Am 23. Mai 1975 betrat eine schräge Künstlerclique die Manege in einem Brüsseler Zirkus. Geschmückt mit Federboas und extravaganten Kostümen, führten die seltsamen Artisten auf Zeit ein ungewöhnliches Spektakel auf, zu dessen Höhepunkten eine kühne Messerwurfnummer mit der ziemlich spärlich bekleideten Beuys-Schülerin Katharina Sieverding gehörte. Die „Manifestation Salto Arte“ wurde unter anderem von dem legendären Schweizer Ausstellungsmacher Harald Szeemann organisiert und fand zur Unterstützung der Kunstzeitschrift POUR statt. Einer der Mitstreiter, der Künstler Klaus Mettig, dokumentierte das schrille Spektakel in der Manege mit der Super-8-Kamera. Sein Film „Salto Arte“ ist jetzt im zweiten Teil der materialreichen Polke-Ausstellung „Wir Kleinbürger! Zeitgenossen und Zeitgenossinnen“ in der Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle zu sehen.
Sigmar Polke war in den 1970er Jahren die Scharnierfigur einer Künstlerclique, die sich in Düsseldorf zusammengefunden hatte und von dort aus bundesweit für Furore sorgte. Der deutschen Piefigkeit, Verklemmtheit und der von dem Essayisten Hans Magnus Enzensberger immer wieder angeprangerten „kleinbürgerlichen Hölle“ wurde mit Ironie, Bildwitz und einer gepflegten Antihaltung der Kampf angesagt. Partys und Drogenexperimente, wildes Bohemeleben aber auch ernsthafte künstlerische Dialoge bildeten den Rahmen für eine extrem gruppendynamische künstlerische Zusammenarbeit. Die Autorschaft einzelner Werke bleibt dabei bis heute oft unklar. Die Signatur „Sigmar Polke“ setzte sich jedoch im Laufe der Jahre zunehmend durch, da sich auch auf dem Kunstmarkt die Marke „Polke“ erfolgreich etabliert hatte.
Alltagsthemen durchziehen die Bilder, Collagen, Drucksachen, Fotos und Filme, die in dieser Zeit in Düsseldorf und in der hippiehaften Künstler-Landkommune auf dem Gaspelshof im niederrheinischen Willich entstanden. Luxus und Konsum werden in überzeichneten Darstellungen durch den Kakao gezogen, Sexualität, aber auch Bilder ferner Stammeskulturen tauchen immer wieder auf, daneben Aufnahmen von politischen Demonstrationen. Die Stadt New York, Ende der 1970er Jahre das Sinnbild einer ruinösen, kriminellen aber auch ungemein spannenden Stadt, übte eine starke Anziehungskraft auf die Polke-Clique, aus. Das damals noch von der Härte der Straße geprägte Manhattan lieferte den unablässig laufenden Super-8-Kameras der Düsseldorfer Clique genügend Bildmaterial für experimentelle Filme mit vielen Schnitten und flimmernden Kontrasten.
Sigmar Polke, Jahrgang 1941, ist ein genauer Beobachter der bundesrepublikanischen Verhältnisse. Was ihn interessiert, das sind die trivialen Bildwelten des Alltags, die glänzenden Oberflächen des Konsums, die marktschreierischen Überschriften der Boulevardzeitungen und die ebenso schillernden wie schmuddeligen Parallelwelten des Trash, der Comics, der Schundromane und Pornoheftchen. Aus diesem Abfall der Gesellschaft destilliert er bis heute in der ihm eigenen alchemistischen Art und Weise seine eigenwilligen und unverwechselbaren Bildwelten.
Im Herbst wird dann der dritte Teil der Polke-Ausstellung, die sich um das zentral gehängte, zehnteilige Ensemble aus großformatigen Papierarbeiten mit dem Titel „Wir Kleinbürger! Zeitgenossen und Zeitgenossinnen“ gruppiert, eröffnet. Dieser trägt dann den Titel „Politik“.
Die Ausstellung „Sigmar Polke. Wir Kleinbürger! Zeitgenossen und Zeitgenossinnen. Teil 2: Pop“ läuft in der Galerie der Gegenwart bis zum 4. Oktober. Die Hamburger Kunsthalle hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, am Donnerstag zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der 472seitige Katalog ist im Verlag der Buchhandlung Walther König erschienen und kostet 48 Euro. |