 |  | Angelika Kauffmann, Selbstbildnis mit der Büste der Minerva, um 1780/81 | |
Um Tabus zu durchbrechen, braucht man nicht nur Selbstbewusstsein. Als die Malerin Angelika Kauffmann 1764 – sie war damals 23 Jahre alt – ihr erstes Historienbild „Bacchus entdeckt die von Theseus verlassene Ariadne“ malte, betrat sie eine Männerdomäne. Darüber mag man sich moniert haben. Aber die kritischen Ansichten haben Kauffmanns Entscheidung, sich den mythischen und literarischen Szenen zuzuwenden, nicht geändert. Angelika Kauffmann, eine Art Wunderkind der Malerei, setzte sich auch in dieser Gattung durch – mit ihrem begnadeten Talent als Künstlerin. Kein geringerer als Goethe, dessen Porträt seltsamerweise zu den wenigen nicht geglückten Arbeiten der Kauffmann gehört, nannte sie ein „Weib von ungeheurem Talent“, behielt sich das Attribut Genie aber für Männer des Metiers vor.
Dass Angelika Kauffmann den kühnen Schritt in die Historienmalerei bereits in diesem Alter wagte, hängt zweifellos mit ihren ersten großen Erfolgen im Porträtfach zusammen. Im selben Jahr ihres Entschlusses malte sie, als reisende Malerin mit ihrem ebenfalls als Maler tätigen Vater in Italien unterwegs, den berühmten englischen Shakespeare-Mimen David Garrick. Das Porträt, das den Schauspieler rücklings auf einem Stuhl sitzend, die Arme auf die Rückenlehne gestützt, zeigt, machte in England Furore. Nicht weniger beachtet wurde das ebenfalls 1764 entstandene Porträt des damals bedeutendsten Altertumsforschers Johann Joachim Winckelmann, das – anders als die von Mengs und Maron – den Gelehrten ohne Statuspose, ganz bei sich selbst darstellt, als schaute er für einen kurzen Moment von seinem Manuskript auf. Das Porträt wurde in London ausgestellt und brachte Angelika Kauffmann einen Bonus für die Zukunft ein. Die Kauffmann beherrscht nicht nur ihr Handwerk, sie hat einen kritischen und hochsensiblen Blick.
Diese drei Gemälde sind Schlüsselwerke im Œuvre der Malerin aus dem Bregenzer Wald. Zu sehen sie sind derzeit in einer Gedenkausstellung des Vorarlberger Landesmuseums in Bregenz und des Angelika Kauffmann Museums im nahegelegenen Schwarzenberg anlässlich des 200ten Todestags der Malerin, die zwar aus dem Bregenzer Wald stammt, aber schon zu Lebzeiten zu einer der gefragtesten Malerinnen ganz Europas avancierte. Dass die Schau nahezu die gleichen Arbeiten präsentiert wie die große Retrospektive in Düsseldorf und München vor elf Jahren, macht sie nicht nur zu einem zweiten Aufguss. Sie schmälert auch den Rezeptionshorizont dieser großen Malerin. Wenngleich die hier gezeigten Arbeiten eine Kraft und eine Ausstrahlung besitzen, die sich nicht abnutzt.
Angelika Kauffmann war der erste weibliche Malerstar der Geschichte. Von London bis St. Petersburg, von Rom bis Wien war man am Ende des 18ten Jahrhunderts verrückt nach ihr – „angelicamad“, wie ein englischer Gentleman in einem Brief notierte. Die brillanten, zwischen Rokoko und Klassizismus changierenden Porträts, ihre ungestümen und zugleich sentimentalen Gemälde zu besitzen, war eine Prestigefrage. Auch heute steht die 1741 in Chur geborene und im Bregenzer Wald aufgewachsene Kosmopolitin noch immer unanfechtbar in einer Reihe mit den großen Namen ihrer Zeit wie etwa Francisco de Goya, Anton Raphael Mengs, Joshua Reynolds oder Pompeo Girolamo Batoni.
Die Stationen ihres Lebens schlüsseln auch ihr Werk in eine Frühphase, in die Londoner Zeit und die Jahre in Rom auf. Wie bahnbrechend die Londoner Jahre von 1766 bis 1781 waren, zeigt die Ausstellung nicht zuletzt anhand ihrer mythologischen Szenen. Angelika Kauffmann versteht die Historienmalerei nicht mehr als Schlachtenmalerei und Heroeninszenierung. Ihre Bilder durchweht der Geist der Sturm und Drang-Bewegung. Theatralisch und dramatisch, aber in ihren Posen auch von einer Grazie und Anmut, die ihren Bildern einen unverwechselbaren ätherischen Ausdruck verleihen, charakterisiert sie die Helden und Götter der alten Griechen von Paris bis Pallas Athene in einer zuvor nie dagewesenen menschlichen Dimension. Die Zeit der Empfindsamkeit, die Gefühle wie Trauer, Treue, Verletzung und Verlust zelebrierte, ist unübersehbar der Subtext dieser Bilder.
