 |  | Claude Lorrain, Pastorale mit dem Konstantinsbogen, 1648 | |
Klein, inmitten einer pittoresken Landschaft im sanften Abendlicht sitzt ein Zeichner auf einem Baumstumpf. Der Mann schaut konzentriert auf das Papier in seinen Händen und lässt seinen Stift über die Oberfläche gleiten. Flankiert wird er von einem Jäger, der sein Tun gespannt verfolgt. Der dunkle Vordergrund öffnet sich in die Weite und gibt den Blick frei auf eine in goldenes Licht getauchte Szenerie. Hirten und Hirtinnen treiben ihre Schafe und Kühe zum Stall, eine Furt durchzieht die Landschaft, auf einer Anhöhe stehen bekannte Versatzstücke römisch-antiker Architektur. Das stimmungsvolle Licht der sich ankündigen Dämmerung versetzt das gesamte Geschehen in eine gelöste Ruhe.
Denkt man an den lothringischen Maler Claude Gellée, genannt Le Lorrain oder einfach Claude Lorrain, so sind es wohl Bilder wie dieses, die uns unwillkürlich in den Sinn kommen. Der bei Nancy geborene Künstler wurde schon von seinen Zeitgenossen für seine klassisch ausgewogenen Kompositionen und malerischen Lichtspiele bewundert. Die „Pastorale mit dem Konstantinsbogen“, die er 1648 schuf, scheint exemplarisch für seine Malerei zu stehen. Das Frankfurter Städel widmet dem Wahlrömer nun seit fast dreißig Jahren erstmals wieder eine Einzelausstellung und zeigt auf diese Weise, dass die ‚stimmungsvolle Landschaft‘ nur eine von vielen Facetten im Œuvre Lorrains ist. Die in Zusammenarbeit mit dem Ashmolean Museum in Oxford konzipierte Schau präsentiert Claude Lorrain als hochreflektierten Künstler, der nicht nur im Medium der Malerei, sondern auch in der Zeichnung und Druckgrafik seine bedeutenden Spuren hinterlassen hat.
Bei näherer Betrachtung der Pastorale von 1648 versteht man etwas ganz Wesentliches an der Kunst Claude Lorrains. Seine Landschaften waren von Anfang an konstruiert: So natürlich die Szenerie zunächst auch anmutet, die Hirtenlandschaft ist ein besonders treffendes Beispiel für den capriccesken Charakter vieler seiner Werke. Die Komposition ist konsequent durchgeplant: Der Betrachterblick wandert von den Hirten und der Zweiergruppe im Vordergrund zu den antiken Bauwerken, dem Konstantinsbogen und dem Kolosseum, in die Tiefe der Landschaft mit ihren Städtchen, Bergen und einer Meeresküste. Eine Kumuluswolke, die Berge am Horizont und eine effektvoll angeleuchtete Hirtin betonen die Mittelachse des Bildes.
„Die Bilder haben die höchste Wahrheit, aber keine Spur von Wirklichkeit“, sagte Goethe über Lorrains Idealität; und wirklich scheint der Künstler selbst uns genau jene Worte mitteilen zu wollen. Der Zeichner im rechten unteren Bildteil arbeitet nach der Natur und dennoch ist er voll und ganz in die Repräsentation der Wirklichkeit vertieft: in seine Zeichnung. Auch der Jäger hinter ihm, möglicherweise als Identifikationsfigur für den Betrachter gedacht, schenkt der wirklichen Welt um ihn herum keine Beachtung. In der Abendstimmung werden wir aufmerksam auf das Fortschreiten der Zeit. Es offenbart Lorrains besonderes Interesse am Flüchtigen, das in der Ewigkeit der poetischen Dichte dieser Komposition aufzugehen scheint.
