Mike Kelley ist tot Mike Kelley lebt nicht mehr. Der amerikanische Künstler wurde gestern in seiner Wohnung in South Pasadena bei Los Angeles tot aufgefunden. Das berichtet die Los Angeles Times in ihrer Online-Ausgabe. Dort heißt es weiter, die Polizei untersuche noch die Todesursache. Seine Galeristin Helene Winer von Metro Pictures aus New York sagte gegenüber dem Onlinemagazin „Artinfo“, Kelley sei depressiv gewesen und habe sich das Leben genommen. Er wurde 57 Jahre alt. Zur Welt kam Mike Kelley 1954 in Wayne, einem Vorort von Detroit. Seine Studien absolvierte er am California Institute of the Arts, wo er mit den Ideen der Performancekünstlerin Laurie Anderson, des Konzeptualisten John Baldessari, der Body-Art von Chris Burden oder des Installationskünstlers Vito Acconci in Kontakt kam. So pendelt auch Kelleys Schaffen zwischen Performances, Malerei, Installationen, Zeichnungen, Film und Texten. Zudem war er musikalisch tätig und gründete mit Tony Oursler 1977 die Punk-Band „The Poetics“, die bis 1983 bestand.
Inhaltlich beschäftigte sich Mike Kelley mit Ideologien und deren Einfluss auf die menschliche Existenz und Psyche. Die Tabus der amerikanischen Gesellschaft, die Perversion, kollektive Ängste, den Ekel und Schmutz holte er in seiner Kunst ans Tageslicht. So zeichnen sich in seiner Arbeit „Lumpenprole“ von 1991 unter einem riesigen Teppich merkwürdige Körper ab, deren verborgene Kräfte ein unberechenbares Eigenleben entwickeln. Hier gilt Kelleys Interesse den Energien des Verdrängten, mit deren Hilfe er die Möglichkeit sieht, fragwürdig gewordene Bewertungen aufzubrechen. Seine Großinstallation eines Kinderzimmer unter dem Titel „Unisex Love Nest“ steht einerseits als gesellschaftlicher Spielraum für die sexuelle Orientierung der Geschlechter als auch für einen von Normen freien Ort, gebildet aus banalem Kitsch.
Zudem hinterfragte er Kindergeschichten auf ihre erzieherische Funktion, etwa 1992 im dem Video „Heidi“, in dem er mit Paul McCarthy zusammen das Thema Kindesmissbrauch aufrollte. Als „blue-collar anarchist“ lüftete er den verklärenden Schleier angeblicher Erinnerungen und schaute hinter die bürgerlichen Fassaden. Für die Skulptur Projekte Münster im Jahr 2007 errichtete er am dortigen Hauptbahnhof einen durchaus familienfreundlichen Streichelzoo à la „Unsere kleine Farm“. Doch stand in Mitten der Schafe, Ziegen und Ponys die zur Salzsäule erstarrte Frau Lots, die Mike Kelley nach Vorlagen in Kinderbibeln aus seiner Kindheit gestaltet hatte und an der die Tiere sich leckend drängelten. Einerseits beruhigt das Streicheln von Tieren die Menschen, doch schaffen diese Zärtlichkeiten andererseits auch Abhängigkeiten, und in dem Wunsch, sich selbst und anderen nur das Beste zuteil werden zu lassen, erweist sich Liebe als blind.
Immer wieder treten auch scheinbar unschuldige Stofftiere in seinen Werken auf, deren künstlerisches und normkritisches Potential Kelley einmal umriss: „Beim Stofftier handelt es sich nicht wirklich um ein Tier. Es ist ein Baby. Es ist ein Humanoide, es ist geschlechtslos, es ist sauber, es ist aus Plüsch, es ist niedlich. Es ist etwas, das man einem Baby gibt, um ihm zu sagen, wie es sein soll. Solche Ziele sind absolut klassisch und inhuman. Sie stellen für mich eine Art christlicher Perfektion dar, die unerreichbar ist, besonders für Babys.“ Mit seinen zerstückelten und misshandelten Stofftieren wurde der Provokateur Kelley dann auch international berühmt, nahm 1992 und 1997 gemeinsam mit Tony Oursler an der Documenta in Kassel teil und stellte zuletzt unter anderem 2004 im Museum Moderner Kunst in Wien, 2008 in der Münchner Sammlung Goetz oder 2011 im Haus Lange der Kunstmuseen Krefeld aus. |