 |  | Egon Schiele, Aktselbstbildnis, 1916 | |
Dass Egon Schiele den Ruf eines Narzissten und all zu selbstbezogener Künstlers bekam, ist nicht zuletzt seinem Werk zuzuschreiben. Als der Wiener Expressionist 1918 mit nur 28 Jahren an der spanischen Grippe starb, hinterließ er allein 170 Selbstporträts. Zeichnungen, die immer wieder einen anderen Schiele zum Ausdruck brachten, der sich um die eignen Achse zu drehen scheint. Denn wie eine Konstante zieht sich durch all diese Bilder der Ausdruck von Zerrissenheit und Selbstzweifel, von Weltenangst und nicht selten von einem Hang zu sexueller Drastik. Die Münchner Schau „Das unrettbare Ich“ im Kunstbau des Lenbachhauses kratzt an diesem Schiele-Image.
Allein schon die ersten Zeichnungen Schieles, die der Besucher wahrnimmt, folgen nicht der herkömmlichen Erwartung von obszön gespreizten Frauenschößen oder fast bizarr posierenden, ekstatischen Selbstdarstellung. Der erste Blick gilt Schieles Porträts von Zeitgenossen. Mit der selben virulenten Unruhe, mit ähnlich bohrend-analytischem Blick, wenn auch nicht mit der selben Radikalität wie in den Akten hat er Freunde, Industrielle, Künstler und Kinder festgehalten und Werke von höchster Zartheit und Modernität geschaffen. Wie intensiv und sensibel Schieles Kunst auch ohne erotische Emphase und aggressiv-tragische Komponente sein konnte, zeigt vor allem das Porträt des vielleicht 14jährigen Erich Lederer: Ein Geschöpf zwischen Kind und Mann, mit einem blassen, melancholischen Gesicht, das aus einer schwarzen Jacke mit knallrotem Kragen herausragt und das wie auch all die anderen Porträts das Beben der Zeit und Skepsis verdeutlicht. Wie immer hat Egon Schiele hier auf Staffage und Hintergrund, auf alle erzählerischen Momente verzichtet und sich auf die Suche nach dem sogenannten „unrettbaren Ich“ begeben.
Mit diesem Titel knüpft das Lenbachhaus an eine vor dem Ersten Weltkrieg entstandene These an, dass das Ich keine unveränderbare Größe, sondern eine variable, eine wandelbare Komponente im Leben eines Menschen ist. Die Auseinandersetzung mit der Krise des Individuums um 1900 bestimmt heute mehr und mehr die Sicht auf Schieles großes Konvolut an Selbstporträts. Man sieht es heute als künstlerische Erkundung im Spiegel des eigenen Körpers, der als Puppe für diverse Rollenspiele – vom Propheten über den Heiligen bis hin zum Onanisten – diente. Schiele, so die neueste Sichtweise, konfrontierte sich mit der Unmöglichkeit, eine unveränderte, eindeutige Persönlichkeit darzustellen.
Wer dieser Ansicht folgt, kann auf Selbstporträts dieses Ausnahmekünstlers der Moderne nicht verzichten. Arbeiten wie „Selbstporträt in schwarzer Jacke“, „Selbstbildnis in oranger Jacke“ und auch das misstrauisch beängstigende Aktselbstbildnis sind Hauptwerke dieses unvergleichlichen Zeichners. Sie geben den anderen Arbeiten erst einen Bezugspunkt und sind der Schlüssel zu neuen Horizonten. Das Ziel von Kuratorin Helena Pereña war, die reduzierte Sichtweise auf das spektakulär Erotische im Werke Schieles, den Mythos von Schiele als Außenseiter der Wiener Szene aufzubrechen, ihn als einen Künstler von weitaus mehr Facetten vorzustellen: Als Zeichner der Natur, der in Chrysanthemen und Sonnenblumen die sensorische Fragilität und Brüchigkeit auf gleiche Weise erfahrbar macht wie in seinen Menschendarstellungen. Als einen Künstler, der zwar noch die Figur darstellen wollte, aber nicht das Abbild brauchte, um einer tiefen Empfindung Ausdruck zu verleihen. Und letztlich auch als einen Zeichner, der vom nackten Körper besessen war, sich davon aber künstlerisch nicht einschränken ließ, sondern nach künstlerischen Konzepten der Moderne suchte, wie etwa bei dem in Ekstase geratenen Cellospieler, den Schiele ohne sein Instrument als einen in seinem Anzug sich auflösenden Torso darstellt, dem nur Kopf und Hände die Klammer eines konzentrierten Musikers geben.
Egon Schiele, der in seiner Frühzeit vom flächigen, exzentrischen Stil eines Gustav Klimt beeinflusst war, hatte eine Affinität für Gewänder und Stoffe. Doch anders als Klimt, interessierte ihn nicht das Ornamentale. Wie sehr ihm Textilien zu einem Material reduzierter, bis an die Grenze der Abstraktion gehender Kompositionen waren, ist an dem Porträt seiner schlafenden Mutter zu sehen. Großflächige ausgeführt, lassen sie einen ins Jenseits entrückten Körper wie in einem Kokon erscheinen. Andererseits sind Textilien für Schiele auch Mittel der Begrenzung und der Räumlichkeit. Als kleine Madonna unter einem grell ockerfarbenen Schutzmantel hat Schiele 1911 den Akt eines kleinen Mädchens gezeichnet. Es ist ein ambivalentes Werk, das mit der unschuldigen Sexualität eines Kindes kokettiert und dessen Pikanterie gerade darin liegt, dass Schiel einen Hang zu minderjährigen Mädchen hatte.
Einen neuen, völlig unbekannten Egon Schiele wird man in dieser Ausstellung, dessen Exponate durchweg aus der Albertina in Wien stammen, vielleicht nicht entdecken, aber einen anderen, mit künstlerischen Methoden ringenden Zeichner, an dessen Meisterschaft man sich gar nicht genug satt sehen kann.
Die Ausstellung „Egon Schiele. Das unrettbare Ich – Werke aus der Albertina“ ist noch bis zum 4. März zu sehen. Der Kunstbau des Lenbachhauses hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, am 2. März zusätzlich bis 24 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 4 Euro. Für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ist er kostenlos. Der 260seitige, reich bebilderte Katalog Aufsätzen unter anderem von Helmut Friedel, Helena Pereña und Klaus Albrecht Schröder und kostet 32 Euro. |