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Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

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Sammeln ist nicht einfach

Egoismus oder Kulturleistung?



Sammeln ist nicht einfach, selbst wenn man mit Leidenschaft und Geld gesegnet ist. Denn eine Sammlung muss lebendig sein, sie muss sich entwickeln. Das kann sie – da wir soziale Wesen sind – nur in der Kommunikation mit anderen Menschen. Die Sammlung muss daher zugänglich sein, sie muss von anderen gesehen werden können, sie muss auf andere ihre Wirkung ausstrahlen können, sie muss ihre eigene Veränderung auch in der Auseinandersetzung erweisen.


Lebendig ist eine Sammlung aber nicht nur dadurch, sie muss auch permanent verbessert werden. Das erfordert nicht nur den Zukauf immer „besserer“ Objekte, es ist dazu auch nötig, dass weniger gute oder für die Vollendung der Sammlung weniger wichtige Dinge verkauft werden; mit einem Wort: Die Sammlung muss permanent gestrafft werden. Denn wird aus einer Sammlung nicht mehr verkauft, ist sie tot. Sie mag das höchste Qualitätsniveau erreicht haben – dennoch ist sie nur noch museal.

Von der Sammlung zum Museum
Genau das geschieht auch mit vielen Sammlungen. Sie werden Museen. Wenn wir durch die prunkvollen Säle unserer Museen gehen, in denen die wunderbarsten Kunstschätze ausgestellt sind, vergessen wir oft, dass es meist ein einziger Sammler gewesen ist, der begonnen hat, sich mit Dingen zu umgeben, die ihm wichtig waren und die heute unser gemeinsames kulturelles Erbe darstellen.

Deshalb wünsche ich mir viele Sammler. Deshalb wünsche ich mir viele Sammlungen: Sammlungen, die öffentlich zugänglich gemacht werden; die ein Teil des eigenen Erlebens werden; die es ermöglichen, die Sicht des Sammlers zu teilen, zu verstehen, worum es ihm ging, nachzuvollziehen, wonach er suchte; vor allem aber zu tun, wofür – nach Platon – es einzig sich zu leben lohnt: das Schöne zu betrachten.

Ich wünsche mir aber noch etwas. Ich wünsche mir, dass die Museen wieder Sammlungen werden. Damit sie nicht nur Kultur sichtbar machen, Erkenntnis erweitern, Bereicherung durch die Betrachtung des Schönen vermitteln, sondern darüber hinaus „immer besser“ werden; und das geht, wie gesagt, nur, indem sie wieder lebendig werden; und das wieder geht nur, indem „bessere“ Objekte zugekauft und andere abgestoßen werden.

Sollen Museen Kunst verkaufen?
Mir ist schon klar, dass sich viele Menschen geradezu reflexartig gegen die Vorstellung verwahren werden, Museen sollten Teile ihrer Bestände verkaufen. Aber wie sonst soll sich ihre Qualität verbessern? Stellen Sie sich bitte vor, Museen würden agieren wie Sammler. Stellen Sie sich vor, dass sie, nachdem sie erst die Teilrechtsfähigkeit und dann die Vollrechtsfähigkeit erhalten haben (was nichts anderes heißt, als dass ihnen der Staat immer wieder Geld zur Verfügung stellen will), wirklich verantwortlich wären für die Qualität – und die Qualitätsverbesserung – ihrer Sammlungen. Stellen Sie sich vor, Museen würden, wie Sammler, mit Sachkenntnis und Kunstbegeisterung agieren, ihre Sammlungen straffen, Unwesentliches abstoßen, Wesentliches zukaufen. Ich erblicke in dieser Vorstellung nur Positives.

Natürlich würde es dann vorkommen, dass etwas verkauft wird, das sich später als wichtig herausstellt. Natürlich kämen zu den Fehlern, die schon jetzt in der Ankaufspolitik gemacht werden, auch solche beim Verkaufen. Aber Fehler passieren am Anfang allen Sammlern. Fehler unterlaufen auch den erfahrensten Kunsthändlern. Fehler sind wichtig; sie sind unsere beste Chance, zu lernen.

