 |  | Sandro Botticelli, Weibliches Idealbildnis (Bildnis der Simonetta Vespucci als Nymphe) | |
Ihre Haut ist von vornehmer Blässe, das Gesicht makellos geformt, die Lippen wohl proportioniert und von intensiver Röte. Die dunkelblonden, fein gewellten Haare trägt sie teils offen, teils zu strengen Zöpfen gebändigt. Perlen, zarte Goldreifen, eine Gold gefasste Kamee sowie ein Kopfschmuck aus Edelstein und Federn umschmeicheln ihr Antlitz. Sie kennzeichnen die junge Frau auf Sandro Botticellis Bildnis als Tochter aus einer einflussreichen Florentiner Familie. Mit aller Vorsicht bezeichnet das Frankfurter Städel Museum eines seiner populären Hauptwerke als „Weibliches Idealbildnis“. In der kunsthistorischen Forschung allerdings geht man mittlerweile davon aus, dass es sich bei der Dargestellten mit großer Wahrscheinlichkeit um Simonetta Vespucci, die geliebte Turnierdame des Giuliano de’ Medici, handeln könnte.
Sandro Botticellis Dreiviertelporträt vor schwarzem Fond ist der Dreh- und Angelpunkt einer sensationellen Ausstellung, die jetzt zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum Bilder aus allen Schaffensperioden des Florentiner Großmeisters der Renaissance, Sandro Botticelli (1444-1510), versammelt. Über 80 Arbeiten sind zu sehen, darunter allein 40 Werke Botticellis und seiner Werkstatt. Weitere Werke stammen von Lehrern und Zeitgenossen Botticellis wie Filippino Lippi, Lucas Cranach d.Ä. oder Andrea del Verrocchio.
Ganz einfach war es nicht, diese Ausstellung in mehrjähriger Vorbereitungszeit zusammenzustellen. Auf Grund der Fragilität des Materials und des hohen Wertes der Gemälde sind Leihgaben schwer zu bekommen. „Viele Werke Botticellis sind grundsätzlich nicht ausleihbar“, erläutert Städel-Direktor Max Hollein. „Erschwerend kommt hinzu, dass Botticelli-Werke oft die beliebtesten Werke in musealen Sammlungen sind und somit Publikumsmagnete. Museen trennen sich daher nicht gern von ihnen.“ Letztlich half dann aber der hervorragende Ruf der eigenen Altmeistersammlung.
Kurator Andreas Schumacher gliedert die Ausstellung in drei Abteilungen: Bildnis, Mythos und Andacht. Der bereits zu Lebzeiten überaus erfolgreiche Botticelli war eng mit dem Hof des Lorenzo de’ Medici verknüpft, der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts die Geschicke der damals weltgrößten Bank lenkte. Lorenzo der Prächtige, der bereits als junger Mann das Imperium seines früh verstorbenen Vaters übernehmen musste, sah sich mit der Aufgabe jedoch überfordert, sein Vermögen schrumpfte zusehends. Wohl auch deshalb flüchtete er sich in die Schönen Künste, die humanistische Philosophie und die Dichtkunst. Aus dem Erben einer erfolgreichen Bankdynastie wurde der zeitgeistaffine Übermäzen unter den ohnehin schon mäzenatischen Medici.
Der von ihm geförderte Botticelli und dessen gefeiertes Werk waren emblematisch für das Gefühl dieser Zeit. Seine Porträts voller innovativer Kraft und lebensnaher Präsenz waren in der Florentiner Gesellschaft sehr gefragt. Botticelli malte seine Auftraggeber in Dreiviertelansicht statt im reinen Profil und inszenierte sie vor dem Hintergrund enger, streng geometrischer Raumarchitekturen – auch das eine innovative Illusionsstrategie. Botticelli schuf als erster Florentiner keine rein idealisierten, sondern eigenständig ausformulierte, reduzierte und sehr lebensnahe Porträts bestimmter Persönlichkeiten, namentlich seiner Hauptauftraggeber der Medici. Dennoch waren es vornehmlich die religiösen Werke, seine Verkündigungsbilder, Marien- und Christusdarstellungen und Heiligenbilder, die Botticellis wirtschaftlichen Erfolg ausmachten.
Einen Höhepunkt der Ausstellung stellt das lebensgroße allegorische Gemälde „Minerva und Kentaur“ aus den Uffizien mit seiner komplexen Ikonographie dar. Es zeigt die tugendhafte Göttin der Weisheit im Rankengewand und den von ihr gezähmten wilden, männlichen Pferdemenschen – ein Triumph der Vernunft über die Zügellosigkeit. Doch Botticelli war nicht bloß der gefeierte Auftragsmaler religiöser Motive und allegorischer Darstellungen. Er ging in die Kunstgeschichte ein als der erste Maler der Neuzeit, der in seinen berühmten Venus-Darstellungen profane Frauenakte weitgehend ohne das Schammäntelchen religiöser oder mythologischer Verbrämung geschaffen hat. Mit dem Tod Lorenzo de’ Medicis 1492 war die Ära seiner größten Förderer vorbei, die Medici-Bank war am Ende. 1494 wurde die einst machtbewusste Familie aus der Stadt vertrieben. Botticellis Karriere tat das aber keinen Abbruch – der Maler war jetzt etabliert genug, um auch außerhalb des Florentiner Günstlingswesens seine Auftraggeber zu finden.
Die Ausstellung „Botticelli“ ist bis zum 28. Februar 2010 zu sehen. Das Städel Museum hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs und donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 10 Euro, ermäßigt 8 Euro. Der Katalog ist im Hatje Cantz Verlag erschienen und kostet in der Museumsausgabe 39,90 Euro. |