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Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Kunsthandwerk bei Lempertz in Köln

Antiquitäten für einen guten Zweck



Jean Jacques Desoches,  Der Sommer, 1769/70

Jean Jacques Desoches, Der Sommer, 1769/70

Die großen Frühjahrsauktionen bei Lempertz in Köln starten am 16. Mai mit rund 900 Losen des Kunsthandwerks. Den Beginn bestreitet das Porzellan. Klar, dass einmal mehr Meißen schnell die Federführung übernimmt. Chantilly mit einem schönen Cachepot um 1735 (Taxe 2.500 EUR) und Fürstenbergs klassizistisches Kaffee- und Teeservice von etwa 1800 (Taxe 3.000 bis 3.500 EUR) sind da nur Vorgeplänkel. Eher ungewöhnlich mutet das erste Meißner Stück an, eine anthrazitfarbene Deckelvase ohne jeden sonstigen bildlichen oder ornamentalen Schmuck aus Böttgersteinzeug. Sie stammt aus den frühen 1710er Jahren, bevor also die Porzellanherstellung in Meißen überhaupt so richtig in Fahrt kam, und war in der Sammlung des vor sechs Jahren verstorbenen Orientforschers Hans-Siegfried und seiner 2007 dahingeschiedenen Gattin Jutta Schuster beheimatet. Teile ihrer Kollektion werden nun bei Lempertz zugunsten der Kinderkrebshilfe der Mildred-Scheel-Stiftung versteigert, die Vase für 20.000 bis 25.000 Euro.


Auch ein ziegelrotes Koppchen datiert noch in die Frühzeit der Manufaktur Meißen. Im 20ten Jahrhunderts sollten solche schmucklosen, aber formvollendeten Arbeiten wieder besonders chic sein (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR). Erst um 1720 entstanden die köstlichen Werke aus echtem Porzellan, die auf Detailreichtum spezialisierte Kunstmaler wie der Augsburger Abraham Seuter mit Dekoren meist im Chinastil schmückten. Besonderer Höhepunkt ist eine üppige Balusterdeckelvase, die vermutlich Christian Friedrich Herold etwa zehn Jahre nach ihrer Entstehung um 1729/39 mit buntfarbigen Kaufmannsszenen versah (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR). Vielleicht Johann Ehrenfried Stadler zeichnet für die Chinesen in Gartenlandschaften auf einer Deckelterrine der Zeit um 1730/40 verantwortlich (Taxe 22.000 bis 25.000 EUR). Unbekannt ist der Schöpfer der Blumen und Vögel auf einem etwa gleichzeitigen Walzenkrug mit Vermeil-Klappdeckel (Taxe 20.000 bis 25.000 EUR).

Im figürlichen Porzellan kann sich neben Meißen, das mit Johann Joachim Kändlers mindestens 30.000 Euro teurer Figurengruppe „Der Herzdosenkauf“ von etwa 1738 allerdings auch hier an der Spitze rangiert, vor allem Frankenthal behaupten. Der Name Jean Jacques Desoches, der als Schöpfer dreier Jahreszeitenallegorien von 1769/70 in Frage kommt, verrät die größere Nähe zu Frankreich. Der Frühling fehlt leider (Taxen je 8.000 bis 10.000 EUR). Anderen Orten bleibt da nur noch das etwas gröbere Geschäft mit Fayencen. Erfurt versucht es mit einem Walzenkrug, dessen Wandung ein Doppeladler und die Jahreszahl 1737 zieren (Taxe 8.000 bis 9.000 EUR), Annaberg mit einer aus der zweiten Hälfte des 17ten Jahrhunderts stammenden Schraubflasche, die nur Platz für sechs Apostel hergibt (Taxe 9.000 bis 10.000 EUR). Im späteren Auktionsverlauf und zu Beginn des 20ten Jahrhunderts kommen die Haagsche Plateelbakkerij Rozenburg und die Porzellanmanufaktur Kuznetsov in Riga auf das Porzellan zurück, letztere mit einer Platte, auf der sich ein einsamer Wolf im Schnee verliert. Seelen der russischen Weiten werden ihre Freude haben (Taxe 2.000 EUR).

