 |  | Joseph Maria Olbrich, Hochzeitsturm, 1908 | |
Anfang und Ende des Werkschaffens von Joseph Maria Olbrich sind zwei Marksteine der Architekturgeschichte. Das Ausstellungsgebäude der Wiener Secession aus dem Jahr 1898 gilt heute als eines der Wahrzeichen der Donaumetropole. Auf einer verkehrsumtobten Ringstraßeninsel verkörpert der erste „White Cube“ der modernen Ausstellungsarchitektur mit der weithin sichtbaren vergoldeten Blätterkuppel ein demonstratives Symbol freien Künstlertums. Das für maximal zehn Jahre konzipierte Provisorium entwarf Olbrich ebenso ohne Honorar wie Darmstadts Stadtkrone Mathildenhöhe. Anlässlich der 1908 abgehaltenen Hessischen Landesausstellung für freie und angewandte Kunst entstand auf dem städtischen Wasserreservoire aus dem Jahr 1890 ein Ensemble aus Ausstellungshallen samt 50 Meter hohem Hochzeitsturm. Dieses seitdem die Stadtsilhouette beherrschende Ensemble ist das größte Exponat der Retrospektive, mit der das Institut Mathildenhöhe derzeit seinen Schöpfer ehrt.
Welches grandiose Panorama an Entwürfen und Ideen das Universaltalent Joseph Maria Olbrich in schier rastloser Arbeit auf dem Gebiet der Baukunst und des Designs in nur einem Jahrzehnt bewältigt, führen rund 400 Exponate vor Augen. Von 16 Architekturmodellen sind elf neu angefertigt, ergänzt von Plänen, Skizzen, Gemälden, Fotografien, Möbeln nebst ganzen Raumensembles und Gebrauchsobjekten. Allein 150 Werke kommen aus der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin, die nach dem frühen Tod des Architekten sofort zugreift, als der Nachlass 1912 zum Verkauf steht. Dies trägt bis heute mit dazu bei, dass der Wegbereiter moderner Formgebung als Deutscher vereinnahmt wird.
Joseph Maria Olbrich kommt am 22. Dezember 1867 in Troppau zur Welt, der damaligen Hauptstadt von österreichisch Schlesien und dem heute in Mähren gelegenen Opava. Um in die Architekturklasse der von Camillo Sitte geleiteten Wiener Staatsgewerbeschule eintreten zu können, verlässt er 1882 das Gymnasium. Nach dem Examen 1886 arbeitet er als Architekt und Bauleiter eines Baubüros in seiner Geburtsstadt. 1890 zieht es ihn wieder nach Wien, um an der Akademie der Schönen Künste beim Ringstraßen-Architekten Carl von Hasenauer und dessen Nachfolger Otto Wagner zu studieren. In Wagners Büro tritt er dann auch ein. Nach zahlreichen, vielfach preisgekrönten Arbeiten in Troppau und Wien endet hier seine Karriere mit seinem ersten Glanzpunkt, dem Secessionsbau.
Als der junge Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein Skizzen des Architekten zu sehen bekommt, ahnt er sofort Olbrichs Talent und beruft ihn 1899 zum Leiter der Darmstädter Künstlerkolonie. Unter der Ägide seines Fürsprechers, der ihm eng verbunden zahlreiche Entfaltungsmöglichkeiten eröffnet, entstehen in wenigen Jahren zahlreiche kreative Projekte, die auch Neid und Konkurrenzdenken heraufbeschwören. In Düsseldorf und Umgebung findet er nach dem gewonnenen Wettbewerb zum neuen Warenhaus Tietz erneut Anerkennung. Nach Wien und Darmstadt eröffnet Olbrich auch hier eine Büroniederlassung. Doch schon am 8. August 1908 reißt den Vierzigjährigen eine akute Leukämie aus allen laufenden Bauvorhaben.
Allzu blumig beginnt die Ausstellung mit dem kaiserzeitlichen Wien. Filme und ein Porträt Kaisers Franz Joseph sollen in die Stimmung des Historismus versetzen. Zeichnungen von einer Studienreise nach Italien und Nordafrika 1893/94 lassen im angrenzenden Kabinett aber schon Tendenzen abstrahierter Systematisierungen erkennen. Stringent zeigt der Verlauf der Ausstellung auf, wie die Materialien für Joseph Maria Olbrich immer wichtiger werden, ohne dass Ornamente für ihn Verbrechen darstellen. Langsam in Etappen wird die Formensprache immer weniger floral. Klarheit tritt in den Vordergrund. Privataufträge zu Villenbauten in Wien kurz vor der Jahrhundertwende weisen vereinfachte Gestaltungen auf. Schon 1901 spricht Olbrich vom „Haus als Maschine“, zwanzig Jahre vor Le Corbusiers Diktum.