Abgesehen davon, dass die Museen mit dem Recht, zu kaufen und zu verkaufen, ihre ökonomische Freiheit zurückgewännen, um wie viel spannender und besser könnten Ausstellungen gestaltet werden, wenn die drückende Finanzlage ein Ende hätte, wenn der abgeworfene Ballast der Depots den Museen ihre Beweglichkeit zurückgäbe. Museen sind derzeit in viel größerem Maße, als die meisten von uns sich das vorstellen können, nicht „reine“ Sammlungen – sie sind Ansammlungen! Was man in den Schauräumen sieht, ist lediglich die Spitze des Eisberges an gehorteten Kunstgütern. Die Österreichische Galerie Belvedere etwa zeigt nur ungefähr 600 ihrer 7.000 Gemälde (und viele Bilder, die im Depot gelagert sein sollten, sind, wie man in den Zeitungen lesen konnte, leider nicht mehr auffindbar oder in nicht ganz perfektem Erhaltungszustand). Das Historische Museum der Stadt Wien vermag nur wenige Tausend der 1,5 Millionen (!) Objekte herzuzeigen.

Natürlich ist es eine andere Aufgabe, für die Allgemeinheit zu sammeln als für sich selbst. Aber irgendwann stellt sich auch für einen Sammler die Frage, für wen er sammelt: Für sich, für andere, für niemanden, nur des Sammelns wegen? Diese Frage führt letztlich zur immer gleichen Antwort: Wer nur für sich sammelt, ist kein Sammler, sondern ein Ansammler, ein Aufhäufer. Früher oder später wird auch er erkennen, dass Sammeln eine Verpflichtung ist –das Vergnügen wird bloß nebenbei dazugeliefert. Die Verpflichtung des Sammelns besteht darin, andere sehen und erkennen zu lehren, und das geht nur, wenn man seine Sammlung öffentlich zugänglich macht. Das kann aber die eigentliche Erfüllung eines Sammlerlebens sein. Und in diesem Sinne sammelt jeder Sammler auch „für andere“.

Beispiele für diese Entwicklung gibt es sonder Zahl. Alle unsere Museen sind letztlich so entstanden. Das soeben eröffnete Museum Leopold – eine Sammlung! Das Essl Museum zeitgenössischer Kunst in Klosterneuburg – eine Sammlung! Wer je in Schweizer Museen auch die Hinweistafeln gelesen hat, weiß, dass ein gut Teil der Kunstwerke von Sammlern gestiftet wurde; und wer die Museen einer Region besucht, wird nicht umhin können festzustellen, dass die interessantesten und spannendsten (ehemalige) Privatsammlungen sind: Villen, deren Pforten für Besucher aus aller Welt geöffnet wurden.

Sammeln – Krankheit oder Kulturleistung?
Als vor ein paar Jahren der Ankauf der Sammlung Leopold im Parlament diskutiert wurde (wobei man richtigerweise darauf hinweisen muss, dass die Republik Österreich nur einen Teil der Sammlung gekauft hat, der größte Teil wurde ihr geschenkt), hat ein Abgeordneter den Sammler Rudolf Leopold eine kranke Persönlichkeit genannt. Möglicherweise ging es dem Abgeordneten gar nicht so sehr darum, den bekanntesten Sammler unseres Landes, als die Kunst selbst der Verrücktheit zu denunzieren. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass man hierzulande die Künstler in Irrenhaus sperren wollte. Der damalige Unterrichtsminister Erhard Busek hat dem Abgeordneten in seiner Replik jedenfalls beschieden, dass, hätten dessen Vorfahren ähnlich gedacht wie er, sich unsere Gesellschaft noch im Urwald befände.