Beim Glas kommen auch mal unbekannte Firmen wie Burgun, Schverer & Co. aus Meisenthal in Lothringen zum Einsatz. Da mag man aber nur schwer anbeißen, wenn sich auf der Vase von etwa 1896 nur wieder zwei antike Krieger in die Haare kriegen (Taxe 2.500 EUR). Daum Frères sorgt mit einigen landschaftlich geschmückten Lampen für bis zu 15.000 Euro für mehr Licht, Emile Gallé für Staunen, da die Vase „La Ballade des Dames“ mit Motiven aus spätmittelalterlichen Lyrik- und Musikdarstellungen so gar nicht in das sonst Bekannte dieser Firma passen will. Allerdings legte man 1900 nur erneut auf, was bereits 1884 noch in ganz anderem Stil schon einmal vom Band gelaufen war (Taxe 2.000 EUR). Gabriel Argy-Rousseaus grün leuchtende Pâte de verre-Vase mit stilisiertem Blütenkranz verweist schon in das Art Déco der Jahres 1925 Etwa in diese Zeit datiert auch die sonnengelbe Schale Henri Bergés mit einem großen Schmetterling, die bei Amalric Walter in Nancy verlegt wurde (Taxen je 3.000 bis 4.000 EUR).

Zweiter Höhepunkt der Auktion ist das Silber. Was Meißen für das Porzellan, ist Augsburg für dieses Material, von Paul Solaniers bildlosen Deckelhumpen mit Buckeln (Taxe 7.500 EUR) über ein großes Régence-Reiseservice aus unbekannter Hand um 1719/33 (Taxe 38.000 bis 40.000 EUR) bis hin zu einem Vierersatz klassizistischer Kerzenleuchter von Johann Balthasar Heckenauer und Johann Rudolf Haller aus den frühen 1780er Jahren (Taxe 6.500 EUR). Heinrich Becker II. aus Hamburg steuert zwischen 1654 und 1669 einen Kugelfußbecher mit fahnenschwingendem Reiter bei (Taxe 6.000 EUR), der Nürnberger Johann Eißler einen Deckelhumpen mit Darstellungen von Geburt und Taufe Christi vom Ende des 17ten Jahrhunderts (Taxe 11.000 bis 12.000 EUR). Auch Hermannstadt in Siebenbürgen war ein Silberzentrum, vielleicht stammt die vergoldete Fassung einer echten Kokosnuss von dem dort ansässigen Gregorius Binesch (Taxe 9.000 EUR). Äußerste Schlichtheit hat sich der Pariser Meister Henri Auguste für seine große Louis XVI-Platte verordnet, 1789 am Vorabend der französischen Umbrüche (Taxe 8.000 EUR). Schlichte Eleganz in runden Formen prägt auch ein fünfteiliges Kaffee- und Teeservice, das der erst letztes Jahr verstorbene Architekt Oswald Mathias Ungers 1987/88 für die Firma Wilkens & Söhne in Bremen entwarf. Es soll 19.000 Euro kosten.

Über einige Dosen für bis zu 22.000 Euro und sonstige, zum Teil kuriose Variaobjekte wie zwei russische Bronzeleuchter in Form von Baumstümpfen, an denen Bären hinaufkrabbeln (Taxe 9.000 bis 10.000 EUR), gelangt man zur abschließenden Offerte von Möbeln und Einrichtungsgegenständen. Gegenüber der letzten Auktion fällt das Angebot hier ein wenig ab, wiewohl man immerhin mit einer originalen Kommode des Pariser Meisterebenisten Pierre Roussel aus der Zeit um 1755 aufwarten kann. Da können auch schon einmal mehr als die anvisierten 40.000 bis 60.000 Euro dabei herausspringen. Nicht in jeder Versteigerung zu finden ist auch ein Kölner Leinenschrank aus dem späten 16ten Jahrhundert, der nach Vergleich mit weiteren erhaltenen oder bildlich dokumentierten Schränken dieser Art dem Umkreis Melchior von Rheidts zugewiesen wird. Der hauptsächliche Reiz liegt in den symmetrischen, renaissanceartigen Architekturdarstellungen in den beiden oberen Quadraten der Türen (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR).

Auf Braunschweiger Herkunft verweisen die kleinen Beinintarsien auf einer barocken Schreibkommode mit Aufsatz samt effektvoll gesprengtem Giebel um 1730/40. Das Stuttgarter Auktionshaus Nagel ist erst kürzlich mit zwei vergleichbaren Arbeiten gescheitert, Lempertz hat daraus gelernt und sein Stück erheblich günstiger auf 35.000 bis 45.000 Euro angesetzt. 60.000 bis 80.000 Euro soll ein mainfränkischer oder aus dem Moselraum stammender Aufsatzschrank kosten, dessen reiche Gestaltung und betont architektonische Durchbildung schon auf adlige Auftraggeber schließen lässt. „Jacob-Desmalter“ ist eine mahagonifurnierte Chiffonière gestempelt. Sie stammt von etwa 1820, als der berühmter Pariser Meister bereits eine große Firma unterhielt (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR). Deren Strenge war rund siebzig Jahre später ganz verpönt, und in verspieltestem Jugendstil ergeht sich daher eine Léon Benouville zugeschriebene, unsymmetrische Vitrine mit Messingbeschlägen. Die wäre in der Design-Auktion fast besser aufgehoben (Taxe 23.000 bis 26.000 EUR). Louis Hestaux ist für ein Holzrelief der Epoche verantwortlich, das einen Schwarm Gänse beim Landen an einem Waldsee zeigt und schon vor einem Jahr erfolglos bei 18.000 bis 20.000 Euro antrat. Jetzt ist die Schätzung auf 15.000 bis 18.000 Euro reduziert. Unter den Uhren ist besonders eine dunkel patinierte Bronze-Athene zu nennen, die vermutlich Gérard-Jean Galle um 1820 entwarf (Taxe 35.000 bis 40.000 EUR).

