 |  | Frans Francken II, Der Mensch in der Entscheidung zwischen Tugenden und Lastern, 1635 | |
Eigentlich ist es kein einfaches Thema, was Frans Francken II. in den 1630er Jahren auf die Leinwand brachte. Opulent baut der flämische Barockmaler ein Himmels- und Höllenszenarium auf und lässt den Menschen zwischen Tugend und Laster entscheiden. Dafür bedient er sich eines teils grausigen Personals: Der Teufel hockt breitbeinig vor der rot glühenden Hölle auf einem Drachen und trägt Spinnen als Ohrringe, fanfarende Missgeburten und tanzende freizügige Weiber, musizierende Satyrn und Diener, die Affen und heidnische Amorbuben zu Königen erheben, umschreiten ihn, flankiert vom Tod mit Speer und dem Gott Chronos, der die Zeit des Menschen zählt. Kleine Putten ringsum halten Symbole der Vergänglichkeit: Totenköpfe und Blumensträuße, Öllampen und Heu, ein anderer bläst die Seifenblasen in die Luft. In der oberen Bildzone zeigt Francken die Alternative auf: den Himmel mit musizierenden Engeln, die Symbolisierung von Tugenden in einer architekturbestandenen Parklandschaft und auch den Mensch mit Pilgerstab, der zwischen den beiden Sphären wählen muss.
Trotz des für heutige Lebenswelten recht fremden Sujets, ließ diese Verschränkung von antiker Mythologie und christlichem Heilsmythos im Wiener Dorotheum seine Taxe von 400.000 bis 500.000 Euro schnell hinter sich und erklomm am Mittwoch mit 6,1 Millionen Euro nicht nur den Rekordpreis im Œuvre Frans Franckens sondern auch das Siegertreppchen für das teuerste in Österreich verkaufte Kunstwerk. Der Londoner Altmeisterhändler Johnny van Haeften ging erfolgreich aus dem Bietgefecht hervor und zahlte für das meisterhaft angelegte, qualitätvoll gemalte und in einer deutschen Privatsammlung wiederentdeckte Hauptwerk Franckens schließlich über 7,02 Millionen Euro.
Auch darüber hinaus gab es in der Auktion „Alte Meister“, deren Hauptteil am 21. April losbezogen zu knapp 55 Prozent einen Abnehmer fand, erfreuliche Steigerungen. Platz 2 belegte eine kraftvolle Arbeit Giovanni Francesco Barbieris, genannt Il Guercino. Nach einer Dichtung Torquato Tasso schuf er 1664 seine junge Armida, die sich soeben töten will und von dem Ritter Rinaldo zurückgehalten wird. 400.000 bis 600.000 Euro waren auch hier nicht genug, 900.000 Euro mussten es schließlich sein. Guido Cagnaccis Neuentdeckung des trunkenen Noah, den der Italiener als Akt in faszinierender Verkürzung halb schräg im Bild drapierte, war mit 80.000 bis 120.000 Euro recht günstig angesetzt. Das Schlussgebot hieß hier 260.000 Euro. Trotz ihres schlechten Erhaltungszustandes nahm Lavinia Fontanas große Leinwand mit einer Herrin, vier Zofen, Hund und Papagei die gleiche Preisentwicklung.
Neben Fontana überzeugte die Sammler aus der italienischen Renaissancemalerei noch Francesco Verlas Madonna mit Christuskind in einer weiten Landschaft bei 130.000 Euro (Taxe 60.000 bis 65.000 EUR), während Giovanni Girolamo Savoldos Bildnis eines bärtigen Mannes mit schwarzem Barett (Taxe 180.000 bis 220.000 EUR) sowie Maria und Josef in der Anbetung des Kindes vom Meister der Madonna von Schleißheim keine Beachtung fanden (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR). Auf deutscher Seite machte ein unbekannter Maler auf sich aufmerksam, der in der Nachfolge Albrecht Dürers dessen Ehefrau Agnes nach einer originalen Silberstiftzeichnung des Meisters abkonterfeite. Die Nachschöpfung aus dem 16ten Jahrhundert ist nun 65.000 Euro wert (Taxe 15.000 bis 25.000 EUR).
Zurück zur italienischen Kunst. Als begehrt erwies sich ein Vogelstillleben von Bartolomeo Bimbi, das der Florentiner Maler im Auftrag Cosimos III. von den Volieren der Medici anfertigte. 25.000 bis 30.000 Euro standen auf dem Preisschild, 110.000 Euro dann auf dem Kassenbon. Einen Aufstieg erlebte auch Maria Amalia von Sachsen, die als Königin von Neapel und Spanien an der Seite Karls III. stand. Die grazile Neuentdeckung im Werk Giuseppe Bonitos machte sich erst bei 85.000 Euro davon (Taxe 25.000 bis 28.000 EUR). Taxgerecht kamen etwa Ciro Ferris junge Frauen als Allegorie der Stärke und des Friedens bei 40.000 Euro ans Ziel, bei jeweils 100.000 Euro zwei flüchtig hingestrichelte Capriccios Michele Marieschis, die als Pendants den Frieden ländlichen Lebens beschwören, oder die beiden Grisaillen aus römischer Geschichte und Kultur von Lorenzo Tiepolo bei 45.000 Euro.
