Der Elsässer Hans Peter Wilhelm Arp gehört zu den bedeutendsten Avantgardekünstlern des 20sten Jahrhunderts. Sein in Stil und Technik schwer kategorisierbares Werkschaffen führt scheinbar unvereinbare Richtungen wie Expressionismus, Dada, Surrealismus und konkrete Kunst zusammen. Unkonventionelle Materialien, Zufallskompositionen, eine archaische plastische Sprache ausgehend von Oval und Quadrat fußen unter anderem in der doppelten Identität des Künstlers und Literaten „Jean“ Arp zwischen der deutschen und französischen Kultur. In einer ungewöhnlich wirkungskräftigen Inszenierung bietet das Arp Museum über dem Bahnhof Rolandseck nun bereichernde Einblicke in Entstehung, Entwicklung sowie Varianten der Arpschen Formen- und Geisteswelt.
Die fehlende chronologische Ordnung ist diesen Entwicklungslinien und auch der Darbietung spannungsvoller Korrespondenzen zwischen bildkünstlerischen Arbeiten und Arps qualitätvollem literarischem Schaffen geschuldet. Für diese anspruchsvolle Schau schuf der Architekt Richard Klein, basierend auf dem Wolfsburger System und angelehnt an vorhandene Maßvorgaben, eine intelligente Ausstellungsarchitektur. Die Dominanz von Richard Meiers Wand- und Lichtscheiben wird durch einen eingeschobenen, proportional stimmigen, farblich leicht abgesetzten Kojenparcours geschickt gebrochen. Er ergänzt und veredelt Meiers luftiges Spiel mit Fluchten im obersten Geschoss des Neubaus so ideal, dass völlig unverkrampft Arps Werkgruppen strukturiert in diesem Rahmen bestehen können. Einen exzellenteren Einstieg als mit dieser aussagekräftigen wie architektonisch gelungenen Präsentation auf höchstem Niveau hätte sich der neue Hausherr Oliver Kornhoff wohl kaum wünschen können.
Hans Arp wird am 16. September 1886 in Straßburg geboren. Zwischen 1901 und 1908 studiert er an der Kunstgewerbeschule Straßburg, der Kunstakademie zu Weimar sowie an der Académie Julian in Paris. Deren traditionelle Lehrinhalte lehnt er ab, sucht daher Kontakt zur Avantgarde, löst sich von überlieferten Techniken und lässt sich von der Natur leiten. Theosophisch und von kubistischen Collagen inspiriert, bricht er im Jahr 1914 mit bildlichen Darstellungen. Neue Materialien halten Einzug. Zwei Jahre später etabliert Arp in Zürich zusammen mit Freunden die Dada-Bewegung. Mit Collagen, Reliefs, Stickereien verwischt er die Grenze zwischen Kunst und Handwerk. Beziehungslos zur gegenständlichen Realität sind seine Variationen aus Linien, Flächen, Formen und Farben. Wenig später relativiert er die Rolle eines Künstlers durch Ausschluss der Kontrolle über das Schaffen. Tuschezeichnungen mit spontaner, „automatischer“ Linienführung sind von Gefühlen oder Naturgegenständen geleitet. Bei Collagen oder auch in den 1930er Jahren entstandenen Reliefs ordnen sich die Formen nach den Gesetzen des Zufalls.
Die Ausstellung visualisiert deutlich am Beispiel von Tuschezeichnungen fortwährende Vereinfachungen von Naturmotiven, über die Arp zum Oval gelangt, der für sein weiteres Schaffen zentralen Form. Er versteht dieses Zeichen als Lebensform per se, als kosmische, biologische, menschliche Ursprünge. Zwischen 1920 und 1929 steht die unverwechselbare Objektsprache Arps dann unter dem Einfluss des Surrealismus. Flächig vereinfacht, gleichförmig bemalt mit grellen Tönen bezaubern seine Reliefs wie Spielzeug. Offene, spielerische, interaktive Charaktere weisen auch seine Plastiken auf. „Zwei Gedanken auf einem Naben“ gestattet die freie Veränderung der Elemente durch den Besucher. Humorvoll und kritisch zugleich soll die Vermenschlichung von Gegenständen vermitteln, dass der Mensch nicht mehr das Maß aller Dinge ist.
