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Berliner Ansicht Unter den Linden mit Reiterstandbild Friedrichs des Großen, 1920 / Otto Pippel

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Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Alte Meister bei Christie’s in London

Pferd schaut mit



Jan Breughel d.J.,  Lilien, Rosen, Tulpen, Iris, Pfingstrosen, Flieder und andere Blumen in einer reliefierten Vase mit einigen Insekten

Jan Breughel d.J., Lilien, Rosen, Tulpen, Iris, Pfingstrosen, Flieder und andere Blumen in einer reliefierten Vase mit einigen Insekten

Ihre letzten großen Kunstauktionen in diesem Jahr führen die großen Unternehmen Christie’s und Sotheby’s wie üblich in London zu der alten Kunst. Den Beginn macht am späten Nachmittag des 4. Dezember Christie’s mit gut fünfzig Losnummern im – verglichen mit den Modernen und Zeitgenossen in New York – recht bescheidenen Gesamtwert von bis zu 17 Millionen Pfund. Die ganz großen Fische sind dem Auktionshaus nicht ins Netz gegangen, und die Anzahl der Millionenwerte wird wohl bescheiden ausfallen. Gleich zwei Dreiviertelprofilbildnisse junger feiner Damen von Anthonis van Dyck, ein überüppig blühender Blumenstrauß Jan Breughels d.J. in einer reliefgeschmückten Vase – sie alle liegen bei nicht mehr als 1 oder 1,5 Millionen Pfund. Paolo di Giovanni Feis Maria lactans vor spätgotischem Goldgrund, mit ihrer Entstehung in der Toskana irgendwann um 1400 eine der ältesten Tafeln der Auktion, ist um die 700.000 bis 1 Million Pfund veranschlagt.


Vorwiegend Niederländer besetzen das preisliche Mittelfeld der Auktion. Jacob Jordaens’ schildert die dramatische Szene, in der eine Gruppe von Mädchen einem abgerissenen halbnackten Mann begegnet. Fast alle weichen erschrocken zurück, nur Nausikaa behält einen kühlen Kopf und hilft dem Schiffbrüchigen. Später gibt er sich als Odysseus zu erkennen und berichtet am elterlichen Hof der Nausikaa von seinen Irrfahrten. Seit 1865 war die knapp zwei Meter breite Leinwand in schottischem Privatbesitz verborgen, jetzt steht sie für 500.000 bis 800.000 Pfund zur Disposition. Geschlagene 357 Jahre, seit 1655, hat es Joachim Anthonisz Wtewaels 1623 datierte Allegorie der Caritas, verbildlicht durch eine junge Frau mit einer Schar von Kindern, bislang unentdeckt in einer Privatsammlung ausgehalten. Das Werk ist ein Musterbeispiel für den späten niederländischen Manierismus mit seinen überlängten Figuren und den teils recht umständlichen Haltungen (Taxe 400.000 bis 600.000 GBP).

Zu den besten Stillleben zählt das Werk einer der wenigen bekannten Künstlerinnen ihrer Zeit: Maria van Oosterwijck, die ihr Handwerk bei Jan Davidsz de Heem erlernte, verknüpfte die üblichen Requisiten aus der Blumen- und Früchtemalerei mit einigen religiösen Utensilien wie Bibel, zwei Marmortafeln, auf denen die Zehn Gebote stehen, und einen Totenkopf, womit sie den Vanitas-Gedanken unterstreicht. 2005 wurde die Leinwand für 215.000 Euro bei Lempertz in Köln an den jetzigen Einlieferer weitervermittelt, der einen Erlös von 300.000 bis 400.000 Pfund erwartet. Balthasar van der Asts Markenzeichen, mehrere Muscheln, bereichern ein Stillleben mit Weintrauben und Birnen, über die sich gerade ein Papagei hermacht (Taxe 200.000 bis 300.000 GBP). Bei Pieter Claesz ist es eine schwarze Katze, die sich auf einem Tisch an Fischen und Meerestieren gütlich tun will (Taxe 150.000 bis 200.000 GBP), und bei Jan Fyt liegen seit 1658 Spaniels in einer Dünenlandschaft auf der Lauer nach Hasen (Taxe 150.000 bis 250.000 GBP).

Der Name Peter Paul Rubens verbindet sich mit einer mittelgroßen, eher summarischen Landschaft, die allerdings wohl nicht viel mehr einspielen wird als die brutto 313.000 Pfund 2010 am selben Ort (Taxe 200.000 bis 300.000 GBP). Da ist Paul Brils deutlich besser gemalter schroffer Hügellandschaft mit verblauendem Hintergrund von 1592 der Vorzug zu geben, auf der der heilige Hieronymus in der unteren linken Ecke sich zum Gebet niedergekniet hat. Nicht allzu häufig taucht im Werk Jan van Goyens eine Winterlandschaft auf. 1625 hat er eine freudige Menschenmenge beim Schlittschuhlaufen vor Schloss Montfoort bei Utrecht niedergelegt (Taxen je 150.000 bis 250.000 GBP). Wichtigster Menschenschilderer neben Van Dyck ist Govaert Flinck, der sich 1650 mit ausgezeichnetem psychologischem Feingefühl an die ideale Wiedergabe eines bärtigen alten Mannes machte (Taxe 250.000 bis 350.000 GBP). Der Amsterdamer Maler Pieter Jacobsz Codde ist für seine Interieurs mit heiteren und feinen Gesellschaften bekannt. Eine andere, stille Stimmung erweckt er aber mit seiner schwarz gekleideten Dame am Virginal, die sich mit einem Brief in den Händen vom Betrachter abwendet, so als ob sie mit ihrer Trauer allein sein möchte (Taxe 250.000 bis 350.000 GBP).

