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Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Die moderne und zeitgenössische Kunst hat Ketterer in München wieder um den Sonderteil „Seitenwege der deutschen Avantgarde“ bereichert

Erregte Landschaften



Für seine erste Versteigerung im heurigen Herbst hat sich das Münchner Auktionshaus Ketterer eine neue Rubrizierung seines umfangreichen Angebots überlegt. Nicht mehr in alphabetischer Ordnung gelangen die rund 850 Losnummern zum Aufruf, sondern jetzt stehen wieder mehr einzelne kunstgeschichtliche Epochen im Vordergrund. So schon bei der klassischen Moderne: Teil eins umfasst „Impressionismus und frankophile Kunst“ und damit vor allem Stars der Manege wie Marc Chagall mit seiner 25teiligen Mappe „Celui qui dit les choses sans rien dire“ von 1976 für 18.000 bis 24.000 Euro, Henri Matisses zartes Blatt „La robe jaune au ruban noir“ von 1922 für 11.000 bis 13.000 Euro oder Pablo Picasso mit seiner schwarz-weißen Lithografie „Françoise en soleil“ aus dem Jahr 1946 für 18.000 bis 24.000 Euro und seine ausgesprochen erotische Radierung „Plaisanterie autour du bain turc. Jeux, musique et gâteaux“ von 1971 für 4.000 bis 6.000 Euro. Für den Impressionismus stehen unter anderem eine winterliche Strandpartie mit Buchen am Ufer von Karl Hagemeister um 1912 für 6.000 bis 8.000 Euro, Lovis Corinths vierteilige Grafiksuite „Vorfrühling im Gebirge“ von 1922 für 5.000 bis 7.000 Euro und Gustav Klimts zarte Rotstiftzeichnung einer sitzenden dicken Frau nach links von 1902 für 15.000 bis 20.000 Euro.


Moderne Kunst

Die folgenden rund neunzig Losnummern sind am 19. Oktober dem Expressionismus vorbehalten, wobei sich hier auch das Hauptlos der Auktion findet: 40.000 bis 60.000 Euro soll Gabriele Münters buntes Blumenstillleben „Dahlien“ aus den frühen 1940er Jahren kosten – eine Ausnahme in dieser Veranstaltung, die eigentlich nur Schätzpreise bis etwa 20.000 Euro listet und lediglich einen Vorgeschmack auf die große Versteigerung Anfang Dezember bietet. Zwei weitere späte Blumenbilder Münters in Tempera und Öl auf Papier aus den 1950er Jahren sind zwischen 12.000 und 20.000 Euro taxiert. Ferner gibt es hier zwei rasch skizzierte Landschaftsaquarelle Erich Heckels, zum einen mit Blick über den Kanal im südfranzösischen Hafenstädtchen Cette von 1926 (Taxe 10.000 bis 15.000 EUR) und zum anderen mit Tannenwald im Winternebel von 1941 für 6.000 bis 8.000 Euro. Auch Oskar Schlemmers spartanisch mit verdünnter Ölfarbe gezeichnete „Umarmung II“ von 1942 ist unter den Expressionisten eingeordnet (Taxe 18.000 bis 24.000 EUR), ebenso Gerhard Marcks’ „Kleine verhüllte Eos“ aus Bronze von 1964/69 für 15.000 bis 25.000 Euro.

Über eine kleine Abteilung „Neue Sachlichkeit“, in der vor allem Zeichnungen Otto Dix’ wie ein Panorama über den „Überlinger See“ von 1943 (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR) oder die feine Silberstiftzeichnung einer Landschaft mit Nussbaum von 1934 (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR), aber auch Conrad Felixmüllers schöne Öllandschaft „Küste vor Kristiansand – grauer Tag“ aus dem Jahr 1938 für 10.000 bis 12.000 Euro und Jeanne Mammens Blatt „Frauenkopf mit kantigem Gesicht“ um 1930 für 1.400 bis 1.800 Euro glänzen, geht es zum vierten und letzten Teil, der unter dem Titel „Nationale und internationale Künstler“ noch einmal einen Rundblick über die Kunst des 20sten Jahrhunderts wirft. Aus heimischen Landen warten Friedrich Karl Gotschs zackig-kantige Figuration „Im Strandbuchladen“ von 1957 (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR), Max Kaus’ wiederum recht neusachliche „Mainlandschaft (mit Ochsengespann)“ aus der Zeit um 1938 (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR) und Max Peiffer Watenphuls „Bergische Landschaft“ mit markant ins Bild ragenden Fachwerkhäusern von 1935 für 8.000 bis 12.000 Euro auf Kundschaft.

