 |  | Edgar Degas, Trois danseuses jupes violettes, um 1896 | |
Da tänzeln sie nun wieder und recken ihre Arme schemenhaft vor dem Bühnenhintergrund einer angedeuteten Landschaft in die Höhe. Mit Bildern junger Balletttänzerinnen aus den Pariser Opernhäusern, Café-Concerts und dem Zirkus ist Edgar Degas berühmt geworden. Er bediente damit den Geschmack seiner Zeit. Denn der Auftritt der jungen Damen war in der männlichen Welt der französischen Metropole so begehrt, dass etwa Richard Wagner oder Giuseppe Verdi für die Aufführungen ihrer Opern in Paris eigens Ballette hinzukomponieren mussten. Die Kulmination im Tanz hatte etwas Rauschhaftes, und die jungen Tänzerinnen standen oft noch nach ihren Auftritten den Pariser Herren zur Verfügung. Das Thema Ballett- und Theaterleben begleitete Degas ab den 1860er Jahren bis zu seinem Lebensende und war für ihn eine unerschöpfliche Inspirationsquelle. Nicht allein die öffentliche Darbietung interessierte den Impressionisten, sondern auch das Treiben hinter der Bühne, in den Proberäumen und Garderoben. Dort bildete er sinnlich und oft auch erotisch die heranwachsenden Mädchen in Posen beim An- und Entkleiden, beim Waschen oder beim Strecken und Recken der Glieder ab. Das Pastell „Trois danseuses jupes violettes“ von etwa 1896 war nun eines der Highlights der Auktion „Impressionist & Modern Art“ gestern Abend bei Sotheby’s in London. Es wurde schon bei 3,7 Millionen Pfund unterhalb seines Schätzpreises von 4 bis 6 Millionen Pfund mitgenommen.
Ganz nach Plan lief es bei Sotheby’s nicht. So wurden nur 75 der angebotenen 98 Positionen abgesetzt, was einer Quote von 76,5 Prozent entspricht; wertmäßig kamen immerhin 84 Prozent zusammen. Dennoch kann Sotheby’s mit dem bisher höchsten Umsatz in der Auktionsgesichte Europas aufwarten und damit die Rekordserien vom vergangenen Jahr fortsetzen: Gehandelt wurde jetzt Kunst im Wert von 94,9 Millionen Pfund, umgerechnet rund 144 Millionen Euro. 30 Kunstwerke wurden für eine Millionen Pfund und mehr verkauft, und sechs neue Auktionsrekorde aufgestellt. Mit den anschließenden „kleineren“ Versteigerungen der Sparte Impressionisten und Moderne hofft man, über 100 Millionen Pfund zu kommen. An dem Spitzenergebnis war nicht nur die launige Bieterschar beteiligt, sondern Sotheby’s selbst. Hat der Versteigerer doch auch für seine Londoner Niederlassung an der Aufgeldspirale gedreht und verlangt nun Kommissionsgebühren von 20 Prozent auf die ersten 250.000 Pfund, nicht wie bisher auf die ersten 100.000 Pfund.
Zum Star des Abends wurde Chaïm Soutines „Der Mann mit dem roten Schal“. Die energischen Farben und die kräftige Malgeste ließen die Bieter nicht locker. Sie engagierten sich ausgiebig und hoben das Gemälde aus dem Jahr 1921 auf 7,8 Millionen Pfund (Taxe 3,5 bis 5 Millionen GBP): der neue Rekordpreis im Schaffen des litauisch-französischen Expressionisten, der die ein Jahre alte Christie’s-Höchstmarke von 7 Millionen Pfund für „Le bœuf écorché“ einstellte. Mit der Schätzung von 6 bis 8 Millionen Pfund lagen Pierre-Auguste Renoirs „Les Deux sœurs“ von 1889 an vorderster Front. Die beiden Schwestern, die, innig in die Lektüre eines Buches versunken, man beinahe voyeuristisch anschaut, fanden sich mit einem Zuschlag von 6,1 Millionen Pfund auf Platz 2 der Ergebnisliste wieder.
Wie Renoirs „Les Deux sœurs“ stammte auch Maurice de Vlamincks „Symphonie en couleurs (Fleurs)“ von 1905/06 aus der Sammlung Charles R. Lachmans, des Mitgründers des Kosmetikkonzerns Revlon, die nach rund 50 Jahren bei Sotheby’s wieder auf den Markt kam. Vlamincks Blumenstillleben zeigt, wie die Fauvisten die Form auflösten und einem Überschwang der Farbe frönten, was auch den Bietern gefiel. Sie honorierten es mit 2,7 Millionen Pfund (Taxe 1,5 bis 2,5 Millionen GBP). Vlaminck war noch mit „Le Pésage à Longchamps“, einer lebhaften Szene vom Pferderennen im Bois de Boulogne, um 1905/07 vertreten, die jetzt 1,9 Millionen Pfund wert ist (Taxe 1,4 bis 1,8 Millionen GBP), oder mit seinen bekannten Flussansichten der Seine, wie „Les Pêcheurs“ von 1907, die einen Fang zur oberen Taxe von 1,2 Millionen Pfund an Land zogen.
