 |  | Hensenbau, im Hintergrund Druffelscher Hof | |
Münster hat ein neues Museum: das Graphikmuseum Pablo Picasso. Es wurde am 10. September eröffnet und enthält auf 682 qm Ausstellungsfläche die bis vor wenigen Jahren unbekannte Picasso-Sammlung des Lengericher Grafik-Designers Gert Huizinga. Fast drei Jahrzehnte trug der erfahrene Sammler weltweit Picasso-Lithografien zusammen.
Dabei sammelte er keine Auflagendrucke des Jahrhundert-Genies, sondern Zustandsdrucke und Künstlerunikate. Mit insgesamt 720 Blättern gilt die Sammlung Huizinga als „fast vollständig“. Der in Stuttgart – dem bisherigen Aufbewahrungsort der Sammlung - von Dr. Ulrike Gauss erstellte wissenschaftliche Katalog kann daher auch, ohne im Titel zu übertreiben: „Pablo Picasso: Die Lithographie“ heißen.
Ein gutes Duzend Blätter fehlen noch. Welche, wolle man nicht sagen, denn das treibe die Preise in Höhe, sagt Dr. Rolf Gerlach, Vorsitzender des Kuratoriums der Sparkassenstiftung, die in den vergangenen Monaten aus dem nicht geringen Ankaufsetat bereits weitere Picasso-Lithografien erworben hat. Auch welche dies seien, sei nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. „Seit der Katalog heraus ist, mache sich der Kunsthandel ohnehin schon ein genaues Bild über die noch fehlenden Blätter.“, beschreibt die Geschäftsführerin Dr. Dagmar Kronenberger-Hüffer die verstärkten Aktivitäten des Kunsthandels. Eines steht jedoch fest: Wer immer sich in der Zukunft mit den Lithografien Picassos eingehender beschäftigen will, wird dies in Münster tun können. „Wir stehen erst am Anfang einer interessanten Detailerforschung des druckgrafischen Werkes von Pablo Picasso“, eröffnete der Leiter Dr. Markus Müller das frischgebackene Museum, das mit einer exemplarischen Werkauswahl von 210 Picassodrucken im September erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.
Hinter dem privatwirtschaftlichen Museumsprojekt steht die „Sparkassenstiftung Pablo Picasso“, ein Sponsorenverbund aus den Eheleuten Huizinga, dem Westfälisch-Lippischen Sparkassen- und Giroverband, der Westdeutschen Landesbank Girozentrale und den Westfälischen Provinzial-Versicherungen. Das Gesamtstiftungsvolumen beträgt 28,5 Millionen Mark. Das Museum verfügt über einen Jahresetat von rund zwei Millionen Mark. Für den Ankauf neuer Werke steht seit 1997, dem Gründungsjahr der Stiftung, "ein sechsstelliger Betrag" zur Verfügung. Die Kosten für den Umbau der Gebäude lagen bei etwa 15 Millionen Mark. Mit 2,5 Millionen Mark hat sich daran das Land Nordrhein-Westfalen beteiligt.
Moderne Kunst hinter historischen Fassaden
Auf den ersten Blick sieht man dem Picasso-Museum unter den Dächern des ehemaligen Adelshauses Druffelscher Hof und des benachbarten Hensenbaus den Neubau nicht an. Sollte man auch nicht, denn die Fassaden des Sparkassenbesitzes sind denkmalgeschützt. Die Münchener Museumsarchitekten Hilmer, Sattler & Albrecht haben das Doppelgebäude auf zwei Ebenen ideal auf die Nutzung abgestimmt. Ein 3,50 Meter breites Treppenhaus, das sich hinter der Fensterfront der klassizistischen Fassaden bis ins zweite Obergeschoss des Neubaus hineinzieht, schirmen die fensterlos dahinterliegenden Ausstellungssäle ab. Denn aus konservatorischen Gründen dürfen diese nicht zu hell sein.
„Das Bild folgt der Veränderlichkeit des Gedankens“
Das Besondere der Sammlung, die Gert Huizinga seit den 1970er Jahren zusammengetragen hat, ist die Zusammenstellung von Werkgruppen und fast „vollständigen“ Zustandsreihen. Die in den übersichtlichen Ausstellungsräumen ausgestellten Werkfolgen machen den immer schneller werdenden Rhythmus der künstlerischen Produktion Picassos deutlich. Seltene Zustandsdrucke und Unikate liefern eine eindrückliche Dokumentation der Bildfindung Picassos, die sich oft erst im Schaffensprozess selbst konkretisierte. „Das Bild wird nicht im voraus erdacht und festgelegt. Während man es macht, folgt es der Veränderlichkeit des Gedankens“, kommentierte Picasso selbst seine Arbeitsweise.