Fast surreal mutet Richard Seewalds „Tessiner Alp“ aus der Zeit um 1940 an: Wie ein schwarzer Dämon ragt eine Baumgruppe über das idyllische Gehöft im Vordergrund herüber (Taxe 10.000 bis 15.000 EUR). Für die Abstraktion stehen Willi Baumeisters zeichenhafte, sandfarbene Bilderfindung „Sol“ von 1949 (Taxe 9.000 bis 12.000 EUR), Werner Drewes’ an eine Häuserlandschaft mit Mond erinnernde „Contradiction“ von 1941 (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR) und Adolf Hölzels nur mehr ansatzweise als solche erkennbare „Figurenkomposition“ wohl aus den 1920er Jahren (Taxe 12.000 bis 15.000 EUR). Zum wiederholten Mal einen Abnehmer sucht Edward Cucuels nettes Mädchenbildnis „Evechen Meyerweissflog“ von 1934, das seit Jahren etwas erfolglos durch die deutschen Auktionslande tingelt und nun für 14.000 bis 16.000 Euro zu haben ist. In weite Ferne schließlich entführt Joachim Ringelnatz, der – eigentlich als Witzdichter bekannt – seit etwa 1922 nicht zuletzt auf Anraten Karl Hofers sich der Malerei zuwandte: „Tanzende Neger“ sind Titel und Motiv eines Ölbildes von 1926, das für 4.000 bis 6.000 Euro aus israelischem Besitz nach München eingeliefert wird.

Seitenwege der deutschen Avantgarde

Nebenschauplatz der klassischen Moderne ist auch wieder ein schmaler, aber anregender Katalog namens „Seitenwege der deutschen Avantgarde“, der eine Reihe interessanter Werke wenig bekannter Künstler insbesondere der Zwischenkriegszeit versammelt. Otto Schöns „Sich ankleidendes Mädchen“ aus dem Jahr 1922 ist eine dieser stilistisch schwer einzuordnenden Arbeiten, altmeisterlich in der Komposition, mitunter expressiv im Pinselduktus, fast kubistisch in der Scharfkantigkeit der kleinteiligen Konturen (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR). Zahlreiche Landschaften sind hervorzuheben wie Christian Arnolds farbtrunkener Weg zwischen Bäumen und Häusern mit einem Liebespaar in Aquarell 1922/23 (Taxe 2.000 bis 3.000 EUR), Otto Gleichmanns dem Expressionismus nahestehende „Erregte Landschaft“ mit wie auf Wellen wankenden Häusern von 1919 (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR) oder Carl Christoph Hartigs demgegenüber fast idyllische „Küste bei Amalfi“ aus etwa der gleichen Zeit für 6.000 bis 8.000 Euro. Mit 10.000 bis 12.000 Euro ist in dieser Rubrik William Straubes „Tunis (Der rote Berg)“ von 1914 am höchsten bewertet.

Ebenfalls ins Jahr 1919 datiert Hans Siebert von Heisters Bildoval mit „Ekstatischen Figuren“, die aus wenigen kraftvollen und leuchtenden Pinselstrichen zusammengefügt sind (Taxe 7.000 bis 8.000 EUR). Ein Jahr später entstand das Bild „Familie“ aus der Hand desselben Meisters, der sich damals den Künstlervereinigungen „Novembergruppe“ und „Junges Rheinland“ in Berlin und Düsseldorf angeschlossen hatte (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR). Ein beachtenswertes Stillleben stammt von Leo Kahn, „Blumen mit Obst“ aus dem Jahr 1922 mit einem Ausblick aus dem Fenster. Später musste der Jude Kahn mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten fliehen und fand in Israel eine neue Heimat (Taxe 1.800 bis 2.400 EUR). Neben Schön sind mit melancholischen Frauenbildnissen zudem noch Heinrich Heidner für 2.000 bis 2.300 Euro, Ernst Klinger mit dem Portrait seiner Mutter von 1921 für 2.000 bis 2.500 Euro und Gretel Haas-Gerber mit der sitzenden Frau in Rot samt Hut, ein Modell aus ihrer Studienzeit an der Münchner Akademie von 1926/27, für 2.500 bis 3.500 Euro vertreten.