Lucas Cranach d.Ä. tritt mit der 120 Zentimeter breiten Holztafel „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ hervor. Die 1538 datierte Malerei ist eine von mehreren Versionen dieses Themas aus der Wittenberger Werkstatt, die eine oder andere davon war schon in der Vergangenheit auf dem Markt zugegen (Taxe 250.000 bis 350.000 GBP). Georg Hoefnagel, der 1542 in Antwerpen geboren wurde, jedoch viele Jahre an deutschen, französischen und italienischen Höfen wirkte und 1600 in Wien starb, ging vorwiegend als Miniatur- und Buchmaler in die Kunstgeschichte ein. Mit einem Fest elegant gekleideter Personen vor einer dörflichen Kulisse präsentiert ihn Christie’s ausnahmsweise als einen versierten Tafelmaler, der den niederländischen Kollegen seiner Zeit kaum nachsteht (Taxe 150.000 bis 250.000 GBP). Vor eine klassisch verblauende Hintergrundlandschaft Jan Breughels d.J. malte der Süddeutsche Hans Rottenhammer zu Beginn des 17ten Jahrhunderts eine vielfigurige Taufe Christi (Taxe 200.000 bis 300.000 GBP).

Die Italiener beteiligen sich mit einigen hübschen Veduten wie Giovanni Paolo Paninis Architekturcapriccio, das als Bühne für die Ankunft von Helena und Paris in Troja dient (Taxe 250.000 bis 350.000 GBP), und Giuseppe Zocchis Blick über die Piazza della Santissima Annunziata in Florenz samt Brunelleschis Ospedale degli Innocenti für 600.000 bis 800.000 Pfund. Auch die Stilllebenkunst kommt bei den Italienern zu ihrem Recht. Als Allegorie der fünf Sinne hat Giuseppe Recco sein Arrangement aus Blumenvase, Süßgebäck, dem Terrakottabozzetto eines liegenden Männerakts, Weinglas, Kerze, Kupfertopf und Tafelgemälde gestaltet (Taxe 80.000 bis 120.000 GBP). Mehr auf die vordergründige Prachtentfaltung und Darstellung seines malerischen Talents hat Bartolomeo Bimbi bei seinem überbordenden Blumengesteck vor einer Hügellandschaft wertgelegt (Taxe 150.000 bis 250.000 GBP). Der erst 1964 wiederentdeckte Römer Agostino Verrocchio gilt ebenfalls als versierter Stilllebenmaler, was man seiner Zusammenstellung zahlreicher schmackhafter Früchte mit einem Kürbis, Pilzen und einer Elster entnehmen kann (Taxe 180.000 bis 220.000 GBP).

Eine kompakte Versammlung von Tieren hat Giovanni Francesco Castiglione mit der Figur des Gottvaters fulminant als Teil der biblischen Schöpfungsgeschichte ausgeformt (Taxe 250.000 bis 350.000 GBP). Hier ist auch der Deutsche Philipp Peter Roos zu verorten, der als Tiermaler in Rom unter dem Namen Rosa da Tivoli um 1700 seine Erfolge feierte. Zu seinen besten Werken zählen die Pendants mit den fast portraithaften Zügen von Schafen, einem Ochsen, Hund und Ziegen, die Roos in eine klassische südliche Ruinenlandschaft platziert hat (Taxe 30.000 bis 50.000 GBP). Die Franzosen beteiligen sich mit einer Allegorie auf Frieden und Wohlstand in Gestalt einer Frau mit niedergelegter Fackel und Füllhorn von François de Troy und seines Sohnes Jean-François de Troy (Taxe 150.000 bis 200.000 GBP) sowie mit Noël-Nicolas Coypels Rokokoportrait einer Dame, die sich als auf ihrem Seewagen reitende Amphitrite verkleiden musste, aus dem Jahr 1733 an der Auktion (Taxe 100.000 bis 150.000 GBP).

Etwas breiter aufgestellt als bei Sotheby’s ist die englische Offerte. Sir Joshua Reynolds porzellanhaft feines Bildnis der Lady Elizabeth Forbes befindet sich bis heute im Besitz der Nachfahren der Dargestellten und war 1859 zuletzt öffentlich ausgestellt (Taxe 200.000 bis 300.000 GBP). Die englische Portraitkunst ergänzt etwa noch Sir Thomas Lawrence mit der anmutigen Kopfstudie der drei Kinder Emilia Mary, Juliana und Maria Boucherett (Taxe 120.000 bis 180.000 GBP). Eine Vorliebe der Briten gilt dem Pferdesport; das war schon im 18ten Jahrhundert so, wie es John Wootton in seinem weiten Panorama „A Race Meeting at Newmarket“ zeigt, auf dem auch Frederick, Prince of Wales, zu sehen sein soll (Taxe 200.000 bis 300.000 GBP). Joseph Wright of Derby erweist sich als ein früher Vorläufer der realistischen Malerei des späten 19ten Jahrhunderts. Er gönnt uns einen Blick in eine feuerhell erleuchtete Schmiede mit zwei Arbeitern und einem Pferd, das neugierig durch die Tür hineinschaut. Doch ein bisschen Romantiker ist Wright auch: Der helle Mond scheint aus der oberen linken Ecke auf die Relikte einer gotischen Kirche. 400.000 bis 600.000 Pfund soll diese grandiose Verschmelzung gelebter Wirklichkeit und erahnter Transzendenz kosten.

Kontakt:

Christie’s

8 King Street, St. James’s

GB-SW1Y 6QT London

Telefon:+44 (020) 78 39 90 60

Telefax:+44 (020) 78 39 83 26

E-Mail: info@christies.com



30.11.2012

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Johannes Sander

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Jacob Jordaens,  Odysseus trifft Nausikaa

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