Wenn bei Potsdam Atlantis im See versinkt: Die alljährliche Sommerausstellung Rohkunstbau im Berliner Umland ist im Nach-Wende-Deutschland längst zur Tradition geworden. Dieses Jahr findet sie bereits zum 16. Mal statt. Mit zehn Künstlern aus Deutschland und Osteuropa, die sich 20 Jahre nach dem Untergang der DDR mit dem Verschwinden, aber ganz dialektisch, auch dem Wiederauftauchen von Utopien, Identitäten, Geschichten und Geschichte befassen. Unter dem Titel „Atlantis I – Hidden Stories – New Identities“ werden Skulpturen, Installationen, Gemälde und Filme gezeigt, die die großen Themen Verfall und Neuanfang, Katastrophe und Läuterung in Augenschein nehmen.
Der Ort für diese Ausstellung ist gut gewählt. Schloss Marquardt, 35 Kilometer von Berlin, im gleichnamigen Potsdamer Ortsteil gelegen, ist kein neutraler „White Cube“, kein Ausstellungsort, in den man alles packen kann. Das neobarocke Schloss in unmittelbarer Nähe des schon von Theodor Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ beschriebenen, idyllisch gelegenen Schlänitzsees atmet Geschichte. „Rohkunstbau hat mit dem Schloss Marquardt am Schlänitzsee ein fast noch im Dornröschenschlaf liegendes Schloss der Potsdamer Schlösserlandschaft als Ausstellungsort gewählt, weil gerade hier noch diese typische Patina zu erleben ist, die in der bis 1989 in Ost und West geteilten Schlösserlandschaft an der Havel das Versinken und Wiederauftauchen ganz besonders repräsentiert“, sagt Arvid Boellert, der Initiator und künstlerische Leiter des Projekts.
Nachdem die Ausstellung Rohkunstbau durch einen Eigentümerwechsel aus ihrem ursprünglichen Quartier, Schloss Groß Leuthen im Spreewald, vertrieben worden war, nomadisierte das Kunstfestival zuletzt durch verschiedene Schlösser, Villen und Herrenhäuser. Mit Schloss Marquardt scheint zumindest für 2009 und 2010 ein fester Ort gefunden. Wie gehen die Künstler mit diesem irgendwie aus der Zeit gefallenen Ort um, der einerseits für Feste und Hochzeiten gebucht werden kann, andererseits aber den größten Teil des Jahres im Nebel der Vergangenheit vor sich hin döst?
In ihrer direkt vor Ort gedrehten Filmcollage „An der Schwelle des Schlafes“ zeigt Lisa Junghanß eine junge Frau, die offenbar auf der Flucht vor sich selbst durch das leerstehende Schloss irrt. Dennis Feddersen lässt, einer gefräßigen Killerzelle gleich, ein Gebilde aus schwarzer Kunststofffolie durch die Räume wabern. Es frisst alles, was sich ihm in den Weg stellt. Stühle, Schubladen und Jalousien. Überbleibsel früherer Nutzungen des Schlosses als Sommersitz, Hotel, Sowjetische Militäradministration, Institut für Obstbau der DDR.
Überhaupt thematisieren etliche Arbeiten das kollektive Vergessen, den Kulturverlust, der sich aus dem sich immer schneller drehenden Karussell neuer Speichermedien und Datengräber ergibt. Sabine Hornig präsentiert eine auf einen Vorhang gedruckt Fotografie, die zertrümmerte Computermonitore, Laufwerke und Tastaturen zeigt. Gregor Hildebrandt errichtet im Rund des Treppenhauses einen Turm aus ausgedienten und thermisch verformten Vinylplatten. Die in Berlin lebende bosnische Fotokünstlerin Šejla Kameric entzaubert die Utopie eines nie enden wollenden Sommers, indem sie großformatige herbstliche Ansichten von entlaubten Bäumen im Schloss aufhängt.
Robert Barta hat ein paar Türen eingebaut, hinter denen anscheinend jemand um Hilfe klopft. Alles Einbildung oder unsere eigenen dunklen Fantasien? Der ostdeutsche Maler und Bildhauer Thomas Scheibitz injiziert dem modrigen Landschloss auf seinem Monumentalgemälde „Palastskizze“ eine Extraportion Moderne. Doch der modernistische Pavillon, der da in Rot, Gelb und Blau dargestellt ist, scheint auch schon wieder zu implodieren. Eine Anspielung auf die geschichtsfremde Hau-Ruck-Entsorgung des Palastes der Republik? Kann sein, oder auch nicht. Scheibitz würde sich da nie eindeutig äußern. Sein Motto: „So genau wie es geht, bei größtmöglicher Allgemeinheit.“
Martin Assig lässt sich am stärksten von allen Teilnehmern auf den Mythos des sagenumwobenen Atlantis ein. Er errichtet dem erstmals bei Platon erwähnten Idealstaat eine Reihe von Behältnissen: ein Turm, eine Art Schrein, ein Mausoleum. Die Polin Katarzyna Kozyra zeigt in ihrem Kurzfilm „Summertale“ ein modernes Märchen: Eine Gruppe weiblicher Zwerge trifft auf den stadtbekannten Berliner Transvestiten Gloria Viagra samt seiner Entourage. Was mit Neugier beginnt, endet schließlich in einem blutigen Gemetzel. Die durchaus wertkonservativen Zwergendamen reagieren auf die ihnen bisher unbekannte Form sexueller Orientierung mit extremer Intoleranz.
Der Litauer Deimantas Narkevicius ist bekannt für seine Filme, in denen er seine Lebenserfahrungen im Umfeld gescheiterter sozialistischer Utopien eindringlich verdichtet. In dem Kurzfilm „Revisiting Solaris“ lässt er schließlich den gealterten Astronautendarsteller aus Andrej Tarkowskis Verfilmung eines Science-Fiction-Romans von Stanislaw Lem nach 40 Jahren noch einmal durch winterliche Landschaften wandern. Ein alter Mann auf der Suche nach seiner eigenen Vergangenheit. Verrinnende persönliche Lebenszeit trifft auf die nach menschlichem Ermessen scheinbar ewige Präsenz unseres Planeten.
Wenn auch nicht alle Arbeiten das weit gefasste Thema Atlantis präzise auf den Punkt bringen, so ist mit dem 16. Rohkunstbau dennoch einmal mehr eine sehenswerte Sommerausstellung an einem besonderen Ort entstanden, für die sich die Anfahrt aus dem nahen Berlin lohnt. Das Schloss dürfte Arvid Boellert und seinem Ausstellungskurator, dem Briten Mark Gisbourne, wohl noch eine Weile erhalten bleiben. Mögliche Käufer müssten 6,9 Millionen Euro berappen. Die anfallenden Umbaukosten, um aus dem charmant verfallenden Gemäuer etwa ein 5-Sterne-Hotel zu machen, belaufen sich laut Gutachten auf weitere 35 bis 45 Millionen Euro. In Krisenzeiten nicht gerade ein Pappenstiel. Der Kunst jedoch kommen Freiräume dieser Art gerade recht.
Die Ausstellung „XVI. Rohkunstbau – Atlantis I“ ist noch bis zum bis 13. September zu sehen. Das Schloss Marquardt in Potsdam hat donnerstags und freitags von 14 bis 19 Uhr, samstags und sonntags von 12 bis 19 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 7 Euro, ermäßigt 5 Euro. Der 128seitige Katalog ist im Verlag Hans Schiler erschienen und kostet 18,95 Euro.
Schloss Marquardt
Hauptstraße 14
D-14476 Potsdam
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