Das „lithografische Fieber“ der Nachkriegszeit
Die Lithografie mit ihrer Möglichkeit, durch Zustandsdrucke die einzelnen Bildphasen festhalten zu können, kam daher der künstlerischen Vorgehensweise Picassos besonders entgegen. Schon in den 1920er Jahren hatte er sich, wie auch seine Malerkollegen, mit der Lithografie beschäftigt. Georges Braque, Henri Matisse, Joan Miró und Marc Chagall waren in der Pariser Druckwerkstatt Fernand Mourlots bereits bekannt, als das „lithografische Fieber“ auch Picasso ergriff. Die wachsende Zahl der erstellten Zustandsdrucke bezeugt Picassos zunehmendes Interesse an dieser Technik und ihren künstlerischen Möglichkeiten seit Ende 1945. Zum Eigenbestand des Münsteraner Picassomuseums zählt zudem eine Sternradpresse aus dem Atelier Mourlot. Auf ihr entstanden eine Vielzahl der gezeigten Werke. Ergänzt durch Leihgaben aus dem Nachlass Pablo Picassos, wie die vom Künstler bearbeiteten Zinkplatten und Lithosteine, gibt sie Einblicke in den technischen Entstehungsprozess.
„Ein Bild ist ein glücklicher Zufall und eine Erfahrung“
Die besondere Arbeitsweise Picassos dokumentiert die Blattfolge „Die Frau im Lehnstuhl“. Zwischen November 1948 und April 1949 waren eine Folge von über dreißig Lithografien entstanden. Picasso hatte zunächst die Absicht, eine Farblithografie zu schaffen und begann mit einer fünffarbigen Komposition. Beim Druck einer Farbplatte unterlief jedoch ein Fehler. Statt den Druckvorgang zu wiederholen nahm Picasso Abstand von der ursprünglichen Idee einer Farblithografie und arbeitete mit jeder der für die Lithografie verwendeten Zinkplatten getrennt weiter. Auf diese Weise entstanden eine Vielzahl unterschiedlicher Blätter mit immer dem gleichen Motiv.
Als Modell für die „Frau im Lehnstuhl“ diente Picasso seine damalige Lebensgefährtin Françoise Gilot, die er bisweilen stilisierend-abstrakt, bisweilen mit portraithaftem Anspruch darstellte. Ein 1948 von einer Polenreise mitgebrachter Mantel mit Bauernstickereien wurde zum Ausgangspunkt immer neuer Variationen. „Für mich ist ein Bild niemals abgeschlossen, niemals zu Ende, sondern eher einer glücklicher Zufall und eine Erfahrung!“
Claude Picasso hebt Vollständigkeit des lithografischen Werks hervor
Während der Eröffnungsfeierlichkeiten war Claude Picasso, der Sohn des 1973 verstorbenen Künstlers anwesend. Claude Picasso verwaltet heute den Nachlass des Vaters und ist ein gesuchter Kurator. Er zeigte sich angetan von dem neuen Museum, das sich seiner Meinung nach in die Reihe der internationalen Picasso-Museen in Barcelona, Cap d’Antibes und Paris einfüge. Das Graphikmuseum Pablo Picasso Münster sei jedoch eine Besonderheit, denn nur hier ist das gesamte lithografische Werk seines Vaters vollständig ausgestellt. Über die Ausstellung sagte er: „Ich war dabei, als mein Vater viele dieser Werke schuf. Ich erwarte also nicht, etwas Neues zu entdecken, aber ich werde natürlich wieder an Vieles erinnert.“
Im viermonatigen Wechsel wird das Graphikmuseum Pablo Picasso Münster zunächst in Wechselausstellungen seinen bisherigen Eigenbestand präsentieren. Danach sollen thematische Ausstellungen zum Werk Pablo Picasso und der Klassischen Moderne unter besonderer Berücksichtigung der grafischen Künste folgen. Die Öffnungszeiten des Museums sind Dienstag bis Sonnabend von 10 bis 18 Uhr, Sonntag von 11 bis 17 Uhr.
Graphikmuseum Pablo Picasso Münster
Königsstraße 5
D-48143 Münster
Telefon: +49 (0)251 - 41 44 7-0
Telefax: +49 (0)251 - 41 44 7-44 |