Die Schau in Frankfurt macht nun das Verhältnis zwischen Malerei, Zeichnung und Druckgrafik im Werk Lorrains deutlich wie selten zuvor. Entschieden bilden die Arbeiten auf Papier einen Schwerpunkt der Ausstellung und zeigen dabei eine weitgehend unbekannte Seite des Künstlers. Bereits im ersten Saal des Obergeschosses, wo das Ausstellungsteam das Frühwerk des Malers präsentiert, werden wenige Gemälde der Frühzeit um Naturstudien aus Skizzenbüchern sowie Radierungen der 1630er Jahre ergänzt. Die „Landschaft mit ländlichem Tanz“ ist von zugehörigen Zeichnungen und Radierungen begleitet, ebenso wie das großformatige Gemäldepaar „Küstenansicht“ und „Urteil des Paris“ von 1633.
Lorrains erste noch existierende Versuche mit Bleistift und Nadel auf Papier machen deutlich, dass er bereits von Beginn an versuchte, die lichterfüllte Atmosphäre seiner Gemälde auch in den Grafiken zu verwirklichen. „Der Sturm“ ist seine früheste bekannte Radierung und „Sturm auf dem Meer“ ihre detaillierte Vorzeichnung, die in Frankfurt nun direkt miteinander verglichen werden können. Die frühen Zeichnungen, wie „Blick auf den Tiber“ und „Weg am Tiber“, beide um 1635 entstanden, offenbaren außerdem Einflüsse von niederländischen Künstlern wie Cornelis van Poelenburgh und Herman van Swanevelt, die sich wie Lorrain in Rom aufhielten.
Um 1636 begann Claude Lorrain, seine fertiggestellten Gemälde durch Zeichnungen zu kopieren und sie im sogenannten „Liber Veritatis“, dem Buch der Wahrheit, zu sammeln. Er wollte so wohl zunächst verhindern, dass Gemälde unter seinem Namen verkauft wurden, die nicht aus seiner Hand stammten. Später wurde das Album dann zu einem Kompendium an Motivschätzen, auf das er im Laufe der Zeit immer wieder zurückgriff. Ein besonders schönes Beispiel aus dem Liber Veritatis ist die bereits oben genannte und aufwendig gearbeitete Zeichnung „Landschaft mit ländlichem Tanz“, ebenso wie ihr separat ausgearbeitetes Detail „Landschaft mit einer Jagdgesellschaft“.
Eine besonders bemerkenswerte Arbeit in der Frankfurter Ausstellung ist außerdem der „Blick auf Tivoli“, der oberhalb von der großen Kaskade die Ansicht des Flusses Aniene wiedergibt. Diesen Ort zeichnete Claude Lorrain häufiger. Im Vergleich zu früheren Zeichnungen ist bei dem in der Mitte der 1630er Jahre entstandenen Blatt die Stiftführung einer sicheren Hand nun vollends deutlich. Die detaillierten Lavierungen in Braun und Rosa verleihen der Arbeit einen sehr malerischen Charakter und eine zarte Farbigkeit.
Claude Lorrain zeichnete also nicht nur zur Vorbereitung von Gemälden, sondern auch um des Zeichnens selbst willen. Viele seiner Studien, die er in der Natur anfertigte, vollendete er später im Atelier oder arbeitete sie um. Seine Lieblingsblätter sammelte er in verschiedenen Alben, wie einem, das Tierstudien vorbehalten war. Aus diesem hängen im Städel nun zwei Blätter mit Adlern und Schafen. Hervorzuheben sind auch seine Figurenstudien, nicht gerade aufgrund ihrer Qualität, sondern eher wegen ihres besonderen Reizes. Eine Figurenzeichnung von etwa 1650 zeigt einen Flöte spielenden Jüngling, der auf einem Felsblock mit dem Rücken zu einem Mädchen sitzt. Eine weitere perspektivisch kleine Figur ist ebenfalls zugegen. Offensichtlich hat Lorrain das Blatt von einer einfachen Vorzeichnung zu einer eigenständigen Komposition umgearbeitet, dessen Ergebnis eher ungewöhnlich anmutet, den Betrachter deswegen aber nicht weniger gefangen nimmt.
