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Marktberichte |
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Alte Kunst und Kunsthandwerk bei Nagel in Stuttgart  Freizügig anno dazumal

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 |  | August Ezoldt, Salontisch, Ronneburg um 1820/25 | |
Der Vesuv hat die Menschen schon immer fasziniert. Seinem Ausbruch 79 nach Christus fielen Pompeji und Herculaneum zum Opfer, und spätestens seit der Wiederentdeckung der umfangreichen Überreste dieser beiden antik-römischen Städte hat der lavaspuckende Berg, idyllisch am Golf von Neapel gelegen, in die Bildgeschichte Eingang gefunden. Dass man ihn jedoch nicht nur malen, sondern auch in Holz einlegen kann, beweist jetzt ein biedermeierlicher Salontisch bei Nagel: „August Ezoldt Tischler zu Ronneburg“, so die Signatur, nahm sich dabei laut Beschriftung der Marketerie den Ausbruch des Vulkans am 1. Juli 1806 zum Anlass. Geschaffen wurde das Möbelstück wohl erst um 1820/25, aber noch 1841 war man auf einer Kunst- und Gewerbeausstellung von Ezoldts Fertigkeiten so beeindruckt, dass er für eines seiner Werke – vielleicht sogar den vorliegenden Tisch – vom Kunst- und Handwerksverein Altenburg eine Geldprämie erhielt. Nun möchte Nagel vom Können des thüringischen Meisters profitieren: Auf 4.000 Euro hat das Stuttgarter Auktionshaus den Tisch angesetzt.
Möbel
Zum Aufruf gelangt das Stück im Verlauf der umfangreichen Versteigerung von Kunst und Antiquitäten am 10. und 11. Oktober, die diesmal mehr noch als sonst mit ihrem breiten Spektrum an Gebrauchs- und Dekorationsgegenständen beeindruckt. Dazu tragen die Möbel nicht nur mit Ezoldts Vulkantisch, sondern auch mit preislichen Spitzenlosen bei. An erster Stelle steht ein hervorragend gearbeitetes Kabinett Florentiner Herkunft des 17ten Jahrhunderts mit zahlreichen Pietra-Dura-Einlagen, die auf teilweise vergoldetem Ebenholzgrund überwiegend pflanzliche Motive sowie einige Vögel präsentieren. Zwei ebenfalls vergoldete Bronzedamen in Muschelnischen, Putten sowie Adler auf der Abschlussbalustrade bilden weiteres Personal. Der Schätzpreis von 110.000 Euro entspricht dem Marktüblichen. In technischer Hinsicht brilliert auch ein rotgolden schimmernder Bibliotheksschrank mit Boulle-Marketerie, doch muss man sich damit bescheiden, dass es sich um eine Kopie des ausgehenden 19ten Jahrhunderts nach Vorbildern der Louis XIV-Zeit handelt (Taxe 25.000 EUR).
Besonders reiche Leute könnten es auf eine kleine Schatulle der Neuwieder Roentgen-Werkstatt um 1755/60 abgesehen haben: Das Kästchen wurde schon in einem zeitgenössischen Magazin als „precieuse eingelegt Geld- oder Juwelen-Chatolle mit einer Schieblade, welche von selbst herausspringt“ angepriesen, diente also zu Schutz und Aufbewahrung größter Kostbarkeiten (Taxe 8.000 EUR). Eine von Pflanzendekor überbordende Rokokokonsole fränkischer Provenienz für 10.000 Euro und eine klassizistische russische Louis XVI-Konsole für 11.000 Euro repräsentieren ebenfalls das 18te Jahrhundert. In ein Standardwerk zur Möbelkunst des 19ten Jahrhundert in Italien hat es einer der beiden Armlehnsessel geschafft, die Nagel nach Sizilien um 1835 eingeordnet und mit 25.000 Euro bewertet hat. An Alter übertroffen werden alle diese Arbeiten von einem Stollenschrank am Übergang zwischen Spätgotik und Frührenaissance anfangs des 16ten Jahrhunderts, der in zeitgenössischer Kostümierung unter anderem die Geburt Christi und die Anbetung der Könige präsentiert (Taxe 12.000 EUR).
