Seit 14 Jahren gibt es jetzt das Kulturfestival „Rohkunstbau“ in Brandenburg. Im Zentrum dieser von Arvid Boellert gegründeten Veranstaltung steht jedes Jahr eine Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst. Gerade für die kulturverwöhnten Berliner bietet der „Rohkunstbau“ eine gute Gelegenheit zur kurzweiligen Stadtflucht. Der „Rohkunstbau“ findet traditionell in einem hübschen Schloss in der landschaftlich reizvollen Umgebung der Hauptstadt statt. Die eingeladenen Künstler beziehen sich in ihren Arbeiten auf den historischen Ort und das von einem Kurator entwickelte Thema.
In diesem Jahr musste für den XIV. Rohkunstbau allerdings ein neues Schloss gefunden werden. Der langjährige Ausstellungsort, das Wasserschloss Groß Leuthen, wurde von einem Architekten erworben und steht seitdem nicht mehr zur Verfügung. Doch Ersatz wurde rechtzeitig gefunden: Nun findet der „Rohkunstbau“ im geschichtsträchtigen Schloss Sacrow statt. Das Herrenhaus im barocken Stil liegt idyllisch zwischen Berlin und Potsdam inmitten einer Seenlandschaft mit Blick auf Glienicker Brücke und Pfaueninsel. Hier lebte einst der Vater des romantischen Dichters Friedrich de la Motte Fouqué. Nach einer wechselvollen Geschichte zog in den 1970er Jahren schließlich die DDR-Zollbehörde ein, und Schäferhunde patrouillierten im verfallenden Schlosspark.
Der „Rohkunstbau“ mit seiner ambitionierten Kunstausstellung sieht sich als Katalysator zu Wiederbelebung von Schloss Sacrow. In diesem Sommer findet der zweite Teil des Projekts „Drei Farben – Weiß“ statt, das von dem in Berlin lebenden, britischen Kurator Mark Gisbourne entwickelt wurde. Die Ausstellungstrilogie bezieht sich auf den Filmzyklus „Drei Farben – Blau, Weiß, Rot“ des polnischen Avantgarde-Regisseurs Krzysztof Kieslowski. Die Farbe Weiß steht dabei für Gleichheit und Demokratie, darf aber auch als Metapher für das Licht und für die Gemeinschaft aller Farben gesehen werden.
Zehn internationale Künstler hat Mark Gisbourne nach Schloss Sacrow eingeladen. Ein kleines, mit den Fingern gemaltes Gemälde von Gerhard Richter auf der oberen Etage des unrenovierten Schlosses schwebt quasi über der gesamten Ausstellung. Die fein nuancierten Grautöne mischen sich zu einem gegenstandslosen Monochrom. Mark Gisbourne bezeichnet Richters Gemälde von 1969 in Sinne von Roland Barthes als ein „Punctum Piece“. Für ihn bildet es Anfang und Ende der Aufmerksamkeit. Auf dem Rundgang über zwei Etagen wechseln sich leise Arbeiten mit lauten Behauptungen ab. Eine neue Installation des Berliner Videokünstlers Julian Rosefeldt beschäftigt sich auf kritisch-hinterfragende Art mit dem Thema der deutschen Romantik. In vier Parallelprojektionen zeigt er betörend schöne Bilder von Nebellandschaften, einsamen Figuren in Rückenansicht und melancholisch klagenden Vögeln.
Sound ohne Klang dann bei den Spiegelarbeiten der in Berlin lebenden Südafrikanerin Candice Breitz. Sie benutzt populäre Songtexte gängiger Hits der 1980er Jahre, die sie auf Spiegel appliziert. Den Hintergrund für die „Lyric Mirrors“ bilden Fotoaufnahmen, die Breitz in Hotelzimmern anfertigte. Erasures „How can I explain when words get broken“ steht da beispielsweise. Candice Breitz’ Arbeiten machen deutlich: Die Sprache der Popkultur ist immer zweischneidig. Gleichzeitig eint sie die Musikfans durch den gemeinsamen Konsum populärer Songs. Doch diese unentrinnbare Gleichschaltung wird von der Musikindustrie und von Marketingstrategen gesteuert, deren subtilen Verführungsmechanismen der Musikkonsument in Kansas ebenso unterliegt wie in Reykjavik oder Castrop-Rauxel.
Eine kritische Auseinandersetzung mit der politischen Situation in seinem Heimatland unternimmt der israelische Zeichner Gil Marco Shani. Auf den ersten Blick wirken seine leicht eingängigen Zeichnungen von Personen, Tieren und kleinen Landschaftsszenen harmonisch und harmlos. Doch sie zeigen ganz unmittelbar die Härte und Grausamkeit der Realität innerhalb der israelischen Armee und in den Palästinensergebieten. Hetzende Hunde, brutale Vergewaltigungen und blutende Rehkitze erschüttern den Betrachter und lenken den Blick auf die Ungleichheit der Verhältnisse in einem ursprünglich gepriesenen Land.
Thomas Demands politische Fotografie „Attempt“ zeigt eine nicht gezündete Bombe der RAF, der Finne Ola Kolehmainen präsentiert eine minimalistische Architekturfotografie, und die Britin Maria Chevska bezieht sich in ihrer reflektierten Installation aus Malerei und Möblierung auf einen Aphorismus von Franz Kafka. Der Besucher ist entlassen in den leicht überwucherten, ursprünglich von dem berühmten Landschaftsgärtner Peter Joseph Lenné angelegten Schlossgarten und darf Richtung See zur Heilandskirche spazieren. Weiss - Gleichheit - historische Schlossarchitektur. Die Landpartie „Rohkunstbau“ ist ein zugleich intellektuelles wie beschauliches Vergnügen.
Die Ausstellung „XIV. Rohkunstbau. DREI FARBEN – WEISS“ ist noch bis zum 26. August zu sehen. Geöffnet ist am Samstag und Sonntag jeweils von 10 bis 20 Uhr. Der 126 Seiten starke Katalog kostet 30 Euro. Ein Shuttle-Service verkehrt von Berlin nach Sacrow samstags um 17 Uhr vom Schlossplatz, Breite Straße in Berlin-Mitte.
Schloss Sacrow
Krampnitzer Straße 33
D-14469 Sacrow
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