 |  | Adolph von Menzel, Das Chorgestühl im Dom zu Mainz, 1869 | |
Es ist ein kleines Blatt, das Adolph von Menzel bemalt hat, nicht viel größer als die Abbildung im Katalog. Viel konnte er auf seine Reise auch nicht mitnehmen, die er 1869 quer durch Deutschland unternahm. Im Mainzer Dom fertigte er die vorliegende Impression an: Der Blick geht von Osten hin in den Westchor hinein, der rundherum mit dem 1760 bis 1765 vom Mainzer Hofschreiner Franz Anton Herrmann und dem Bildhauer Heinrich Jung angefertigten Chorgestühl umstellt ist. Es zeichnet sich durch sprühendes Rokoko aus, und Menzel gelingt es, diesen Eindruck von kleinteiliger Unruhe stimmungsvoll einzufangen. Gleichzeitig jedoch setzt er starke Akzente wie die monumentale Reiterfigur des heiligen Martin als oberen Abschluss des Baldachins für den Bischofsthron, die sich im diffusen Licht vor dem Fenster abzeichnet, oder auch den einsam stehenden Küster mit dem großen Schlüsselbund in der Hand, der dem Maler etwas unsicher gegenübersteht. Sogar die hochgezogenen schneeweißen Augenbrauen sind zu erkennen. Die kleine Aquarell- und Gouachemalerei gelangt am Samstag bei Ketterer in Hamburg als Hauptlos zur Versteigerung, ausgestattet mit einem Schätzpreis von 100.000 bis 150.000 Euro.
Alte Meister
Der wichtigere Teil der Auktion mit etwas über achtzig Gemälden, Zeichnungen und Grafiken Alter und Neuerer Meister kommt am Nachmittag unter den Hammer. Bei den Alten Meistern sind weniger die Gemälde als die grafischen Arbeiten bemerkenswert. Albrecht Dürers Marter der Zehntausend zum Beispiel ist deswegen erwähnenswert, weil sie hier als seltener Druck im ersten Zustand des Holzschnitts von 1496 vorliegt. Das Blatt ist eine wichtige Station des jungen Künstlers, der sich hier auf dem besten Weg zu einer geschlossenen Form und einer perfekten handwerklichen Qualität befindet (Taxe 20.000 bis 25.000 EUR). Gegenseitige Wertschätzung verband Dürer mit dem Flamen Lucas van Leyden. In ihrer technischen Fertigkeit, wie sie auf Leydens Seite der etwas blass abgezogene Kupferstich „Vergil im Korb“ von 1525 zeigt, haben sie sich gegenseitig befruchtet (Taxe 1.500 bis 1.700 EUR).
Endgültig in der Renaissance angekommen ist der Niederländer Crispijn van de Passe, nicht nur modisch, sondern auch in der selbstbewussten Auffassung vom Menschen. Die zwölf Monate, eine naturgemäß zwölf Rundbilder umfassende Kupferstichfolge von etwa 1600, ist komplett erhalten. Sie zeigt sowohl Menschen bei ihrer Tätigkeit als auch die Vergnügungen des höfischen Lebens (Taxe 12.000 bis 14.000 EUR). Insgesamt sieben Arbeiten von Rembrandt möchte das Haus am 28. Oktober an den Mann bringen, darunter – als bedeutendste Grafik – die ebenso bekannte wie fesselnde Szene „Christus heilt die Kranken“, eine Radierung aus dem Jahr 1649, die später aus nicht ganz geklärten Gründen den Beinamen „Hundertguldenblatt“ erhielt (Taxe 30.000 bis 35.000 EUR). Von dem deutschen Barockkünstler Johann Wolfgang Baumgartner gibt es zwei galante Rokokoszenen mit zeitgenössischer Architekturkulisse als virtuose Zeichnungen der Zeit um 1750 zu je 9.000 bis 12.000 Euro.
Bei den wenigen Gemälden geht es zeitlich mit einem Portrait des Erzherzogs Maximilian los, der später als Kaiser Maximilian den Kaiserthron ersteigen sollte. Hier ist er noch als junger Mann dargestellt, so dass das Bildnis kaum nach 1550, wie das Auktionshaus meint, entstanden sein kann. Es wird dem Umkreis des Jan Cornelisz Vermeyen zugewiesen und soll 10.000 bis 15.000 Euro kosten. Von Interesse dürften auch einige Niederländer sein, zum Beispiel Claes Molenaer mit einer Landschaft, in der über einem still daliegenden Kirchplatz ein kräftiges Gewitter aufzieht (Taxe 4.000 bis 5.000 EUR), oder die Holztafel mit Kühen und Bauern auf einem Hügel, die Jacob van Strij um 1790 retrospektiv bemalt hat (Taxe 11.000 bis 13.000 EUR). Bereits von 1819 stammt Maximilian Neustücks Waldlandschaft mit Wassermühle und einem Jäger, die ebenfalls die alte Tradition fortzuführen scheint (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR).