Von der Farbe ist auch Raoul Dufys geselliges Treiben in „La Foire aux Oignons“ von 1907 bestimmt. Dennoch spielt das Gleichgewicht zur Form für ihn noch eine wichtige Rolle, was bei den Käufern auf Gegenliebe stieß und mit dem neuen Rekord von 3,6 Millionen Pfund bedacht wurde (Taxe 1,2 bis 1,8 Millionen GBP). Gleichauf lag Claude Monets italienisches Vegetationsbild „Maison du Jardinier – Bordighera, La Méditerranée“, das er 1884 lichtvoll auf die Leinwand bannte (Taxe 2,5 bis 3,5 Millionen GBP). Sein Blumenkorb „Chrysanthèmes“ von 1878 erreichte die untere Taxe von 2 Millionen Pfund, sein üppig bewachsenes Seineufer von 1881 auch die unteren 1,5 Millionen Pfund und seine „L’Eglise de Vétheuil“ von 1878, aus dem Jahr, als Monet mit seiner Familie in den Pariser Vorort zog, 800.000 Pfund (Taxe 750.000 bis 1.000.000 GBP). Ebenfalls genau auf die untere Schätzung von 1,5 Millionen Pfund kamen Camille Pissarros Obstgarten „Le Verger du manoir d’Ango, Varengeville, matin“ von 1899 und Paul Cézannes noch impressionistisch geprägtes, verschlossenes Gartentor in Auvers-sur-Oise von 1873.
Der nächste Spitzenwert galt dem Impressionismus par excellence. Er ging an Alfred Sisley für seine in Frankreich eingefangene, sommerliche Flusslandschaft „Le Loing à Moret“ von 1891 mit 2,6 Millionen Pfund (Taxe 1,8 bis 2,5 Millionen GBP). Unter den Top Ten behaupteten sich unerwartet noch zwei Werke Edvard Munchs. Sein „Blick von Nordstrand“, einem Vorort Oslos, auf den Oslofjord, den er im Winter 1900/01 malte, verdreifachte die Erwartung auf 3,4 Millionen Pfund (Taxe 1 bis 1,5 Millionen GBP), ebenso wie sein innig angeschmiegtes und doch einsames Paar im „Frühling“ auf 2,8 Millionen Pfund (Taxe 700.000 bis 900.000 GBP). Pablo Picassos „Homme et femme à table: Angel Fernández de Soto et son amie“, ein Werk aus seiner frühen „Blauen Periode“ von 1902/03 mit der dafür charakteristischen Barszene, wurde bei 1,8 Millionen Pfund übernommen (Taxe 1,8 bis 2,2 Millionen GBP), und sein Stillleben „L’Ecritoire“ von 1910 aus der Phase des Analytischen Kubismus bei 1,15 Millionen Pfund (Taxe 1,8 bis 2,2 Millionen GBP). „Les trois masques“ seines Malerkollegen Juan Gris von 1923 ließen sich für 700.000 Pfund bitten (Taxe 700.000 bis 900.000 GBP).
Dem Impressionismus und der Klassischen Moderne hatte Sotheby’s 23 Gemälde und Skulpturen vor allem deutscher und ein wenig auch österreichischer Provenienz vorgeschaltet. Auch hier belegte ein farbgewaltiges Werk den vordersten Rang. 1909 gestaltete Wassily Kandinsky den Marienplatz in Weilheim mit seinen hochaufragenden Giebelhäusern als impulsives Farbefest, das bei 2,2 Millionen Pfund reüssierte (Taxe 1,5 bis 2 Millionen GBP). Einen beinahe schon dämonischen Einsatz des Kolorits gelang Ludwig Meidner in seinem Selbstporträt „Mein Nachtgesicht“ von 1913, das seine Schätzung von 600.000 bis 800.000 Pfund mit einem Zuschlag von 1,35 Millionen Pfund in etwa verdoppelte. Trotz der zurückhaltenden Farbigkeit sprang auch Paula Modersohn-Beckers stiller „Kopf eines auf dem Stuhl sitzenden Mädchens“ mit einem Zuschlag von 160.000 Pfund über die Taxe von 70.000 bis 90.000 Pfund.
Gut nahm der Markt auch die fünf Werke Alexej von Jawlenskys auf. So kam seine unbekannte Frauengestalt „Resi“, gemalt um 1909, auf die anvisierten oberen 1,2 Millionen Pfund, sein konturgebundenes „Stillleben mit Kanne“ um 1913 auf 820.000 Pfund (Taxe 500.000 bis 700.000 GBP), der späte, lichte „Abstrakte Kopf: Sommerlich“ um 1931 auf 450.000 Pfund (Taxe 300.000 bis 400.000 GBP) und die in Violett- und Blautönen schimmernde Bergwelt von „Murnau“ von etwa 1910 auf 410.000 Pfund (Taxe 250.000 bis 350.000 GBP). Lediglich der zweite, etwas mürrisch dreinblickende „Weibliche Kopf (Helene)“ verfehlte die untere Schätzung von 1 Million Pfund um 150.000 Pfund.