Dabei hatte der Abgeordnete so Unrecht nicht. In gewisser Hinsicht ist ja alle Kultur eine Art Narretei. Denn sie beruht darauf, einem Gegenstand – außer seinem Nützlichkeitswert – noch eine ganz andere Bedeutung zuzumessen. Sie beruht darauf, dass wir von Dingen Vorstellungen entwickeln, die mit den Dingen selbst nichts zu tun haben; mehr noch: sie beruht darauf, dass wir voraussetzen, dass andere Menschen diese Vorstellungen teilen. Qualität, das wesentliche Kriterium für die Beurteilung eines Kunstwerks, ist so eine Vorstellung. Es gibt dafür keine allgemeingültige Definition, und dennoch wissen wir alle (oder ahnen es zumindest), was darunter zu verstehen ist. Die Kunst selbst ist so eine Vorstellung. Der eigentliche Wert, den wir einem Kunstobjekt zubilligen, ist unsichtbar, abstrakt. Er besteht in einer Idee. Aber auch der materielle Wert steigt mit der Bedeutung, die wir in dieser Idee erkennen. Dies für verrückt zu halten, hat schon etwas für sich.

Aber diese „Verrücktheit“ hat uns die Sprache gebracht – Laute, denen wir eine gemeinsame Bedeutung zugebilligt haben. Diese „Verrücktheit“ hat uns die Schrift gebracht – Zeichen, denen wir eine gemeinsame Bedeutung zugebilligt haben. Diese „Verrücktheit“ hat uns Kultur beschert – Dinge, denen wir eine gemeinsame Bedeutung zugebilligt haben.

Ein Sammler ist einer jener Verrückten, die Kultur schaffen. Er leistet für die Erhaltung des kulturellen Erbes und damit uns allen einen unschätzbaren Dienst. Er hält fest, er bewahrt, entweder, bis sich bessere Erkenntnis durchgesetzt hat, bis ein Künstler in seiner Bedeutung erkannt ist oder ein Sammelgebiet sich durchgesetzt hat. Und selbst wenn das nie geschieht, macht das Bewahren Sinn. Wer vom „Virus des Sammelns“ befallen ist, lernt eine ganz neue Welt kennen: Atelierbesuche, Ausstellungen, Vernissagen, Herumstöbern in Antiquariaten, Gespräche mit Künstlern, Teilnahme an Auktionen, Tauschen, Handeln, Steigern. Diese Sucht wird nie ganz befriedigt sein. Wer einmal von der „Sammelkrankheit“ befallen ist, wird nie wieder genesen. Aber wer wollte das schon? Irgendwann allerdings kommt der Punkt, sich über die Zukunft seiner Sammlung den Kopf zu zerbrechen. Und dann (und das ist nicht die Ausnahme, sondern fast schon die Regel) werden aus vielen der heute noch ganz privaten Sammlungen öffentliche. Denn die Sammler sind nicht nur besonders leidenschaftliche Menschen, sie sind auch besonders großzügig. Jenö Eisenberger, der ganze Lebensmittelketten ins Leben gerufen hat und ein begeisterter Sammler österreichischer und ungarischer Kunst ist, hat mir einmal gesagt: „Mit dem Geschäft habe ich viel Geld gemacht. Aber reich bin ich erst durch die Kunst geworden.“ Diesen Reichtum mit anderen zu teilen, ist ihm – wie vielen anderen Sammlern auch – ein selbstverständliches Anliegen.



Der Autor ist Leiter der Wiener Kunst Auktionen im Palais Kinsky. Der vorliegende Text ist dem Buch „Der Markt der Kunst“, erschienen im Böhlau Verlag, entnommen.

www.boehlau.at

Kontakt:

im Kinsky - Kunst Auktionen GmbH

Freyung 4

AT-1010 Wien

Telefax:+43 (01) 532 42 00-9

Telefon:+43 (01) 532 42 00

E-Mail: office@imkinsky.com



10.03.2002

Quelle/Autor:Otto Hans Ressler

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