Gedämpftes Licht, brennende Kerzen und Grablichter. Schwere Kirchenbänke und im Zentrum ein Altar, der nicht betreten werden darf. Der Deutsche Pavillon auf der diesjährigen Biennale Venedig gleicht einem Kirchenraum. Andächtiges Flüstern unter den Besuchern deutet darauf hin, dass die suggestive Wirkung sakraler Ingredienzien bestens funktioniert. Allerdings wird der Besucher, egal ob gläubig oder nicht, bereits nach kurzem Aufenthalt von unguten Gefühlen beschlichen. Teutonische Musik à la Richard Wagner klingt aus den Lautsprecherboxen, dazu die Worte eines klagenden und anklagenden Christoph Schlingensief. Ein leeres Krankenbett lässt an die Tatsache denken, dass der Künstler selbst die Realisierung seines Beitrags nicht mehr erleben darf.
Lange Zeit wurde die Planung für den Deutschen Pavillon behandelt wie ein Staatsgeheimnis. Christoph Schlingensief war, mitten in den Vorbereitungen, im August 2010 an den Folgen seiner schweren Krebserkrankung verstorben. Was jetzt gezeigt wird, ist das rekonstruierte und den räumlichen Verhältnissen des Pavillons angepasste Bühnenbild seines Stückes „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“. Schlingensief hatte es 2008 für die Ruhrtriennale geschrieben. Susanne Gaensheimer, die Kommissarin des deutschen Beitrags, und Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz konnten der Versuchung offenbar nicht widerstehen, eine postume Schlingensief-Arbeit zu realisieren. Spektakuläres trifft da auf Spekulatives. Fragen müssen erlaubt sein. Wäre diese verklärend-kitschige Monumentalinstallation wirklich in Schlingensiefs Sinne gewesen? Kann ein Bühnenbild so ohne Weiteres zur Rauminstallation uminterpretiert werden?
Geplant war etwas ganz anderes. Wäre es Christoph Schlingensief vergönnt gewesen, die 54. Biennale von Venedig noch zu erleben, dann hätte er den Deutschen Pavillon wahrscheinlich in eine Art Wellness- und Vorsorgecenter verwandelt. Mit Schwimmbad, Sauna, Kuranwendungen und der Möglichkeit, medizinische Vorsorgeuntersuchungen durchführen zu lassen. Das Ganze allerdings vor der Folie Burkina Fasos. Dem kurenden Besucher wären auch Bilder vom Elend des afrikanischen Landes nicht erspart geblieben. Schlingensiefs Herzensprojekt, dort ein Operndorf mit Schule zu errichten, soll noch in diesem Jahr postum realisiert werden. In einem Seitenraum des Deutschen Pavillons wird das Projekt dokumentiert. Hier erlebt man auf einem Monitor noch einmal Schlingensief in voller Lebenskraft: engagiert, kritisch, zukunftsorientiert. Vielleicht hätte man es besser mit nüchtern-dokumentarischen Beiträgen dieser Art belassen. Die zentrale Leid-und-Tränen-Installation erhebt den verstorbenen Multikünstler allzu sehr zum Mythos.
Andere Nationenpavillons setzen ebenfalls auf verzichtbare Überwältigungseffekte. So zeigt Frankreich den normalerweise für seine leisen und unspektakulären Arbeiten bekannten Erinnerungs- und Gedächtniskünstler Christian Boltanski mit einer technisch und architektonisch vollkommen aufgeblasenen Installation. Boltanski thematisiert die menschliche Vergänglichkeit, indem er Fotos von Neugeborenen über aufwändige Förderbänder lautstark durch den Raum rotieren lässt und in einem anderen Raum mit Bildern Verstorbener überblendet. Die Schweiz wird von Thomas Hirschhorn vertreten, dessen überbordende Rauminstallationen aus brutalsten Kriegsfotos, selbstgebastelten Raketen und malträtierten Schaufensterpuppen den Betrachter in ihrer ständigen Wiederholung weniger provozieren als abstumpfen lassen. Bereits am ersten Tag zum absoluten Geheimtipp wurde der Britische Pavillon. Installationskünstler Mike Nelson entführt hier in eine labyrinthische Totalinstallation, die einer materialreichen Zeitreise ins Venedig des 17. Jahrhunderts gleichkommt. In der alten Handelsmetropole begegnen sich Orient und Okzident, Eroberer und Piraten. Schlangestehen ist hier essentiell.
Mit einer Rekordzahl von 89 Pavillons, davon 28 auf dem angestammten Giardini-Gelände, die anderen auf dem Arsenale und über die ganze Stadt verteilt, verzeichnet die diesjährige Biennale Venedig einen neuen Teilnahmerekord. Unzählige Nebenveranstaltungen in Palazzi, auf Inseln und anderen charakteristischen Orten lassen die Biennale immer mehr ausufern. Selbst Kunstprofis planen mehrere Tage ein.
Die Hauptausstellung im Arsenale und im zentralen Pavillon des Giardini-Geländes wird in diesem Jahr von der Schweizerin Bice Curiger verantwortet. Curiger ist Kuratorin am Kunsthaus Zürich und als Herausgeberin des von ihr mitgegründeten englischsprachigen Kunstmagazins „Parkett“ eine feste und anerkannte Größe im internationalen Kunstbetrieb. Der von ihr gewählte Titel „Illuminations“ spielt auf die wünschenswerte Überwindung des umstrittenen Nationenkonzepts an, aber auch auf das besondere, oft sfumatohaft-sanfte Licht in Venedig. Bice Curiger baut ganz auf Entschleunigung. Sie entschied sich, zu Beginn des Parcours im zentralen Pavillon drei museale Großgemälde des venezianischen Renaissancemalers Tintoretto zu präsentieren. Im weiteren Parcours setzt Curiger mit präzisen und konzeptuell anspruchsvollen Setzungen auf Erkenntnisgewinne durch konzentrierte Anschauung. Von der Konzeptkunst der späten 1960er Jahre bis hin zu jungen Bildhauerstars wie Monica Bonvicini oder Carol Bove reicht hier das Spektrum. Die Einbeziehung zahlreicher außereuropäischer Künstler macht Curigers Auswahl zum Tummelplatz interessanter Neuentdeckungen.
Die 54. Biennale von Venedig „Illuminations“ läuft in den Giardini della Biennale und dem Arsenale sowie zahlreichen anderen Ausstellungsorten in der ganzen Stadt vom 4. Juni bis zum 27. November. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr; am Montag bleibt geschlossen außer am 6. Juni, 15. August und 21. November. Der Eintritt beträgt 20 Euro, ermäßigt 16 Euro. Der italienische und englische Katalog sind bei Marsilio Editori und kosten jeweils 60 Euro, der Kurzführer 9 Euro, der Katalog zum Deutschen Pavillon 29,99 Euro. |