Der venezianischen Künstlerin Rosalba Carriera, einer der bedeutendsten und zu ihrer Zeit beliebtesten Portraitisten der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die vor allem in Pastell gearbeitet hat, wird das elegante Bildnis einer jungen Frau zugeschrieben, das in ihrer typischen Art von der Unmittelbarkeit der Dargestellten und der Weichheit der Konturen lebt (Taxe 20.000 bis 25.000 EUR). Venezianischer Provenienz ist auch eine ideale Landschaft mit Ruinen aus der Jahrhundertmitte, die repräsentativ für die dortigen Ausläufer der großen Landschaftsmalerei steht (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR). Ob der schön erfasste Kopf eines Mannes mit melancholischem Blick aus der Hand Agnese Dolcis, der Tochter des großen Carlo, stammt, lässt sich mangels echter Vergleichsmöglichkeiten nicht mit Sicherheit feststellen (Taxe 2.000 bis 3.000 EUR). Als offenbar zusammengehörende Pendants stehen zwei Küstenlandschaften des Franzosen Alexander-Jean Noël zur Verfügung, um 1800 wiederum an den Ansichten der alten Niederländer geschult (Taxe 18.000 bis 24.000 EUR).
Neuere Meister
Fast gleich viele Bilder Neuerer Meister kommen anschließend zum Einsatz. Als besondere Delikatesse der Grafik wartet die vierteilige Serie „Die vier Tageszeiten“ von Philipp Otto Runge auf Kundschaft, hier in der zweiten Auflage von 1807, mit der dem Künstler bei Kritik und Publikum gleichermaßen der endgültige Durchbruch gelang. Sie zeigen Runges romantische Auffassung einer gewissermaßen absoluten Kunst und gleichzeitig seine große Innovationskraft, die erst hundert Jahre später im Jugendstil zur vollen Entfaltung kommen sollte (Taxe 28.000 bis 35.000 EUR). Stilistisch orientiert sich an Runge der 14 Jahre jüngere Friedrich Olivier. So wirken drei ihm zugeschriebene Kinder vor einer idealen Parklandschaft wie in einer heilen, unantastbaren Idylle, und sind doch wie wesenlose, zerbrechliche Puppen dargestellt, deren Verletzlichkeit nur allzu deutlich mitschwingt (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR).
Johann Georg von Dillis’ Ruf gründet sich vor allem auf seiner Tätigkeit am bayerischen Hof unter Ludwig I. Dass er auch zukunftsweisende Qualitäten besaß, zeigen seine kleinformatigen Ölbilder wie der „Waldweg am Fluss“ von etwa 1820, die zu seiner Zeit lediglich als Studien angesehen wurden, heute jedoch als Vorläufer der circa eine Generation später aufkommenden Freilichtmalerei gelten (Taxe 10.000 bis 15.000 EUR). Fritz Overbeck sollte, natürlich über Umwege, fast hundert Jahre später letztlich auf Vorläufer wie ihn zurückgreifen, wie bei seinen Bäumen in der Aue im Sommerwind, einer ornamental aufgefassten Landschaft von 1906/08 (Taxe 12.000 bis 14.000 EUR).
Zwei Vertreter der Münchner Malerschule sind Heinrich Bürkel und Heinrich von Zügel. Letzterer ist vor allem für seine Tierbilder bekannt. Dabei konnte er auch mal sehr frei und zerstreut den Pinsel über die Leinwand schwingen, so dass eine ausgesprochen impressionistische Wirkung entsteht, wie bei einer „Schafherde mit liegendem Schäfer in der Lüneburger Heide“ (Taxe 7.000 bis 9.000 EUR) und einigen „Kühen im Baumschatten“, beide aus der mittleren Schaffenszeit Zügels um 1900 herum entstanden (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR). Der eine Generation ältere Bürkel malte idyllische Dorfansichten und Landschaften. Ein oberbayerisches Gebirgsdorf mit Brunnen von 1834 scheint die biedermeierliche Stimmung in der zeitgleichen Literatur beispielsweise des frühen Adalbert Stifter geradezu zu atmen (Taxe 35.000 bis 40.000 EUR). Literatur und bildende Kunst finden sich vereint in dem malenden Dilettanten Wilhelm Busch. Seine zwei kleinen Ölskizzen trinkender Bauern auf Vor- und Rückseite einer Malpappe sind vielleicht für 6.000 bis 8.000 Euro zu haben.
