Man sieht Sigmar Polke am Boden liegen, ausgestreckt über einer weißen Leinwand mit zahllosen regelmäßigen Punkten, die er sorgfältig mit dem Pinsel aufmalt und mal zu dicken Streifen, mal zu zickzackförmigen Kästchen miteinander verbindet. Daneben steht der silberne Topf mit der schwarzen Acrylfarbe. Man sieht auch Polkes große Rasterbilder, mal in nüchternem Schwarzweiß wie bei einem altmeisterlich eingerichteten „Interieur“ von 1966, mal in Farbe wie in einem „Schwimmbad“ von 1988, in dem eifrig geflirtet wird. Beide Bilder wirken wie mannshoch vergrößerte Inserate aus Zeitungen und Werbeblättern. „Ich liebe alle Punkte. Mit vielen Punkten bin ich verheiratet. Ich möchte, das alle Punkte glücklich sind“, sagt er dazu. Aber: Wie macht Polke die Punkte eigentlich?
Auch Josef Froehlich stellt sich diese Frage. Froehlich ist einer von drei deutschen Sammlern, deren umfangreiche Kollektion moderner und zeitgenössischer Kunst sich zu einem Gutteil aus Werken Sigmar Polkes rekrutiert. Die anderen beiden heißen der literarisch ambitionierte Reiner Speck und Frieder Burda. Im Museum des letzteren, dem Museum Frieder Burda in Baden-Baden, sind nun alle drei Polke-Sammlungen miteinander vereint, in einer Ausstellung, die sich Retrospektive nennt und nur bedingt eine ist. Schon das Begleitbuch zur Ausstellung enttäuscht. Außer einer kurzen Einführung, einem nur technische Daten verzeichnenden Katalog sowie einem notdürftigen Anhang aus Biografie, Bibliografie und Ausstellungsverzeichnis findet sich dort lediglich ein Interview, in dem der Kunsthistoriker Götz Adriani, sonst für sorgfältige und maßgebende Ausstellungen zur modernen Kunst anerkannt, die drei Leihgeber um sich versammelt.
Man erfährt viel über die Beziehungen der drei Sammler zu Polke, noch mehr über ihre gegenseitige Wertschätzung und die Frage, welches Bild aus der Sammlung der jeweils anderen sie gerne hätten, auch ein wenig über den Mensch Polke, aber wenig über seine Technik, die Beweggründe seiner Malerei, seine Intentionen und Ziele. Ironie mit einem ernsten Fond und hintersinniger Witz seien tonangebend in seiner Kunst, desillusionierend sei sie und entlarvend – das sind die gängigen Deutungsmuster seiner Kunst. Auch seine große Bibliothek, in welches Allerheiligste nur die wenigsten Besucher seiner Heimstatt vorgelassen werden, wird genannt, und dass seine Malerei vielfältige Reminiszenzen an frühere Meister und Zeitalter enthalte.
Doch all dies bleibt vage, in den wenigsten Fällen auf bestimmte Werke bezogen und wird in der Ausstellung völlig ausgeblendet. Großformatige Gemälde wie „Nach Altdorfer“ von 1986, dessen ornamentaler Linienknoten auf ein Detail aus dem Gebetbuch Kaiser Maximilians I. von 1513 mit einer Randzeichnung des Malers Albrecht Altdorfers zurückgeht, oder „Der Ritter II“ von 1992, dessen auf durchsichtiges Polyester aufgebrachte schwarze Kunstharz- und Acrylzeichnung eines altmeisterlich wirkenden Holzschnitts eine Illustration aus dem Ehezuchtbüchlein des deutschen Satirikers Johann Fischart (um 1546 bis 1590) mit dem Titel „Flöhhatz, Weibertratz“ von 1578 zur Grundlage hat, sind somit eher unverständlich. Auch die Motive der Sammler verharren vollkommen im Dunkeln. Reiner Specks Dreiklang „Polke – Proust – Petrarca“ ertönt nicht in Baden-Baden, von Burdas Troika „Richter – Baselitz – Polke“ ist in der Ausstellung nie etwas zu sehen.