Im Jahr 1900 erregt er auf der Pariser Weltausstellung mit dem Wiener und dem Darmstädter Zimmer Aufsehen. Zwei Länderbeiträge entspringen seinen Ideen, geprägt von eleganter Durchgestaltung der Flächen und feiner Ornamentik. Ein Jahr später lässt der Großherzog in Darmstadt auf der Mathildenhöhe die Ausstellung „Ein Dokument deutscher Kunst“ ausrichten, um die Gewerbeförderung anzustoßen. Sämtliche Objekte dieser ersten Bauausstellung, darunter Künstlerhäuser, Ateliergebäude, viele temporäre, experimentell gewagte Häuser, konzipiert Olbrich unter ganzheitlichen Gesichtspunkten. Von der Gartenausformung bis zu Details der Innenausstattung entwirft er alles. Temporäre Holzkonstruktionen einiger Ausstellungshallen nehmen offensichtlich formale Ausprägungen vorweg, wie sie sich später etwa beim Hamburger Hauptbahnhof finden.
Ruhige, die Flächen betonende Formgebungen bestimmen dann drei rekonstruierte Raumensembles. 1902 entsteht für die bedeutende „Internationale Ausstellung für moderne dekorative Kunst“ in Turin das nun zurückerworbene „Turiner Schlafzimmer“. Erstmals ist dieses weiße, sparsam von abstrahierter Ornamentik durchsetzte Ensemble mit bordeauxroten Auflagen wieder zu sehen. Flächen belebende Farben bestimmen auch den 1902/03 für den Großherzog geschaffenen Musiksalon im neuen Palais. Hervorzuheben sind neben den dunkelblau gebeizten Möbeln mit Elfenbeineinlagen ein rechteckiger Flügel und ein gestickter Wandteppich mit einer Vielzahl von Szenen. Vollständig aufgebaut werden konnte das Spielhaus für die Fürstentochter Prinzessin Elisabeth. Im Garten der Sommerresidenz von Schloss Wolfsgarten einst beheimatet, besticht die liebevoll detailliert durchgestaltete Möbelgruppe aus der Zeit um 1902/03 durch kindgerechte Maße. Schon 1904 wartet der Beitrag Olbrichs für die Weltausstellung in St. Louis, ein Entwurf für den „Sommersitz eines Kunstfreundes“.
Im Folgenden demonstrieren zahlreiche Gegenstände aus dem Sektor der Gebrauchskunst Olbrichs ungebremste Produktivität. Vorhänge, Uhren, Leuchter, Besteck, Porzellan, Möbel bis hin zu einem Automobil für die Rüsselsheimer Opelwerke sollen in Massen zu erschwinglichen Preisen produziert werden, womit der Fürst der Kunstgewerbeindustrie Auftrieb verschaffen will. Immer zurückhaltender wird die schon stark an das Art Déco angelehnte Gestaltung. Im Sinne eines modernen Corporate Designs entwirft Olbrich für Firmen von Preisschildern über Visitenkarten, Katalogen, Briefpapier bis hin zu Innengestaltungen eine einheitliche Formgebung.
Das Finale Furioso des letzten Ausstellungssaales dreht sich um die Projekte im Jahr 1908. Herausgestellt wird das Düsseldorfer Warenhaus Tietz, ein grandioses Gebilde aus hochmoderner Stahlsskelettkonstruktion hinter einer skulptural reich gestalteten Jugendstilfassade aus Werkstein. Villen, Atelier- und Künstlerhäuser entstehen begleitend im seinem Umkreis. Zugleich fordern in Darmstadt anstehende Baumaßnahmen Olbrichs ganze Kraft. Anlässlich der Landesausstellung sowie der Fürstenhochzeit schreitet in expressionistischen Anklängen das Ensemble um den Hochzeitsturm voran, der an der Spitze mit fünf als Schwurhand ausgebildeten Bögen aus glasierten Ziegeln ausstrahlt. Darunter lässt Olbrich schmale, um die Ecke geführte Fensterbänder mit auskragenden Gesimsen ausführen, eine Gestaltungselement, das nur wenig später zum Erkennungsmerkmal der Moderne wird. Zeichnungen von Bruno Taut, Erich Mendelsohn und Le Corbusier belegen abschließend, wie sehr Olbrichs Vorstellungen ihre Wirkung entfalten. Bald schon findet seine Idee vom Gesamtkunstwerk im Bauhaus ihre Fortsetzung.
Die Ausstellung „Joseph Maria Olbrich (1867-1908). Architekt und Gestalter der frühen Moderne“ ist bis zum 24. Mai zu besichtigen. Das Institut Mathildenhöhe hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 6 Euro. Zur Ausstellung sind der umfangreiche Katalog für 39 Euro und ein Hörbuch für 16,80 Euro erschienen. |