Wie die Ausstellung zeigt, ist das Pathos der Londoner Arbeiten später in Rom einem akademischeren Klassizismus gewichen. Doch auch hier bevorzugt die Kauffmann eine weibliche Figurenstaffage. Angeblich hat das mit dem Umstand zu tun, dass Frauen vom Aktstudium ausgeschlossen waren. Es heißt, dass die Malerin für anatomische Studien sich selbst vor dem Spiegel Modell stand. Doch das änderte nichts daran, dass Angelika Kauffmann als eine von nur zwei Frauen zu den Gründungsmitgliedern der Londoner Royal Academy gehörte und 200 Jahre lang neben Mary Moser die einzige weibliche Künstlerin in diesem auserwählten Kreise blieb.
Angelika Kauffmann war Zeit ihres Lebens eine der gefragtesten Porträtistinnen. Sie hatte den Ruf, so elegant wie Reynolds zu sein und so tiefblickend wie Anton Graff. Und wie nur wenige verstand sie es, Kunst und Charakter, Persönlichkeit und Zeitgeist miteinander zu verbinden. Das „Bildnis Lady Henderson“, in der die Porträtierte in natürlicher Umgebung eines Parks mit einem Buch in der Hand verweilt, oder das Bildnis des Architekten Michael Novosielski, der mit den Attributen seiner Zunft, aber in entspannter, privater, nachdenklicher Haltung verewigt ist, zeigen deutlich, dass sie eine Menschenkennerin war, die mit genauem Blick ihr Gegenüber studierte.
Die Intensität und Tiefgründigkeit ist auch in ihren Selbstporträts zu spüren. Ihre berühmten Selbstdarstellungen mit Staffelei und Pinsel oder mit der Büste der Minerva als Staffage und allegorischen Bezug zur klassischen Kunst waren auch immer Teil einer öffentlichen Selbstpräsentation und unterstrichen den eigenen Ruhm. Bestes Beispiel dafür ist das von Franz Lactanz Graf Firmian in Auftrag gegeben Selbstporträt (nicht ausgestellt), in dem sich die Kauffmann als sybillesches Weib mit Turban wiedergab. Es war bestimmt für Firmians Galerie der großen Maler, in der schon Selbstporträts von Graff, Mengs und Batoni hingen. Der Frage „wer bin ich“ hingegen diente wohl das Selbstporträt in Bregenzer Tracht aus dem Jahr 1781. Auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes, 40 Jahre alt, konfrontiert sich die Erfolgreiche und gesellschaftlich Etablierte mit ihrer Herkunft: keine Maler-Pose, uneitel, von ländlicher Schlichtheit, den Blick einer Selbstanalyse nicht verhehlend.
In ihren letzen Lebensjahren in Rom hatte sich Angelika Kauffmann mehr und mehr religiösen Themen zugewandt. Auch ihr Stil hatte sich verändert. Die Farbgebung war klarer geworden, der Bildaufbau orientierte sich an Vorbildern aus dem 15ten und 16ten Jahrhundert. Dass diese Bilder wie eine Vorwegnahme der kurz danach aufgekommenen Nazarener-Malerei wirken, ist nicht zu leugnen. Exemplarisch für diese Werkphase sind die großen Tafeln „Christus und die Samariterin“ von 1796 sowie „David und Nathan“ aus dem Jahr 1797. Ihre besondere Bedeutung erlangten die zwei Gemälde durch die Tatsache, dass sie im November 1807, als sich beim Begräbnis der laut Herder „vielleicht kultiviertesten Frau Europas“ ein großer Trauerzug durch die Straßen Roms bewegte, vor dem Sarg der Kauffmann getragen wurden. Kauffmanns Gemälde aus den letzten Lebensjahren, aber auch ihre frühesten, erhaltenen Arbeiten, zwölf Apostel in der katholischen Pfarrkirche in Schwarzenberg, die sie bereits im Alter von 16 Jahren nach Radierungen Giovanni Marco Pitteris ausführte, sowie grafische Arbeiten sind in dem malerischen Schwarzenberg, der Heimat ihrer Familie, zu sehen.
Die Ausstellung „Angelika Kauffmann. Ein Weib von ungeheurem Talent“ ist bis zum 5. November zu sehen. Beide Museen haben dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 6 Euro, ermäßigt 4 Euro. Der Katalog zur Ausstellung kostet im Museum 29,90 Euro.
Angelika Kauffmann Museum
Brand 34
A-6867 Schwarzenberg
Telefon: +43 (0)5512 – 26 455
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