 |  | Anna und Bernhard Johannes Blume, Gott, 1968 | |
Zu Beginn des Jahres 2001 – nach dem Überschwang vieler Jahrtausendfeiern – widmet sich die Trilogie einer Bestandsaufnahme. Ein altes und gleichwohl sehr aktuelles Thema der Bildenden Kunst – die Selbstbefragung des Menschen, wer er denn sei – stellt sich nun mit Blick in die konkrete Zukunft von Neuem.
Stets wenden wir uns dafür Themen oder Gegenständen zu, die einerseits dem eigenen Menschlichen ähnlich sind, andererseits verschieden genug, um uns als Gegenüber zu dienen. Das Menschliche spiegelt sich in seinen metaphysischen, maschinalen oder animalischen Nachbarfeldern. Die Bildende Kunst hat sich mit allen drei Gegenständen, d.h. der gottnahen oder -fernen Metaphysik, der Technologie am Beispiel der Alltagsmaschine Auto und dem Tier, intensiv befasst.
Gerade in den ganz an die Sinne gebundenen Künsten taucht immer wieder die Frage auf, wie die Welt hinter den Bildern, hinter der Oberfläche des Gemalten oder des Bildschirms aussehen mag. Der Riss, die Wunde, die Spaltung, der Bruch, das Nichts – mit diesen Themen versucht der homo pictor das Andersartige in der Welt zur Sprache zur bringen, das zugleich auf komplexe Weise die eigene Welt spiegelt. Ein zentrales Thema ist dabei weiterhin die An- oder Abwesenheit des Göttlichen. Wie geht man damit um, dass für nichtig erklärt wird, was einst hinter dem religiösen Bilderverbot dem Blick verborgen war? Mit der durch die Säkularisation hervorgebrachten Leere wird der Kunstbetrachter seit der klassischen Abstraktion konfrontiert.
Im 20. Jahrhundert lassen sich vielfältige Strategien der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Nichts beobachten. Während einige Avantgardisten, etwa Kasimir Malewitsch, nach dem Ende der herkömmlichen Gegenstandsabbildung einen radikalen Neuanfang, eine Schöpfung aus dem Nichts, postulieren, versuchen andere, etwa Piet Mondrian, über die Bereinigung der sichtbaren Welt von allem Oberflächlich-Konkreten zu einer Entleerung des Bildraums zu gelangen. Als Abgrund, Loch oder Sog wird die Leere im Surrealismus wiederum psychologisiert, sexualisiert und in der Folge motivisch vielfach variiert.
Die zweite Avantgarde verliert nach der historischen Erfahrung hochtechnisierter Massenvernichtung im zweiten Weltkrieg jegliches Vertrauen auf Jenseitsprojektionen oder jenseits der innerweltlichen Existenz angesiedelte Utopien. Damit wird auch der Kunst die Bedingung der Möglichkeit entzogen, über sich hinaus auf ein Göttliches zu verweisen. Den traditionellen Träger der Bedeutungsillusion, die Leinwand selber, attackiert nun Lucio Fontana mit gezielten Schnitten, Gustav Metzger zerstört ihn mit säuregetränkten Pinseln.
In der Abwendung von elitären, „höheren“ Begründungen für künstlerisches Arbeiten entdecken die Künstler der Pop Art den Alltag als ihr Thema und setzen hintersinnig die Leerstellen, Nichtigkeiten und Abgründe des banalen Lebens ins Bild.
Immer wieder kommt es mit fortschreitender Autonomisierung der Kunst, ihrer Entledigung von Abbildlichkeit und Tradition, zum „Ende aller Kunst“ – auf das jedoch jüngere Künstler stets mit Ironie, Bildersturm und zirkulären Bedeutungsstrategien reagieren. Für Künstler gehört es seit je zur täglichen Arbeit, Abwesendes bildlich anwesend erscheinen zu lassen. Die historische Wechselhaftigkeit von Jenseitsvorstellungen konnte und kann sie nicht davon abhalten, das real nicht Vorhandene zu inszenieren: seien es nun „höhere Wesen“, Gott, der Kosmos oder die vage Empfindung eines Nichts.
Ausgehend von der aktuellen Bedeutung dieser Problematik werden Werke von Stefan Altenburger, Anna und Bernhard Blume, Jennifer Bolande, John Cage, Hanne Darboven, Paul Delvaux, Thomas Demand, Stefan Demary, Marcel Duchamp, Lucio Fontana, Katharina Fritsch, Isa Genzken, Sabine Groß, Mathilde ter Heijne, Georg Herold, Dieter Kiessling, Martin Kippenberger, Roy Lichtenstein, Axel Lieber, Kasimir Malewitsch, Piero Manzoni, Walter de Maria, Allan McCollum, Gerhard Martini, Gerhard Merz, Gustav Metzger, Piet Mondrian, Henry Moore, Juan Muñoz, Barnett Newman, Albert Oehlen, Michelangelo Pistoletto, Sigmar Polke, Arnulf Rainer, Germaine Richier, Thomas Ruff, Dieter Roth, Andy Warhol, Lawrence Weiner, Georg Winter zu sehen sein.
Der erste Teil „Big Nothing“ der Ausstellungstrilogie „Du sollst Dir ein Bild machen“ ist noch bis zum 18. März zu sehen. Teil 2 „Ich bin mein Auto“ geht vom 29. Juni bis 29. August 2001 und Teil 3 „Das Tier in mir“ vom 27. Januar bis 18. März 2002. Geöffnet ist Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalogbuch, herausgegeben von Matthias Winzen und Johannes Bilstein, das alle Werke der Ausstellung mit Abbildungen und Kurzbeschreibungen vorstellt. Der Preis für das 240 Seiten umfassende Werk beträgt in der Ausstellung 38 Mark, im Buchhandel 48 Mark. |