Gemeinschaftsarbeiten in anonymen oder kollektiven Entstehungsprozessen kennzeichnen auch die Dadazeit in Zürich, wo Hans Arp 1915 Sophie Taeuber kennen lernt, die er im Jahr 1922 ehelicht. Beider unsignierte gemeinsame Collagen, Zeichnungen Skulpturen sind von individuellen Spuren vollkommen frei. Auch zusammen mit Max Ernst entstehen Kunstwerke. Im französischen Grasse, wohin viele Künstler im Jahr 1940 während der deutschen Besatzung von Paris geflohen waren, arbeiten Hans Arp, Alberto Magnelli, Sonia Delaunay und Sophie Taeuber-Arp kollektiv abwechselnd an gleichen Bleistift- und Gouachezeichnungen.
Gemeinschaftsarbeiten bilden einen wichtigen Schwerpunkt der Remagener Ausstellung. Einen separaten Saal nehmen die Entwürfe für die Aubette-Bar ein. Zwischen 1926 und 1928 entstehen nach Ideen von De Stijl-Gründer Theo van Doesburg, Sophie Taeuber-Arp und Hans Arp Entwürfe zur Umgestaltung des Straßburger Vergnügungslokals „Aubette“. Die monumentalen Kompositionen führen eindrucksvoll vor Augen, wie über Farbe und Lichteinwirkung die Lokalbesucher zu einem bewussteren, optimistischeren Leben animiert werden sollten. Abgesehen von den im biomorphen Vokabular Arps gestalteten Räumen entspringen alle anderen der konstruktivistischen Ästhetik. Deren geordnete, klare Strukturen versinnbildlichen die Suche nach einem neuen Gleichgewicht. Arp begrüßt diese Verbindung diverser Strömungen. Die nach amerikanischem Vorbild erfolgte Gestaltung des Vergnügungskomplexes konkretisiert die Verbindungslinien von Malerei und Architektur.
Zerknüllte, zerknitterte Papiere erinnern im Folgenden an die Not- und Mangelzeit des Zweiten Weltkriegs. Skulpturen mit abgetrennten Gliedmaßen reflektieren das zerstörerische Umfeld der Zeit, Gewalt und Schmerz, ausgelöst auch vom Tod der Mutter. Alte Collagen, Radierungen, Zeichnungen zerreißt Hans Arp zu Fragmenten, aus denen er neue Arbeiten gestaltet.
Nach 1930 dominieren vollplastische Arbeiten sein Werkschaffen, die den letzten großen Ausstellungsabschnitt bestreiten. Exzellente Formbarkeit zu glatten, geschmeidigen Konturen lassen ihn Gips als Material bevorzugen. Sein Tun ist zufallgeleitet. „Automatisch“ nennt Arp daher einige Plastiken, bei der die Künstlerhand die Führung übernimmt. Aus Grundformen kreiert er neue, eigenständige Gestaltungen. Hier stellt sich Arp abermals gängigen bildhauerischen Konventionen entgegen und folgt der künstlerischen Praxis Auguste Rodins, dem er sogar eine Skulptur widmet. Auch den Begriff des Originalen im Sinne eines einmaligen Kunstwerkes stellt Arp infrage, indem er die handwerkliche Ausführung seiner Ideen an Mitarbeiter delegiert, mehrere Exemplare in Auftrag gibt und diese zudem noch variiert. Auch in planlosen Modellierungs- oder maschinellen Papierarbeiten distanziert er sich von der Autorenschaft des Künstlers.
Hans Arp, der 1926 die französische Staatsbürgerschaft annimmt und am 7. Juni 1966 in Basel verstirbt, erkundet in seinem Œuvre ein neues Zusammenspiel zwischen Kunst und Natur. Er ahmt Naturformen nicht nach, nimmt aber Bezug auf natürliche Abläufe. Seine Objekte bergen eine ähnliche Sinnlichkeit, so dass sie mühelos in der Natur aufgehen können. Neben den über einhundert Zeichnungen, Collagen, Skulpturen und Reliefs verdeutlichen achtzig Fotografien, Dokumente, insbesondere aber Texte Arps literarisches Schaffen. Tonbandaufzeichnungen seiner Gedichte sind zu hören. Sie erhellen die spielerische Außerkraftsetzung konventioneller Sprachregeln.
Die Ausstellung „Art is Arp. Zeichnungen, Collagen, Reliefs, Skulpturen, Poesie“ ist noch bis zum 14. Juni zu besichtigen. Geöffnet ist täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 5 Euro. Zur Ausstellung ist ein Katalog in französischer Sprache erschienen, der an der Museumskasse 52 Euro kostet. Das Supplement in deutscher Sprache kostet 22 Euro. |