Die Auktion beginnt am 16. Mai um 10 Uhr. Die Vorbesichtigung findet vom 7. bis zum 14. Mai von 10 bis 13 Uhr und 14 bis 17:30 Uhr, am 10. Mai von 10 bis 16 Uhr und am 15. Mai von 9 bis 14 Uhr statt. Geschlossen bleibt das Auktionshaus am 11. und 12. Mai.

Kontakt:

Kunsthaus Lempertz

Neumarkt 3

DE-50667 Köln

Telefon:+49 (0221) 92 57 290

Telefax:+49 (0221) 92 57 296

E-Mail: info@lempertz.com



07.05.2008

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Johannes Sander

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Johann Joachim Kändler, Der Herzdosenkauf, um 1738
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Johann Eißler, Deckelhumpen, Nürnberg Ende 17. Jahrhundert
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Henri
 Auguste, Platte, Paris 1789
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Christian Friedrich Herold zugeschrieben, Balusterdeckelvase, um
 1729/30
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Tabatière, Frankreich, um 1745/50

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Taxe: 20.000 - 22.000 EURO

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Aufsatzkommode, Mainfranken oder Mosel, Mitte 18. Jahrhundert

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Taxe: 60.000 - 80.000 EURO

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Léon Benouville, Léon Benouville zugeschrieben, Vitrine, Paris um 1895/1900

Léon Benouville, Léon Benouville zugeschrieben, Vitrine, Paris um 1895/1900

Taxe: 23.000 - 26.000 EURO

Losnummer: 884

Johann Balthasar Heckenauer, Johann Balthasar Heckenauer und Johann Rudolf Haller, vier Kerzenleuchter, Augsburg 1783-1787

Johann Balthasar Heckenauer, Johann Balthasar Heckenauer und Johann Rudolf Haller, vier Kerzenleuchter, Augsburg 1783-1787

Taxe: 6.500,- EURO

Zuschlag: 6.000,- EURO

Losnummer: 399

 Braunschweig, Schreibkommode mit Aufsatz, zweites Viertel 18. Jahrhundert

Braunschweig, Schreibkommode mit Aufsatz, zweites Viertel 18. Jahrhundert

Taxe: 35.000 - 45.000 EURO

Losnummer: 804

Emile Gallé,  Vase „La Ballade des Dames“, Nancy 1900

Emile Gallé, Vase „La Ballade des Dames“, Nancy 1900

Taxe: 2.000,- EURO

Zuschlag: 6.600,- EURO

Losnummer: 316

Melchior von Rheidt, Melchior von Rheidt Umkreis, Kölner Leinenschrank, um 1600

Melchior von Rheidt, Melchior von Rheidt Umkreis, Kölner Leinenschrank, um 1600

Taxe: 30.000 - 40.000 EURO

Zuschlag: 29.000,- EURO

Losnummer: 764

Christian Friedrich Herold, Christian Friedrich Herold zugeschrieben, Balusterdeckelvase, um 1729/30

Christian Friedrich Herold, Christian Friedrich Herold zugeschrieben, Balusterdeckelvase, um 1729/30

Taxe: 30.000 - 40.000 EURO

Zuschlag: 28.000,- EURO

Losnummer: 51

Gabriel Argy-Rousseau,  Vase, nach 1925

Gabriel Argy-Rousseau, Vase, nach 1925

Taxe: 3.000 - 4.000 EURO

Zuschlag: 2.300,- EURO

Losnummer: 288

 Daum Frères, Daum Frères, Lampe „Aux sapins de Vosges“, Nancy wohl um 1913

Daum Frères, Daum Frères, Lampe „Aux sapins de Vosges“, Nancy wohl um 1913

Taxe: 12.000 - 15.000 EURO

Losnummer: 302

Johann Joachim Kändler,  Der Herzdosenkauf, um 1738

Johann Joachim Kändler, Der Herzdosenkauf, um 1738

Taxe: 30.000 - 40.000 EURO

Zuschlag: 86.000,- EURO

Losnummer: 156

Koppchen, Meißen, um 1710/15

Koppchen, Meißen, um 1710/15

Taxe: 4.000 - 6.000 EURO

Zuschlag: 10.500,- EURO

Losnummer: 29




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