Metalle, Silber und Porzellan
Bei den Metallwaren dürfte ein aus vergoldetem Messing bestehendes, mit Koralleneinlagen versehenes Ensemble aus Tablett, Tintenfässchen, Kerzenständer mit Spiegel und Tischglocke Aufmerksamkeit erregen. Aus der regelmäßigen Anordnung der kugelförmigen roten Korallenstücke könnte man auf eine Jugendstilarbeit der Wiener Werkstätte nach Entwurf Josef Hoffmanns schließen, doch in Wahrheit stammt dieses Schreibservice aus der zweiten Hälfte des 17ten Jahrhundert, wurde im sizilianischen Trapani gefertigt und trägt das Medici-Wappen (Taxe 20.000 EUR). Ansonsten geht es, zumindest beim Silber, wieder recht britisch zu, unter anderem mit einer bemerkenswert klassizistisch wirkenden Wachslampe des Londoner Meisters Anthony Nelme von 1697 (Taxe 8.000 EUR). Um 1809/19 stammt eine nun echt klassizistische, komplett vergoldete Deckelterrine der Pariser Firma Jean-Baptiste-Claude Odiot, die als Knauf über eine vollplastische, etwas melancholisch auf einem Grassockel lagernde Nymphe verfügt (Taxe 18.000 EUR).
Russische Herzen höher schlagen lässt ein zylinderförmiger Deckelhumpen des Moskauer Meisters Pawel Owtschinnikow aus dem Jahr 1894, der außer durch seine prächtige Emaildekoration auch in Form des Doppeladlers auf den Ruhm des zaristischen Riesenreiches verweist (Taxe 30.000 EUR). In Nagels Porzellan- und Fayenceladen sucht man große Meißenstücke zwar vergebens, bekommt aber dafür die Seltenheit eines Produkts aus dem lothringischen Niderviller der Revolutionszeit 1790/94 angeboten. Nicht nur ein Konterfei Robespierres prangt auf den Kartuschen des Terrinenpaares, auch allerlei Symbolik wie die Trikolore oder die Kriegsgöttin Minerva mit der Weltkugel weisen auf den antimonarchistischen Gehalt (Taxe 6.500 EUR). Nicht fehlen darf natürlich eine spätklassizistische Berliner Prunkvase von KPM mit Ansichten der preußischen Hauptstadt: Diesmal ist es eine flächendeckend umlaufende Panoramaansicht des östlichen Teils Unter den Linden mit Zeughaus, Dom, Opernhaus und anderen wichtigen Gebäuden (Taxe 20.000 EUR).
Waffen, Skulpturen und Kunsthandwerk
Sogar in der Waffenkammer hängt Bedeutendes: Teil der königlichen Prunkjagdgarnitur waren zwei Steinschlossbüchsen und zwei Steinschlosspistolen Friedrichs I. von Württemberg, die um 1810 in feinster Manier von Hofbüchsenmacher Christian Körber aus Ingelfingen verfertigt wurden. 50.000 Euro rechnen wohl nicht zuletzt mit Verehrern adligen Geblüts. Die Skulpturenofferte glänzt zunächst mit einer Reihe spätmittelalterlicher Schöpfungen wie einer lothringischen Madonna um 1350 (Taxe 25.000 EUR), einem heiligen Bernhard aus dem Umkreis des Brixener Schnitzers Hans Klocker (Taxe 25.000 EUR) oder einer statuarischen niederrheinischen Anna Selbdritt um 1490 für 30.000 Euro. Schon über die Schwelle um 1500 hinaus weist ein heiliger Wendelin. Niklaus Weckmann aus Ulm wird für diese gehaltvolle, leider zu späterer Zeit etwas aufdringlich gefasste Figur in Anspruch genommen (Taxe 15.000 EUR). Stilistisch nach Spanien ins mittlere 16te Jahrhundert tendiert eine faltenreiche Holzfigur des sitzenden Petrus (Taxe 25.000 EUR).
