Vor der Krise galten sie als sicheres Sprungbrett für die Künstlerkarrieren der Zukunft: Die Art Statements, das junge Segment der Art Basel. Doch Krise hin oder her. Auch in diesem Jahr sind hier wieder spannende Newcomer aus aller Welt zu entdecken
Hier tummeln sich die Stars von morgen
Fragil und leicht, abstrakt und elegant kommen die Arbeiten der 1975 in Stuttgart geborenen Künstlerin Hanna Schwarz daher. Ausgebildet in Hamburg, unter anderem bei Cosima von Bonin, bewegte sich Hanna Schwarz zunächst in etlichen temporären Hamburger Ausstellungsräumen. Zusammen mit einer Künstlerkollegin betrieb sie den charmanten „Salon de Thé“. Heute lebt Hanna Schwarz in Berlin. Ihre Arbeiten beschäftigen sich häufig mit den Posen des postmodernen Tanzes und der Bühnenpräsenz des weiblichen Körpers. Oskar Schlemmers „Triadisches Ballett“ mag man da im Hinterkopf haben, aber auch Bruce Naumans frühe Körperperformances aus den 1960er Jahren. Hanna Schwarz’ abstrakte Objekte, reduzierte Zeichnungen und ephemere Filmarbeiten entspringen in ihrer sparsamen Setzung dem Minimalismus. Elegante Kühle mischt sich hier mit spannungsreicher Ironie.
Hanna Schwarz bei Dépendance, Brüssel
www.dependance.be
Übervolle Skizzenbücher, Farben und die konsequente Arbeit im Atelier: Das ist die Welt des jungen brasilianischen Künstlers Kboco, Jahrgang 1978. Auf den hektischen Straßen der 11-Millionen-Metropole São Paulo ist Kboco längst nicht mehr unterwegs. Er hinterließ seine Spuren vielmehr auf den brüchigen Fassaden im Nordwesten Brasiliens oder in der Hafenstadt Victoria. Kbocos Formensprache speist sich aus der afrikanischen und arabischen Kultur, den landschaftlichen Besonderheiten Brasiliens und den Ideen des Landschaftsarchitekten Roberto Burle Marx. Street Art trifft auf High Art: Kboco verwandelt seine Art Statement-Koje in eine Totalinstallation mit bemalten Wänden, auf denen er seine detailreichen Gemälde platziert. Dreiecke, zielscheibenartige Kreise, Liniensysteme und Rauten fügen sich zu einem fein ausbalancierten, harmonischen Ganzen. Sorgsam und gründlich durchkomponierte Gemäldekomplexe treffen auf coole brasilianische Lässigkeit: Der britische Sprayer-Papst Banksy bekommt ernsthafte Konkurrenz aus den Tropen.
Kboco bei Marilia Razuk Galeria de Arte, São Paulo
www.galeriamariliarazuk.com.br
Fotografie oder Malerei? Der kalifornische Maler Jordan Kantor, Jahrgang 1972, schafft es mit raffinierten Tricks, die beiden Medien miteinander zu kombinieren und so auf ihren jeweiligen Wahrheitsgehalt zu untersuchen. Seine Ölgemälde arbeiten mit fotografischen Effekten. Manche wirken wie Röntgenaufnahmen, spielen mit Licht und Schatten, scheinbar falsch gesetzten Farben und technoiden Anmutungen. Eigentlich sieht sich der in San Francisco lebende Maler als Fotograf. Allerdings ist er einer, der lieber mit Farbtöpfen, Pinseln und Leinwand hantiert als mit Kameras, Vergrößerungsapparaten oder Bildbearbeitungsprogrammen. In seinem dreiteiligen Gemälde „Untitled (biopack frame # 1-3)“ kombiniert er Bilder einer Sonnenfinsternis mit Raumfahrtmotiven und schafft so faszinierend komplexe Welten in ästhetisch kühler Präzision.
Jordan Kantor bei Ratio 3, San Francisco
www.ratio3.org
Hurrikan Katrina zerstörte 2005 einen Großteil der Südstaatenmetropole New Orleans. Seitdem ist er zum Symbol für die Auslöschung von kulturgeschichtlichem Erbe im heutigen Amerika geworden. Der in Louisiana aufgewachsene Konzeptkünstler Stephen G. Rhodes, Jahrgang 1977, setzt sich in seinem opulenten Werk mit diesem Thema auseinander. Basis seiner materialreichen Installationen sind private Fotografien, historische Landschaftsmalerei und Videoprojektionen. Rhodes vermischt Fakten mit Fiktionen, Disneyland-Bezüge mit Geschichten aus der eigenen Familie. Er reinszeniert in seinen Videos historische Duelle und zitiert die in der amerikanischen Fotografie des 19. Jahrhunderts beliebten Darstellungen von Leid und Klage.
Stephen G. Rhodes bei Isabella Bortolozzi, Berlin
www.bortolozzi.com
Die Surrealisten haben die sogenannte „écriture automatique“ zu einer Kunstform erhoben, die es ihnen ermöglichte, unbewusste Gedanken, Bilder und Assoziationen schnell zu fixieren. Ähnlich verfährt auch der in Berlin lebende Brite Mathew Hale, Jahrgang 1962. Sein Bilderfluss entspringt dem unendlichen Fundus von Magazinen, Buchseiten, Graffiti und Großstadtbildern. Hale verdichtet sein Ausgangsmaterial zunächst zu Papiercollagen, die er dann zu dreidimensionalen Arbeiten und Diamontagen weiterentwickelt. In diesem assoziationsreichen Crossover verbindet Hale Ströme des Unbewussten mit verschiedensten historischen Referenzen wie beispielsweise den Maiunruhen in Paris 1968, den damals kursierenden politischen Journalen oder 1970er-Jahre-Songs von David Bowie.
