 |  | Pierre-Auguste Renoir, En été, 1868 | |
Vor einem Blättermeer aus unterschiedlichen Grüntönen sitzt eine in einen weiten gestreiften Rock gekleidete junge Frau. Die weiße Bluse ist über ihre Schulter gerutscht und gibt einen tiefen Einblick in ihr Dekolleté frei. Das lange schwarze Haar, mit einem roten Band am Kopf zurückgebunden, fällt in sanften Wellen über ihre Schultern. Die Hände hat sie in den Schoß gelegt, und in ihrer Rechten hält sie eine kleine gelbe Blume. Das Gemälde strahlt durch seinen Kontrast zwischen der naturgetreuen Wiedergabe der jungen Frau und dem nur schemenhaft angedeuteten Blattwerk eine faszinierende einnehmende Wirkung aus. Die Dargestellte auf dem Gemälde „En été„ von 1868 ist Lise Tréhot, Pierre-Auguste Renoirs Geliebte, die ihm für zahlreiche seiner Frühwerke als Modell diente.
Renoir zählt zu den Begründern des Impressionismus. Häufig wurde bisher nur seine impressionistische Phase oder wie im Jahr 2010 in Paris, Los Angeles und Philadelphia sein Spätwerk mit Ausstellungen gewürdigt. Das Kunstmuseum Basel richtet nun in der Werkschau „Renoir. Zwischen Bohème und Bourgeoisie: Die frühen Jahre“ den Fokus erstmals auf sein Frühwerk. Die Ausstellung setzt sich aus bedeutenden Gemälden großer Museen wie dem Musée d’Orsay in Paris, der National Gallery in London, dem Metropolitan Museum in New York und aus kaum bekannten Werken aus Privatbesitz zusammen und gibt somit einen umfangreichen Überblick über die frühen Jahre des Künstlers.
Die 50 Exponate – Porträts, Stillleben und Landschaften – erlauben dem Besucher einen Einblick in die Vielschichtigkeit von Renoirs Frühwerk. Einen Höhepunkt bildet der erste Saal, der Figurenbilder und Porträts, viele darunter von Lise Tréhot, versammelt. Die „Femme dans un jardin (La femme à la mouette)“ ebenfalls von 1868 bildet zusammen mit dem zwei Jahre älteren „Portrait de Clémence Tréhot, dite Mme Jules Le Cœur“ den Ausgangspunkt der Schau und zeigt ebenfalls Pierre-Auguste Renoirs wichtigstes Modell seiner frühen Jahre im Profil. Renoir setzt hier Lise Tréhot nicht wie in „En été“ als bohemienhaftes Landmädchen, sondern als modisch gekleidete Pariserin vor einem lebendigen Hintergrund aus Ast- und Blätterwerk in Szene.
Einen Gegensatz dazu bildet der einzige Männerakt Renoirs „Le garçon au chat“, der die Beziehung zwischen Mensch und Tier auf innige und intime Weise Gestalt werden lässt. Vor dunklem Hintergrund steht der entkleidete Junge mit dem Rücken zum Betrachter gewandt. Er hat die Beine überkreuzt und stützt sich auf ein dunkelgrünes Kissen. Seine Arme hält er, fast wie zum Schutz, um eine Katze, welche mit Schwanz und Pfote seinen Arm umgreift. Der Junge schmiegt seinen Kopf zärtlich an das Tier und blickt zugleich verstohlen über seine Schulter aus dem Bild heraus. Eine schwere unter dem Kissen herabfallende Decke nimmt einen Großteil des Bildes ein. Sie ist mit blauen floralen Mustern verziert und erinnert an Renoirs Zeit als Porzellanmaler. Im Alter von 13 Jahren begann er eine Lehre in einer Porzellanmanufaktur und schon nach kurzer Zeit offenbarte sich sein Talent, das er einige Jahre später durch ein Studium und regelmäßiges Kopieren der Gemälde im Louvre vertiefte.
