 |  | Karl Müller, Taufschale und Taufkanne, um 1924 | |
Kunsttheorien, die sich dem Axiom der Autonomie der Kunst verschrieben haben, tun sich schwer damit, Geräten für den sakralen Gebrauch mehr als den Status von Kunsthandwerk zuzuerkennen. Die Dinge mögen noch so kunstfertig gearbeitet, noch so technisch gediegen, noch so klug konzipiert sein: Stets folgen die „vasa sacra“ einem theologischen Programm und einem Zweck, die nicht der Kunst selbst entspringen, sondern von „außen“ in sie hineingetragen werden. Auch die sicher berechtigte Frage, inwieweit „Autonomie“ nicht überhaupt nur ein Konstrukt ist, um das handelnde Subjekt zum nahezu ausschließlich gültigen Kriterium für die Bewertung von etwas als „Kunst“ zu erheben, führt das sakrale Gerät zumal des christlichen Kultes nicht aus der Sphäre des Dienend-Handwerklichen heraus. Allenfalls der Wert der Stücke, ihr Alter oder ihre Seltenheit sichern ihnen eine gewisse Aufmerksamkeit.
Der Kunstverein „Talstrasse“ in Halle hat sich dieser Prämisse gestellt: „Dem Glauben dienend“ ist der Titel einer Ausstellung über sakrales Gerät im 20sten Jahrhundert. Damit erkennen die Ausstellungsmacher um den Kunstvereins-Vorsitzenden Matthias Rataiczyk an, dass die ausgestellten Arbeiten zwar an der allgemeinen künstlerischen Entwicklung teilhaben, sich aber nicht in ihrem Charakter als Kunstwerk erschöpfen. Andreas Kühne und Christoph Sorger verweisen in ihrem lesenswerten Katalogbeitrag darauf, wie sehr liturgische Objekte über sich hinausweisen. Und sie befreien die „vasa sacra“ – mit Rudolf Otto und Mircea Eliade und deren Begriffen des „Heiligen“ – aus einer allzu engen Deutung, die sie ausschließlich im Umfeld christlicher Glaubensdoktrin oder Symbolwelt verorten möchte.
Für eine weitgehend säkulare Gesellschaft, wie wir sie im Osten Deutschlands finden, öffnet dieser Zugang einen Verständnishorizont, der eine spezifisch christliche Deutung nicht verstellt, aber sie um allgemeine Aspekte des „Heiligen“ erweitert. Damit erschließen sich vor allem die kirchlich-liturgischen Gefäße auch für ein Publikum, das mit dem gottesdienstlichen Alltag der christlichen Kirchen und ihren rituellen Vollzügen nicht vertraut ist. Und der christlich geprägte Betrachter mag im einen oder anderen Fall die überraschende Entdeckung machen, dass ein Kelch, eine Hostienschale oder ein Kerzenhalter auch aus einer „profanen“ Perspektive heraus sinnvoll befragt werden kann.
Nehmen wir eines der prominentesten Stücke der kleinen Ausstellung in den Räumen des Kunstvereins in der Talstraße: In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg schuf die junge, 1895 in Halle geborene Lili Schultz einen Kelch, dessen Gestaltung mit transparentem und opakem Email eine ungewöhnliche Farbenpracht, kühne Farbverläufe und eine expressionistische, verschwenderische Freude am Material erkennen lässt. Gleichzeitig fasst die spätere Leiterin der Emaille-Klasse an der Burg Giebichenstein und Lehrerin an der Werkkunstschule Düsseldorf die hergebrachte Kelchform neu auf: Der Fuß scheint überdimensioniert, der Nodus wird zu einem eigenständigen Element aufgewertet. Form und Funktion sind nicht geleugnet, aber im Sinne des damals modernen Expressionismus überhöht.
Der Kontrast ist ein schlichtes Ziborium aus der Pfarrei St. Johannes Bosco in Magdeburg. Das formal anspruchslose, aber elegant gestaltete Gefäß stammt vielleicht aus einer amerikanischen Werkstatt und wurde 1950 von der irischen Arbeiterunion wohl im Zuge der Diasporahilfe an das damalige Erzbischöfliche Kommissariat Magdeburg übergeben.