Reichlich ist die Auswahl an frühneuzeitlichen Bronzen, darunter ein schreitendes Pferd aus der Werkstatt des Giambologna-Schülers Francesco Fanelli (Taxe 25.000 EUR) und eine tanzende Zimbelspielerin mit Satyr, nach barocken Vorbildern überlebensgroß in Blei gegossen, aus der Sammlung des Metropolitan Museum of Art in New York für 50.000 Euro. Aus dem 19ten Jahrhundert ragt Henri-Émile Allouards weißer Marmorfrauenakt einer jungen Berberin mit Taube und der Datierung 1888 für 15.000 Euro hervor. Zwei schöne Emailbilder werden mit den beiden Limosiner Künstlern des 16ten Jahrhunderts Jean Pénicaud I. und Pierre Reymond in Verbindung gebracht. Dargestellt sind der Tod Mariens (Taxe 10.000 EUR) und die Geißelung Christi, letztere in besonders wirklichkeitsnaher Lebhaftigkeit (Taxe 25.000 EUR). Und auch eines der Prunkstücke der Sitzung findet sich hier: ein mit zahlreichen Glassteinen und Bergkristallen verzierter, außerordentlich filigran durchbrochener Schrein der lombardischen Spätrenaissance. Ob allerdings wirklich als Reliquienschrein gedacht, wie von Nagel vermutet, muss wohl offenbleiben, räkelt sich als Deckelgriff doch eine entblößte Sirene dem Betrachter entgegen. 70.000 Euro sollen es dennoch sein.
Gemälde Alter Meister
Zwei schöne, mit niedrigen vierstelligen Taxen versehene Herrenbildnisse des 16ten Jahrhunderts bestreiten den Beginn der Gemäldeabteilung. Als Höhepunkte folgen eine Allegorie der Gerechtigkeit und des Friedens mit zwei drolligen Papageien von Jan Breughel d.J. und Jan van Balen (Taxe 70.000 EUR), eine betende Maria mit dem kleinen Jesuskind in felsiger Landschaft von Ippolito Scarsella für 25.000 Euro oder ein Jäger samt Hund und Gehilfen auf einer Anhöhe von David Teniers d.J. für 15.000 Euro. Der Peter Paul Rubens-Werkstatt könnte das vornehme Bildnis des Malers Jan Wildens entstammen, der etwas grimmig aus seinem Oval herausschaut. Wildens half Rubens vor allem mit Landschaftshintergründen aus (Taxe 35.000 EUR). Die winterliche Dürftigkeit einer Dorflandschaft fing Aert van der Neer auf einer gut einen Meter breiten Leinwand ein, ausnahmsweise ohne Mond (Taxe 38.000 EUR). Von dem weitgehend unbekannten Antwerpener Maler Gysbrecht Thys stammt die mythologische Szene „Hera streitet mit Zeus“, den die Göttermutter natürlich wieder einmal mit einer seiner vielen Geliebten erwischt hat (Taxe 18.500 EUR).
Zum Hauptlos aber hat Nagel ein Bildpaar des venezianischen Rokokomalers Michele Marieschi erkoren. Unverwechselbar für den Landschafter sind die ruinösen Architekturen im Vordergrund einer duftig-sonnigen Küste mit ihren dörflichen Gebäuden und der kleinen figürlichen Staffage. Der lockere, zarte Pinselstrich erzeugt eine beinahe impressionistische Wirkung. 180.000 Euro sollen die knapp einen Meter breiten Leinwände einspielen. Für die Stilllebenmalerei stehen ein Arcangelo Resani zugeschriebenes Früchtestillleben mit Kakadu vor einer Landschaft (Taxe 25.000 EUR), Frans Snyders’ Weintrauben und Erdbeeren neben erlegten Wildvögeln für 40.000 Euro sowie ein ausgezeichnetes Arrangement eines unbekannten französischen Meisters, in welchem eine Meerkatze und eine Blaustirnamazone chinesisches Porzellangeschirr flankieren (Taxe 17.000 EUR). Noch einmal nach Italien begeben wir uns mit einer Heiligen Familie samt Johannesknaben, die der barockklassizistischen Malweise und ziemlich ähnlicher Versionen in verschiedenen internationalen Museen wegen der Werkstatt Jusepe de Riberas zugewiesen werden kann (Taxe 25.000 EUR).
Gemälde Neuerer Meister
Ins 19te Jahrhundert vermittelt eine Scagliolaplatte des Österreichers Wolfgang Köpp mit einer römischen Ruinenlandschaft aus dem Jahr 1787 (Taxe 13.000 EUR). Es folgen zahlreiche gefällige und stimmungsvolle Landschaften wie Pietro Baruccis zwei Meter breites Panorama einer Flusslandschaft im Abendlicht für 10.000 Euro, Maximilian Haushofers Idyll am Chiemsee mit Blick an einigen Bootsleuten vorbei auf die Herreninsel oder Andreas Schelfhouts Winterabend mit einem zugefrorenen Kanal vor einer Stadt für jeweils 8.000 Euro. Jules Breton schafft einen französischen Einschlag mit einer vorfrühlingshaften Landschaft samt Kanal und Pappeln bei Courrières von 1860 (Taxe 4.500 EUR). Die Stilllebentradition führte im 19ten Jahrhundert etwa Adriana van Ravenzwaay in ihrem technisch perfekten Blumenstillleben mit Rosen, Lilien, Nelken und anderen Blüten in einem Tontopf auf einer Marmorkonsole fort (Taxe 5.000 EUR).
