Der deutsch-französische Künstler Hans Arp ist bekannt für seine organisch geformten, weißen Gipsskulpturen, seine ein wenig an Henry Moore erinnernden monumentalen Bronzeplastiken und seine aus biomorph-abstrakten Formen bestehenden Wandreliefs. Dass der 1886 im damals deutschen Straßburg geborene Künstler und Poet, der seit 1909 bis zu seinem Tod in Basel 1966 überwiegend in der Schweiz lebte, allerdings in seinem Spätwerk regelmäßig zur Papierschere griff, um aus Papier und dünnem Karton kleine, sehr ungewöhnliche Figurinen auszuschneiden, ist weniger bekannt. Rund 250 dieser zwischen sechs und sechzig Zentimeter großen „Decoupagen“ sind bis heute erhalten. Jahrzehntelang waren sie in Pappkartons verborgen, bis Mitarbeiter der Fondazione Arp im schweizerischen Locarno sie bei einer Neusichtung der Grafikbestände einmal näher unter die Lupe nahmen und entdeckten, dass genau diese auf den ersten Blick unscheinbaren und noch nicht einmal signierten „Nebenarbeiten“ einen wesentlichen Schlüssel zum Verständnis des Gesamtwerks liefern.
Zu besichtigen ist fast das ganze Konvolut jetzt in der Ausstellung „Hans Arp. Figurinen“ im Hamburger Ernst Barlach Haus. Zuvor war die Ausstellung bereits in der Kunsthalle Ziegelhütte im schweizerischen Appenzell zu sehen. Rund 200 Scherenschnitte, sorgfältig in extragroßen Vitrinen arrangiert, erlauben dem Besucher des Barlach Hauses eine Art Werkstattblick in die spielerische Arbeitsweise des Künstlers. 40 weitere Arbeiten, von der Zeichnung über Collagen, Wandreliefs bis hin zu großformatigen Plastiken, schaffen Querverweise zum Gesamtwerk Arps.
Sein ganzes Leben lang war Hans oder Jean Arp, wie sich der Sohn eines Zigarrenfabrikanten zeitweise nannte, auf der Suche nach der verborgenen Wahrheit hinter der sichtbaren Wirklichkeit, nach den Urformen der Wahrnehmung, deren Ort er eher im Unbewussten als in der sichtbaren Welt vermutete. Dadaist, Surrealist, abstrakter Pionier der Moderne – Arp hat alle wichtigen Avantgardeströmungen des 20. Jahrhunderts von Innen heraus kennengelernt. Er war befreundet mit Kurt Schwitters und Hugo Ball, Kasimir Malewitsch, Walter Gropius und Marcel Duchamp. An seine frühen Jahre, die Ausbildung an der Kunstschule Weimar und der Académie Julian in Paris, erinnerte er sich nur ungern: „Immer wieder wollte man mich zwingen abzubilden, nachzuahmen. Ich ließ mich jedoch nicht verwirren, verleiten, und 1915 glückte mir das erste wesentliche Bild. Mir scheint, dass ich damals mit den Steinen eines Kinderbausteinkastens spielte. Aus diesem Spiel und Bauen mit elementaren Formkörpern wuchs mein erstes geglücktes Bild“.
Auch wenn die eigentlichen Objekte, um die es in der Hamburger Ausstellung geht, klein sind, so eröffnen sie dennoch einen schöpferischen Kosmos ungeahnter Formen und Variationen: Puppenförmige, von der menschlichen Anatomie abgeleitete axialsymmetrische Körper dominieren. Daneben nixenhafte Wesen mit Flossen, Kegel- und Spindelfiguren, anthropomorphe Vasen und Amphoren. Alle Durchgangsstadien der Metamorphose des Frosches von der Kaulquappe bis zum ausgewachsenen Lurch werden spielerisch durchexerziert. Auch scheinbar vollkommen abstrakte, amöbenförmige Strukturen kommen vor, beispielsweise in Karton ausgeführte Formen, die sich, zu monumentaler Größe aufgeblasen, in dem 10 auf 30 Meter messenden Wandrelief „Wolkenzug auf nachtschwarzem Himmel“ von 1960 an der Fassade des Audimax der Technischen Universität Braunschweig wiederfinden. Ihren spielerischen Entstehungsprozess kann man anhand der Hamburger Exponate gut nachvollziehen.
Der Schweizer Künstler Max Bill fasste Hans Arps Suche nach der unendlichen Vielfalt der in unserem Unterbewusstsein a priori vorhandenen, aber in der Realwelt noch nicht materialisierten „Möglichkeitsformen“ in einer Rede anlässlich des 60. Geburtstags von Arp so zusammen: „Seine Kunst ist poetisch und formal. Das Poetische wird bei ihm Form, das Formale Poesie. Schon deshalb begegnen wir bei ihm jener seltenen Vielseitigkeit des Ausdrucks trotz Einheitlichkeit des schöpferischen Gedankens.“
Die Ausstellung „Hans Arp. Figurinen. Werke aus der Fondazione Marguerite Arp, Locarno“ ist bis zum 27. September zu sehen. Das Ernst Barlach Haus hat dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 6 Euro, ermäßigt 4 Euro, die Familienkarte kostet 7 Euro. Der Katalog ist im Steidl Verlag erschienen und kostet 25 Euro. |