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Gerhard Richter in der Wiener Albertina

Chamäleon des künstlerischen Stils



Im vergangenen Jahr konnte die Albertina die nach dem Mäzenatenehepaar benannte „Jeanne & Donald Kahn Galleries for Contemporary Art“ eröffnen. Ein ambitioniertes Unternehmen, denn mit der Errichtung und dem Ausbau der jüngsten, fast 2.000 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche im 2ten Obergeschoss erfüllte sich Hausherrn Klaus Albrecht Schröder den Wunsch, über einen Ort zu verfügen, an dem dauerhaft ein substantieller Einblick in die reichhaltige Sammlung zeitgenössischer Kunst geboten werden kann. Mit der Eröffnungsausstellung „Nach 1970“, die rund 180 Werke von über dreißig österreichischen Künstlerinnen und Künstlern präsentierte und der heimischen Kunstszene Tribut zollte, schöpfte die Albertina noch großzügig aus dem eigenen Bestand. Mit der aktuellen Ausstellung wird hingegen eine Schau präsentiert, deren Grundstock nicht im eigenen Sammlungsbestand angelegt ist, sondern die mit Werken aus privaten und öffentlichen Sammlungen einen retrospektiv angelegten Überblick über das Œuvre von Gerhard Richter präsentiert.


Die beiden einzigen Arbeiten von Gerhard Richter, die sich im Bestand der Albertina befinden, ein Aquarell und ein Gemälde aus der Sammlung Batliner, waren sicher nicht ausschlaggebend für die Entscheidung eine Richter-Ausstellung in dem traditionsreichen Haus zu zeigen. Anlass wird vielmehr die Tatsache gewesen sein, dass bereits mehr als zwei Jahrzehnte vergangen sind, seit man in Wien, zuletzt im Museum des 20. Jahrhunderts im Schweizer Garten, Werke des deutschen Malerfürsten in einer umfassenden Ausstellung sehen konnte.

Die Schau in der Albertina ist die vierte Station einer Ausstellungstournee, die im vergangenen Jahr ihren Ausgangspunkt im Museum Frieder Burda in Baden-Baden genommen hat. Nach Stationen in Peking und Edinburgh ist die Retrospektive nun in modifizierter Form in Wien zu sehen. Sie versammelt über 150 Werke, davon 63 Gemälde und Papierarbeiten aus der Berliner Sammlung Böckmann, von Frieder Burda und dem Sammlerpaar Ströher aus Darmstadt, sowie zahlreiche Aquarelle aus dem Kunstmuseum Winterthur. Weitere Arbeiten, vor allem Zeichnungen, aber auch jüngst entstandene Gemälde kommen aus dem Privatbesitz Gerhard Richters.

Richters ästhetisches Leitmotiv, der Stilwechsel als Ausdruck gesellschaftlicher und künstlerischer Indifferenz, bestimmt von Beginn an den Ausstellungsparcours, der in einer Abfolge von 16 Sälen als Rundgang konzipiert ist. Hier begegnen sich Gemälde wie „Alfa Romeo (mit Text)“ von 1965 und „Zwei Fiat“ von 1964, gefolgt von einer Serie früher Monotypien aus dem Jahr 1957, zum Teil bezeichnet mit „Gerd Richter“, die noch während seiner Studienzeit an der Dresdener Kunstakademie entstand.

Das 1963 entstandene, von Richter selbst verschmähte Gemälde „Party“, das er in Baden-Baden, wo er seine Ausstellung selbst kuratierte, ins Untergeschoss verbannte, findet in Wien einen wichtigen Platz. Ebenfalls zentral hängen Arbeiten wie „Familie am Meer“ von 1964 und gegenüber das auf dem Umschlag des Katalogs abgebildete Gemälde „Motorboot (1. Fassung)“ aus dem Jahr 1965. Ein 1970 gemaltes „Stadtbild“ findet seinen Nachbarn in den musterbuchnüchternen „Achtzehn Farben“, 1966/1992. Mehrere, nahezu monochrome „Grau“-Flächen, die Richter Mitte der 1970erJahre schuf, hängen zusammen mit farbigen Spachtelbildern, etwa „Abstraktes Bild, Courbet“ von 1986, gefolgt von einer Suite leuchtender Aquarelle aus der zweiten Hälfte der achtziger Jahre, die anschaulich macht, welche Intensität Richter den Wasserfarben abverlangt.

Das abwechslungsreiche Aufeinanderfolgen von großformatigen Gemälden und intimen Papierarbeiten beschert dem Besucher wiederholt Momente des Vergleichens, des Déjà-Vu und des intimen Schauens. Überraschende Dialogsituationen zwischen den Werken machen deutlich, wie souverän und innovativ Richter auf früher gewonnene Erfahrungen zurückgreift. Am Ende erwartet den Besucher eine Auswahl von Gemälden, bei denen Richter die Schärfe seiner Beobachtung in die Unschärfe der Fotomalereien transformiert. Die roten, unter der Last ihres eigenen Gewichts abgeknickten Amaryllis aus dem Jahr 1994, „Jerusalem“ von 1995 oder „Sils Maria“ von 2003 entlassen den Betrachter mit dem Gefühl, im Anschauen solcher Verflüchtigungs- und Anonymisierungsstrategien dem Werk von Gerhard Richter wieder eine Spur näher gekommen zu sein.

Die Ausstellung „Gerhard Richter. Retrospektive“ läuft bis zum 3. Mai. Die Albertina hat täglich von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis zusätzlich 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt ins Museum beträgt 9,50 Euro, ermäßigt 8 respektive 7 Euro. Die beiden Kataloge kosten je 24,90 Euro, zusammen 39 Euro.

Kontakt:

Albertina

Albertinaplatz 1

AT-1010 Wien

Telefax:+43 (01) 534 83 199

Telefon:+43 (01) 53 48 30

Startseite: www.albertina.at



16.04.2009

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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