Hochschule Braunschweig festigte Dieter Oesterlen deren Ruf zusammen mit Kollegen, darunter auch Manfred Lehmbruck, Sohn des Bildhauers Wilhelm Lehmbruck. Alle dort Lehrenden einte unbedingter Fortschrittsglaube sowie die Überzeugung einer hohen Bedeutung des Architekten beim Aufbau der neuen Gesellschaft. Mit repräsentativen Bauten im Auftrag der jungen BRD wurden die Braunschweiger Professoren jedoch nicht betraut, im Gegensatz zu im Süddeutschen beheimateten Architekten wie Egon Eiermann oder Sep Ruf. Die bundesdeutsche Botschaft in Buenos Aires, realisiert 1980/81, ist neben dem Soldatenfriedhof auf dem Futa-Pass in Italien von 1962/67 eine der wenigen Auslandsprojekte Oesterlens. Die Marktkirche, das als Landtag wieder aufgebaute Leineschloss und das Historische Museum, alle in Hannover, sind seine bekanntesten Werke. Insgesamt listet das Werkverzeichnis 94 realisierte Bauten.

Der Landtag ist mittlerweile in die Jahre gekommen, und demzufolge der Wunsch nach einschneidenden Veränderungen groß. Daher kommt eine umfassende Würdigung des Architekten gerade zur rechten Zeit. Anne Schmeddings ertragreiche Dissertation zeichnet sich durch konkrete Herausarbeitung von Oesterlens Schaffensschwerpunkten aus. Nach einem instruktiven Gesamtüberblick stellt die Architekturhistorikerin diese in zwei Kapiteln anschaulich vor. Da sind einmal die vielen Kirchenbauten, die der „Rudolf Schwarz des evangelischen Kirchenbaus“ konzipierte. Zwischen 1957 bis 1988 schuf Dieter Oesterlen 13 evangelische Kirchen und Gemeindezentren, die sich allesamt durch eine Konzentration auf den Innenraum und dessen ästhetische Qualitäten durch Reduzierung des Schmucks auszeichnen.

Künstlerisch von Bedeutung ist sein enges Zusammenwirken mit bildenden Künstlern. Neben Gerhard Marcks, der das Portal der Hannoveraner Marktkirche schuf, oder der Franzose Alfred Manessier, der für den Bremer Liebfrauendom die Fensterentwürfe fertigte, arbeitete Oesterlen besonders intensiv mit dem Berliner Bildhauer Fritz Kühn und dem Darmstädter Glaskünstler Helmut Lander zusammen, dessen abstrakten Betonglasfenstern eine entscheidende Bedeutung für die intendierte räumliche Wirkung zukam. Der Einfluss von Oesterlens Lehrer Poelzig äußert sich besonders in der durch geometrische Strukturen aus Rauten und Dreiecksstaffelung geprägten Dachgestalt der Bochumer Christuskirche. Bei dem bekannten, 1957/59 errichteten Bau herrscht die kristalline Formgebung des Expressionismus vor.

Neben sakralen Projekten dominiert die Einbeziehung erhaltener historischer Bauteile Oesterlens Werkschaffen. Rasch erwarb er sich einen Ruf als Spezialist für den Umgang mit historischer Architektur. Auch zerstörend griff er in überkommene Teile ein, so wie es heute wohl nicht mehr gestattet werden würde, und baute sie selbstbewusst, vom Bestand ausgehend, in modernen Formen weiter. Das dem Vorhandenen übergestülpte Neue wird als „Gebundener Kontrast“ auf den Punkt gebracht. Beim zwischen 1957 bis 1962 außen alt und innen neu als Landtag wieder aufgebauten Leineschloss gab er die noch vorhandene Schlosskirche auf. Ferner setzte er dem Ensemble einen schlichten geschlossen Kubus für den Parlamentssaal zur Seite.

Beim 1967 vollendeten Historischen Museum Hannover bezog Dieter Oesterlen alte Teile wie Zeughaus, Stadtmauer und Beginenturm in seine neue Konstruktion aus Beton, Stahl und Glas mit ein. Noch ein Kuriosum am Rande: 1962/63 errichtete er am Hildesheimer Marktplatz das „Hotel Rose“ in nüchternen, sachlichen und strengen Formen. Rund 20 Jahre später wurde an der selben Stelle das wieder aufgebaute Knochenhaueramtshaus eingeweiht! Anne Schmeddings Arbeit geht weit über reine Bestandsdokumentation hinaus, ist eine gut lesbare, tiefgründige Analyse, die zahlreiche Querverbindungen zum allgemeinen Baugeschehen aufzeigt, zugleich kritisch agiert und rundum schlüssig argumentiert.

Leider noch keine Monografie, doch wenigstens die Dokumentation der Vorträge eines wissenschaftlichen Kolloquiums über das Werkschaffen von Rolf Gutbrod verdient ebenfalls Beachtung. Eigenständig wie zeittypisch im gesamten Schaffen, zählt der einst bekannte Architekt mittlerweile zu den weiteren „stillen Stars“ der Nachkriegsepoche. Geboren 1910 in Stuttgart und verstorben 1999 in Arlesheim bei Basel, studierte er 1929/30 an der Technischen Universität Charlottenburg und dann bis 1936 an der Technischen Hochschule in Stuttgart bei Paul Schmitthenner und Paul Bonatz. Von 1936 an war er selbständig tätig, ab 1947 lehrte er selbst an der Stuttgarter Hochschule.

Sein erster großer Wurf wurde die 1956 eingeweihte Stuttgarter Liederhalle, ein asymmetrisch konzipiertes Konzerthaus in frei geschwungenen Formen, dessen große Betonkuben Blasius Spreng mit kleinteiligen Mosaikplatten verkleidete. International für Furore sorgte sein zusammen mit Frei Otto realisierter Pavillon auf der Expo 1967 im kanadischen Montreal. Die asymmetrische Seilnetzkonstruktion bot eine gelungene Selbstdarstellung des „Swinging Germany“. Mit Wagemut und Zuversicht wurde hier etwas gänzlich Neues probiert, das wenige Jahre später in München bei den Olympischen Spielen von 1972 eine noch größere Ausprägung erhielt, wobei Gutbrods Schüler Günter Behnisch mit Frei Otto planerisch federführend war.

Neben der Deutschen Botschaft in Wien von 1962/63, den anschließend ausgeführten Bibliotheks- und Hörsaalbauten für die Kölner Universität oder den Gebäuden des Süddeutschen Rundfunks in Stuttgart ist Kunstfreunden der kompakte, fast fensterlose Betonbau des Berliner Kunstgewerbemuseums am Kulturforum ein Begriff, der durch Vor- und Rücksprünge in seiner heftigen Schwere gemildert werden soll. An diesem Museum zeigt sich besonders die begrenzte Akzeptanz und Popularität der vor allem wegen formaler Strenge mit Vorurteilen belegten plastischen Betonbauten. Der stetig zunehmende Veränderungsruck durch technische, energetische und ökologische Aufrüstung verlangt immer eine genaue Prüfung der Bauten, wobei die Forschung und deren Publikationen sehr hilfreich sein können.

Anne Schmedding: Dieter Oesterlen. Tradition und zeitgemäßer Raum
Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen/Berlin, 2011
372 Seiten mit 406 Abbildungen, Preis 58 Euro

Rolf Gutbrod. Bauen in den Boomjahren der 1960er
Herausgegeben von Klaus Jan Philipp
Müry Salzmann Verlag, Salzburg 2011
148 Seiten mit zahlreichen Schwarzweißabbildungen und Farbteil, Preis 29 Euro



04.08.2013

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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