In kosmische Welten entführt Fritz Schaefler mit einer abstrakten, aus schwebenden Farbkreisen aufgebauten Komposition. Die Gouache von etwa 1920 liegt bei 1.800 bis 2.400 Euro. Als Zeichnungen verdienen besonders zwei rasche, aber treffsicher in der Formensprache Wassily Kandinskys gehaltene Figurationen Thomas Rings aus den 1920er Jahren für bis zu 1.500 sowie Bruno Voigts betont sozialkritisches Doppelbildnis „Ça ira / ça ira / Les tyrans / on les pendras“ von 1937 für 3.000 bis 4.000 Euro eine Hervorhebung. Rudolf Führmann schließt sich ihm mit einer Straßenszene aus einem Rotlichtviertel der 1930er Jahre bei 1.000 bis 1.500 Euro an. Als Grafiker tritt auch Edmund Kesting hervor, der das markante Konterfei seines Galeristen Herwarth Walden 1928 fast in ein Nichts auflöst (Taxe 200 bis 300 EUR).

Zeitgenössische Kunst

Bleibt schließlich noch die zeitgenössische Kunst, die einen Tag später auf dem Programm steht. Auch sie gliedert sich bei Ketterer in mehrere Abteilungen, angefangen bei einigen Informellen wie Hans Hartungs „Composition P20-1983-H12“ mit mehreren vertikalen Streifen in Rot, Schwarz und Blau (Taxe 18.000 bis 24.000 EUR) oder Fritz Winters schwarzen Balken „Vor Rot“ von 1954 für 9.000 bis 12.000 Euro. Auch der im vergangenen Jahr verstorbene Österreicher Markus Prachensky ist hier mit einer seiner monumentalen Balkenkomposition unter dem Titel „Montanara“ von 1971 vertreten (Taxe 12.000 bis 15.000 EUR). „Klassiker der Nachkriegskunst“ sind sie zweifellos allesamt, doch in dieser umfangreichen Rubrik finden sich vor allem figurale Meister der Generation 60+ wie Arik Brauer mit einem „Plastikspeienden Berg“ von 1970 (Taxe 9.000 bis 12.000 EUR), Rainer Fetting mit den Bildnissen „Selbst als Mönch“ von 1992 und „Melancholic NY Cop Brian“ von 2003 (Taxen je 10.000 bis 15.000 EUR), Markus Lüpertz mit einer schwerpunktmäßig roten, figural angehauchten „Komposition“ aus dem frühen Jahr 1960 (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR) oder Heinz Knoke mit der heftigen „Umarmung“ eines im Blau schwebenden Paares von 1968 für 5.000 bis 7.000 Euro.

Doch gelegentlich wird es auch noch einmal ungegenständlich, so mit einer unbetitelten, punktsymmetrisch sich aus einem System von Quadraten hervorwölbenden Kugel Victor Vasarelys von circa 1970 (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR), Georg Karl Pfahlers Signalbild „S-TRW“ von 1969/70 aus der Serie „West-Ost-Transit“ (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR) oder Arnulf Rainer mit einer wild übermalten Schwarzweiß-Fotografie wohl von 1989 (Taxe 9.000 bis 12.000 EUR). George Rickeys „Floating point“ ebenfalls von 1970 ist eine kinetische Plastik, die das Spiel mit Schwerpunkt und Balance bis zum äußersten Punkt treibt (Taxe 13.000 bis 15.000 EUR). Den Bereich der ungegenständlichen Skulptur erweitert Alf Lechner mit seiner weißen, mittig eingedrückten Vierkantstele „145/1969“ bei 7.000 bis 9.000 Euro.