Die Ausstellung ist entstanden in enger Kooperation mit den beiden großen Kirchen. So sieht man in Halle Geräte, die nach wie vor im alltäglichen liturgischen Gebrauch sind – und dann meist als Kunstgegenstände nicht wahrgenommen werden können. Zum Beispiel eine Hostienschale aus der Pfarrei St. Bonifatius in Wernigerode, geschaffen von dem seit 1973 in Wernigerode arbeitenden Metallgestalter Manfred Küttner: Der breit auskragende Rand, besetzt mit roten, grünen und blaugrauen Einlagen, gibt dem Stück ein wenig von der Aura mittelalterlicher Emaille- und Glasflussarbeiten. Zu bemerken ist, dass sich die Künstler des 20sten Jahrhunderts immer wieder retrospektiv an mittelalterlichen Techniken und Formvorbildern orientieren: ob Irmtraud Ohme mit ihrer herb auf jedes Dekor verzichtenden Taufschale für die mittelalterliche Kirche von Saxdorf an der Elbe oder der unbekannte Künstler, der einen romanisch inspirierten Corpus für ein Kreuz in St. Anna in Stendal geschaffen hat.
Ein auch geistesgeschichtlich bemerkenswertes Stück ist der kleine Klappaltar aus der Hand des Ohme-Schülers Lutz Kaudelka, Jahrgang 1957. Emaille, Grubenschmelz und vergoldetes Kupfer verweisen als Material ebenso ins Mittelalter wie die Form des Dreiflügelaltars. Dargestellt ist jedoch mit den „Lebensaltern“ eine Allegorie, die sich bei Hans Baldung Grien, Tizian und Gustav Klimt findet und durchaus in einem nichtchristlichen Kontext zu lesen ist. Kaudelka verwendet mit dem Altar eine eindeutig christlich konnotierte Form, scheint auch in der Darstellung, zum Beispiel dem mittleren Lebensalter als (heilige?) Familie, Bezüge herzustellen, vermeidet aber alles, was das Altärchen explizit in die Nähe christlicher Vorstellungen rücken könnte.
Auf dem retabelähnlichen goldenen Feld unterhalb der zentralen Darstellung zitiert er ein Gedicht von Ernst Jandl: „Im Anfang die Erde war wüst und leer…“. So sehr die archaisierende Wortwahl an die biblische Schöpfungsgeschichte denken lässt, so wenig konkretisiert der Künstler diesen vagen Eindruck. Das Werk spielt mit den christlichen Reminiszenzen, ohne sie auszuformen. Es bleibt in der Schwebe. Kaudelka arbeitet mit dem formalen und ideellen Material der Vergangenheit, lässt sich aber nicht in den weltanschaulichen Kontext der damaligen Zeit hineinziehen.
Der Kunstverein „Talstraße“ in Halle hat mit dieser sorgsam gestalteten, übersichtlichen Schau ein Thema angerissen, das in Mitteldeutschland, glaubt man dem Veranstaltungsprospekt, außerhalb kirchlicher Einrichtungen seit Jahrzehnten nicht mehr Gegenstand einer Kunstausstellung gewesen ist. Sie zeigt ein weithin unbekanntes Kapitel künstlerischen Schaffens; man darf ihr daher ein neugieriges, aufgeschlossenes Publikum wünschen.
Die Ausstellung „Dem Glauben dienend. Sakrales Gerät in der Moderne“ ist noch bis 26. Februar zu sehen. Der Kunstverein „Talstrasse“ hat dienstags bis freitags von 14 bis 19, samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 4, ermäßigt 3 Euro. Das 96seitige Katalogbuch, herausgegeben von Andreas Kühne, Matthias Rataiczyk und Christin Müller-Wenzel, ist für 16 Euro an der Ausstellungskasse zu haben. |