Das Genre vertritt ein kleiner Carl Spitzweg, „Belauschtes Liebespaar“ betitelt, bei Wichmann verzeichnet und auf günstige 9.000 Euro taxiert sowie der badische Hofmaler Johann Grund, der 1867 eine Szene mit streitenden Kinder an einer Weggabelung auf die Leinwand gebannt hat. Doch der Lehrer naht schon, um die Kinder zur Räson zu bringen (Taxe 7.000 EUR). Max Nonnenbruch eiferte 1899 in seiner halbnackten jungen Bacchantin mit Thyrsosstab der viktorianischen Salonmalerei in England nach (Taxe 4.800 EUR). Zu den jüngsten Offerten gehört neben zwei obligatorischen Entenbildern Alexander Koesters für bis zu 25.000 Euro eine Mischtechnik auf Papier von Hans Thoma, die in symbolistischer Manier zwei entblößte Jünglinge an einer Bergquelle vorstellt. So selbstverständlich freizügig also war das Leben anno 1892 (Taxe 9.000 EUR).
Die Auktion beginnt am 10. Oktober um 14 Uhr, am 11. Oktober um 10 Uhr. Die Besichtigung ist vom 5. bis 8. Oktober von 11 bis 18 Uhr möglich. |  | Kontakt: Nagel Auktionen Neckarstraße 189-191 DE-70190 Stuttgart |
 | Telefax:+49 (0711) 649 69 696 | Telefon:+49 (0711) 64 96 90 |  |  | E-Mail: contact@auction.de |
07.10.2012 |
Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Johannes Sander |  |
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 Jan van Balen, Jan
Breughel d.J. und
Allegorie der
Gerechtigkeit und
des Friedens |  | Taxe: 70.000,- EURO Losnummer: 745 |  |  |  |  |  | 
 Vase, KPM, Berlin um
1825 |  | Taxe: 20.000,- EURO Zuschlag: 33.000,- EURO Losnummer: 49 |  |  |  |  |  | 
 Alexander Koester,
Weiße Enten im
Sommerteich |  | Taxe: 25.000,- EURO Losnummer: 918 |  |  |  |  |  | 
 David Teniers d.J.,
Jäger mit Gehilfe und
Hund |  | Taxe: 15.000,- EURO Losnummer: 758 |  |  |  |  |  | 
 Johann Rint,
Jagdhumpen, 19.
Jahrhundert |  | Taxe: 32.000,- EURO Losnummer: 209 |  |  |  |  |  | 
 Anthony Nelme,
Wachslampe, London
1697 |  | Taxe: 8.000,- EURO Losnummer: 24 |  |  |  |  |  | 
 Spanien, Heiliger
Petrus, Mitte 16.
Jahrhundert |  | Taxe: 25.000,- EURO Losnummer: 620 |  |  |  |  |  | 
 Paris,
Bibliotheksschrank,
18./19. Jahrhundert |  | Taxe: 25.000,- EURO Losnummer: 352 |  |  |  |  |  | 
 Abraham Roentgen,
Abraham Roentgen
Werkstatt,
Schatulle, Neuwied
um 1755/60 |  | Taxe: 8.000,- EURO Losnummer: 436 |  |  |  |  |  | 
 Max Nonnenbruch,
Junge Bacchantin mit
Thyrsosstab vor
einer
Marmorbrüstung,
1899 |  | Taxe: 4.800,- EURO Zuschlag: 24.000,- EURO Losnummer: 945 |  |  |  |  |  | 
 Francesco Fanelli,
Francesco Fanelli
Werkstatt,
Schreitendes Pferd,
2. Viertel 17.
Jahrhundert |  | Taxe: 25.000,- EURO Losnummer: 668 |  |  |  |  |  | 
 Pietro Barucci,
Campagnalandschaft
im Abendlicht |  | Taxe: 10.000,- EURO Losnummer: 946 |  |  |
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