Wenig Interesse bestand dagegen bei Emil Nolde. Auch er schickte fünf Gemälde ins Rennen, von denen nur die weißen Gischtkronen auf blauen Wellen im Ölgemälde „Meer C“ von 1930 bei 850.000 Pfund den Besitzer wechselten (Taxe 700.000 bis 900.000 GBP). Nicht anders erging dem sonst erfolgreichen Egon Schiele. Die hochtaxierte Gouache eines weiblichen Aktes mit dem Titel „Sich aufstützende blonde Nackte mit dunklen Strümpfen“ von 1914 fand keinen Abnehmer (Taxe 2,25 bis 3,25 Millionen GBP), und auch nicht der Plakatentwurf „Für die Armen vom Erzgebirge“ von 1913 (Taxe 130.000 bis 180.000 GBP). Nur die Kohlezeichnung „Stehender Halbakt“ reüssierte bei 320.000 Pfund (Taxe 250.000 bis 350.000 GBP). Ein unerschöpfliches Reservoir aus dem deutschen Impressionismus sind die Gartenbilder der Wannsee-Villa von Max Liebermann. Auch Sotheby’s hatte zwei davon im Angebot. Die „Blumenstauden im Nutzgarten nach Südwesten“ von etwa 1928 erreichten genau die untere Taxe von 250.000 Pfund, der bildmäßigere „Blick auf die Blumenterasse in Wannseegarten nach Südwesten“ von 1918 spielte 850.000 Pfund ein (Taxe 650.000 bis 950.000 GBP).
Geprägt war der gestrige Abend auch von einer Reihe herausragender Skulpturen des frühen 20ten Jahrhunderts. Der elegische „Torso der Schreitenden“ aus dem Jahr 1914, der in einem Steinguss der 1920er Jahre vorlag, zählt zu den wichtigsten Figuren im Schaffen Wilhelm Lehmbrucks. Erst 2006 wurde er an die Erben von Fritz und Grete Tugendhat restituiert. Sie freuen sich nun über einen Zuschlag von 1 Million Pfund, der nicht nur die Taxe von 250.000 bis 350.000 Pfund überbot, sonder auch das bisher beste Auktionsergebnis im Schaffen des deutschen Expressionisten. Ernst Ludwig Kirchners exaltiert blau und rot gefasste Gruppe „Mann und Frau“ von 1922, die 2003 mit einer Schätzung von 600.000 bis 800.000 Pfund beim Konkurrenten Christie’s unbeachtet blieb, brachte jetzt realistische 380.000 Pfund (Taxe 350.000 bis 450.000 GBP).
Der Moderne-Abschnitt trumpfte mit dem russischen Konstruktivisten Naum Gabos auf. Dessen filigrane „Lineare Konstruktion im Raum No.3, mit Rot“ von 1957/58 stellte nun den aktuellen Auktionsrekord mit 1,1 Millionen Pfund auf (Taxe 500.000 bis 700.000 GBP). Auch für Jacques Lipchitz wurde die Messlatte höher gelegt. Für seine kubistische Bronze „Sailor with Guitar“ von 1914 kamen 920.000 Pfund zusammen (Taxe 400.000 bis 600.000 GBP). Amedeo Modiglianis ruhig blickende Steinskulptur „Tête“ um 1911/12 kletterte auf 1,3 Millionen Pfund (Taxe 600.000 bis 800.000 GBP), und Hans Arps „Sculpture Classsique“, eine vollendete Reminiszenz an die Gestalt einer Frau in Marmor von 1960, auf 950.000 Pfund (Taxe 300.000 bis 400.000 GBP).
Den Abschluss der Auktion bildete gestern Abend die Sektion der Surrealisten, bei der schon das meiste Pulver verschossen war. Werder der favorisierte René Magritte mit seinem Gemälde „L’Okapi“ 1958 (Taxe 2,5 bis 3,5 Millionen GBP) noch Paul Delvaux mit seinem Strandbild „Les Courtisanes“ von 1941 samt nackter Schönheiten fand das Gefallen des Publikums (Taxe 1 bis 1,5 Millionen GBP). Lediglich Yves Tanguys „Les Survenants II“, eine geheimnisvolle Landschaft von 1942, bevölkert von organischen Formen, übertraf mit 1,1 Millionen Pfund die Millionengrenze (Taxe 1 bis 1,5 Millionen GBP). Preisgünstigere Arbeiten auf Papier fanden mehr Anklang, wie Francis Picabias mit Punkten und Balken überlagertes Bildnis der Surrealistenmuse „Gala“, der späteren Ehefrau Salvador Dalis, von etwa 1920/21 mit 230.000 Pfund (Taxe 120.000 bis 180.000 GBP).
Alle Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld.
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