Bei einem anderen Gemäldepaar herrschte Unentschlossenheit. Wenigstens auf 140.000 Euro brachte es eine wilde Seeschlacht Antonio Maria Marinis (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR), während sein gleich teueres Gegenstück zu Land gänzlich verschmäht wurde. Giovanna Garzoni reüssierte mit zwei kleinen charakteristischen Insekten- und Reptilienbildern auf Pergament bei 24.000 Euro und 28.000 Euro (Taxe je 20.000 bis 30.000 EUR), ihr niederländischer Kollege Pieter Holsteijn d.Ä. mit seiner größeren Studie von fünf bunt schimmernden Käfer samt Motte zur unteren Schätzung von 15.000 Euro.
Stand Jan Breughel d.J. auf einem Etikett eines Bildes, war das diesmal der Garant für einen Verkaufserfolg. Zuerst ging weite Landschaft mit Reisenden auf einer Waldstraße aus den 1640er Jahre bei 95.000 Euro weg (Taxe 65.000 bis 75.000 EUR), dann folgte seine schlichtere Muttergottes mit Christusknaben in einer blumengeschmückten Kartusche bei 60.000 Euro (Taxe 35.000 bis 40.000 EUR) und den Abschluss bildete bei 55.000 Euro seine Waldlandschaft mit Maria, Jesus und Johannes als zentraler Gruppe, umgeben von zwei Engeln mit dem Lamm und einem in der Ferne dahintrabenden Josef. Dazu versicherte sich Breughel der Mitarbeit Pieter van Avonts (Taxe 25.000 bis 35.000 EUR).
Noch in ähnlichen künstlerischen Bahnen bewegt sich der rund 100 Jahre jüngere Balthasar Beschey bei seiner Begegnung des auferstandenen Jesus’ mit Maria Magdalena am Ostermorgen unter dem Titel „Noli me tangere“. Hier verdoppelte sich der Wert auf 50.000 Euro. Auf Erfolgskurs bei der flämischen Malerei befand sich auch die Statue der Göttin Ceres in einer Nische umgeben von Frucht- und Gemüsegirlanden und kleinen Putten. Für das um 1615 entstandene und nun 190.000 Euro teuere Werk zeichneten Peter Paul Rubens und seine Werkstattmitarbeiter verantwortlich (Taxe 45.000 bis 50.000 EUR). Sein Antwerpener Kollege des Frühbarocks war Caspar van den Hoecke, der seine bewegte Darstellung der Königin von Saba vor König Salomo für 30.000 Euro absetzen konnte (Taxe 20.000 bis 23.000 EUR).
Bei einem Überfall im Wald von Alexander Keirincx und Pieter Snayers, die darin das von Glaubenskrieg, Epidemien und hohen Getreidepreisen gekennzeichnete Leben der Flamen im frühen 17ten Jahrhundert schildern, kam mit 60.000 Euro ebenfalls ein unerwarteter Wert zusammen (Taxe 24.000 bis 30.000 EUR). Gonzales Coques ließ in dieser Zeit dagegen fromm die anmutige heilige Cäcilia in einer weiten Landschaft die Orgel schlagen. Für die erwarteten 40.000 Euro musizierten mit ihr auch einige Engel. Für Jan Fyts reiches Jagdstillleben spendierten die Bieter mit 50.000 Euro ebenso die untere Taxe.
In die französische Barockmalerei entführte Antoine Monnoyer. Der Stilllebenmaler war mit einem üppigen Blumenarrangement in einer Glasvase auf einem Steinsockel bei 20.000 Euro vertreten (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR). Schon der beruhigten Malerei des Klassizismus gehörten zwei Schäferszenen vor Dorf- beziehungsweise Schlosskulisse Jean-Baptiste Huets an, die beide jeweils 34.000 Euro erreichten (Taxe 25.000 bis 28.000 EUR). Auf österreichischer Seite stand Franz Christoph Janneck mit seiner biblischen Historie der Anbetung des Goldenen Kalbs für 38.000 Euro (Taxe 25.000 bis 35.000 EUR), begleitet von Daniel Grans Entwurf für das Deckengemälde eines Schlosses mit allegorischen Gestalten bei 16.000 Euro (Taxe 15.000 bis 25.000 EUR). Ein ansprechendes Portrait eines Herrn schuf Anton von Maron, das traditionell mit Prince William Henry, dem gebildeten Herzog von Gloucester, identifiziert wird. Es verdoppelte seine Schätzung auf 45.000 Euro. Und auch Nathaniel Hones feinsinniges Bildnis seines Sohns Horace als Hirtenknabe David gefiel dem Publikum, das dafür 40.000 Euro auf den Tisch legte (Taxe 18.000 bis 22.000 EUR).
