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Henri Matisse einmal ganz anders: Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg entdeckt den Meister des Ornaments und der reinen Farben als Porträtisten

Die Unerreichbarkeit des vollkommenen Porträts



Harmonie statt Aufruhr: Bekannt geworden ist der französische Maler Henri Matisse (1869-1954) für seine oft dekorativen Stillleben und Interieurs voller reiner Farben, klarer Linien und ornamentaler Verschlingungen. Seine Kunst verhandelt weder die großen Themen der Menschheit, noch wagt sie neue, revolutionäre Gesellschaftsentwürfe. Sie geißelt auch nicht die Gräuel der beiden Weltkriege, die er bewusst erlebt hat. Sein Hang zum Dekorativen und zum Sonnenlicht durchfluteten, bürgerlichen Interieur, das Streben nach Harmonie und die völlige Ausblendung des Zeitgeschehens haben ihm oft den Vorwurf der weltabgewandten Selbstbezüglichkeit und der unkritischen Oberflächlichkeit eingehandelt. Vielleicht zu Unrecht.


Matisse war zwar kein Revolutionär der Inhalte, aber ein Revolutionär der Form. Die Neuerungen, die er in die Kunst des 20. Jahrhunderts eingebracht hat, sind eher formaler als inhaltlicher Art. Und er hat weit mehr als die sattsam bekannten Bilder von Goldfischen im Glas, üppig ausgestatteten Interieurs, Frucht- und Blumenstillleben gemalt. Eine Ausstellung im Bucerius Kunst Forum in Hamburg entdeckt nun eine lange Zeit unbeachtete Seite seines Schaffens: das Porträt. Rund 90 Gemälde und Zeichnungen, Druckgrafiken und Skulpturen, darunter Leihgaben aus dem Museum of Modern Art in New York, der Eremitage in St. Petersburg und dem Pariser Centre Pompidou, versammelt die Ausstellung „Matisse. Menschen, Masken, Modelle“, die zuvor bereits in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen war.

„Meine Modelle, menschliche Gestalten, sind nie bloße Statisten in einem Interieur. Sie sind das Hauptthema meiner Arbeit“, so Matisse. In der Hamburger Ausstellung, die Werke aus allen Schaffensperioden umfasst, sind Porträts der unterschiedlichsten Menschen versammelt. Matisse malte und zeichnete nicht nur seine Frau Amélie, seinen Sohn Pierre und seine Tochter Marguerite unzählige Male. Er porträtierte auch Malerfreunde wie André Derain, Sammler und Wegbegleiter wie die Amerikanerin Sarah Stein und den russischen Textilkaufmann Sergej Iwanowitsch Schtuschkin. Dieser gilt als einer seiner wichtigsten Gönner. Er war der Auftraggeber für Matisse’ wohl berühmtestes Gemälde „Der Tanz“. Daneben malte Matisse aber auch immer wieder professionelle Modelle. Laurette etwa, eine dunkelhaarige Italienerin, taucht auf rund 50 seiner Gemälde auf. Besonders zimperlich im Umgang mit diesen professionellen Modellen war er allerdings nicht. „Ich behalte diese Mädchen oft mehrere Jahre, bis mein Interesse erschöpft ist“, äußert sich Matisse in seinen Schriften.

All seinen Porträts zueigen ist eine gewisse Unentschiedenheit. Matisse kam vom Impressionismus. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts galt er als einer der avantgardistischsten Pariser Maler neben Georges Braque und Pablo Picasso. Doch anders als diese zerlegte er seine Motive nicht kubistisch in ihre Einzelteile. Matisse, der als Begründer des Fauvismus, einer vom subjektiven Farbempfinden geleiteten, ausdrucksvollen, aber auch reduzierten und flächigen Malweise, gilt, suchte vielmehr eine Art Mittelweg zwischen Tradition und Abstraktion. Seine Porträts, etwa das 1909 entstandenen Bildnis seines Sohnes Pierre mit Ringelpullover und Papierhut, lassen die charakteristischen Züge des Modells zwar erkennen. Doch nur bis zu einem gewissen Grade. Matisse war nicht an der Momentaufnahme seines Gegenübers interessiert. Das hätte eine Fotografie viel besser leisten können.

Was ihn bewegte, war die wahre Persönlichkeit des Porträtierten, sein „Ausdruck“, das überzeitliche Ich. Daraus und aus der Tatsache, dass er seine Bilder immer wieder überarbeitete und bis zu 100 Sitzungen für ein einziges benötigte, resultiert der seinen Porträts eigene, oft eher typisierende Charakter der Darstellung. Individuelles trifft auf Anonymes. Physiognomische Präzision auf ihre abstrahierende Verneinung. Darauf angesprochen, sagte Matisse, er wolle es dem Betrachter auch nicht zu leicht machen: „Wenn man Augen, eine Nase, einen Mund setzt, nützt das nicht viel. Wenn sie aber nur Linien andeuten, Werte, Kräfte, dann engagiert sich der Betrachter im Labyrinth dieser verschiedenen Elemente. Und dann ist die Fantasie von allen Schranken befreit!“

Die Ausstellung „Matisse – Menschen, Masken, Modelle“ ist bis zum 19. April zu sehen. Das Bucerius Kunst Forum hat täglich von 11 bis 19 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 5 Euro, montags den Einheitspreis von 5 Euro. Der Katalog ist im Hirmer Verlag erschienen und kostet in der Ausstellung 24,80 Euro.

Kontakt:

Bucerius Kunst Forum

Alter Wall 12

DE-20457 Hamburg

Telefon:+49 (040) 360 996 0

Telefax:+49 (040) 360 996 36

E-Mail: info@buceriuskunstforum.de

Startseite: www.buceriuskunstforum.de



04.02.2009

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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