Zu den französischen Neoimpressionisten um Paul Signac und Georges Seurat zählte der heute eher unbekannte, aber kaum minder bedeutende Henri Lebasque. Sein auf 1899/1900 datiertes Gemälde „Moissonneurs aux environs de Lagny“ zeigt auch den Einfluss der parallelen italienischen Moderne, beispielsweise eines Giovanni Segantini. Mit einem Schätzpreis von 60.000 bis 80.000 Euro rangiert es auf Platz zwei der Erwartungen. Auch zwei herausragende Gemälde russischer Künstler sind dabei: Vasili Ivanovich Surikovs alttestamentarische Szene des obszönen Tanzes um das goldene Kalb, dem der verdüsterte Moses mit den Gesetzestafeln zuschauen muss (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR), und Klavdiy Vasilievich Lebedevs Portrait eines etwas bockig dreinschauenden Jungen mit blondem Haar um 1900 (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR).
Der zweite Teil der Auktion, der gleichsam als Vorgeschmack bereits am Vormittag veräußert werden soll, wartet noch einmal mit fast vierhundert Werken auf potente Kundschaft. Los geht es mit rund sechzig Bildern „maritimer Kunst“, meist Portraits von Segelschiffen oder anderen beeindruckenden Dingen, die mit der Seefahrt in Zusammenhang stehen. Hauptlos ist eine Charles Louis Verboeckhoven zugeschriebene Ansicht einiger Schiffe am Strand auf bewegter See (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR). Die nachfolgende Offerte Alter Meister bietet in der Regel Zeichnungen und Grafik im dreistelligen und niedrigen vierstelligen Taxbereich an. Die Gemälde sind weniger bedeutend. 2.000 bis 3.000 Euro soll eine Zeichnung bringen, die dem Umkreis des Pietro da Cortona zugeschrieben wird und die Übergabe des abgeschlagenen Hauptes Johannis des Täufers an Herodes darstellt. Eine Krönung der Gottesmutter durch zwei Engel, von Pietro Antonio Novelli in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit der braunen Feder zu Papier gebracht, schlägt mit 3.000 bis 4.000 Euro zu Buche. Mit 7.000 bis 9.000 Euro am höchsten dotiert ist ein charakteristisches Tierbild Jakob Roos’, der auch unter dem schönen Namen Rosa da Napoli firmiert (Taxe 7.000 bis 9.000 EUR).
Rund zweihundert Bilder stammen aus dem 19. und 20. Jahrhundert, darunter eine Reihe extra ausgewiesener Werke norddeutscher Künstler als Abschluss. Natursehnsucht wie die stimmungsvolle Flusslandschaft mit Ruderboot des Schweden Fredrik Ahlstedt (Taxe 5.000 bis 6.000 EUR), der malerische „Weg am Fluss“ aus der Schule von Barbizon von 1869 (Taxe 3.500 bis 4.500 EUR) oder auch modernere und für das frühe 20. Jahrhundert denn doch wieder etwas antiquierte Ansichten wie eine Winterlandschaft Max Clarenbachs für geschätzte 10.000 bis 12.000 Euro sind dabei. Genrehaften Charakter trägt „Die Wahrsagerin“ des Engländers Heywood Hardy von 1875, der sich wie viele seiner Zeitgenossen der beliebten Manier des galanten 18. Jahrhunderts mit entsprechender modischer Attitüde wiederbedient (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR). Auch Gotthardt Kuehl, der eine „Diele mit Kartoffelschälerin hinterlässt“, hat während seiner Studien an den Akademien in Dresden und München sichtlich die Meister des 17. Jahrhunderts genossen (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR). Johann Moritz Rugendas wird das 1853 datierte Ganzfigurenbildnis eines südamerikanischen Gauchos im Profil zugeschrieben (Taxe 6.500 bis 8.000 EUR).
Die Auktion beginnt am 28. Oktober um 10 Uhr. Die Objekte stehen noch bis zum 25. Oktober täglich von 11 bis 17 Uhr zur Vorbesichtigung bereit. Der Katalog ist im Internet unter www.kettererkunst.de einsehbar.
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