Mathew Hale bei Wentrup, Berlin
www.janwentrup.com
Manche vergleichen den niederländischen Shooting Star Guido van der Werve, Jahrgang 1977, schon mit dem früh verstorbenen Kultkünstler Bas Jan Ader. Seine Filme sind traurig, melancholisch und poetisch zugleich. Sie thematisieren das Scheitern, das permanente Kämpfen des Einzelnen gegen das Schicksal sowie das Flüchtige, das bei Guido van der Werve immer dem Dauerhaften gegenüber gestellt wird. In seinem neuesten 16mm-Film „Number Twelve“, der 2009 an drei Orten in den USA gedreht wurde, erzählt er in drei Akten von der Unlösbarkeit komplexer Probleme. Das Schachspiel, von Jahrhundertkünstlern wie Marcel Duchamp gerne zelebriert, bildet dabei den Auftakt. In poetisch-sinnlichen Bildern geht es zudem um die Unendlichkeit des Sternenhimmels und die verschiedensten Möglichkeiten, ein Klavier zu stimmen.
Guido van der Werve bei Juliètte Jongma, Amsterdam
www.juliettejongma.com
In den Filmen von Nina Könnemann, Jahrgang 1971, herrscht eine nüchterne Atmosphäre. Scheinbar dokumentierend schwenkt die Kamera langsam über verstreute Menschengruppen in einem Park am Morgen nach einem Festival. In einem anderen Film verhaftet der Kamerablick an einem ungewöhnlichen Paar am Rande der Berliner Love Parade: Ein angetrunkener Vater will seinen Sohn offenbar zum Trinken verführen. Nina Könnemanns Filme bewegen sich in schwer fassbaren Zwischenzonen. Äußerlich der Alltagswelt verhaftet, wirken die beiläufig agierenden Personen wie in einer mit leichter Hand arrangierten Bühneninszenierung. Diffuse Handlungen, Gesprächsfetzen und ein subjektiver Kamerablick kennzeichnen die Videoarbeiten der in Berlin lebenden Künstlerin. In Basel zeigt Nina Könnemann ihren neuesten Film mit dem Titel „The Fence“.
Nina Könnemann bei Karin Günther, Hamburg
www.galerie-karin-guenther.de
„What time is it?“ lautet der Titel der Rauminstallation, die der Schweizer Künstler Luca Frei, Jahrgang 1976, der zur Zeit in Malmö lebt, auf den Art Statements vorstellt. Eine aus acht Elementen bestehende Wandstruktur unterteilt die Koje. Die einzelnen Elemente, Halb- und Viertelzylinder, bestehen aus Holz und Gips. Öffnungen und Durchblicke schaffen für den Besucher eine neue Dimension der Raumerfahrung. Eine Soundebene verstärkt die körperliche Erfahrbarkeit. Der Raum und – metaphorisch gesehen – auch die Zeit werden durch Luca Freis fein ausbalancierte Struktur auf mehreren Ebenen rezipiert.
Luca Frei bei Balice Hertling, Paris
www.balicehertling.com
Die Fotografien des 1971 geborenen Belgiers Geert Goiris sind von frappierender Einfachheit und eleganter Kühle. Sie entstehen an entlegenen Orten oder in unspektakulären Interieurs und bestechen durch einen erkennbar perfekten Umgang mit dem Medium Fotografie. Doch das ist nicht alles. Geert Goiris, der sich in der Traditionslinie der „New Topographics“ um Stephen Shore, Lewis Baltz, Robert Adams einordnet, bezeichnet seinen fotografischen Stil als „traumatischen Realismus“. Den Betrachter seiner Landschafts-, Architektur- und Tieraufnahmen entlässt er in einen Zustand der Desorientierung und des schaudernden Staunens. In Basel präsentiert er seine neuesten Aufnahmen unter dem Titel „Whiteout“, die Bezeichnung für ein gefährliches Wetterphänomen in der Polarregion, als perfekt inszenierte Diaprojektion.
Geert Goiris bei Art Concept, Paris
www.galerieartconcept.com
„Silent Utopia“ nennt der Krakauer Pawel Ksiazek, Jahrgang 1973, seine Gesamtinstallation für die Art Statement-Koje. Hier verbindet er den Modernismus in der osteuropäischen Architektur mit der Ästhetik deutscher Stummfilme aus den 1930er Jahren. Ausgehend von alten Fotografien, Grundrissen und anderen Dokumenten, konstruierte Ksiazek kleine Modelle, die die Grundlage für sechs Gemälde bilden. Hier erforscht er mit nahezu detektivischer Präzision utopische Vorstellungen der Vorkriegsmoderne und untersucht deren Widerhall in der Gegenwart. Zwischen seinen Gemälden zeigt Pawel Ksiazek Stummfilme wie Fritz Langs „Metropolis“. Seine kühl-analytischen und zugleich faszinierenden Bilder transportieren Momente voller utopischer Zukunftsvisionen und melancholischer Sehnsüchte.
Pawel Ksiazek bei Zak Branicka, Krakau und Berlin
www.zak-branicka.com
Die 40te Ausgabe der Art Basel läuft in den Hallen 1 und 2 der Messe Basel bis zum 14. Juni. Geöffnet ist täglich von 11 bis 19 Uhr, am 6. Juni erst ab 13 Uhr. Die Tageskarte kostet 38 Franken, ermäßigt 28 Franken. Die Dauerkarte liegt bei 90 Franken. Und ab 17 Uhr kann für 18 Franken eine Abendkarte gelöst werden. Den dicken Hauptkatalog gibt’s für 65 Franken, den Katalog zu Art Unlimited für 40 Franken.