Bereits während seiner Studienzeit im Atelier des Genfer Malers Charles Gleyre suchte er sich neue künstlerische Vorbilder, die er in Gustave Courbet und Virgilio Narcisso Diaz de la Peña fand. Außerdem schloss er mit Claude Monet, Alfred Sisley und Jean Frédéric Bazille Freundschaft, mit denen er häufig zusammen im Freien malte. Die Porträts dieser Künstlerfreunde Renoirs bilden eine eigene Gruppe in der Ausstellung. Das älteste der Gemälde zeigt den sitzenden Alfred Sisley in lockerer ungezwungener Haltung. Kein Indiz verrät den Beruf des Malers, welcher mit klarem, ernstem Blick dem Betrachter entgegenschaut. Eine ganz andere Gestaltung wählte Renoir bei Jean Frédéric Bazille und hat ihn beim Malen vor der Staffelei in Szene gesetzt. Der Betrachter wird Zeuge dieses Tun. Als Besucher im Atelier sieht er Bazille eben an einem Reiherstillleben arbeiten. Bei Claude und Camille Monet nutzt Renoir eine neue Definition des traditionellen Ehepaardoppelbildnisses und inszeniert beide in momenthaft beobachteten Alltagsszenen: Claude im Profil liest Pfeife rauchend in seiner Zeitung, seine Frau dreht gerade den Kopf und fasst sich an eine weiße Schleife, die sie um den Hals trägt.
Anhand der Landschaftsdarstellungen Renoirs, vor allem des Pariser Umlandes, lässt sich eine deutliche Entwicklung seines Stils erkennen. Seine ersten wichtigen Werke aus den frühen 1860er Jahren spiegeln die Bilderfahrung wieder, die er durch regelmäßige Studienaufenthalte im Louvre und die Erneuerungen seiner Zeit wie den Realismus und die Freilichtmalerei sammeln konnte. „La clairière“ von 1865 erinnert mit seiner in Grün- und Brauntönen gehaltenen Waldlichtung und hellblauem bewölktem Himmel an Werke Courbets. Mit dessen Malweise, Farbe mit Hilfe eines Palettmessers auf die Leinwand aufzutragen, experimentierte Renoir in diesen ersten Gemälden. 1873 entstand das Gemälde „L’abreuvoir“, das bereits eine andere Malweise Renoirs zeigt. Die atmosphärische Feld- und Wiesenlandschaft behandelte der Künstler mit einer Unschärfe, die eine Einheitlichkeit des Gemäldes schafft, in der die räumlichen Distanzen aufgehoben werden. Ein außergewöhnliches Spiel mit dem Licht betreibt Pierre-Auguste Renoir in den Landschaften um 1875. Die Blätter an Bäumen und Sträuchern, seine Waldlichtungen oder Wege, die Blumenwiesen oder Schneelandschaften sind nur so übersät von Lichtreflexen.
Das Werk Renoirs steht im Spannungsfeld zwischen den Milieus der Boheme und der Bourgeoisie, in denen sich der Künstler bewegte. Somit spiegelt es auch seine Biografie wieder. Er durchlebte die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten: von der kleinbürgerlichen Herkunft seiner Eltern gelangte er ins Zentrum der Boheme und schließlich in die Salons der Haute Bourgeoisie. In seinen Bildern gibt er äußerliche Kennzeichen, die sich mit der gesellschaftlichen Rolle seiner Protagonisten verbanden, wie Mode, Schmuck und Accessoires, detailgetreu wieder. An den unterschiedlichen Werken aus den frühen Jahren Renoirs kommt gut zur Geltung, wie sich sein Stil zwischen akademischen Traditionen und künstlerischen Erneuerungen der Zeit bewegt, bis er schließlich zu seiner eigenen Handschrift fand.
Die Ausstellung „Renoir. Zwischen Bohème und Bourgeoisie: Die frühen Jahre“ ist noch bis zum 12. August zu sehen. Das Kunstmuseum Basel hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 15 Franken, ermäßigt 8 Franken. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen, der 58 Franken kostet. |