Freilich: Manche Erfindungen Polkes erzielen ihre Wirkungen unmittelbar aus sich selbst heraus. Titel wie „Würstchen“, „Für die Hausfrau“, „Deocreme“, „Mehl in der Wurst“, „Sekt für alle“, „Messer mit Ohren“ oder seine Kartoffelköpfe, nicht mehr nur kindlich, sondern sogar kindisch wirkende Zeichnungen mit Kugelschreiber auf billigem Blockpapier, reflektieren so direkt auf die Werbebranche der 1960er Jahre, in denen sie entstanden, dass sie kaum einer Erläuterung bedürfen. Seine halb liebenswerte, halb spöttelnde Hommage an den knapp zehn Jahre älteren Gerhard Richter von 1965, mit Polke und anderen zusammen Mitbegründer des „Kapitalistischen Realismus“, vermarktet den Kollegen mit witzigen und ironischen Reklameslogans solange, bis es nervt: „Ihr Friseur – Richter“, „Richter – ab September ständig im Kino“, „Schlankheit durch Richter“, „Mach mich glücklich – nur mit Richter“, „DM 199,50 Richters Mehrzweck-Tischkreissäge“, „Richter’s Kundendienst“, „Richter“, „Richter – Richter“. Selbst wer nicht weiß, wer hier mit Richter gemeint ist, wird sich dem Charme dieser Zeichnungen kaum entziehen können. Dass es auch „Polke als Droge“ gibt, als „Pulverisierten Polke im Glasröhrchen“ mit passender Abbildung auf kariertem Papier, versteht sich da von selbst.
Seine fast dadaistischen Spötteleien wie das teils banal, teils wiederum als ehrliche Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Malerei gemeinte Bild „Konstruktivistisch“ oder sein ebenso ambivalent aufzufassender und dadurch wiederum kaum greifbarer Beitrag zur „Modernen Kunst“ von 1968 zeigen eine „Ernsthaftigkeit, ohne die seine Komik schal wäre“, wie Adriani es formuliert. Wie oft überschreitet Polke die Grenzen seiner Gattung, der Malerei, und damit die Grenzen seines Berufsstandes! Wie oft nimmt er sich als Künstler selbst auf die Schippe! „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“ steht groß wie mit einer Schreibmaschine ungelenk auf dem weißen Grund einer Leinwand von 1969 – und setzt dem Deutungsspielraum keine Grenzen. Bilder wie diese erweisen sein hohes Maß an Humor. Sie zeigen einen fast bösartigen Reflex auf die Zeitgenossen des abstrakten Expressionismus, in dem Polke jedoch wie diese seine eigene aktive Gestaltungsmacht als Künstler in Frage stellt und eine andere, vielschichtigere Antwort gibt.
Die Bandbreite der Schau in Baden-Baden ist den unterschiedlichen Sammlungsinteressen der drei Mäzene entsprechend groß. Rasterbilder, Stoffbilder wie das wunderbare „$-Bild“ von 1971, ein paar wild-abstrakte Schütt- und Lackbilder sowie Malereien auf transparentem Polyestergewebe aus der jüngeren Werkphase – insgesamt rund 60 großformatige Bilder – sowie noch einmal etwa 110 Zeichnungen werden gezeigt. Man mag in der unmittelbaren, gleichsam unbelasteten Gegenüberstellung von Werk und Beschauer sicher auch einen Vorzug sehen. Doch für eine „Retrospektive“, die den Anspruch hat, eine „Rückschau“ auf das Schaffen des Künstlers und damit auch auf den Schaffensprozess zu bieten, ist dies zu wenig. Es fehlen etwa Polkes chemische Experimente oder seine Fotografie. Vor allem fehlt der Ausstellung aber das gedankliche Fundament, das für die Interpretation der Kunst Polkes unerlässlich ist.
Die Ausstellung „Polke – Eine Retrospektive. Die Sammlungen Frieder Burda, Josef Froehlich, Reiner Speck“ ist bis zum 13. Mai zu sehen. Das Museum Frieder Burda hat Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 9 Euro, ermäßigt 7 Euro bzw. 3 Euro. Der Katalog zur Ausstellung kostet 28 Euro.
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