Während im Hauptteil der Auktion die Venedig-Veduten von Francesco Albotto und Vincenzo Chilone für bis zu 100.000 Euro kein Interesse auf sich zogen, nahm Giuseppe Bernardino Bison die Sammler im zweiten Teil für sich ein. Seine atmosphärische Ansicht des Markusplatzes in Venedig mit zahlreichen Menschen von etwa 1832 belegte mit einem Zuschlag bei 280.000 Euro immerhin den dritten Platz der gesamten Versteigerung, die losbezogen zu 47 Prozent einen Abnehmer fand und brutto knapp 14 Millionen Euro in die Kassen des Dorotheums spülte. Auch seine beiden Veduten mit der Piazza San Marco und dem Blick auf Santa Maria della Salute ließen sich mit 40.000 Euro gut an (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR). Dass es auch Stierkämpfe in Venedig gab, überliefert uns wohl Carlo Grubacs, der vom wilden Geschehen im Innenhof des Dogenpalastes auf dem nun 38.000 Euro teueren Gemälde berichtet (Taxe 20.000 bis 25.000 EUR).
Abraham Brueghel, den jüngsten Spross der flämischen Malerfamilie, zog es nach Italien, wo er in Rom zu einem der führenden Stilllebenmaler avancierte. Auch in seiner Landschaft mit trunkenem Silen, Zentauren, Putten und einem Leoparden kann er die von ihm bevorzugte Gattung nicht verleugnen. Denn Obst quillt reich aus einer Bütte hervor und rankt sich sogar noch an einem Baum hinauf. Sie spielte 50.000 Euro ein (Taxe 50.000 bis 80.000 EUR). Ihn ergänzten Pietro Navarra mit einem Arrangement aus Granatäpfeln, Kürbissen, Feigen und Birnen samt Vögeln bei 40.000 Euro (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR), Johann Baptist Hälszel mit einem herbstlichen Stillleben aus Trauben, Kürbissen, Brombeeren und einen Vogelnest bei 32.000 Euro (Taxe 15.000 bis 18.000 EUR) und Tobias Stranover mit Äpfeln, Pflaumen, Erdbeeren, Haselnüssen und einer Weinrebe für 13.000 Euro, auf der sich gerade ein Rotkelchen niedergelassen hat (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR).
Für die altdeutsche Malerei standen die Begegnung Christi mit der Samariterin am Brunnen von Lucas Cranach d.Ä. und seiner Werkstatt zur unteren Schätzung von 55.000 Euro und eine kleine Kupfertafel mit der Mutter Gottes samt Jesusknaben und vielen Tieren in einer verblauten Berglandschaft, die Daniel Fröschl zugeschrieben wird. Schon mehrfach im Dorotheum zugegen, konnte sie nun ihren Wert auf 50.000 Euro verdoppeln. Eine Dorfstraße mit tanzenden und feiernden Bauern nimmt die Kunst Pieter Breughels d.J. auf und wurde taxgerecht bei 40.000 Euro weitergereicht. Auch für den übergroßen Knaben in einer Landschaft, der ein perspektivisch viel zu kleines Pferd führt, wird lediglich ein Künstler aus dem Umkreis Aelbert Cuyps verantwortlich gemacht. Dennoch brachte er es auf 55.000 Euro (Taxe 25.000 bis 30.000 EUR).
Jan van den Heckes Schäfer und Reisende in der römischen Campagna vor einem Triumphbogen zogen für gute 50.000 Euro von dannen (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR). Wohl einen Künstler verewigte Johann Georg Weikert in dem ausdrucksstarken Bildnis eines Herrn mit schwarzem Hut, der sich bei 7.500 Euro verabschiedete. Das wohl kunsthistorisch interessanteste Bild war eine Mater Dolorosa. Sie hat soviel Ähnlichkeit mit einem Werk auf dem Galeriebild David Teniers’ d.J., das er von der Sammlung der Erzherzogs Leopold Wilhelm in Brüssel anfertigte und heute im Kunsthistorischen Museum in Wien hängt, dass die Experten von einer Urheberschaft Tizians ausgehen. Weitere Untersuchungen des bisher unpublizierten Gemäldes müssen das nun bestätigen. Die Käufer jedenfalls zeigten sich jetzt schon euphorisch und hoben die Leinwand von 10.000 Euro auf 60.000 Euro.
Die Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld. |