Einen Höhepunkt der Schau bilden die Blätter zu den Folgen des „Feuerwerks“, die ein mehrtägiges Fest im Jahr 1637 auf der Piazza di Spagna in Rom festhalten und zum allerersten Mal überhaupt vollständig ausgestellt werden. Die Wahl des habsburgischen Thronfolgers Ferdinand III. zum „König der Römer“ war Anlass für den Festakt, den Lorrain in zehn spektakulären Bildern illustrierte. Auf ihnen sehen wir verschiedene Festaufbauten, aus denen an den verschiedensten Stellen Feuerwerkskörper herausschießen. Die Arbeit an den Blättern muss schnell gegangen sein, und nach einem erstem Entwurf hat der Künstler wohl einige Druckplatten an seinen Auftraggeber abliefern müssen, was zur Folge hatte, dass er einige Bilder in einer zweiten Folge eindrucksvoll variierte.
In den früheren Radierungen schildert Lorrain in chronologischer Abfolge, wie ein viereckiger Turm in Flammen aufgeht, in zwei Hälften zerbricht und einen runden Turm freigibt, dann den runden Turm mit Feuerwerk und schließlich die Explosion des runden Turmes, so dass der Blick auf eine Reiterstatue freigegeben wird. In der zweiten Folge hat er nun die beiden Blätter, auf denen das Zerbrechen der Türme zu sehen ist, entschieden verändert. In der Art einer filmischen Überblendung zeigen sich die beeindruckenden Szenen nun dem Betrachter. Besonders schön gelungen ist auch die Präsentation im Ausstellungsraum, wo die beiden Folgen an einander gegenüberliegenden Wänden angebracht sind und so ein direkter Vergleich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede eindrucksvoll vor Augen stellt. Nach der Arbeit am „Feuerwerk“ wurde es zunächst etwas stiller um Lorrains druckgrafisches Schaffen. Neue Druckplatten entstanden erst wieder zu Anfang der 1640er Jahre, als der Künstler die Folge der sogenannten „zwölf nummerierten Radierungen“ zusammenstellte. Auch sie zeigt das Ausstellungsteam um Kurator Martin Sonnabend im Städel vollständig.
Der letzte Ausstellungsraum des Frankfurter Museums widmet sich dem Spätwerk Claude Lorrains. Hier wird deutlich, wie konstant der Lothringer sein malerisches Ideal im Laufe seines Lebens umsetzte. Er ist kein Maler von großem stilistischem Wandel. Vielmehr ziehen sich einige Grundsätze feststehend durch sein Werk. Eine Besonderheit seines Schaffens ist das Komponieren mit Pendants, das er bereits in den 1630er Jahren als künstlerisches Gestaltungsmittel entwickelte: Die „Landschaft mit der Taufe des Kämmerers“ entstand allerdings 1678, sein Pendant „Noli me tangere“ sogar erst 1681. Zu letzterem sind auch zwei Vorzeichnungen und eine Kopie für das Liber Veritatis ausgestellt.
Etwa in der selben Zeit malte Lorrain auch die „Ansicht von Karthago mit Dido und Aeneas“ (1675/76) und seine „Landschaft mit Ascanius“ (1682), das bei seinem Tod noch auf seiner Staffelei gestanden haben soll. Wie so oft bei seinem Bildpaaren werden hier eine arkadische Landschaft und eine Meeresansicht miteinander kombiniert. Die Gebäude zur Rechten von Dido und Aeneas korrespondieren mit der Säulenarchitektur auf der linken Seite der Landschaftsdarstellung. Während das Licht im später entstandenen Bild von rechts einfällt, kommt es bei seinem Pendant von links. Lorrain oszilliert zwischen kompositorischen Entsprechungen und Gegensätzen und eröffnet dem Betrachter auf diese Weise ein vielschichtiges Kontinuum der Reflexionen. Wieder einmal offenbart sich der rote Faden des Ausstellungskonzepts: Unser Blick auf Claude Lorrain als enorm intellektueller und vielseitiger Künstler wurde geschärft.
Die Ausstellung „Claude Lorrain. Die verzauberte Landschaft“ ist bis zum 6. Mai zu sehen. Das Städel Museum hat täglich außer montags sowie an den Kar- und Ostertagen von 10 bis 18 Uhr, mittwochs und donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 14 Euro, ermäßigt 12 Euro und ist für Kinder bis zu 12 Jahren frei. Der Katalog zur Ausstellung kostet im Museum 34,90 Euro. |