Je größer die „Klassiker“, desto kleiner die Abteilung „Pop Art“, in der sich hauptsächlich Auflagenkunst und nur von Damien Hirst zwei unikate Farbkreiszeichnungen namens „War Child Spin Painting“ von 2001 (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR) und „Lavender Baby“ von 2002 für 15.000 bis 20.000 Euro finden. Werner Berges steuert seine verzogenen „Three faces“ auf quadriertem Leinwanduntergrund von 1972 für 4.000 bis 5.000 Euro bei, Alex Katz die unterkühlte Farbaquatintaradierung „Wedding Dress“ von 1993 und Tom Wesselmann die bunte Farbserigrafie „Judy trying o clothes“ von 1997 für jeweils 6.000 bis 8.000 Euro. Auch den Italienern ist ein eigene Session gewidmet. Zoran Musics farbige Pastelllandschaft mit der Nummer „10C-9-65“ für 8.000 bis 12.000 Euro und ein collagiertes, konstruktivistisches „Relievo nummero 3“ Mauro Reggianis von 1957 für 9.000 bis 12.000 Euro sind hier die bemerkenswertesten Offerten.

Erst dann gelangt man nach Ketterers Diktion zur eigentlichen „Zeitgenössischen Kunst“, wobei auch hier Älteres zum Zuge kommt wie zwei zarte Aktzeichnungen William Baileys von 1969 und 1974 für jeweils 3.000 bis 4.000 Euro. Ansonsten aber ist mit „zeitgenössisches“ wirklich junge Kunst gemeint, etwa Frank Bauers fotorealistisches Bildnis eines selbstbewussten jungen Frau namens „Sissy I“ mit blauen Fingernägeln von 2007 (Taxe 3.000 bis 5.000 EUR) oder Stefanie Bühlers Reisende auf einer „Treppe“ von 2008 für 4.000 bis 6.000 Euro. Fides Becker kombiniert in ihren Gemälden „Vergissmeinnicht“ von 1999 und „Schule für’s Leben“ von 2000 ornamentale, von alten Tapetenmustern inspirierte Hintergründe mit davor gelagerten Alltagsutensilien und Figuren in monochromer Farbigkeit (Taxen zwischen 1.500 und 5.000 EUR). Während Gottfried Helnwein in seiner Wachs- und Pastellkreidezeichnung von 1986 auf Jacques-Louis Davids bekanntes Gemälde „Der Tod des Marat“ von 1793 zurückgreift (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR), evoziert Thomas Henninger 2005 in seinem einfarbig grauen „Waldstück 2.1.“ eine menschenleere, geheimnisvolle Computerlandschaft (Taxe 1.500 bis 2.000 EUR).

Markus Oehlen schuf schon 1982 eine zehnteilige, aquarellierte Linolschnittfolge, aus deren abstraktem Grundgestus sich langsam figurative Elemente herausschälen (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR). Die Kunst Chinas ist durch einige monochrome Strukturbilder in informeller Manier von Shen Fan vertreten, die ebenso von chinesischen Schriftrollenbildern inspiriert sind und zwischen 7.000 und 12.000 Euro kosten sollen. Den Abschluss bildet einige Meister der Neuen Leipziger Schule, wobei neben Neo Rauchs Lichtdruck „Werkstatt (Tief)“ von 1995 (Taxe 4.500 bis 5.500 EUR) mit Matthias Ludwigs in die Ferne blickenden „Zwei Mädchen, ein Junge“ von 2004 (Taxe 1.500 bis 2.500 EUR) und Falk Gernegroß’ weiblichem „Pärchen“ im Adamskostüm 2005 auch zwei gediegene Werke weniger bekannter Künstler eine Chance erhalten (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR).

Die Auktion beginnt am 19. Oktober um 13 Uhr mit den „Seitenwegen der deutschen Avantgarde“ und der „Modernen Kunst“. Sie wird am 20. Oktober um 13 Uhr mit der „Kunst nach 1945/Zeitgenössischen Kunst“ fortgeführt. Die Besichtigung findet am 13. und 14. Oktober von 11 bis 17 Uhr, vom 15. bis zum 17. Oktober von 10 bis 18 Uhr und am 18. Oktober von 10 bis 15 Uhr statt. Der Katalog listet die Objekte unter www.kettererkunst.de.

Kontakt:

Ketterer Kunst

Joseph-Wild-Straße 18

DE-81829 München

Telefon:+49 (089) 552 440

Telefax:+49 (089) 552 441 66

E-Mail: infomuenchen@kettererkunst.de

Startseite: www.kettererkunst.de



12.10.2012

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Johannes Sander

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